Über „Annna³. The Worlds of Infinite Shifts“ von Alexandra Waierstall und HAUSCHKA

Wann: 27.09. + 28.09.
Wo: tanzhaus nrw

Körper und Umwelt im Zwiegespräch von Christina Sandmeyer

In ihrem aktuellen Stück „Annna³. The Worlds of Infinite Shifts“ verhandelt die in Düsseldorf ansässige Choreografin Alexandra Waierstall Fragen der existenziellen Beziehung zwischen Körper, Raum und Zeit: Bespielt der Körper den Raum oder der Raum den Körper? Verhält sich der Körper immer linear zur Zeit? Und wo endet der Körper eigentlich? Weiterlesen

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Über „UnBearable Darkness“ von Choy Ka Fai

Wann: 28.06. – 30.06.
Wo: tanzhaus nrw
Uraufführung

#1 Finsternis im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit von Bastian Schramm
#2 Eine Genealogie des Tanzes von Katharina Tiemann

Finsternis im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit von Bastian Schramm

Dafür, dass der Titel des aktuellen Stückes „UnBearable Darkness“ des Choreografen und Medienkünstlers Choy Ka Fai eine nicht auszuhaltende Dunkelheit verspricht, beginnt es erstaunlich licht. Vor einer unmittelbar als japanisch zu identifizierenden Landschaft, die auf eine Leinwand im Extrabreitbildformat projiziert wird, lässt die Performerin Tomoko Inoue in traditioneller japanischer Kleidung eine Klangschale erklingen. In Zwischentiteln wird das Anliegen des Stückes, das am 28. Juni seine Uraufführung im Tanzhaus NRW feiert, formuliert: Das Erbe des japanischen Avantgardetanz Butoh zu reaktivieren. Darauf spielt auch der Name des Stückes an: Butoh wird oft auch – in Bezug auf dessen Interesse für eine eher abseitige Ästhetik und Thematik – als Tanz der Finsterkeit bezeichnet. Mit einer Handkamera gefilmte Videosequenzen, die wie Dokumente einer touristischen Führung anmuten, nehmen die Zuschauenden an die Hand: Dies ist zunächst ein ausgesprochen niederschwelliger Einstieg, der wie der Beginn eines essayistischen Dokumentarfilms anmutet. Man erfährt bereits einiges über den Begründer des Butoh, Tatsumi Hijikata, aber auch einige fun facts über japanische Pilgerstätten. Dieser Prolog gipfelt in einer solchen Pilgerstätte, wo Choy Ka Fai einer schamanisch vermittelten Kommunikationssitzung mit dem Geist des bereits 1986 verstorbenen Tatsumi Hijikata beiwohnt, in der dieser zustimmt Choy Ka Fai bei der Entstehung seines Stückes zu assistieren. Darauf folgt eine erste längere Tanzsequenz, die von dem Performer Pijin Neji ausgeführt wird. Dieser war selber Teil einer Butoh-Kompanie, doch von der grotesk-schockierenden Ästhetik, die meist mit Butoh assoziert wird, ist hier nicht viel zu sehen. Vor einer 3D-animierten Vektor-Gebirgslandschaft, die in ihrer Ästhetik irgendwo zwischen frühem Videospiel und Knight Rider zu verorten ist, führt Pijin Neji verhaltene Gesten und Bewegungen aus, die die historische Verwandtschaft von Tanztheater und Butoh-Formen unübersehbar werden lässt. Dieser Teil wirkt wie eine Art symbolischer Übergang in einen jenseitigen Begegnungsraum, in dem das Kernstück der Performance stattfinden kann: Die durch 3D-Technik und Motion-Capturing vermittelte Begegnung mit dem, was als Geist von Tatsumi Hijikata bezeichnet wird. Die Bewegungen von Pijin Neji, der mit allerlei technischen Apparaturen behängt ist, werden auf die Leinwand und auf eine virtuelle Repräsentation Tatsumi Hijikatas in unterschiedlichen Lebens- und künstlerischen Schaffensphasen übertragen. Zur gleichen Zeit werden dabei unterschiedliche Inspirationsquellen als Information auf der Leinwand eingeblendet. So wird Tatsumi Hijikatas Werk vom Beginn der Begründung des Butoh und dessen Wurzeln im deutschen Ausdruckstanz bis hin zu späteren Formen in kurzen Sequenzen zur Aufführung gebracht. Während dies phasenweise – zum einen durch die medientechnische Ästhetik, die zum Teil unbeholfen daherkommt, aber auch durch Performances, die zum Vorbild genommen wurden – erstaunlich witzig sein kann, wird das, was auf der Leinwand zu sehen ist, durch die offensiv gepflegte technische Glitch-Ästhetik stellenweise grotesk und befremdlich. Doch trotz des großen technischen Aufwands, der hier betrieben wurde, will sich eine immersive oder die gar paranormale Erfahrung, die im Untertitel des Stückes angekündigt wurde, nicht einstellen. Dies hat mehrere Gründe – so ist die technisch verfremdete Tanzperformance zwar durch den hohen Aufwand beeindruckend, wirkt jedoch auch erstaunlich einengend auf die für sich hervorragende Performance von Pijin Neji. Ihr spektakulärer Effekt verblasst schnell und ermüdet spätestens nach der dritten Sequenz zunehmend, auch die Steigerung der Spektakularität und Befremdung vermag dies nicht mehr aufzufangen, sondern verunmöglicht ein mentales Interface und versperrt den Zugang. Diese ästhetischen Fragen sind in größerem Maße auch Fragen des Geschmacks oder Zeitgeistes, die thematische Hermetik der Inszenierung nicht. Während das Stück zunächst sowohl an der ästhetischen, als auch an der inhaltlichen Immersion der Zuschauenden interessiert zu sein scheint, wird im Laufe des Abends immer mehr Wissen sowohl über die Ursprünge von Butoh, als auch über Traditionen, auf die sich dies bezieht, vorausgesetzt. Dadurch hermetisiert sich das Stück zunehmend und so muss sich „UnBearable Darkness“ eine Kritik gefallen lassen, die in Bezug auf den zeitgenössischen Tanz häufiger geäußert wird: Dass dieser im Wesentlichen ein Tanz für Expert*innen und Eingeweihte sei. „UnBearable Darkness“ bleibt dabei ein visuell anregendes und unterhaltsames Lehrstück über die technischen Möglichkeiten, die der zeitgenössische Tanz heute hat, wirkt aber stellenweise wahrscheinlich gerade aufgrund dieser Konzentration auf neue und besondere technische Mittel etwas unausgegoren, sodass ihm die Reaktivierung des Erbes von Butoh eher nicht zu gelingen vermag. Nichtsdestotrotz könnte dies der Anstoß sein, sich einmal mehr mit Butoh und seinem Begründer Tatsumi Hijikata zu befassen.

Eine Genealogie des Tanzes von Katharina Tiemann

Gibt es eine Erzählung des Tanzes? „UnBearable Darkness“, eine Inszenierung des Medienkünstlers Choy Ka Fai, die am 28. Juni im Tanzhaus NRW ihre Uraufführung feiert, ist der Versuch, sich mit dem Erbe der japanischen Tanzrichtung Butoh auseinanderzusetzen.
Butoh (auch „dance of darkness“ – zu Deutsch „Tanz der Finsternis“ genannt) wurde Ende der 1950er Jahre unter anderem von dem japanischen Künstler Tatsumi Hijikata ins Leben gerufen und ist eine Art Technik oder Bewegungsabfolge. Ihr wird zugeschrieben, nachweisbare Auswirkungen auf zeitgenössische Tanzrichtungen internationaler Künstler*innen zu haben. Choy Ka Fai unternimmt das Experiment, über eine japanische Schamanin mit dem Geist des bereits verstorbenen Tatsumi Hijikata Kontakt aufzunehmen, um gemeinsam mit ihm „UnBearable Darkness“ zu choreografieren.
Auf der Bühne steht ein dreigeteilter Bildschirm, der fast so breit ist wie die ganze Bühne. Im Vordergrund, auf dem schimmernden schwarzen Tanzboden, bewegt sich ein Tänzer, an dessen Körper technische Sensoren befestigt sind. Auf dem Bildschirm im Hintergrund steht oben in der Ecke die Bezeichnung eines sogenannten Avatars, dazu der Titel eines Tanzstils, der mit den Techniken des Butoh in unterschiedlicher Form in Verbindung steht und kurz ausformuliert dessen besonderes Merkmal. Der Avatar erscheint und beginnt, sich im Zusammenspiel mit dem Tänzer Neji Pijin zu bewegen.
Choys Choreografie ist eine Erzählung, die Butoh als Ausgangspunkt nimmt und mit dem leiblichen Körper des Tänzers, dem Geist von Tatsumi Hijikata und der Darstellung zeitgenössischer Choreografien verknüpft. Diese Elemente werden erneut ineinander verwoben, durch die Ebene der Technologie, die die virtuellen Figuren erzeugt. Die Avatare, die auf dem Bildschirm jeweils die einzelnen Tanzrichtungen vertanzen, sind zwar in ihrem äußerlichen Anschein programmiert oder virtualisiert, jedoch ihre Bewegungen werden teils von den Sensoren am Körper des Tänzers beeinflusst. Das bedeutet, die leibliche Präsenz des Performers auf der Bühne ist verwoben mit der virtuellen Präsenz der Avatare auf dem Bildschirm. Damit ergänzt die Technologie die Erzählung um eine weitere Art von Zeitlichkeit: Die Choreografie ist einerseits durch die leibliche Präsenz des Tänzers ein momentanes Ereignis, andererseits zeitlich gelöst durch die Virtualisierung der Avatare und Butoh, das zeitlos wirkt, weil es immer wieder neue Tänze durchwirkt. Ebenso verhält es sich mit der Schauspielerin Tomoko Inoue, die sich – ohne viele große oder auffallende Bewegungen durchzuführen – das Stück über teils in nahezu meditierenden Zuständen auf der Bühne befindet. Sie macht für die Zuschauer*innen fast den Anschein, den Geist Tatsumi Hijikatas oder zumindest die Schamanin zu verkörpern.
„UnBearable Darkness“ ist einerseits ein geschichtliches Stück, das durch die Nachforschungen des Butoh einen Beitrag zur Wissenschaft markiert, andererseits ein Experiment, eine freie und zeitweise ungreifbare Erzählung. Aus diesen Merkmalen lässt sich besonderes Verständnis der Choreografie ableiten: Eine Choreografie mag strukturiert sein, Erzählungen und historische Verortungen oder Tanzbewegungen beinhalten, aber niemals ist sie zeitlich gebunden, vollendet und gänzlich vorprogrammiert.
Versucht man zu ergründen, was Butoh als „dance of darkness“ ausmacht, so liegt eine Annäherung durch die Definition von Dunkelheit nahe: meist sind keine klaren Züge erkennbar im Dunkeln, aber Butoh, in seiner Geschichtlichkeit, als Tanz oder Technik, beweist, dass auch in der Dunkelheit Strukturen, Bewegungen oder wenigstens Umrisse auszumachen sind. Die Choreografie ist eine Praxis, ein Werden, ein Tanzen in der Dunkelheit.

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Über „Rosas danst Rosas“ von Rosas / Anne Teresa De Keersmaeker

Wann: 26.04. + 27.04. + 28.04.
Wo: tanzhaus nrw

Rosas danst Rosas von Kai Kopel

Auch der zeitgenössische Tanz hat seine Klassiker. Werke, die Tanzgeschichte schrieben und bis heute einen gewissen Kultstatus genießen. Anna Teresa De Keersmaekers „Rosas danst Rosas“ zählt sicherlich dazu. Das Werk, das 1983 seine Uraufführung erlebte, war vom 26. bis zum 28. April im Tanzhaus NRW zu sehen, getanzt von jüngeren Mitgliedern der Kompanie Rosas. Vier Tänzerinnen in grauen Kleidern liegen zu Beginn des Stücks am hinteren Ende der Bühne auf dem Boden. Eine Tänzerin macht den Anfang und beginnt sich mühselig aufzuraffen, mit der Zeit folgen ihr die anderen. Dann setzt die rhythmisch wummernde Musik von Thierry De Mey und Peter Vermeersch ein und das Stück nimmt Fahrt auf und entwickelt allmählich seine charakteristische mechanische Dynamik. Die Tänzerinnen setzten sich auf Stühle, wo sie ruckartig die Arme ausstrecken, den Kopf zur Seite werfen oder die Beine übereinanderschlagen. Die Bewegungen sind scheinbar dem Alltag entnommen, doch die Tänzerinnen führen sie ruckartig, schnell und auch präzise aus und können gar nicht mehr damit aufhören. Trotz aller Kraftanstrengung sind die Tänzerinnen scheinbar in diesen Bewegungen gefangen. Sie entkommen der Mechanik dieser unruhigen Griffe und Schritte nicht sowie sie auch ihre Stühle nicht verlassen können. Die Mechanik hat den menschlichen Körper voll im Griff. Der vom unerbittlichen Rhythmus zur alltäglichen Arbeit angetriebene Mensch findet in De Keersmaekers Choreografie seinen Ausdruck. Ein starkes Bild. Weiterlesen

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Über „Face In“ & „Let’s Talk About Dis“ der Candoco Dance Company / Yasmeen Godder & Hetain Patel

Wann: 25.05. + 26.05.
Wo: tanzhaus nrw
Dt. Erstaufführung


Queere Körperutopien von Ina Holev

Die Candoco Dance Company ist ein professionelles Tanzensemble, in dem Menschen mit und ohne Behinderung tanzen. Seit 27 Jahre besteht die Candoco Dance Company mit wechselnden Mitgliedern. Sie arbeiten für jedes ihrer Stücke mit verschiedenen Choreograf*innen zusammen. Jedes ihrer Stücke erhält so eine andere künstlerische Einfärbung. Das Doppelprogramm „Face In / Let’s Talk About Dis“ zeigt zwei kurze, sehr unterschiedliche und sich doch ergänzende Stücke. Die deutsche Erstaufführung findet im Tanzhaus NRW statt. Weiterlesen

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Über „Hochwasser“ von Luísa Saraiva

Wann: 04.04. – 06.04.
Wo: tanzhaus nrw
Uraufführung

Foto: Dinis Santos

Aus der Reihe „Fallen“ von Julia Ehren

Der Bühnensaal ist dunkel und leer. Allmählich ermöglichen zwei immer heller werdende Spotlights den Zuschauer*innen den Blick auf zwei hängende Skulpturen. Befestigt an Lichttraversen, hängen Bestandteile der Bühnentechnik in der hinteren, linken und vorderen, rechten Ecke der Bühne. Kabel, Spots und Mehrfachstecker sind kreuz und quer in einander gesteckt und lassen weder Ordnung noch System erkennen. Eine Wendung des Blicks von der Decke hin zum Boden, lässt die geringe Bühnendarstellung unterhalb der Skulpturen erkennen. Zwei weiße Geraden durchlaufen den Bühnensaal und treffen sich in einem Schnittpunkt auf der rechten Hälfte des Bodens. Jan Ehlen, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit der Künstlergemeinschaft RaumZeitPiraten, erschafft mit diesen Requisiten den schlichten und dennoch chaotischen Raum der Produktion „Hochwasser“ von Luisa Saraiva. Weiterlesen

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Über „WAIGNEDEH“ von Ndam Se Na / Taigué Ahmed

Wann: 04.05. + 05.05.
Wo: tanzhaus nrw
Uraufführung

Foto: Katja Illner

#1 Der Kampf für ein besseres Morgen von Julia Ehren
#2 Fünf Tänzer – eine berührende Reise von Laura Lindemann

Der Kampf für ein besseres Morgen von Julia Ehren

Das Stück „WAIGNEDEH“ des tschadischen Choreografen Taigué Ahmed und der von ihm gegründeten Organisation Ndam Se Na scheint bereits im Foyer des tanzhaus nrw zu beginnen. Es stehen maskierte Personen inmitten des Publikum-Tumults. Sie sind in einen kuttenartigen Baumwollsack eingehüllt, bloß zwei Löcher für die Augen lassen Haut durchblitzen. Statt Mund, Nase und Ohren schmücken von Stoff überzogene Hörner die Köpfe. Unabhängig davon, ob man einen Vergleich mit Science Fiction-Figuren, Außerirdischen oder gerüsteten Kämpfern aufstellt, die maskierten Figuren fallen auf, weil ihr Gesicht verfremdet ist. Man entfernt sich lieber drei Schritte von ihnen als auch nur einen auf sie zuzugehen. Dabei weiß noch niemand, wer sich darunter befindet. Zu Beginn des Stückes auf der Großen Bühne des tanzhaus nrw wird erkenntlich, dass sich fünf tschadische Tänzer mithilfe der Kostümierung unkenntlich gemacht haben. Einer von ihnen bleibt am Bühnenrand stehen. Dem Publikum möglichst nah entblößt er als erster sein Gesicht. Zwei in dem gedämmten Licht besonders hell wirkende Augen starren ins Publikum. Die Science Fiction-Figur, der Alien, der Kampfgerüstete erhält nun eine humane Individualität. Die materialistisch betrachtet reduzierte Kleidung der Tänzer – leichte Stoffe in ausgewaschenen Farben und der Verzicht auf Schuhe – können als Verweise auf die Bewohner eines Flüchtlingscamps im Tschad betrachtet werden, denn diesen Ort besuchten die Künstler*innen bei ihrer Recherchereise für das Stück. Doch ohne Vorwissen über Taigué Ahmeds Arbeit in Flüchtlingscamps wäre dieser Bezug schwer herzustellen.
Während der Performance ziehen die Tänzer immer wieder die stachelartige Maske auf und ab. Die Maske stellt eine Requisite zur Symbolisierung von Verfremdung und Individualisierung dar. Eine weitere bilden mehrere grell-orange Planen. Glatt gefaltet, über den Arm eines Tänzers gehängt dient sie als schützende Mauer, hinter der er sich verstecken und hervorlugen kann; mit Vorsicht und gestreckten Armen in die Höhe gehalten, verleiht ein anderer Tänzer dieser einen ehrwürdigen Charakter. Differente Bewegungsmuster, Körperhaltung und Umgang mit der Plane führen zu individuellen Strukturen. Manchmal ist ein Performer ganz auf sich und seinen Tanzstil fixiert, wobei ein expliziter Stil kaum erkennbar wird. Popping, Zeitgenössisch, Coupé-Decalé und afrikanischer Traditionstanz vermischen sich durch die stetige Fokussierung auf die Planen. Oft trifft ein Tänzer in seiner Bewegung auch auf einen oder mehrere andere Tänzer. Daraufhin werden Bewegungsmuster, meist in Verbindung mit einer Plane, ausgetauscht, angenommen und widergespiegelt. In verhältnismäßig wenigen Momenten des Stückes tanzen alle fünf synchron. Und auch dann dauert es nicht lange, bis einer wieder für sich alleine tanzt. Mal erinnern ihre Bewegungen an einen Zweikampf, mal werden die Köpfe aneinander gehalten, als würden sie sich gegenseitig stützen, bis sie ihren eigenen Weg wieder fortsetzen. Dieses Bewegungsschema prägt die Choreografie des gesamten Stücks. Immer wieder verleihen die Tänzer der Plane amorphen Charakter, tauchen darunter ab, zerknüllen sie, tanzen mit ihr oder um sie herum und kreuzen oder umgehen das Tanzen der anderen Performer. Der Verweis zu Camps geflüchteter Menschen liegt hier nahe: So kann die Plane für das Dach über dem Kopf, nach welchem sie sich lang gesehnt haben oder für den begrenzten Raum, den sie sich mit allen zusammen teilen müssen, stehen. Die Bilder, die die Situation von geflüchteten Menschen und ihrem Wunsch nach einem besseren „Morgen“ (so lautet der Stücktitel übersetzt) vermitteln sollen, erscheinen jedoch zum Teil eher repetitiv und dadurch eintönig. Denn leider finden sich ab dem Moment, in dem das Publikum die Bewegungsabläufe und den Fokus auf die Plane einmal erkannt hat, wenige neue Variationen des Bewegungsmaterials.
Plötzlich herrscht absolute Stille und Bewegungslosigkeit. Der kleinste der fünf Tänzer stimmt ein afrikanisches Lied ein. Er schließt seine Augen und lässt seinen Körper von seinem eigenen Gesang mitreißen. Erst jetzt, wo die Bewegungen limitiert sind und die Stimmen der Tänzer den Saal füllen, springt der Funke über. Die fünf Darsteller, die das Leben im Flüchtlingscamp erlebt und nun auf der Bühne tänzerisch vermitteln wollen, bilden durch Melodie, hoffnungsvoller Mimik und gemeinsamen Tanzen eine emotionale Verbindung zwischen den Zuschauer*innen und ihnen selbst. Auch wenn die Bedeutung der gesungenen Wörter für das Publikum unverständlich bleibt, übermitteln die veränderten, nun unbeschwerten und sachten Bewegungen Hoffnung – auf ein besseres Morgen? Auf die Erfüllung von Wünschen? Auf ein Wiedersehen geliebter Menschen? Alle fünf Tänzer steigen mit ein. Es entsteht erstmals ein emotionsgeladenes Bild auf der Bühne. Nun wird den Zuschauer*innen der Gedanke mit auf den Weg gegeben, dass Tanz die Menschen in guten und schlechten Lebenssituationen begleitet und ein besonderes und wertvolles Miteinander erzeugt.

Fünf Tänzer – eine berührende Reise von Laura Lindemann

Der tschadische Choreograf Taigué Ahmed gastiert heute mit seiner Kompanie Ndam Se Na im Tanzhaus NRW und nimmt die Zuschauer*innen mit „WAIGNEDEH“ mit auf eine Reise in den fernen Süden des Tschad. Dort gab er Tanzworkshops in Flüchtlingscamps und begleitete die dort lebenden Menschen in ihrem Alltag. So ist auch die Choreografie entstanden. Aus Sorgen, Hoffnungen, Träumen und einem lebendigen und vertrauten Miteinander.
Die Bühne wird in ein dunkles Licht getaucht. Dunkel, wie das Meer, wenn es am tiefsten ist. Auf ihm liegen grelle, quietschorange Plastikdecken, die zu kleinen Haufen zusammengeknüllt sind. Nacheinander kommen fünf Tänzer auf die Bühne. Sie tragen graue Kutten, die wie schwere Sandsäcke an ihren Körpern hängen. Massive Hauben verdecken ihre Gesichter und entmenschlichen die Künstler. Sie scheinen wie aus einer anderen Welt, zufällig auf den Planeten Erde gestoßen zu sein. Langsam beginnen sich die Tänzer auszuziehen, schälen sich aus ihren Kutten, als würden sie ihre alte Haut ablegen, neu geboren werden. Ankommen.
Unter afrikanischer Musik fangen die Fünf an sich zu bewegen, ihre wachen Augen sind ins Publikum gerichtet. Jeder nimmt sich eine der orangenen Plastikdecken und bewegt sich auf unterschiedliche Art und Weise durch den Raum. Einer versteckt sich unter ihr und kriecht mühevoll über das immer noch schwarze Meer. Ein anderer hält seine Decke wie ein Kind in seinen Armen. Der nächste tanzt mit ihr leichtfüßig durch den Raum. Jeder interpretiert die Decke anders, aber alle scheinen an sie gebunden und in einer Art Symbiose mit ihr zu sein. Die Musik geht aus. Die Bewegungen der Tänzer verlangsamen sich. Nur noch ihr keuchendes Atmen ist zu hören. Im Publikum ist es totenstill. Keine*er wagt sich auch nur ein wenig lauter zu atmen. In den Gesichtern der Künstler zeichnet sich Verzweiflung ab. Immer dichter rücken sie zusammen und verschwinden schließlich gemeinsam unter einer der Decken. Sie straucheln und es scheint, als wären sie in einem Boot, weit draußen auf dem Meer, unwissend was sie auf dem Festland erwartet, aber unglaublich gewillt, dieses zu erreichen. Sie kämpfen sich unter der Decke unentwegt vorwärts. Das funktioniert nur zäh und schleppend. Doch sie kommen an. Schweißüberströmt kriechen sie mit letzter Kraft unter der Decke hervor. Sie sind da. Die Augen eindringlich ins Publikum gerichtet, scheint jeder der Fünf zu realisieren: Ich lebe. Freiheit.
Ihre Körper sind energetisch aufgeladen und die Bühne des Tanzhauses ist plötzlich von einer unheimlichen Power und Kraft erfüllt. Zu traditioneller, fetziger Musik tanzen sich die Tänzer auf eine dynamische und elegante Art und Weise die Seele aus dem Leib. Dabei huscht immer wieder ein Strahlen über ihre einst so ausgelaugten und verzweifelten Gesichter. Ein Strahlen von Glück und tiefer, innerer Zufriedenheit. Einige Zuschauer*innen können nicht anders, als mit den Künstlern mit zu lachen. Die pure Lebensfreude, die auf einmal auf der Bühne herrscht, ist ansteckend. Die Plastikdecken erinnern nun nicht mehr an Boote, die unsicher im dunklen Meer herumtreiben, sondern an energiegeladene Feuerbälle, die die entschlossene Haltung der Tänzer bestärken. Jetzt nehmen die Künstler zu ihrem ausdrucksstarken Tanz ihre Stimme dazu und singen nacheinander die Strophe eines afrikanischen Liedes. Immer lauter, immer eindringlicher. Ihre klaren, tiefen Stimmen sind bewegend. Genau wie das gesamte Stück. Denn nach jedem Stillstand kommt eine Bewegung. „Waignedeh“ ist das Wort für „Morgen“ in Kabalaye, einer Sprache des Tschad. Und dieser ist den 5 Tänzern garantiert. Auch scheint der Morgen für die Veränderung zu stehen. Denn alles ändert sich immer. Nichts bleibt wie es war. Und meistens wird es besser.

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Über „February2018/\“ von Sarah Michelson

Wann: 22.02. + 23.02.
Wo: tanzhaus nrw

Grafik: Sarah Michelson

Verweigerung einer Künstlerin gegen Kapitalismus und die bürgerliche Bühne von Laura Lindemann

Sowohl die Bühne als auch die Zuschauer*innenplätze sind hell erleuchtet. Das werden sie auch die gesamte Show über bleiben. Auch die Türen stehen sperrangelweit offen, so dass der Charakter einer typischen Abendvorstellung im Tanzhaus NRW gar nicht erst entstehen kann. Die Kulisse erinnert an eine andere Welt, fernab von Menschlichkeit und Gefühlen. Vorherrschend sind hier Maschinen. Kleine Spielzeugautos drehen im Rückwärtsgang panisch ihre Kreise. Die surrenden Motoren sind im Publikum gut zu hören. In jeder Ecke der Bühne spielt sich eine eigene Geschichte ab, die jedoch am Ende das „Große Ganze“ bildet. Eine technologisierte und schnelllebige Wirklichkeit. In einer Ecke blinken bunte Lichter unruhig hin und her. In der nächsten laufen an eine Wand projizierte Strichmännchen ziellos ihre Bahnen. Und dann ist da noch der Schatten eines Mannes, der hektisch Klimmzüge zu machen scheint. Das passiert alles unter dem zur Szenerie konträr wirkenden Lied „Oh, let the sunshine.“ Wir befinden uns szenisch im New York der 1970er Jahre. Gespanntes Warten macht sich im Publikum breit und wird schließlich von einer adretten, jungen Frau unterbrochen, die am Bühnenrand steht und immer wieder spitze Schreie ausstößt. Weiterlesen

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