Über „THE DOG DAYS ARE OVER“ von Jan Martens

Wann: 08.05. 20:00 + 09.05. 20:00
Wo: tanzhaus nrw

„THE DOG DAYS ARE OVER“ von Jan Martens (c) Piet Goethals

„THE DOG DAYS ARE OVER“ von Jan Martens (c) Piet Goethals

#1Stillstand ist der Tod oder Die Kunst zu hüpfen von Laura

„THE DOG DAYS ARE OVER“ – Ein Stück von Jan Martens über Exzess, die Leistungsgesellschaft und deren Unvermögen, aufhören zu können.

Sie machen sich bereit. Sie dehnen und beugen sich und wärmen ihre Muskeln auf. Acht Athleten – wie es scheint – mit trainierten Körpern und eisernem Blick bereiten sich kollektiv auf das große Hüpfen vor, das unter dem Namen „THE DOG DAYS ARE OVER“ als Wiederaufnahme an zwei Tagen im tanzhaus nrw aufgeführt wurde. Die Performance des belgischen Choreografen Jan Martens raubt einem im wahrsten Sinne den Atem und führt nicht nur die Tänzer an ihre Grenzen.

Zum Zeichen, dass es ihnen mit ihrem Vorhaben wirklich ernst ist, steigen die Tänzer vor den Zuschauern demonstrativ in ihre Sportschuhe. Jene Schuhe, in denen sie die nächsten 70 Minuten über die Bühne springen werden; jene Schuhe, in denen sie beweisen werden, dass sie Unmögliches zu leisten imstande sind. Im lächerlich grellen und engen Sportdress. Und genau an dieser Stelle zeichnet sich bereits die dem Stück zugrunde liegende Parodie ab: eine Parodie auf den seit geraumer Zeit immer größer werdenden Fitnesswahn, auf den Druck, nicht aufhören zu dürfen, auch wenn man bereits am Ende seiner Kräfte angelangt ist, und damit auf die Leistungsgesellschaft, in der wir leben.

Auch die Kostümierung lässt keine Fehler zu, denn sie ist im Grunde gar keine: sie verschleiert nichts, stellt die Tänzer bloß und lässt für den Zuschauer alles sichtbar werden. Durch die Enthüllung des Unperfekten entsteht ein noch größerer Druck, perfekt zu sein. Und genau das gelingt den Tänzern tatsächlich: Egal, ob sie im Stillen zählen oder laut, ob sie sich gegenseitig anfeuern oder gegeneinander kompetieren – die vier Männer und vier Frauen halten bis zum bitteren Ende durch, ohne einen Fehler zu machen. Wie menschliche Metronome hüpfen die Tänzer in einem Takt, den sie sich jedoch selbst geben; keine Musik begleitet sie, sie sind auf ihr inneres Taktgefühl angewiesen. Und das bei einer komplexen Choreografie, die höchste Konzentration von ihnen abverlangt. Der Zuschauer kann diese enorme Raumdynamik nur bestaunen.

Es stellt sich an dieser Stelle allerdings auch die Frage, wer mehr leidet: die Tänzer, weil sie pausenlos wie Flummis in die Luft springen und sich dabei völlig verausgaben, oder aber die Zuschauer, die dieses Spektakel im Sitzen beschauen, und vor Mitleid am liebsten ein lautes „Stopp!“ auf die Bühne rufen und den Tänzern beruhigend die Hände auf die Schultern legen würden, um ihnen zu sagen, dass es vorbei ist. Dass gesehen wurde, was zu zeigen war. Doch dies geschieht nicht – und es würde die Tänzer auch ohnehin nicht interessieren; selbst, als das Licht gedimmt und Musik in einem völlig anderen Rhythmus gespielt wird, hüpfen die Tänzer ohne Unterlass, als hinge davon ihr Leben ab.

#2C’est torture! C’est torture! von Bastian

C’est torture! C’est torture! mit diesen Worten verließ wohl eine Zuschauerin den Raum, als Jan Martens sein Stück „THE DOG DAYS ARE OVER“ in Paris aufführte. Das gleiche ging mir durch den Kopf, als mir jemand von dem Stück erzählte. Es würden 8 Tänzer 70 Minuten lang ununterbrochen auf der Bühne springen. Doch was sich zunächst nicht sonderlich spannend anhörte, stellte sich als wunderbar intelligente Satire und ästhetisch ansprechender Tanz heraus.

Zu Beginn ist der Bühnenraum leer, man könnte sagen clean. Nichts ist zu viel; so groß sah die große Bühne des Tanzhaus NRW noch nie aus. Entblößt. Eine Eigenschaft, die auch auf die Tänzer zutrifft, die dort in einer Reihe vor dem Publikum stehen. Entblößt in dem Sinne, dass die Körper der Tänzer für das Publikum durch die engen Fitnessdresses kaum verdeckt oder geschützt werden. Entblößt aber auch durch die Albernheit dieser knappen Fummel. Es sieht ein bisschen so aus, wie man sich selber beim Sport oder im Fitnessstudio fühlt. Schon dadurch entsteht ein eigenartiger Bezug zum Publikum, die Performer bieten sich dar, sie legen sich in unsere Hände.

Doch dann wird aus dem gegenseitigen Mustern ziemlich schnell Ernst, die Tänzer ziehen ihre Schuhe an und hüpfen los. Tatsächlich 70 Minuten lang; wie getrieben von einer Urkraft, die es ihnen verbietet aufzuhören. Dabei nehmen sie verschiedene Formationen ein, mäandern durch den Raum, gehen auf Abstand zum Publikum, kommen ihm aber auch sehr nahe. Zwischendurch Positionswechsel. In seiner formalistischen Strenge und perfekten Choreographie schwankt der Ausdruck zwischen poetischer Lust an der Bewegung und militärischem Drill, was zunächst zu einzelnen Lachern im Publikum führt, sich im Verlauf des Stückes aber schnell in ungläubiges Kopfschütteln, gegen Ende aufgrund der einsetzenden Erschöpfung zu blankem Entsetzen steigert. C’est torture – C’est torture! Aber warum eigentlich und für wen? Auf der einen Seite leidet man mit den Tänzern, weil sie nassgeschwitzt der absoluten Erschöpfung entgegen hüpfen, auf der anderen Seite schämt man sich. Warum ist man nicht selbst derjenige, der körperlich an seine Grenzen geht? Denn eigentlich müsste man doch mal wieder was gegen die Pfunde tun! Darin wird das Stück zur selbst-initiierten, kathartischen Folter für die Zuschauer, die sich selbst in ihrer alltäglichen Verbissenheit wiedererkennen: Dieses ständige Nichtaufhörenwollen, an seine Grenzen gehen, der Beste sein. Man gesteht sich den tortionnaire in sich selbst ein, weil man mit seiner Anwesenheit dieses muskelzermürbende Spektakel angestoßen hat, sich verantwortlich fühlt. Hierbei wird die Wechselwirkung zwischen Publikum und Tänzer offenbar, keiner ist hier unbeteiligt, alle schwitzen mit. So stellt das Stück eine gelungene Satire auf den Trend zur Selbstverbesserung und Optimierung und zum Körperkult dar. Denn am Schluss läuft doch alles nur auf eins hinaus:

Das Ende.

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