Über das Tryout „LIVING THE COMPOSITION_draft two“ von Alexandra Waierstall

Wann: 09.05. 19:00
Wo: tanzhaus nrw

„LIVING THE COMPOSITION_draft two“ Tryout von Alexandra Waierstall (c) Harris Kyprianou

„LIVING THE COMPOSITION_draft two“ Tryout von Alexandra Waierstall (c) Harris Kyprianou

Tryout – Findout? von Bastian

Am Samstag den 09.05 wurde sich im Tanzhaus NRW zu einer intimen Runde von Interessierten zu einem Tryout von Alexandra Waierstall mit dem Titel „LIVING THE COMPOSITION_draft two“ getroffen.

Das Tryout ist ein Aufführungskonzept, das wir zum Teil der weitestgehenden Abwesenheit des Bedürfnisses nach einer konsequenten „großen Erzählung“ im zeitgenössischen Tanz zu verdanken haben. Auf der anderen Seite ist Alexandra Waierstall aber auch Factory Artist im Tanzhaus NRW und damit stellt das Tryout eine Möglichkeit dar, die eigene Arbeit in diesem Kontext zu reflektieren und mit einem fragenden Gestus Dinge zu assoziieren und auf diese Weise neue Formen zu finden.

Zu Beginn steht ein leerer, stockfinsterer Bühnenraum. Er wird bald von der ruhigen und sonoren Stimme Waierstalls gefüllt; ganz im Gestus des „Ausprobierens“ reflektiert sie über räumliche Ordnungen, in Bezug auf den Bühnenraum, aber auch auf übergeordnete Raumebenen, die sich durch das Konzept der Autorenschaft ergeben. Was bedeutet es eine Choreografie zu schreiben und dabei auf einem Hotelbett in Spanien zu liegen?
Der Clou dabei: Durch die absolute Dunkelheit im Bühnenraum ist im Publikum die räumliche Wahrnehmung ausgeschaltet, was dazu führt, sich in seiner Rolle als „Betrachter“ neu zu positionieren und eine Erfahrung mit sich selbst zu machen. Dann zerschneidet Waierstall die Dunkelheit und tritt in den Bühnenraum, die folgende Choreografie spielt mit Lichtprojektionen und ephemeren Materialien wie einer Folie, die Waierstall gefaltet vor ihrem Bauch hereinträgt, und als Tanzboden auslegt, während ihre Haare ihr Gesicht verdecken und vom Publikum abschirmen. Waierstall erschafft poetische Bilder, die auf einer sprachlichen Ebene schwer zu fassen sind. Trotzdem werden Assoziationen geweckt. Es werden unbewusste Affekte greifbar und die Materialitäten der eingesetzten Stoffe (Folie, Nebel, Licht) vernetzt. Dies alles fußt in einem von Waierstall formulierten Bedürfnis, den Blick vom Ordinären, Oberflächlichen auf etwas zu verschieben, das imaginär, traumähnlich aber trotzdem funktional und versteckt ist. Und in dieser Weise stellt sie auch die Frage, was es eigentlich bedeutet Choreografie und Komposition zu verkörpern.

Als das Licht nach Ende der Performance wieder angeht, herrscht kurz Stille im Saal, anscheinend müssen die gewonnenen Erkenntnisse nicht nur von Waierstall verarbeitet werden – auch im Publikum hat eine Erfahrung mit sich selbst stattgefunden. Diese Teilhabe an der performativen Wissensgewinnung ist es, die das Konzept des Tryouts so bereichernd für Tanzinteressierte und Tänzer macht.

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