Über Sidi Larbi Cherkaoui & Eastman „Fractus V“

Wann: Fr 23.10. 20:00 + Sa 24.10. 20:00 + So 25.10. 18:00
Wo: tanzhaus nrw

Sidi Larbi Cherkaoui feiert am tanzhaus nrw die deutsche Premiere von „Fractus V“ (c) Filip van Roe

Sidi Larbi Cherkaoui feiert am tanzhaus nrw die deutsche Premiere von „Fractus V“ (c) Filip van Roe

Die Poesie der Brüche von Laura

„Fractus V“, ein neues Tanzstück des flämisch-marokkanischen Choreografen Sidi Larbi Cherkaoui, feierte am Freitag im tanzhaus nrw Deutschlandpremiere.

Können Frakturen eine Schönheit in sich tragen? Können sie aufzeigen, was zusammengehört? Sidi Larbi Cherkaoui hat sich ebendiese Frage gestellt und sie in seiner Choreografie „Fractus V“ zugleich mit Ja beantwortet. Und das in drei Dimensionen: Innerhalb von 70 Minuten setzt der belgische Choreograf Fragmente sowohl auf struktureller, inhaltlicher und bewegungssprachlicher Ebene zusammen und führt den Zuschauer durch seine ganz eigene Lyrik, der solch eine Schönheit und solch ein Fluss innewohnt, dass dieser sprachlos und zutiefst angerührt zurückbleibt. Cherkaoui nimmt den Betrachter dieses Schauspiels zusammen mit vier weiteren Tänzern (Dimitri Jourde, Johnny Lloyd, Fabian Thomé Duten und Patrick Williams Seebacher, auch bekannt als Twoface) und drei Musikern (Shogo Yoshii, Woojae Park und Soumik Datta) mit auf eine Reise, die in einen Rahmen aus Live-Musik, Tanz, Gesang und Sprechakten gebettet ist. Die Reise führt ihn an Grenzen, die zugleich immer aber auch Verbindungselemente darstellen und unter dem Einfluss der vielfältigen und herausragenden Leistung der Tänzer Brücken schlagen. Explizit handelt es sich bei diesen Grenzen um verheerende Einflüsse auf den Menschen, wie Kontrolle, Macht und Manipulation, am stärksten ausgehend von den Medien, Nachrichten und der Politik. Angelehnt an Noam Chomskys Thesen zur Meinungsfreiheit, ruft der Choreograf, der selbst als Tänzer auf der Bühne agiert, in Sprechakten dazu auf, sich von dieser Manipulation zu befreien und den Teufelskreis des Denkens über sorgenvolle Gedanken zu durchbrechen. Der Schlüssel dazu liegt im loslösenden Tanz, stets begleitet von den drei Musikern auf der Bühne.

Doch bevor diese Befreiung stattfinden kann, zeigt Cherkaoui die Grenzen auf, die Brüche in unserer Gesellschaft, in unserem Miteinander und Mensch-Sein. Klänge und Gesänge aus fernen Ländern, dessen Texte nicht verstanden werden, dessen Inhalt jedoch erahnt werden kann. Es sind Lieder über Schmerz, der sich auch in Verbindung mit dem Thema Gewalt in der Choreografie wiederfindet: Eine Schlägerei wird beispielsweise in Zeitlupe tänzerisch so realistisch dargestellt, dass der suggerierte Schmerz auf der Bühne im Publikum spürbar wird. Fasziniert von dieser tänzerischen Meisterleistung, die den fünf Männern alle Muskelkraft und Technik abverlangt, und gleichzeitig abgestoßen von der groben Gewalt, ist der Zuschauer mit seinem Blick an das Geschehen auf der Bühne gefesselt. So auch bei den etwas harmonischeren aber nicht minder faszinierenden Zusammenspielen zweier oder mehrerer Tänzer, wenn diese sich mit ihren Armen und Händen in fließenden Bewegungen ineinander verschränken und wieder lösen und auch an dieser Stelle erneut deutlich machen, wie einzelne Bruchstücke an Schnittstellen zueinander finden.

Dieser signalrote Faden zieht sich durch das Gesamtkonzept des Stückes und ist permanent sichtbar. So auch im Bühnenbild, das aus großen, dreieckigen Holzplatten besteht, die zu immer wieder neuen Landschaften zusammengefügt werden, aber auch einmal in ihrer lauten und zerstörerischen Wucht alles mit sich reißen, was ihnen im Wege steht. Die Tänzer bewegen sich in dieser Szenerie voller Selbstsicherheit, Leidenschaft und Anmut; die an manchen Stellen der Gruppenchoreografien fehlende Synchronität kann das hohe Maß an Ästhetik der Bewegungen nicht herabsetzen.

Sidi Larbi Cherkaoui hat mit „Fractus V“ ein höchst facettenreiches und vielschichtiges Tanzstück von enormem künstlerischen Wert geschaffen, weil es auf ganzer Linie gelingt, weil es Schnittstellen der Kunst vereinigt, weil es hinterfragt und auch den Zuschauer dazu anregt; weil es ausspricht und aufzeigt, ohne zu verschönern und weil es anrührt und mitten ins Herz trifft. Selten hat man solch andächtige Standing Ovations im Zuschauerraum erlebt wie nach dieser Aufführung!

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Über Lia Rodrigues „Pindorama“ / Spielzeiteröffnung

Wann: 04.09. 20:00 + 05.09. 20:00
Wo: tanzhaus nrw

Lia Rodrigues und ihre Tänzer beeindrucken mit der Performance "Pindorama" (c) Sammi Landweer

Lia Rodrigues und ihre Tänzer beeindrucken mit der Performance „Pindorama“ (c) Sammi Landweer

#1 Über Lia Rodrigues „Pindorama“ von Bastian

In Zusammenarbeit mit elf Tänzern hat Lia Rodrigues am 4. und 5. September das Stück „Pindorama“ aufgeführt. Es ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Nicht nur auf persönlich-ästhetischer Ebene, sondern auch auf übergeordneten Ebenen, die sich unter anderem durch die Verknüpfung mit aktuellen Themen des Tagesgeschehens hier in der Hauspresse des tanzhaus NRW ergeben, aber auch im Hinblick darauf was Tanz allgemein zu leisten vermag.

Um mit dieser allzu theoretischen Vorrede zu brechen, sei zunächst gesagt, dass „Pindorama“ schon ein wundervolles Stück ist, wenn man auf jede Kontextualisierung in einem konkreten gesellschaftlichen Kontext und hoch reflektive Einlassungen verzichtet. Mit einfachen Mitteln, aber vor allem dem Bruch mit den Konventionen und den Erwartungen wird von Lia Rodrigues und ihren Tänzern eine tiefe emotionale Bindung erzeugt. Dies beginnt schon mit der eigenartigen Nutzung des Bühnenraums – da es keine Zuschauerränge gibt, spielt jeder mit, egal ob Darsteller oder Zuschauer. Dabei finden ständige Raumverschiebungen statt, die Zuschauenden, die sich sowieso schon verwirrt fühlen, weil sie keine Sitzplätze vorfinden, werden durch Sätze wie „You can sit anywhere you like“ noch mehr verwirrt. Vor allem, wenn das Publikum kurze Zeit später wieder durch das Ausbreiten eine riesigen Plane zerstreut wird oder später gar nasse Füße bekommt, weil gegen Ende des Stücks der gesamte Bühnenraum mit Hilfe von Wasserballons geflutet wird. Man fühlt die Macht der Darsteller, fühlt sich ihnen ausgeliefert. Auch schon wegen ihrer provokanten Nacktheit. Diese erzeugt eine große Spannung im Publikum, man ist sich nicht sicher, ob man sitzen, stehen oder herumlaufen soll, aus Angespanntheit probieren einige der Anwesenden gleich alles drei. Der schonungslose Umgang mit Körperlichkeit – schon in der Anfangsszene wird eine Tänzerin in einem Meer, das durch eine Kunststoffplane zu einem schillernd-tosendem Sturm stilisiert wird, der Gewalt ihrer Mittänzer ausgeliefert, die es laut schreiend in Schwingung bringen. Sie ist nackt und wird so durchgeschüttelt, dass man ihr beinahe zur Hilfe kommen will. Auf diese Weise wird ein Gefühl von Hilflosigkeit erzeugt und die Zuschauenden werden Spannung ausgesetzt. Es werden Affekte produziert, die gleichzeitig unterdrückt werden. Denn zu Helfenden wird hier niemand.
Im Verlauf des Stücks tauchen mehrmals emotional geprägte Kippbilder auf, die zunächst ruhig und sanft beginnen, sich dann aber ins Ekstatische und Bedrohliche steigern, unter anderem dadurch, dass sie nackte Körper abstrakter Gewalt aussetzen. Dabei wird ein reiches Repertoire an ikonischen Bildern bemüht, immer wieder scheinen beim Betrachten der Szenen medial vermittelte Traumabilder von Gewalt und anderen Szenen aus dem Unbewussten aufzuflackern. Das Repertoire an Bildern, die man in dem Stück wiederfinden kann, ist dabei sicher individuell. In

jedem Fall wird ein symbolisches Potpourri bedient, dass sicher auch klerikale und historisch geprägte Motive einschließt. Es wechselwirkt hierbei mit den zuvor angesprochenen, gebrochenen Affekten und Emotionen die im Publikum erzeugt wurden. Erfahrung von Gewalt und Ausgeliefertsein sind die großen Themen dieses Stückes.

Daraus ergeben sich auch auf einer theoretisch-reflektiven Ebene interessante Ansätze, weil das Stück so zu einer besonderen Art von Reenactment wird. Dabei werden keine konkreten Ereignisse re-enacted, sondern die Zuschauenden tiefgehend in die räumliche, akustische und emotionale Situation des Stücks eingebunden. Dabei erfahren sie unbewusste Bilder und Affekte, die eine individuelle, aber auch durch das grundlegende kulturelle Gedächtnis geprägte Meta-Ebene bilden. Vor diesem Hintergrund ist der Brückenschlag zu Themen des Tagesgeschehens, wie der aktuell stark thematisierten und sich ständig zuspitzenden Situation der Flüchtlinge, die zu großen Teilen auf dem Wasserweg nach Europa kommen, gar nicht besonders weit hergeholt.
Dieser Bezug wurde sowohl in sozialen Netzwerken, als auch bei dem Künstlergespräch im Anschluss an die Vorstellung vom Freitag hergestellt und diskutiert. Hierbei ging es auch um die Angemessenheit und Legitimität solcher Brückenschläge. Man könnte zunächst kritisch entgegnen, dass eine solche Übertragung eine Fehlleistung sei, weil diese Thematik bei der Entstehung des Stückes keine Rolle gespielt habe. Dieser Einwand lässt sich mit dem Verweis auf die performativen Etablierung von Kunstwerken beseitigen: Sieht man das Aufführen eines Stücks als solches nämlich als souverän an, so spielt es keine Rolle, dass die Flüchtlingskatastrophe während des Entstehungsprozesses keine besondere Rolle spielte. Der Bezug ergibt sich durch die Aufführung und die Einbindung eines dementsprechend „vorbelasteten“ Publikums. Es ist demnach klar, dass ein solcher Bezug hergestellt werden kann, er drängt sich durch die Anwesenheit medial geprägter Bilder geradezu auf. Doch was kann eine solche Performance im Hinblick darauf bewirken? Das Besondere an solch einer performativen Selbsterfahrung, die durch das nahe Beieinander von Performer und Zuschauer auf beiden Seiten entsteht, ist die Möglichkeit zur Verarbeitung von Eindrücken auf einer vor-semantischen Ebene. Sie trägt somit zu einer emotionalen Beschäftigung mit vorhandenen, in diesem Fall medial geprägten, Bildern bei, die sonst oft schon durch vorschnelle Einordnung in historisierende und politisierende Denkmuster beiseitegeschoben werden. Dabei trifft das Stück keine endgültige Aussage über bestimmte Themenkomplexe und bezieht keine moralische Position. Diesen Anspruch hat es auch nicht, denn es lädt vielmehr zu einer Erweiterung des eigenen Selbstverständnisses und Selbstempfindens ein – und das nicht nur in Bezug auf einen engen Themenbereich, sondern ganz im Allgemeinen.

Genau dies ist eines der Dinge, die Tanz heute leisten kann: abseits von historischen, politischen und anderen Narrativen eine Erfahrung mit grundlegenden Qualitäten der menschlichen Wahrnehmung und gesellschaftlichen Umständen und Herausforderungen zu erforschen. Dies geschieht durch ästhetische Übertragung und Neuschöpfung. Dabei muss und kann es nicht immer eine konkrete Antwort geben, vielmehr kann hier der Prozess und das Erlebnis im Vordergrund stehen.

#2 Auf rauer See von Sarah

Im Rahmen der Spielzeiteröffnung des tanzhaus nrw zeigt die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues mit ihrer Companhia de Danças ihre aktuelle Produktion „Pindorama“. Auch diese Veranstaltung findet unter dem Titel „ZUSAMMEN – zeitgenössische Tanzformen des Kollektiven“ statt und möchte das gemeinschaftliche Erleben von Tanz fördern.

Mit einer schlichten Plastikplane, Wasser und dem körperlichen Einsatz von acht nackten Körpern gelingt es der Produktion, das Publikum in eine andere Welt zu überführen. Die Zuschauer teilen den Bühnenraum mit den Tänzern und werden so unmittelbarer Zeuge, wie die erste Tänzerin sich durch wogende Wellen schleppt oder hilflos durch einen reißenden Strom treibt, der stellenweise auch das Publikum in einen leichten Sprühregen versetzt. Die Tänzerin ist den Naturgewalten und damit zeitgleich ihren Kollegen ausge-liefert, bis sie entkräftet zusammenbricht und nur das leise Rascheln der Folie im Raum zurückbleibt. In der nächsten Sequenz ist die Anzahl der Tänzer auf fünf gestiegen. Fünf Körper, die sich ihren Weg durch Wind, Sturm und Folie kämpfen und gleichzeitig auf der Suche nach Halt und Nähe sind, während unbeirrt die Folie über ihnen zusammenbricht. Die letzte Szene im abgedunkelten Saal wird dann ohne den Einsatz der Plastikplane eine eher feuchte Angelegenheit. Die Performer robben und schieben sich über den Boden, den sie zuvor mit Wasser gefüllten Ballons präpariert haben und fluten damit den Bühnenraum. Das Publikum sieht sich so gezwungen sowohl vor den Tänzern als auch vor dem Nass zu flüchten. Insgesamt lässt der in drei Szenen eingeteilte Abend einen unwillkürlich an das Schicksal der Flüchtlinge denken, die im Moment so häufig die Nachrichten dominieren, und deren Versuche das Mittelmeer zu überqueren, während das Publikum mit feuchten Sohlen den Heimweg antritt.

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Über Jan Martens „THE COMMON PEOPLE – first encounter marathon“ / Spielzeiteröffnung

Wann: 29.08. 17:00 + 30.08. 17:00
Wo: tanzhaus nrw

Factory Artist Jan Martens zeigt „THE COMMON PEOPLE – first encounter marathon“ (c) Joeri Thiry

Factory Artist Jan Martens zeigt „THE COMMON PEOPLE – first encounter marathon“ (c) Joeri Thiry

Minimaldance von Bastian

Blickt man auf die Projekte zurück, die Jan Martens bisher als Factory Artist am tanzhaus NRW verwirklicht hat, dann zieht sich ein Charakteristikum von Anfang bis Ende durch: Er schafft es mit minimalistischen Mitteln starke Gefühle im Publikum zu erzeugen. Er reduziert Tanz auf seine elementarsten Bestandteile: Körperliche Bewegungen und die unterschiedlichen Bezugsebenen die Menschen untereinander, miteinander, in sich und zum Außen haben. Dabei verfällt der Gestus der Stücke jedoch nie ins asketische, denn nicht zuletzt sind sie durchaus sehr humorvoll. Zudem spielt Martens stets mit der Schnittstelle zwischen Akteur und Zuschauer. Der Zuschauer wird sich seiner Präsenz bewusst und dadurch an das Bühnengeschehen angebunden.

All diese Eigenschaften treffen auch auf das zu, was am 29. und 30. August im tanzhaus nrw zu sehen war. Drei Stunden lang kam es immer wieder zu neuen menschlichen Begegnungen auf der Bühne, im Vordergrund stand, ganz in der Tradition des Minimalismus, die menschliche Begegnung an sich. Wie ist es, wenn zwei unbekannte Menschen das erste Mal aufeinander treffen? Durch was etabliert sich Nähe, wie zeigt sie sich? In einer kompromisslosen Laborsituation wurde diesen Fragen auf den Grund gegangen, teilweise unterstützt durch eine Kamera, die die Protagonisten-Paare auf einer Leinwand in Großaufnahme zeigte. Was sich hier vor den Augen des Publikums abspielte, waren echte „blind dates“, inszeniert und geplant von Jan Martens. Er arrangiert die Paare auf der Bühne. Erst nach einem lakonischen „ja!“ aus der Regie öffnen sie die Augen. In ihrem Kopf haben die Laiendarsteller nur ein Skript, das sie eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung bekommen haben, ohne zu wissen, auf wen sie treffen werden, oder was der andere tun wird. Es wird gezittert, geschwitzt, gestreichelt, angefasst und abgefragt. Das Bühnengeschehen wird nicht zuletzt durch Affekte bestimmt, die aus der Situation entstehen. Obwohl es nur vier verschiedene Skripte gibt, ist jede Performance individuell und wird durch die Körperlichkeit und performative Einbindung der Akteure bestimmt. Der Umgang untereinander ist respektvoll; die Situation lebt vor allem von der Gegenwart des Publikums, das weiß, dass es auch selber auf der Bühne stehen könnte. Darüber wird mit reduzierten Mitteln eine Spannung erzeugt, die aus der Beziehung zwischen zuschauender und darstellender Haltung entsteht; denn die Affekte des Publikums werden mit denen der Darsteller vermischt. Dadurch wird die Arbeit so berührend und involvierend.

Das Work-In-Progress ist eingebettet in den Rechercheprozess für Jan Martens‘ nächstes Stück, das im Mai 2016 im tanzhaus NRW auf die Bühne kommen wird. Welches, wenn er es schafft die entstandenen Situationen auch in dem Kontext einer größeren Produktion einzubetten, höchst spannend zu werden verspricht.

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Über „Gala“ von Jérôme Bel / Spielzeiteröffnung

Wann: 27.08. 20:00 + 28.08. 20:00
Wo: tanzhaus nrw

„Gala“ von Jérôme Bel; Fotos: Andreas Endermann

„Gala“ von Jérôme Bel; Fotos: Andreas Endermann

„Ein Gala-Abend der etwas anderen Art“ von Laura

„Verehrtes Publikum, bitte begrüßen Sie mit mir die Darsteller des Abends: Menschen, wie Sie und ich, ein buntes Potpourri aus Jung und Alt, aus Groß und Klein, aus Professionellen und Laien. Heißen sie wohlbekannte Gefühle herzlich willkommen und denken Sie nach Herzenslust in Schubladen – ich garantiere Ihnen, Sie werden eines Besseren belehrt werden!“

Hätte es einen Moderator für diesen Gala-Abend der besonderen Art gegeben, so hätte er sicher in diesem Tenor zum Publikum gesprochen. Mit „Gala“ eröffnete Jérôme Bel am Donnerstag die Spielzeit des tanzhaus nrw, die in diesem Spätsommer/Herbst unter dem Motto „ZUSAMMEN“ steht. Er setzte damit gleich zu Beginn einen Akzent in diese Richtung und zeigte an, was unter genanntem Motto zu verstehen sein könnte: Vielfältigkeit, Miteinander, Freude am Zusammensein.

Genau dieses Gefühl vermitteln die Tänzer auf der Bühne, und folgen der neuen tanzhaus-Kampagne mit dem Titel „Das Tier hat heute Ausgang“, bei der Exzess und Körperlichkeit im Mittelpunkt stehen, indem sie Mut zur Hässlichkeit beweisen: Der Verlauf des Stückes besteht darin, dass die Darsteller – mal der Reihe nach, mal alle zusammen – signifikante Elemente verschiedener Tanzarten vorführen, welche dem Publikum auf einer Art selbstgebastelten Flipchart angezeigt werden und als Vorgabe für die Tänzer dienen. Unter dem Stichwort „Ballett“ drehen diese beispielsweise nacheinander – mehr oder weniger – elegante Pirouetten und vollführen – sowohl angedeutete als auch voll ausgestreckte – Spagatsprünge. Sie betreiben dieses Unterfangen mit einer Mischung aus Ernsthaftigkeit und Eigenhumor, wohlwissend, dass nicht alle unter ihnen die Figuren perfekt beherrschen. Doch darum geht es auch gar nicht, sondern darum, zu zeigen, dass ein jeder eine Pirouette drehen kann – selbst jemand, der im Rollstuhl sitzt.

Und so vollzieht sich ein bunter Reigen aus ganz individuell getanzten und interpretierten Bewegungen, unter anderem unter den Stichworten „Walzer“ und „Michael Jackson“, aber auch Angaben wie „Improvisation in Stille, Alle, 3 Minuten“ oder „Kompanie, Kompanie“. Besonders bei diesem letzten Teil der Gala kommt die Quintessenz des Stückes und dessen Botschaft am deutlichsten zum Vorschein: Einer der Darsteller tanzt in seinem Stil eine Bewegungsabfolge vor und alle anderen machen es ihm nach – ohne großen Erfolg, denn keiner vermag es, das vorne stehende Original zu kopieren. Und genau das sind sie: Originale, jeder auf seine ganz eigene Weise. Ob mit Behinderung oder ohne, ob mit grazilem Tänzerkörper oder nicht, jeder bewegt sich in seinem eigenen Rhythmus und jeder kann etwas anderes ganz besonders gut. So wird das Publikum mitgenommen in die Welt eines jeden Darstellers und kann zusammen mit den Nachahmern von der vorführenden Person lernen. Aber auch über sich selbst und seine eigenen Denkmuster wird sich so mancher Zuschauer an diesem Abend bewusst, denn spätestens, als derjenige Tänzer, den man gedanklich in die unterste Schublade gelegt hat, einen vom absoluten Gegenteil überzeugt, ertappt man sich selbst bei seiner doch so eingeschränkten Weltsicht. Jérôme Bel gelingt es, sie auf behutsame, leichte und freudvolle Art und Weise zu öffnen und aufzuzeigen, wie erfrischend und wohltuend eine völlig neue Sichtweise auf die Menschen sein kann.

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Über das Tryout „LIVING THE COMPOSITION_draft two“ von Alexandra Waierstall

Wann: 09.05. 19:00
Wo: tanzhaus nrw

„LIVING THE COMPOSITION_draft two“ Tryout von Alexandra Waierstall (c) Harris Kyprianou

„LIVING THE COMPOSITION_draft two“ Tryout von Alexandra Waierstall (c) Harris Kyprianou

Tryout – Findout? von Bastian

Am Samstag den 09.05 wurde sich im Tanzhaus NRW zu einer intimen Runde von Interessierten zu einem Tryout von Alexandra Waierstall mit dem Titel „LIVING THE COMPOSITION_draft two“ getroffen.

Das Tryout ist ein Aufführungskonzept, das wir zum Teil der weitestgehenden Abwesenheit des Bedürfnisses nach einer konsequenten „großen Erzählung“ im zeitgenössischen Tanz zu verdanken haben. Auf der anderen Seite ist Alexandra Waierstall aber auch Factory Artist im Tanzhaus NRW und damit stellt das Tryout eine Möglichkeit dar, die eigene Arbeit in diesem Kontext zu reflektieren und mit einem fragenden Gestus Dinge zu assoziieren und auf diese Weise neue Formen zu finden.

Zu Beginn steht ein leerer, stockfinsterer Bühnenraum. Er wird bald von der ruhigen und sonoren Stimme Waierstalls gefüllt; ganz im Gestus des „Ausprobierens“ reflektiert sie über räumliche Ordnungen, in Bezug auf den Bühnenraum, aber auch auf übergeordnete Raumebenen, die sich durch das Konzept der Autorenschaft ergeben. Was bedeutet es eine Choreografie zu schreiben und dabei auf einem Hotelbett in Spanien zu liegen?
Der Clou dabei: Durch die absolute Dunkelheit im Bühnenraum ist im Publikum die räumliche Wahrnehmung ausgeschaltet, was dazu führt, sich in seiner Rolle als „Betrachter“ neu zu positionieren und eine Erfahrung mit sich selbst zu machen. Dann zerschneidet Waierstall die Dunkelheit und tritt in den Bühnenraum, die folgende Choreografie spielt mit Lichtprojektionen und ephemeren Materialien wie einer Folie, die Waierstall gefaltet vor ihrem Bauch hereinträgt, und als Tanzboden auslegt, während ihre Haare ihr Gesicht verdecken und vom Publikum abschirmen. Waierstall erschafft poetische Bilder, die auf einer sprachlichen Ebene schwer zu fassen sind. Trotzdem werden Assoziationen geweckt. Es werden unbewusste Affekte greifbar und die Materialitäten der eingesetzten Stoffe (Folie, Nebel, Licht) vernetzt. Dies alles fußt in einem von Waierstall formulierten Bedürfnis, den Blick vom Ordinären, Oberflächlichen auf etwas zu verschieben, das imaginär, traumähnlich aber trotzdem funktional und versteckt ist. Und in dieser Weise stellt sie auch die Frage, was es eigentlich bedeutet Choreografie und Komposition zu verkörpern.

Als das Licht nach Ende der Performance wieder angeht, herrscht kurz Stille im Saal, anscheinend müssen die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur von Waierstall verarbeitet werden – auch im Publikum hat eine Erfahrung mit sich selbst stattgefunden. Diese Teilhabe an der performativen Wissensgewinnung ist es, die das Konzept des Tryouts so bereichernd für Tanzinteressierte und Tänzer macht.

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Über „THE DOG DAYS ARE OVER“ von Jan Martens

Wann: 08.05. 20:00 + 09.05. 20:00
Wo: tanzhaus nrw

„THE DOG DAYS ARE OVER“ von Jan Martens (c) Piet Goethals

„THE DOG DAYS ARE OVER“ von Jan Martens (c) Piet Goethals

#1Stillstand ist der Tod oder Die Kunst zu hüpfen von Laura

„THE DOG DAYS ARE OVER“ – Ein Stück von Jan Martens über Exzess, die Leistungsgesellschaft und deren Unvermögen, aufhören zu können.

Sie machen sich bereit. Sie dehnen und beugen sich und wärmen ihre Muskeln auf. Acht Athleten – wie es scheint – mit trainierten Körpern und eisernem Blick bereiten sich kollektiv auf das große Hüpfen vor, das unter dem Namen „THE DOG DAYS ARE OVER“ als Wiederaufnahme an zwei Tagen im tanzhaus nrw aufgeführt wurde. Die Performance des belgischen Choreografen Jan Martens raubt einem im wahrsten Sinne den Atem und führt nicht nur die Tänzer an ihre Grenzen.

Zum Zeichen, dass es ihnen mit ihrem Vorhaben wirklich ernst ist, steigen die Tänzer vor den Zuschauern demonstrativ in ihre Sportschuhe. Jene Schuhe, in denen sie die nächsten 70 Minuten über die Bühne springen werden; jene Schuhe, in denen sie beweisen werden, dass sie Unmögliches zu leisten imstande sind. Im lächerlich grellen und engen Sportdress. Und genau an dieser Stelle zeichnet sich bereits die dem Stück zugrunde liegende Parodie ab: eine Parodie auf den seit geraumer Zeit immer größer werdenden Fitnesswahn, auf den Druck, nicht aufhören zu dürfen, auch wenn man bereits am Ende seiner Kräfte angelangt ist, und damit auf die Leistungsgesellschaft, in der wir leben.

Auch die Kostümierung lässt keine Fehler zu, denn sie ist im Grunde gar keine: sie verschleiert nichts, stellt die Tänzer bloß und lässt für den Zuschauer alles sichtbar werden. Durch die Enthüllung des Unperfekten entsteht ein noch größerer Druck, perfekt zu sein. Und genau das gelingt den Tänzern tatsächlich: Egal, ob sie im Stillen zählen oder laut, ob sie sich gegenseitig anfeuern oder gegeneinander kompetieren – die vier Männer und vier Frauen halten bis zum bitteren Ende durch, ohne einen Fehler zu machen. Wie menschliche Metronome hüpfen die Tänzer in einem Takt, den sie sich jedoch selbst geben; keine Musik begleitet sie, sie sind auf ihr inneres Taktgefühl angewiesen. Und das bei einer komplexen Choreografie, die höchste Konzentration von ihnen abverlangt. Der Zuschauer kann diese enorme Raumdynamik nur bestaunen.

Es stellt sich an dieser Stelle allerdings auch die Frage, wer mehr leidet: die Tänzer, weil sie pausenlos wie Flummis in die Luft springen und sich dabei völlig verausgaben, oder aber die Zuschauer, die dieses Spektakel im Sitzen beschauen, und vor Mitleid am liebsten ein lautes „Stopp!“ auf die Bühne rufen und den Tänzern beruhigend die Hände auf die Schultern legen würden, um ihnen zu sagen, dass es vorbei ist. Dass gesehen wurde, was zu zeigen war. Doch dies geschieht nicht – und es würde die Tänzer auch ohnehin nicht interessieren; selbst, als das Licht gedimmt und Musik in einem völlig anderen Rhythmus gespielt wird, hüpfen die Tänzer ohne Unterlass, als hinge davon ihr Leben ab.

#2C’est torture! C’est torture! von Bastian

C’est torture! C’est torture! mit diesen Worten verließ wohl eine Zuschauerin den Raum, als Jan Martens sein Stück „THE DOG DAYS ARE OVER“ in Paris aufführte. Das gleiche ging mir durch den Kopf, als mir jemand von dem Stück erzählte. Es würden 8 Tänzer 70 Minuten lang ununterbrochen auf der Bühne springen. Doch was sich zunächst nicht sonderlich spannend anhörte, stellte sich als wunderbar intelligente Satire und ästhetisch ansprechender Tanz heraus.

Zu Beginn ist der Bühnenraum leer, man könnte sagen clean. Nichts ist zu viel; so groß sah die große Bühne des Tanzhaus NRW noch nie aus. Entblößt. Eine Eigenschaft, die auch auf die Tänzer zutrifft, die dort in einer Reihe vor dem Publikum stehen. Entblößt in dem Sinne, dass die Körper der Tänzer für das Publikum durch die engen Fitnessdresses kaum verdeckt oder geschützt werden. Entblößt aber auch durch die Albernheit dieser knappen Fummel. Es sieht ein bisschen so aus, wie man sich selber beim Sport oder im Fitnessstudio fühlt. Schon dadurch entsteht ein eigenartiger Bezug zum Publikum, die Performer bieten sich dar, sie legen sich in unsere Hände.

Doch dann wird aus dem gegenseitigen Mustern ziemlich schnell Ernst, die Tänzer ziehen ihre Schuhe an und hüpfen los. Tatsächlich 70 Minuten lang; wie getrieben von einer Urkraft, die es ihnen verbietet aufzuhören. Dabei nehmen sie verschiedene Formationen ein, mäandern durch den Raum, gehen auf Abstand zum Publikum, kommen ihm aber auch sehr nahe. Zwischendurch Positionswechsel. In seiner formalistischen Strenge und perfekten Choreographie schwankt der Ausdruck zwischen poetischer Lust an der Bewegung und militärischem Drill, was zunächst zu einzelnen Lachern im Publikum führt, sich im Verlauf des Stückes aber schnell in ungläubiges Kopfschütteln, gegen Ende aufgrund der einsetzenden Erschöpfung zu blankem Entsetzen steigert. C’est torture – C’est torture! Aber warum eigentlich und für wen? Auf der einen Seite leidet man mit den Tänzern, weil sie nassgeschwitzt der absoluten Erschöpfung entgegen hüpfen, auf der anderen Seite schämt man sich. Warum ist man nicht selbst derjenige, der körperlich an seine Grenzen geht? Denn eigentlich müsste man doch mal wieder was gegen die Pfunde tun! Darin wird das Stück zur selbst-initiierten, kathartischen Folter für die Zuschauer, die sich selbst in ihrer alltäglichen Verbissenheit wiedererkennen: Dieses ständige Nichtaufhörenwollen, an seine Grenzen gehen, der Beste sein. Man gesteht sich den tortionnaire in sich selbst ein, weil man mit seiner Anwesenheit dieses muskelzermürbende Spektakel angestoßen hat, sich verantwortlich fühlt. Hierbei wird die Wechselwirkung zwischen Publikum und Tänzer offenbar, keiner ist hier unbeteiligt, alle schwitzen mit. So stellt das Stück eine gelungene Satire auf den Trend zur Selbstverbesserung und Optimierung und zum Körperkult dar. Denn am Schluss läuft doch alles nur auf eins hinaus:

Das Ende.

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„Frühlingsopfer“ aufgeführt von She She Pop und ihren Müttern

Wann: 24.04. 20:00 + 25.04. 20:00
Wo: tanzhaus nrw

She She Pop „Frühlingsopfer“ (c) Doro Tuch

She She Pop „Frühlingsopfer“ (c) Doro Tuch

Über die Performance „Frühlingsopfer“ von Bastian

In der deutschen Performance-Szene ist das Kollektiv She She Pop schon lange bekannt und beliebt. Am 24.04 waren Sebastian Bark, Lisa Lucassen, Ilia Papatheodorou und Mieke Matzke zu Gast im Tanzhaus NRW – mit ihren Müttern.

Was an diesem Abend zu sehen war, ist nicht einfach mit dem Begriff „Tanz“ zu erfassen, sondern es ist vielmehr eine beeindruckende multimediale Performance, die (unter anderem) den Tanz als Werkzeug zur Selbsterfahrung nutzt. Das Stück beginnt auf einer leeren Bühne, auf der nur vier Stoffbahnen hängen, die, so wird sich herausstellen, von großer Bedeutung für das Stück sein werden. Die Bühne wird von She She Pop bespielt wie ein Laboratorium, es folgt ein Schritt auf den anderen und immer wird genau erklärt was passiert oder passieren wird.

Erster Akt: Ein Prolog. Die Schauspieler bzw. Tänzer bzw. Performer (Was denn eigentlich?) erzählen von ihren Müttern, in deren Abwesenheit. Das heißt: in deren körperlicher Abwesenheit. In Form einer Videoprojektion sind die Mütter jedoch sehr wohl anwesend und werden dadurch zu Akteurinnen im Stück. Mal erzählen sie wie in einer Interviewsituation, mal bewegen sie sich im Bühnenraum der Videowelt, die dort wie ein Guckkasten in die Bühnensituation der großen Bühne des Tanzhauses eingelassen ist.

Die Mütter sind mit den Schauspielern anwesend – so wie die Mütter einer jeden Person durch die Prägungen und Einflüsse aus Kindestagen permanent mit anwesend sind, denn „Wir sind alle Kinder von Müttern“, wie Sebastian Bark zu Beginn des Stückes formuliert. Doch sind wir dadurch auch Opfer? Oder machen wir durch unsere Existenz gar unsere Eltern zum Opfer? Dies sind die Fragen, die die Performer stellen und dann durch musikalische Zuhilfenahme des Stückes „Frühlingsopfer“ von Igor Strawinsky tänzerisch ausfechten. Unter Einbindung der halbtransparenten Videoprojektion wird getanzt; was zwischendurch wie ein Fiebertraum anmutet, ist eine intermediale Videoperformance, die mit Projektion und Überschneidung arbeitet. Die Kinder werden im Verhältnis zu ihren Eltern gezeigt, in kämpferischer Auflehnung, aber auch in körperlicher Anlehnung, wie wenn Sebastian Bark sich in der Projektion plötzlich im Schoß seiner Mutter wiederfindet.

Zu den Ausgangsfragen, die zuvor aufgeworfen wurden, gibt es keine endgültigen Antworten. Aber das ist es, was die Arbeiten von She She Pop ausmacht: Es soll hier kein Urteil gesprochen werden, sondern es gerinnt viel mehr die Verhandlung von Fragen zu einer Performance – und zwar zu einer höchst mitreißenden.

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B2B „Tabi“ / Showing der Jugendkompanie des tanzhaus nrw

Wann: 12.04. 18:00 + 19:00
Wo: tanzhaus nrw

Showing der Jugendkompanie B2B (c) Andreas Endermann

Showing der Jugendkompanie B2B (c) Andreas Endermann

Von HipHop und Verbeugungen von Ann-Kathrin

Es gibt viele Dinge, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen: Chili und Schokolade, Franzosen und Engländer, Romeo und Julia. Trotzdem funktioniert das manchmal. Ganz ähnlich kann man die Erfahrung beschreiben, die ich bei der Uraufführung von „Tabi“ der HipHop-Formation Back2Basics machte.

Die Aufführung sollte um 18Uhr beginnen, tat sie natürlich nicht. Akademische 10 Minuten später war dann aber doch endlich Einlass, ich suchte mir einen Platz in der ersten Reihe des Studio 6 des Tanzhaus NRW. Schon der Ankündigungstext hatte mich neugierig gemacht, eine HipHop-Choreographie gepaart mit japanischen Elementen – HipHop, Kung Fu oder was? Ich war also gespannt. Zur Expertise hatte ich mir Unterstützung besorgt, meine Schwester – selbst HipHop-Tänzerin und auch schon auf einigen Meisterschaften anwesend gewesen – begleitete mich.

Der Anfang war recht unspannend. Klassische japanische Elemente, Solo-Tänzer, viele Verbeugungen. Anscheinend eine einzige Begrüßungszeremonie. Und dann das mit den Schuhen: anziehen, ausziehen, anziehen, ausziehen … Dann der erste Bruch. Ein Video wurde gezeigt, die Tänzer beim Training, ganz privat. Wie sie japanische Kostüme anprobieren, sich an Kampfkunst versuchen, Schriftzeichen üben.

Dann geht der Blick zurück auf die Bühne: gestellte Kampfszenen, ohne Hektik, fast schon an Tae-Bo erinnernd. Woran ich sofort erinnert werde, ist Takao Babas Stück „Rōnin – made in Germany“ (für die, die es nicht gesehen haben, hier einige Rezensionen). Dieselbe passive Kraft, ähnliche Musik (ich wusste gar nicht, dass es japanischen HipHop gibt!), eine zurückhaltende, doch ausdrucksstarke Choreographie. Sanft wie ein Ninja und doch das Spiel mit Brüchen, vor allem Ausbrüchen aus der Gemeinsamkeit der Formation und im metaphorischen Sinne auch aus der kollektiven Gemeinschaft. Die Japaner, eine sehr stolze, sehr unindividuelle Kultur, die doch gerade durch die sanfte Rebellion ihrer Jugendlichen geprägt ist. All das zeigen Back2Basics in der knappen Stunde – mit einer HipHop-Choreographie.

Ich kann es nicht anders beschreiben, müsste es wohl noch zehn Mal sehen, um es in seiner Ganzheit und seinen Kleinigkeiten wirklich zu verstehen. Oder elf. Die Komplexität und Schlichtheit der Bewegungen faszinieren und als wir das Studio 6 verlassen, bin ich mir immer noch nicht sicher, was ich da eigentlich gerade gesehen habe. Es war HipHop mit Breakdance, Popping. Es war wie in einem japanischen Stummfilm. Und es war auch Jugendkultur, die beides auf einzigartige Art und Weise vereinen konnte. Den Tänzerinnen und Tänzern gelingt eine Verschmelzung zweier so unterschiedlicher Kulturen, die eigentlich nicht zusammenpassen können und es funktioniert trotzdem. Eben wie Chili und Schokolade, Franzosen und Engländer, Romeo und Julia.

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„Ad Libitum“ Andrés Marín / Im Rahmen des Flamenco Festivals

Wann: 02.04. 20:00 + 03.04. 20:00
Wo: tanzhaus nrw

Andrés Marín in „Ad Libitum“ (c) Klaus Handner

Andrés Marín in „Ad Libitum“ (c) Klaus Handner

Der Ausbruch des Freiseins von Kunthanee

Als einer der wichtigsten Vertreter des zeitgenössischen Flamencos führte Andrés Marín sein neues Werk „Ad Libitum“ im Rahmen des Flamenco-Festivals (27.03.2015 – 06.04.2015) auf. „Ad Libitum“, lateinisch für „beliebig“, hatte am Donnerstag, den 02.04.2015, um 20 Uhr Deutschlandpremiere und am folgenden Tag die zweite Aufführung im tanzhaus nrw.

Schon zu Beginn fühlt man sich durch den eingespielten Sound, wie in eine Landschaft einer Wüste versetzt, bevor Andrés Marín die Bühne singend betritt. In den nächsten 70 Minuten entführen uns ein Tänzer, ein Gitarrist und ein Sänger auf eine einzigartige Reise. Der Choreograf und Tänzer, Andrés Marín, der stimmgewaltigen Sänger, José Valencia sowie der autodidaktische Begleitgitarrist Salvador Gutiérrez zaubern aus einem äußerst schlichten Bühnenbild ganze Landschaften.

Der Flamenco flechtet einen Dialog zwischen Tänzer, Musiker und dem Publikum. Es wirkt wie eine Art Frage-Antwort-Spiel in einer Dreiecksbeziehung, dem man sich nicht entziehen kann. Das Publikum wird gefesselt von dem Wechsel und dem Zusammenspiel von langsamen sowie rasanten Bewegungen mit Armen, Händen, Beinen und Füßen. Die Körperhaltung, -spannung und -beherrschung zeigt nicht nur sehr viel Grazie, Anmut und Stolz. Der spanische Tänzer und Choreograf, der aus der Hochburg des Flamencos, Sevilla, stammt und sich den Flamenco selbst beibrachte, zeigt zudem außergewöhnliche, moderne Körper-Architekturen in seinem Werk. Mit jeder Bewegung wandert jede Linie, jeder Winkel, jede Kurve zu verschiedenen Formen in seiner Choreographie. In der subversiven Dimension seiner Flamencodarstellung verwandelt sich Andrés Marín in verschiedene Gestalten, wie z. B. in die eines Stiers oder eines Vogels. Die Emotionen in den Gesichtern der drei Künstler, die Bewegungen und Musikalität bilden die essentiellen Farben des Picassos des Flamencos.

Einige Besucher mussten sich erst einmal in das Stück einfinden. Als Zuschauer würde man gerne verstehen, was für eine Geschichte auf der Bühne erzählt wird. Aber muss man Magie verstehen um auf eine Reise verzaubert und in einen Sturm von Emotionen hinein gezogen zu werden? Andrés Marín, dessen Mutter Sängerin und Vater Tänzer ist, arbeitet in seinen Werken mit keinem Regisseur, will keinen Einfluss von außen; sondern vollkommen frei sein sowie in seinen Werken keine Geschichten erzählen. Es geht um das Ersehen und Erfühlen – dem Ausbruch des Freiseins.

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„The show must go on“ Jérôme Bel/Düsseldorfer Version

Wann: 06.02. 10:00 + 07.02. 18:00
Wo: tanzhaus nrw

„The show must go on“ Düsseldorfer Version von Jérôme Bel (c) Andreas Endermann

„The show must go on“ Düsseldorfer Version von Jérôme Bel (c) Andreas Endermann

#1 Gänsehaut und Partytanz von Annika

Im Rahmen des 8. Take-Off Festivals war eine besondere Düsseldorfer Version des Stückes „The show must go on“ am 07.02.2015 im tanzhaus nrw zu sehen. Für das ungewöhnliche Konzept des Choreografen Jérôme Bel wurden 20 tanzbegeisterte Düsseldorfer gecastet und präsentierten, unter der Leitung von Dina ed Dik, die selber in der Originalfassung mittanzte, als Tanzamateure ein Stück über, mit und für die Musik. Die ausgewählten Songs wurden für das Stück wörtlich genommen und die Texte (teilweise) in Tanz umgewandelt.

Immer wieder wechselt die Musik von schnell und laut, zu langsam und ruhig. Die Stimmung im Saal passt sich sofort an, mal wirken die Zuschauer ausgelassen, es wird auf den Sitzen gewippt, der Fuß klopft im Takt mit, es wird sogar mitgesungen. Und dann werden die Zuschauer zu stillen Beobachtern, dann wieder von Beobachtern zu Beobachteten – beobachtet von den Tänzern selbst – und es entsteht ein seltener, berührender Moment der Nähe zur Bühne. Auch zum Nachdenken bietet das Stück genügend Momente, etwa wenn im Saal nichts bleibt, kein Licht, und John Lennon uns auffordert, uns eine andere Welt vorzustellen. Ein Gänsehaut-Moment – der aber vor allem durch die großartige Musikauswahl entsteht.

Auf der Bühne passiert manchmal nichts, teilweise ist diese leer, nur erfüllt von der Musik. In diesen Momenten, eher Pausen, mag selbst die Musik diesen Platz nicht immer ganz zu füllen. Dem Publikum ist das leider anzumerken und an mancher Stelle verfehlt die großartige Grundidee des Stückes ihre Wirkung, durch zu lange Pausen oder zu viel Licht im Saal.

Dann, mit dem nächsten Song kommt wieder Bewegung in das Stück, es wird getanzt, die Darsteller sind versunken in die Musik, dann wieder offen in ausdrucksstarken, wilden und ungewöhnlichen Bewegungen. Die Ernsthaftigkeit der Tänzer schafft es, dass die Bewegungen nicht lächerlich oder laienhaft wirken, doch kommt ein tanzbegeisterter Zuschauer bei dieser Produktion nicht ganz auf seine Kosten.

Was am Ende des langen Musikmarathons dem Zuschauer hoffentlich geblieben ist: Der Tanz bietet Platz für alle Menschen, egal ob dick, dünn, groß, klein, egal welcher Herkunft, egal ob kerngesund oder geistig oder körperlich eingeschränkt. Und der Spaß, den die Tänzer hatten, ist doch eigentlich das wichtigste am Tanz, oder?

 

#2 The sound of silence oder das Spiel mit dem Publikum von Laura

„The show must go on“ feiert seine Wiederaufnahme am tanzhaus nrw in der Düsseldorfer Adaption des Originals von Jérôme Bel und wird als Publikumsliebling gehandelt. Warum? Weil es ihm so nah ist, weil es mit ihm spielt. – Eine Reportage.

Es ist dunkel im Bühnensaal. Nein, es ist stockfinster. Auch auf der Bühne. Der Song „Tonight“ aus der West Side Story wird in voller Länge gespielt. Dann ein zweiter Titel: „Let the sun shine“, immer noch im Dunkeln, bis ganz langsam das Licht auf der Bühne angeht, auf der Bühne zum Stück „The show must go on“, welches an diesem Abend den Abschluss des diesjährigen „Take-Off: Festival Junger Tanz“ im tanzhaus nrw bildet. Viele Zuschauer sind gekommen, um sich die Düsseldorfer Version des von dem französischen Choreografen Jérôme Bel entworfenen Stückes anzusehen. Doch, wie sie sehen, sehen sie nichts. Erst beim dritten Song betreten die Darsteller die Bühne, erst nach einer viertel Stunde kommt die erste Bewegung ins Spiel. „Let’s Dance“ lautet die Aufforderung David Bowies, der die Akteure auf je ihre eigene Weise nachkommen. Dabei handelt es sich um zwanzig Laien, die das Stück unter der Leitung von Dina ed Dik, die bereits im Original mittanzte, innerhalb von vier Wochen einstudierten.

Zu dem darauffolgenden Song „I like to move it“ perfektionieren die Amateure ihre individuellen Bewegungen und halten diese das ganze Lied über durch. Spätestens jetzt ist das Publikum involviert und gepackt: es kann nicht anders, als zu lachen. Der Song dauert lange, also hat man genügend Zeit, jeden der Tänzer und deren Bewegungsablauf zu observieren, was das Ganze noch spannender macht, da man jeden Moment etwas neues Lustiges auf der Bühne entdeckt. Nach diesem Prinzip wird jedes Lied in dem Stück ausgespielt – eine Herausforderung für das Publikum, das von Bühnenperformances Abwechslung und Kurzweile und gewohnt ist. Doch das Gegenteil ist hier der Fall: die Zuschauer werden durch das Aushalten der Songs, durch die Wartezeiten dazwischen, auf sich selbst zurückgeworfen. Man hat also Zeit, sich seine Gedanken zu machen: über sich selbst, über die Aussage der Performance und über die Reaktionen, die die Musik – in diesem Stück ausschließlich Popmusik der letzten vierzig Jahre – in einem auslöst.

Ich nutze diese Momente, um eine gedankliche Verknüpfung zu der vorangegangenen sogenannten „Physical Introduction“ herzustellen. Diese Einheit ist eine freiwillige und – wie der Name schon sagt – physische Einführung in das Stück. Physisch in dem Sinne, als dass man am eigenen Leib erfährt, wie sich eine bestimmte Musik auf den Körper auswirkt oder wie man, auch ganz ohne musikalische Begleitung, durch diverse Körperhaltungen und Posen eine Geschichte erzählen kann.
Erst im Nachhinein wird mir die Essenz dessen und der Bogen zum Stück klar: Musik verbindet! In diesem Fall verbindet sie vor allem die Darsteller mit dem Publikum. Denn was auf der Bühne passiert ist nichts Besonderes. Es hat rein gar nichts Spektakuläres, nein, es ist schlichtweg genau das, was ein jedermann zu diesen tausendfach gehörten Popsongs tun würde: mitwippen, mitgrooven, mitsingen, den tieferen Sinn der Lieder begreifen und von ihm ergriffen werden oder auch völlig ausflippen – ein jeder auf seine ganz eigene Art und Weise. Das scheint auf den ersten Blick sehr belanglos und doch ist das Stück tatsächlich für ein anspruchsvolles Publikum konzipiert. Dies wird ganz deutlich, als der DJ (der vor der Bühne sitzend eine CD! nach der anderen einlegt, bis er am Ende der Show seinen Stapel von links nach rechts durchgearbeitet hat) John Lennons „Imagine“ spielt. Sowohl Bühne als auch Zuschauerraum sind wieder einmal komplett verdunkelt – aber man soll auch gar nichts sehen. Man soll hören. Und vorstellen. „Imagine there’s no heaven“, sinniert Lennon und wir, das Publikum, haben nun die Möglichkeit, uns genau dieses Szenario vorzustellen. Doch nicht jeder von uns nutzt die Chance. Türen werden geöffnet und wieder geschlossen, es wird gemurmelt und gehustet.

Den Höhepunkt dieser Aufforderung an das Publikum, auch einmal der Stille zu lauschen, und dessen Unvermögen, dies zu erkennen, findet das Stück im anschließenden „Sound of Silence“: der DJ lässt Paul Simons Lied laufen, doch dreht nur zur jeweiligen namensgebenden Passage hörbar auf. Doch was folgt, ist keinesfalls Stille. Das Publikum scheint noch unruhiger. Ich möchte so gerne hören, wie die Stille klingt, doch es bleibt mir an diesem Abend verwehrt. Nun ja – the show must go on! Und das tut sie: mit weiteren wörtlich genommenen Songtexten aus der Popmusik und dem Spiel mit dem Publikum…

 

#3 Schlicht wörtlich genommen von Marlene

„The Show must go on“ – so lautet der Titel eines Tanzstückes, das im Rahmen von „Take –off: 8. Festival Junger Tanz“ im Tanzhaus NRW aufgeführt wurde. Das Stück stammt ursprünglich von dem französischen Choreografen und Tänzer Jérôme Bel und war erstmals 2001 in New York zu sehen. „The Show must go on“ wurde mit dem renommierten „Bessie Award“ ausgezeichnet. Jérôme Bel ist ein Vertreter des „Konzepttanzes“. In „The Show must go on“ nimmt er die Aussagen der Musikstücke schlicht wörtlich und überträgt sie in den Tanz. Lichteffekte unterstützen die Botschaften. Scheinbar alles ganz einfach!

Im Tanzhaus NRW entstand eine neue Version des Stücks unter der Leitung der Düsseldorfer Tänzerin Dina ed Dik, die selbst bei der Originalversion mittanzte. In der Düsseldorfer Version wirken 20 Performer mit, die vor Ort gecastet, also keine professionellen Tänzer. Die Altersspanne der Performer ist weit gefasst und liegt zwischen neun und 91 Jahren. Sie tanzen zu Hits von David Bowie, Nick Cave, den Beatles oder von Queen. Auch Filmmusik findet statt, wie beispielsweise mit Songs aus den Filmen „Titanic“ („My heart will go on“ von Céline Dion) oder „Madagascar“ („I like to move it“). Echte Ohrwürmer.

Die Performer interpretieren die Musik auf verschiedene Art und Weise. Oftmals werden auch Songs abgespielt ohne, dass sich jemand auf der Bühne befindet. Der Song „The Sound of Silence“, in dem es um Stille geht, wird absichtlich unterbrochen und gestoppt. Verwirrung beim Zuschauer, dann ein Nachdenken! Letztendlich tritt das Publikum selbst als Akteur in den Vordergrund und wird Teil des Stückes, vielleicht ohne es zu bemerken. Durch Reaktionen wie leises Kichern, dem Weitersingen des Songs oder einem kurzen Zwischenruf wird eine vermeintlich unangenehme Stille im durchweg jungen Publikum überspielt. Diese Reaktionen waren bei den Schülern zu beobachten, die sich das Stück ansahen. Am liebsten schienen sie selbst mittanzen und mitsingen zu wollen.

Das Stück ist von ruhigen, emotionalen Choreografien geprägt sowie von schnellen, rhythmischen Tanzeinlagen. Da die Musik die Choreografie formt, entstehen bei den Zuschauern Geschichten, Bilder und Erinnerungen. Die Inszenierung lässt ihrem Publikum viel Spielraum für die eigene Interpretation. Immer wieder gibt es Szenen mit Überraschungseffekten: Beispielsweise als der Soundtechniker, der am Rand der Bühne sitzt, plötzlich im Zentrum des Geschehens steht und selber zu tanzen beginnt. Unerhört! Auffällig: Bei den Choreografien geht niemals die Individualität des einzelnen Tänzers verloren, da jeder seinen eigenen Tanzstil zum Ausdruck bringen darf und trotzdem Teil des Ganzen bleibt.

Dieses Stück ist jedem weiter zu empfehlen. Mit wenigen Mitteln entsteht ein einzigartiges Tanzstück, das jedes Publikum anspricht. Durch die verschiedenen Generationen innerhalb des Darsteller-Ensembles können sich die Zuschauer mit einer Person ihres Alters identifizieren und sich zudem in Personen einer anderen Generation hineinversetzen. Das Stück verdeutlicht schön, dass alle Menschen Bedürfnisse nach Vertrauen, Zuneigung und Geborgenheit haben. Ein großartiges Tanzstück, das den Zuschauer viel Freude bereitet.

Nach der Performance bekam das Schüler-Publikum die Möglichkeit, die Tänzer zu befragen. Viele von ihnen wollten das Alter der Darsteller wissen. Weitere Fragen beinhalteten, in wie weit die Performer schon Vorerfahrung im Tanzen gesammelt, wie sie sich zusammen gefunden und wie oft sie geprobt hätten. Es stellte sich heraus, dass die Performer per Auswahlverfahren ausgewählt wurden: nach Alter und mit möglichst unterschiedlichen Charakteren, die meisten ohne Vorerfahrung oder nur mit der Leidenschaft für das Tanzen in der Disco. Die enge Gruppenbindung, das war spürbar, ist im Stück wieder zu erkennen, weil die Choreografien auf Vertrauen und Nähe basieren!

 

#4 Partystimmung im Theatersaal von Sarah D.

Im Rahmen des 8. Take-off Festival Junger Tanz zeigt das tanzhaus nrw am 6. Februar eine Wiederaufnahme des Stücks „The show must go on“ in der Düsseldorfer Version. Unter der Leitung der Düsseldorfer Tänzerin Dina ed Dik, die in der Originalversion des französischen Choreografen Jérôme Bel tanzte, interpretiert ein 20-köpfiger nicht-professioneller Düsseldorfer Cast einige der größten Hits der Popgeschichte und begeistert das Publikum.

Es ist Freitag, 10 Uhr morgens – trotzdem: Im tanzhaus nrw herrscht Partystimmung.
Warum? Weil Jérôme Bel mit seiner Inszenierung zeigt, dass Theater und Tanz auch einfach mal unbeschwert und lustig sein können.

Das Prinzip des Stücks ist sofort klar. Während der Zuschauer zunächst, spürbar zunehmend ungeduldig, im Dunkeln sitzt, wird es genau in dem Moment Licht, als der direkt vor der Bühne platzierte DJ den Song „Let the Sunshine In“ aus dem Musical „Hair“ einlegt. John Lennon singt „Come together“ und die Darsteller betreten die Bühne. 20 Menschen unterschiedlichen Alters in bunter Alltagskleidung. Dick, dünn, Mann, Frau, voll bewegungsfähig oder bewegungsbeeinträchtigt.

Alles klar, die Darsteller nehmen meist eine Textzeile aus international bekannten Klassikern der Musikgeschichte wortwörtlich. „La vie en rose“ von Edith Piaf, rosa Licht, „Killing me softly“ von Roberta Flack bedeutet für die Darsteller anmutiges, langsames Sterben auf der Bühne. Das ist einleuchtend und klingt zunächst nicht gerade spannend. Schnell kommt da die Frage auf, ob es das wohl ist, 100 Minuten wortwörtlich genommene Musik? Das können lange Minuten werden, selbst wenn der Franzose Bel 2005 den renommierten New Yorker Bessie Award für innovative Leistungen in Tanz und Performance für dieses Kultstück erhalten hat.

Die anfängliche Angst vor Langeweile verfliegt jedoch recht schnell und weicht der Begeisterung. Die Musik ist laut und mitreißend und einmal mehr zeigt sich, dass manchmal in der Einfachheit das Faszinierende liegt. „The show must go on“ zeigt kein klassisches Tanztheater, welches durch das Können professioneller Tänzer imponiert. Was auf der Bühne zu sehen ist, sind Laien, die sich zur Musik bewegen, jeder auf seine eigene Weise und das kommt an. Als die Darsteller bei dem Song „I like to move it“ von Reel to Real wild zu tanzen beginnen, bricht der Saal in Gelächter aus. Das Bühnengeschehen ist ulkig, irgendwie nicht ernst zu nehmen und doch ist es spannend zu sehen, wie Menschen die keine beruflichen Tänzer sind über eine Stunde lang mit Tanz unterhalten können. Das Interessanteste sind dann auch diese Fragen, die sich angesichts von Bels Spiel mit den Definitionen von Tanz und Theater ergeben. Kann beispielsweise noch von Tanz die Rede sein, wenn ein Darsteller zur Musik wild mit der rechten Schulter zuckt, dieselbe Bewegung eintönig stets wiederholend? Und wo liegt eigentlich die Grenze zwischen Performer und Zuschauer?
Dass auch die Zuschauer bei „The show must go on“ als Darsteller agieren wird einem immer dann besonders bewusst, wenn die Publikumsränge komplett verdunkelt werden. Immer wieder wird in diesen Momenten des Unbeobachtet-Seins laut zu den Songs mitgesungen, mitgetanzt oder das Bühnengeschehen lautstark kommentiert. Das Treiben abseits der Bühne wird so zum Teil der Inszenierung, die Zuschauer werden zu Performern.

Eben dieses „Miteinbezogen-Sein“ sorgt für eine losgelöste Stimmung, die den Zuschauer mit einem Lächeln auf den Lippen aus dem Saal gehen lässt, obwohl das Stück wirklich tiefgründig ist. Bel verpackt philosophische Inhalte, grundlegende Fragen an die Kunst und den Menschen, gekonnt in eine fröhliche, bunte Verpackung. Wer also Lust hat, sich ein zum Nachdenken anregendes und dennoch nicht-pathetisches, vordergründig auf Belehrung bedachtes Stück anzusehen, der sollte sich „The show must go on“ nicht entgehen lassen.

 

#5 „The show must go on“ – Düsseldorfer Version/Jérôme Bel oder: „Killing me softly” über 80 Minuten von Stephanie C.

„Weg-von-hier – das ist mein Ziel.“ – wenn sich während des Besuchs einer Tanz(theater)vorstellung trotz lautstarker Beschallung des Saales mit „Yellow Submarine“ Worte Kafkas in den Kopf des Zuschauers verirren, so erscheint dies durchaus beachtlich; bedenklich sogar, erwartet man doch gemeinhin, dass der Zuschauer seine volle Aufmerksamkeit dem Bühnengeschehen widmet. Ist letzteres jedoch auf ein Minimum begrenzt bzw. über weite Strecken nicht existent und, sofern vorhanden, einfältig und vorhersehbar, so ist die Assoziation nicht nur nachvollziehbar, sondern verleiht der Gesamtsituation eine bemerkenswerte Komik, die diejenige, die die Düsseldorfer Version von Jérôme Bels „The show must go on“ zu kreieren versucht, deutlich übersteigt. Das Stück wurde im Rahmen von Take-off: 8. Festival Junger Tanz am tanzhaus nrw wieder aufgenommen und lädt dazu ein, einige der größten Popsongs der letzten 40 Jahre Revue passieren zu lassen. Es trifft in dramaturgischer Hinsicht sicherlich den schlichten Geschmack, lässt den tanzbegeisterten Zuschauer aber enttäuscht zurück und selbst die zusammenfassende Bezeichnung als „kurzweilig“ ginge wohl in doppelter Hinsicht fehl.

Dabei soll keineswegs verkannt werden, welches Konzept „The show must go on“ verfolgt: Das Verführerische, Illusorische und Spektakuläre der Bühne und insbesondere auch die Unnahbarkeit der Tänzer sollen aufgehoben und ins Gegenteil verkehrt werden. Dieses Ziel wird zweifelsohne erreicht, namentlich durch die ausschließliche Laienbesetzung in der Düsseldorfer Version – aber wozu? Einem Musikstück nach dem anderen in beschaulicher Dunkelheit zu lauschen, gelingt auch im Privaten; und eine dreiminütige Macarena-Tanzeinlage hofft man in der Regel nur noch im sommerlichen Cluburlaub genießen zu müssen. Der Zuschauer sitzt z.T. selbst im Scheinwerferlicht, wird minutenlang von den Darstellern begutachtet und immer wieder allein gelassen. Warum also hierfür eine Theaterkarte kaufen, wenn doch der Theaterbesuch als solcher letztlich ad absurdum geführt wird? – Gerade und auch nur deswegen; das Ausbleiben weitergehender Erkenntnisse und tiefgehender emotionaler Erschütterung sind als Folge des Versuchs oberflächlicher Belustigung zu akzeptieren und um des Engagements der Darsteller willen zu verwinden. Trost spendet der eine oder andere musikalische Klassiker, das sichere Wissen, dass der CDStapel zur Linken des DJs stetig kleiner wird, und dass das Theater und die Bühne als Ort der Virtuosität und Ambivalenz, des Aufruhrs und der Sensation, der Träume und der Zuflucht durch ein rebellisch anmutendes Experiment mit unerwartet wenig Tiefgang in keiner Weise angetastet wird.

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