Über „The Way You Look (at me) Tonight“ von Claire Cunningham & Jess Curtis

Wann: 29.04. + 30.04.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen der Reihe Real Bodies

„Körperlichkeit umgedacht“ von Ina Holev

Ein Song aus einer längst vergangenen Hollywood-Ära strömt durch die Lautsprecher. Das Licht ist gedämpft. Die Performer halten sich fest und rollen über den Boden, direkt vor die Füßen der Zuschauer. Ein Bild voller Nähe, Intimität, aber auch Verletzlichkeit entsteht. „The Way You Look (at me) Tonight“ von und mit Claire Cunningham und Jess Curtis, an zwei Tagen im Tanzhaus NRW, ist eine autobiografische Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit – irgendwo zwischen Gespräch, Lecture Performance, Tanz und multimedialer Installation. „The Way You Look (at me) Tonight“ hinterfragt auch die Wahrnehmung von Menschen mit gealterten und vor allem behinderten Körpern in der Gesellschaft und macht sie auf der Bühne sichtbar.

Die aus Schottland stammende Claire Cunningham ist nicht nur Choreografin, sondern versteht sich auch als Aktivistin. Im Alltag und auf der Bühne nutzt Cunningham Krücken und schafft daraus eine neue Bewegungssprache. Sie verschiebt mit Hilfe der Muskelkraft in ihrem Oberkörper eine große Leiter, auf die sie im Anschluss klettert und in berückend schöner und virtuoser Weise ein altes Volkslied singt. Außerdem dreht sie sich um ihre Krücken, wechselt ihre geschmeidigen Schrittabläufe beeindruckend temporeich und zeigt ihrem Bühnenpartner Jess Curtis, wie sie in ihrer spezifischen Körperlichkeit zur Tänzerin wird. „Diese Krücken sind ein Teil von mir“, erklärt Cunningham. Die erklärenden Kommentare sind im ganzen Stück zu finden – oft in der Form von sehr persönlichen Dialogen. Jess Curtis und Claire Cunningham erzählen, was sie im nächsten Schritt tanzen werden und woher ihre Inspiration stammt. Diese multiperspektivische Zugänglichkeit erweitert die Zugangsmöglichkeiten der verschiedenen Besucher.

Dabei beziehen sich Curtis und Cunningham oft auf Impulse aus den aktuellen „Disability- und Queer-Studies“. Cunningham bezeichnet die Krücken etwa als „queerendes“ Objekt, die die Normativität von Körpern sprengt und berichtet, welche Rolle ihre Behinderung in der eigenen Geschlechtsidentität spielt, sie fühle sich etwa in der Queer Community am wohlsten. Auch Jess Curtis berichtet auf humorvolle Weise von einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung, als er nach einem Unfall Krücken benutzt hat. Curtis ist Tanzwissenschaftler und Choreograf, der die Technik der Contact Improvisation maßgeblich mit geprägt hat. Nach einer Hüftverletzung ist Curtis‘ Bewegungsfähigkeit eingeschränkt – dies zeigt er performativ, indem er sich nur bis zur Schmerzgrenze bewegt. Eine Gegenbewegung zu dem oft geforderten Perfektionismus von jungen perfekten Körpern im Tanz. Neben den beiden Protagonisten des Stückes steht auch eine Gebärdensprachdolmetscherin auf der Bühne, die simultan vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Dadurch entsteht eine erneute Perspektive, in der Sprache unmittelbar in Bewegung übersetzt wird. Dazu kommt die Videoinstallation des Philosophen Alva Noë. Jess Curtis und Claire Cunningham schaffen fast eine Reizüberflutung, die aber zeigt: Man kann sich einem Gegenstand, einem Thema, einer Bühnenperformance auf viele verschiedene Weisen und aus verschiedenen Perspektiven nähern.

„The Way You Look (at me) Tonight“ ist eine Performance die nahe geht – nicht nur durch die wortwörtliche Nähe der Performer zum Publikum. Sie zeigt nicht nur zwei sympathische Darsteller, sondern gibt viele Denkanstöße: Welche Bedeutungen haben unsere Bewegungen? Wie beeinflussen nicht nur Geschlecht, Bildung, Herkunft und ethnische Zugehörigkeit, sondern auch Alter und (Nicht)Behinderung gesellschaftlichen Zugang, Wertschätzung und Stellung? Wie stehen all diese Dinge zueinander? Am Ende der Performance laden Claire Cunningham und Jess Curtis die Besucher noch zu einem Gespräch ein. Trotz der Intensität der Diskussion: Alle Fragen können nicht beantwortet, alle Gedanken nicht besprochen werden. Denn: Dazu wühlt „The Way You Look (at me) Tonight“ zu sehr auf, ist zu wichtig, wenn es um die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von und für Körper jenseits von fit, jung und wohlgeformt in der Kunst geht!

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Über „Al baile“ von Juan Carlos Lérida

Wann: 13.04.
Wo: tanzhaus nrw // Dt. Erstaufführung
Im Rahmen des Flamenco Festivals

„Reduziert, isoliert, seziert: Die Ingredienzen des Flamenco“ von Meike Lerner und Sandra Köthemann

Al toque, al cante, al baile – die Gitarre, der Gesang, der Tanz: Juan Carlos Lérida hat sich daran gemacht, die drei Wahrzeichen des Flamenco in seiner Trilogie unter die Lupe zu nehmen. Im Rahmen des diesjährigen Flamenco Festivals feierte der dritte Teil, „Al baile“, im Tanzhaus NRW Deutschlandpremiere. Darin sezieren er und seine zwei Mittänzer, David Climent und Gilles Viandier, den typischen Bewegungskanon: Sie isolieren klassische Stilmittel, verfremden Kontext, Bezug und Rollen und schaffen so heitere bis clowneske Bilder, die dem stolzen Ernst des Flamenco diametral entgegenstehen.
Auch im 21. Jahrhundert ist der Flamenco geprägt von tradierten und institutionalisierten Darstellungs- und Bewegungsriten. Die Rhythmus gebende Beinarbeit, die leidenschaftliche Gestik, die stolze Mimik und die grazilen Armbewegungen: Sie alle folgen einem altem, gelernten figurativem Konzept der Körperlichkeit, des Rollenverständnisses und des Lebensgefühls. Im Vordergrund steht der Flamenco, nicht der Tanz. Das Einstudieren und Perfektionieren von Posen und Figuren, nicht die Kreativität und Improvisation. Für Künstler wie Juan Carlos Lérida scheint diese Tradition zum Korsett geworden zu sein, von dem es sich zu befreien gilt.
Ähnlich wie im klassischen Ballett bestimmt im Flamenco nicht der Körper die Bewegung, sondern die Bewegung bestimmt, wie der Körper zu sein und zu funktionieren hat. „In der Ausbildung lehren sie zu tanzen und bestimmen, wie dein Körper geformt sein muss. Eine Narbe, die ich von der Flamenco-Ausbildung davon getragen habe, ist beispielsweise die, zu tanzen wie ein Mann“, erklärte Juan Carlos Lérida während des Publikumsgesprächs im Anschluss an das Stück.
Offenkundig eine Narbe, die nicht recht verheilen wollte. Denn genau diese Männlichkeit nehmen die drei Tänzer gehörig auf die Schüppe, indem sie die stolzen Posen aus dem Flamenco-Zusammenhang reißen, sie als einzelne Figuren aufgreifen, überspitzen und damit der Lächerlichkeit Preis geben. So stolzieren sie, gekleidet in leuchtendes Pink, teils wie balzende Gockel – untermalt von Hühnergeschnatter – umeinander und gegeneinander und posen, was das Zeug hält. Das mag albern wirken, wären da nicht die Präzision und das Talent der Tänzer, die einen daran erinnern, dass nur diejenigen eine gelungene Übertreibung durch Reduktion erreichen, die ihre Kunst perfekt beherrschen.
Wobei das in diesem Fall tatsächlich nur auf Juan Carlos Lérida zutrifft, denn sowohl David Climent als auch Gilles Viandier sind keine ausgebildeten Flamenco-, sondern zeitgenössische Tänzer. Und damit bringen sie für Lérida genau die Impulse in das Stück ein, die er im Flamenco schmerzlich vermisst, nämlich Spiel und Spontanität in der Bewegung. Letztlich stellt sich schließlich Frage, was den Flamenco ausmacht: Die bloße Geste oder eben das Spiel mit der Geste, der Haltung und der Bewegungen. Welche Möglichkeiten das Spiel und die Spontanität für den Tanz eröffnen, zeigen die Tänzer, indem sie prägnante Bewegungen diverser Sportarten – zum Beispiel den Ballschuss beim Fußball – in ihre Choreografie einfließen lassen und damit beweisen, dass die Geste an sich noch kein Tanz, der Tanz aber das Spiel mit den Gesten ist. Und mit der Musik. Lérida „leiht“ sich für sein Stück temporär Klassiker diverser Epochen, um zu schauen, wie der Flamenco-Körper auf den Stilbruch zu „Schwanensee“, „Le Sacre du Printemps“ oder „Staying alive“ reagiert und wie die Musik hilft, das enge Flamenco-Korsett abzulegen.
Damit ist das Sezieren des Körpers im Flamenco aber noch lange nicht abgehandelt. Zum Ende lassen die Tänzer die an Fleischfarben erinnernden, pinken Anzüge fallen und streifen damit auch die Flamenco-Hüllen ab: Sie betasten sich, beurteilen, bewerten ihre Körper und Bewegungen, zupfen an überflüssigen Pfunden und klopfen sich stolz auf das Sixpack. Sie verschmelzen miteinander und mit der einzigen Bühnenrequisite, den wie Tierkadavern an Haken aufgehängten Papierstreifen, die wie eine zweite Haut oder das Muster eines Maßanzugs übergestülpt werden. Ob daraus neue Gewänder werden und wenn ja, welche Konzepte daraus entstehen, bleibt offen.

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Über „True Colors“ von Alida Dors

Wann: 02.04. + 03.04. + 04.4.
Wo: tanzhaus nrw // Dt. Erstaufführung
Im Rahmen der Reihe Melancholie und Muskeln

„Was vom Ich übrig bleibt“ von Meike Lerner

Die alte Binsenweisheit, dass sich niemand selbst malen kann, gilt in Zeiten von Instagram & Co. längst nicht mehr. Scham- und schonungslos werden perfektionierte Alter Egos mittels retuschierter und inszenierter Fotos in der digitalen Welt geschaffen. Aber was passiert eigentlich mit dem analogen Ich, wenn es vom digitalen Klon überflügelt wird? In Alida Dors Stück „True Colors“ wird es ungemütlich und traurig für die fünf jungen Tänzer ihrer niederländischen Kompanie BackBone, die im Laufe der Inszenierung – eher unfreiwillig – ihre „echten Farben“ hinter den auf die Bühne projizierten Hochglanzporträts offenbaren.
Eine der anstrengendsten Eigenschaften der digitalen Welt überträgt die Choreografin, gewollt oder ungewollt, auf das Konzept des Stücks: das Buhlen um Aufmerksamkeit unterschiedlicher Protagonisten, in diesem Fall unterschiedlicher Kunstformen. Mit Tanz, Theater, Spoken Word Performance, Operngesang und Videoinstallation gibt es in 60 Minuten Input im Überfluss. Was der Aufmerksamkeitsspanne eifriger Smartphone-Nutzer kognitiv entgegenkommen mag, ist für die Wahrnehmung der einzelnen Künstler und Performances durch den Zuschauer stellenweise hinderlich – obwohl sich die einzelnen Parts ergänzen und aufeinander aufbauen.
„Wer sieht noch, was sich hinter den beschlagenen Fenstern der Seele verbirg?“ fragt Spoken Word Künstler Guus van der Steen melancholisch in seinem Prolog. „Wen interessiert´s?“ scheinen die fünf Tänzer zu Beginn zu fragen, wenn sie zu satten Sounds (DJ Lovesupreme & Silbersee) ihre beeindruckenden Hip-Hop-Fähigkeiten unter Beweis stellen. Und wie es sich gehört, wird auch gebattled – in dieser Konstellation allerdings eher um Pole Positions vor der Handykamera, die die Künstler das Stück über begleitet. Und um die besten Moves, das schönste Duckface, die beste Pose und im Ergebnis die meisten „Likes“, die diese wunderbaren Bilder produzieren sollen.
Gemeinsam auf der Bühne feiert jeder für sich den Spaß, die Jugend und die eigene Großartigkeit. Die Ermüdungserscheinungen lassen bei dem (Tanz-) Tempo und dem Kampf um die meiste Aufmerksamkeit erwartungsgemäß nicht lange warten. Schnell sind Gesichter und Körper verschwitzt, gerät die Mimik außer Kontrolle und werden die Bewegungen langsamer, was dem Zuschauer dank der Kameras nicht verborgen bleibt.
Aber pausieren gilt nicht, oder wie Guus van der Steen es formuliert: „Bleib auf dem Beat, das Leben hat einen Herzschlag von 360 BPM (…) Bis alle Sicherungen durchknallen, mach weiter, gib dein Bestes, optima forma.“ Annäherungen zwischen den Tänzern gibt es nur sporadisch („Wir sein“ gilt als altmodisch), mal treibt die Gruppe auseinander, mal sondern sich Einzelne ab. Unterlegt werden die Bewegungen der Tänzer mittlerweile von sakral anmutenden Sologesängen des Opernsängers Maciej Straburzynksi, der denen, die sich erschöpft vom großen Spiel abzuwenden drohen, ins Gewissen zu predigen scheint, doch noch ein bisschen zu bleiben. Und der Rhythmus der Tänzer ist längst nicht mehr freudig, ekstatisch und individuell, sondern maschinell konform und eintönig. Nach welchem Rhythmus überhaupt getanzt wird, verschwimmt zu dem Zeitpunkt bereits: manchmal im eigenen, manchmal in dem des Lebens und manchmal auch im Rhythmus der wispernden on- und offline Masse, die einzelne Tänzer vor sich her dirigiert.
Und je mehr die Fassade der Tänzer auf der Bühne bröckelt, sie unter dem „Alles ist möglich, mach das Beste aus dir und deinem Leben“-Zwang buchstäblich zusammenbrechen, desto größer und prominenter werden ihre perfekt geschönten Porträtbilder auf die Stoffleinwände der Bühne projiziert. Um diesem vermeintlichen Ideal treu und der Welt sichtbar zu bleiben, geliebt und akzeptiert zu werden, verlieren sich einzelne Tänzer(innen) scheinbar unrettbar in immer krasseren, selbstverachtenderen und sexualisierteren Posen.
„Ja, ja, dein warmes Licht scheint auf jeden, und doch wird es gedimmt für diejenigen, die das Ersteigen der Leiter satt sind.“ Das ist wohl so, das war aber schon immer so – auch im internetlosen Zeitalter.

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Über die Uraufführung „Tenacity of Space“ des DANCE ON ENSEMBLE/Deborah Hay

Wann: 24.03. – 26.03.
Wo: tanzhaus nrw // Uraufführung

#1 Das Zulassen der unbestimmten Zeit von Katharina Tiemann
#2 Metamorphosen räumlicher Distanz von Bastian Schramm

Das Zulassen der unbestimmten Zeit von Katharina Tiemann

„Tenacity of Space“ ist zu Ende und ich sitze wie gefesselt auf meinem Stuhl. Das Stück erscheint mir schlicht, still und unkompliziert – trotzdem weiß ich nicht, wie und was ich denken soll. Ich bin berauscht, entspannt und zufrieden, aber kann nicht verstehen, was passiert ist. „Tenacity of Space“ ist eine Performance, die zugleich ereignislos und aufwühlend, bewegungsreich und still ist, Gemeinschaft thematisiert und zugleich Vereinzelung. Das Stück stellt diese Kontraste heraus, entwickelt sie und löst alles dann wieder auf, bis aus den Stücken ein Ganzes entsteht. Dieses Ganze kann man aber nur verstehen, wenn man dem Tanz seine eigene Sprache anerkennt: Die fünf Tänzer/innen des DANCE ON ENSEMBLE sprechen vor allem mit den Gliedmaßen ihres Körpers und öffnen damit eigene Perspektiven, die keine Wörter benötigen.
Eine der Tänzer/innen zieht ihr Bein hoch an ihren Körper und lässt es auf den Boden fallen, so dass ein Knall entsteht. Ein Händeklatschen verstärkt die Lautstärke des Knalls. Dies wiederholt sich einige Male in langen und unregelmäßigen Abständen. Zwischen den etlichen Wiederholungen scheint die Zeit stillzustehen. Die Minuten dehnen sich aus und langsam macht sich Nervosität im Raum breit. Einige Zuschauer husten, manche rutschen auf ihren Stühlen herum und wieder andere flüstern ihren Sitznachbarn etwas zu. Ebenso langsam wie sich die klatschende Tänzerin voran bewegt, rückt eine weitere hinter der schwarzen Stellwand hervor. Die Glieder der Tänzerin bilden eine abgeschlossene geometrische Form. Ihre Haltung ist starr, ihre Arme sind angewinkelt, die Fingerspitzen berühren ihre Hüften. Sie wirkt nicht abwehrend, aber auch nicht offen oder zugänglich – demonstriert Vollkommenheit. Ihr Körper drückt aus, dass er nicht auf einen weiteren Körper bzw. eine andere Person angewiesen ist. Trotz der Abwehrhaltung nähert sich die klatschende Tänzerin der Verschlossenen an. Nach einiger Zeit löst sich die Starrheit und beide wenden sich einander zu. Schließlich löst sich dieser Abschnitt der Performance auf, indem eine sachte Berührung ausgetauscht wird.
Die Künstlerin und Choreografin Deborah Hay lässt hier das Pendel zwischen dem Ganzen und dem Individuellen hin- und herschwingen, indem sie beide Teile stetig stattfinden lässt. Will sie uns damit sagen: Wir können alleine leben, handeln und uns bewegen, sind aber niemals ohne die Anderen. Das Stück erzählt in Bewegungen und wechselnden Raumkonstellationen Geschichten über den Einzelnen und die Bedeutung von Gemeinschaft. Jedem Tänzer ist ein Bewegungsmuster und damit eine Persönlichkeit eigen. Der Eine geht im Tanz oft in die Hocke, die Andere lässt immer wieder ihren Oberkörper fallen, eine andere hebt das gestreckte Bein. Diese sich wiederholenden Versuchsanordnungen – so wirkt es manchmal: wie ein Versuch – spiegeln wie Eigenschaften der Tänzerpersönlichkeit, ihre Interessen und Abneigungen.
Diese Inszenierung passt wunderbar in die Reihe „Real Bodies“ des tanzhaus nrw, die einen thematischen Rahmen für Stücke fasst, die einen Bezug zu Körpern abseits von gängigen Schönheitsidealen, einem gesellschaftlich erzeugten Anspruch an Perfektion oder Altersgrenzen formulieren. Das DANCE ON ENSEMBLE legt Wert darauf, die Bedeutungen erfahrener Tänzer zu betonen und die Ansicht infrage zu stellen, Tänzer müssten mit einem gewissen Alter aufhören, sich künstlerisch zu betätigen. Deborah Hay verarbeitet die Bedeutungen von Erfahrung, Alter und Reife in einem zarten Ton und ohne moralischen Zeigefinger. Es gibt keine Musik, keinen eindeutigen Handlungsverlauf und kein abruptes Ende. Das Einzige, was in den teils langatmig geratenen Einzelsequenzen der Performance stattfindet, sind feine Entwicklungen. Indem die Zuschauer auf die Probe gestellt werden und dem Warten auf ein Ereignis regelrecht ausgesetzt sind, das letztlich nicht einsetzt, nimmt Deborah Hay die Zuschauer sanft mit. Diese Entdeckung der Schönheit des Wartens ist, was mich über die Vorstellung hinaus begleitet und dessen Bedeutungen mich lange beschäftigt hat. „Tenacity of Space“ ist eine Herausforderung für ein Zulassen des Nicht-Verstehens auf unbestimmte Zeit.

Metamorphosen räumlicher Distanz von Bastian Schramm

Deborah Hay, geboren 1941, zählt inzwischen seit über 50 Jahren zu den Vorreiterinnen des im weiteren Sinne zeitgenössischen Tanzes. Sie hat in der Kompanie von Merce Cunningham getanzt, gehört zu den Gründungsmitgliedern des Judson Dance Theatre und ist bekannt für ihre experimentellen Arbeiten, die oft interdisziplinär und reflexiv angelegt sind.
Diese Stichworte treffen auch auf die Choreografie zu, die unter dem Namen „Tenacity of Space“ im tanzhaus nrw zu sehen war. Wie der Name des Stückes bereits suggeriert, behandelt die Choreografie den Raum nicht bloß als eine passive und unbewegliche Unterlage, sondern betont viel mehr seinen dispositivischen Charakter – also den Raum als die Voraussetzung für das, was sich in ihm ereignet. Bestimmte Medien – hier im weiten und wörtlichen Sinne gemeint, also als ein Mittel, in dem sich etwas vermittelt oder ereignet – erzeugen bestimmte Rauschphänomene, so wie die Schallplatte in der Leerrille beharrlich ihre Präsenz durch Knistern und Knacken ins Ohr der Zuhörenden einschreibt, wird in „Tenacity of Space“ der Raum zum Klingen gebracht. Dies geschieht unter anderem durch den Einsatz von Mikrofonen, mit deren Hilfe Echos der Geräusche erklingen, die auf der Bühne und im Zuschauerraum entstehen. Dabei wird deutlich, warum solche künstlich erzeugten Echos in der Tontechnik auch als „Room Emulation“ bezeichnet werden: Der Raum bekommt eine fast unendliche Tiefe, die durch das minimale und dunkel gehaltene Bühnenbild noch verstärkt wird. Von Zeit zu Zeit erfüllt hermetisch und sinnfrei wirkender Gesang der Darsteller den Raum mit allumfassender Präsenz, spätestens an dieser Stelle ist man als Zuschauer mit in diesem Medium, das so beharrlich ist. Und man bleibt sich der Präsenz des Raumes permanent bewusst, auch wenn die Scheinwerfer zwischendurch ausgehen oder das Bühnenbild sich auf fast unmerkliche Weise verschiebt. In diesem Raum wirken die Tänzer verloren und eingeschüchtert, ihre Bewegungen beschränken sich bis auf wenige Ausnahmen auf minimale Gesten, fast subliminal wirkende Auslenkungen. In der Selbstbeschreibung ihres Stückes spricht Deborah Hay davon, dass es ihr nicht um das individuelle Vermögen der Tänzer angekoppelt an ihren Körper als Technik, geht, sondern um „die schonungslose Wahrnehmung von allem in ihrem Blickfeld, was ihre bewegten Körper unterstützen kann“. Das Stück wird damit zu einer spezifischen Erforschung des Verhältnisses von Körper und Raum. Dabei verbleibt der Gestus jedoch nicht bei „technical terms“, sondern nimmt sich die Freiheiten, die der Tanz als Erkenntnismedium bietet. Das Stück ist trotz seiner Subtilität, aus der dem Affektiven-in-Beziehung-stehen mit der persönlichen Situation der Tänzer zeitweise zum Lachen komisch, andererseits wird man sich der affektmobilisierenden Dimension der Ko-Präsenz mit anderen Menschen bewusst, wenn einige der Darsteller beginnen, auf der Bühne zu weinen und von ihren Mitdarstellern durch Annährungsversuche getröstet werden. Auch als Zuschauer ist man dann unter Auflösung der „vierten Wand“ ganz nah und im Geschehen. Deborah Hay beweist damit, wie Tanz als Erkenntnismedium fruchtbar gemacht werden kann. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse weisen in Richtung eines tiefen „entanglement“ – einer Solidarität der Seienden, einer Verbindung, die sich aus der unmittelbaren Unausweichlichkeit des Daseins ergibt und zur Sorge um sich und Fürsorge für andere führt.
Diese Nutzbarmachung, die oft unter dem Begriff des „artistic research“ – der künstlerischen Forschung firmiert, wird als Paradigma vielen aktuellen künstlerischen Positionen und im Besonderen auch im zeitgenössischen Tanz voran gestellt. Der Prozess der Entstehung von Wissen soll für Methoden und Praxen geöffnet werden, die nicht zum klassischen operativen Besteck wissenschaftlicher Diskurse zählen. Für die Kunst und den Tanz bedeutet das zunächst einmal eine Emanzipation von dem, was als die bürgerliche Fetischisierung des Kunstwerkes bezeichnet wurde. Ein Fetisch kann nicht für sich selbst sprechen und wird in eine ausbeutende Passivität gedrängt. Wird der Kunst nun die Fähigkeit zur Produktion von Wissen zugestanden, löst sie sich aus ihrer Position als Produktionsmaschinerie für ästhetisch-kontemplatives Schmuckwerk. Die Kunst erhält damit auch eine spezifische Teleologie in Bezug auf die gesellschaftliche Wissensordnung und eine diesbezügliche Verantwortung. Diese Entwicklung ist im Grunde als ein Aufbegehren des zuvor Unterdrückten, Sprachlosen und jenseits der Diskursgrenzen stehenden zu begreifen und steht damit in enger Verbindung und Verknüpfung mit anderen, dekonstruierend vorgehenden Bewegungen dieser Zeit. Dass diese dekonstruktiven Tendenzen die sich auf bestimmte Essentialismen und verknöcherte Gesellschaftsordnungen beziehen, als positiv und wünschenswert bewertet werden können, ist klar. Doch birgt diese neue Ausrichtung künstlerischer Produktivität auch die Gefahr, die teleologische Ausrichtung auf ein spezifisches Erkenntnisinteresse zu hoch einzuschätzen und dabei Kunst bloß noch als Mittel für bestimmte Zwecke zu verstehen. Wenn dies passiert, gleicht sich die Kunst den Wissenspraxen an, die sie zuvor kritisiert hat und verliert dadurch ihren spezifischen Mehrwert.
Worin dieser Mehrwert liegt, den künstlerische Forschung nutzbar machen kann, kann am Beispiel des Stückes von Deborah Hay nachvollzogen werden. Es ist die Möglichkeit, ohne zuvor einen bestimmten Rahmen fest abzustecken, frei mit bestimmten Themen zu arbeiten und sich dabei von strukturellen, aber auch ästhetischen Vorannahmen und im Prozess entstandenen Feststellungen leiten zu lassen. In diesem Sinne wird das das spezifisch Poetische als Schaffenspotential entfesselt und produktiv. Dies eröffnet die Chance eines unvermittelten Arbeitens mit Materialitäten und die Möglichkeit, solche materiellen Fragmente aneinander zu reihen und damit ein kraftvolles Momentum aufzubauen, ohne die Fragmente vorher nahtlos vernetzen oder gar in ein bereits vorgefundenes (wissenschaftliches) Schema einstricken zu müssen. Kunst und Tanz müssen keine Erklärungen oder feste Wissenssätze liefern, sie müssen nicht metaphysische Erkenntnisinstanzen werden, die die Phänomene aus der Distanz betrachten. Die Künste sollten es – wie in diesem Stück – viel öfter als ihre Stärke begreifen, dass sie sich in der Welt ereignen und sich an ihrem prozessualen Werden beteiligen und sich so aktiv in der Metamorphose der Phänomene einbinden. Ein Beitrag zu den wichtigen Diskursen unserer Zeit entsteht dabei dann ganz von selbst.

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Über „RATS“ von fABULEUS/Ugo Dehaes

Illustration: Wienke Treblin

Wann: 03.03. – 04.03.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen von You’re a cyborg but that’s ok #2

„Dancing drones“ Eine Reportage von Wienke Treblin

Drohnen drohen. Dies ist meine erste Assoziation. Ich denke an unbemannte Luftfahrzeuge, die Bomben werfen oder Menschen ausspionieren. Auf der Bühne – ich sitze in der ersten Reihe ganz nah am Geschehen – befinden sich Drohnen, die sich nacheinander in die Luft erheben. Eine Drohne, die fliegt, erzeugt ein Geräusch. Und eine Luftbewegung. Hier fliegt, nein steht ein Schwarm dieser künstlichen Insekten in der Luft. Und die Geräuschkulisse, die durch diesen Schwarm erzeugt wird, ist unglaublich – ich schließe kurz die Augen und sehe mehrere Bienenschwärme vor mir, die immer wieder auf mich zu, von mir weg und um mich herum schwirren. Meine Haare werden förmlich durch den Fahrtwind bewegt. Ich habe ein bisschen Angst!
Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich, dass die Drohnen sich beginnen in der Luft zu formieren. Das ursprünglich monoton brummende Schwarmgeräusch hat sich unbemerkt in einen Soundteppich verwandelt. Die ferngelenkten Flugkörper erzeugen diesen Klangteppich: the soundtrack of the dancing drones.
Das Drohnen-Ballett wird nicht nur seitens des Publikums beäugt. Die finnische Tänzerin Jenna Jalonen befindet sich von Anfang an in unmittelbarer Nähe zu diesen kleinen Maschinen. Sie hält Kontakt mit ihrem Blick, der durchdringend wirkt und zugleich eine unsichtbare Verbindung zwischen Frau und Flugobjekten herstellt. Als sie sich zu der schwebenden Truppe gesellt und ihren eigenen Tanz beginnt, scheint es, als würden Tänzerin und Roboter in einer besonderen Bewegungssprache miteinander kommunizieren. Es entsteht eine ganz eigene Form der Ästhetik, etwas Fremdartiges, verbunden mit Anmut und Weichheit. Sie dirigiert die Drohnen förmlich. Ein intensives Pas de deux mit einer Drohne – vielleicht die Königin des Schwarms? – beginnt. Nicht von dieser Welt, fesselnd und viele Fragen entstehen für uns Zuschauende: Wer dominiert hier wen? Reagiert die Tänzerin auf die Maschine oder umgekehrt? Gibt es etwa einen geheimen Plan?
Der Zweitanz endet. Jenna Jalonen verschwindet unter einer Bank und mit ihr die Drohnen – der Spuk ist vorbei, und nach und nach kriechen und klettern sieben jugendliche Tänzer, fünf Mädchen und zwei Jungs aus ihren Höhlen an die Oberfläche. Sofort befinden wir Zuschauer uns mit diesen jungen Menschen auf der Straße, vielleicht in der Vorstadt, Straßentänzer, die zeigen, was sie drauf haben. Und da geht einiges! Scheinbar mühelos und vollkommen lässig wird hier in immer wieder wechselnden Konstellationen gezeigt, was Urban Dance sein kann, Breakdance, HipHop, Ragga – die Styles und Moves vermischen sich. Und ich bin nicht die einzige im Publikum, deren Füße fast automatisch mitgrooven. Die Begeisterung der Tänzer überträgt sich unmittelbar auf das Publikum: Hier tanzt das Leben! Die jugendlichen Tänzer kopieren sich gegenseitig, ermutigen sich, necken sich, messen sich miteinander und das passiert als Solo, manchmal als Duett selten alle sieben zusammen. Gekonnt und offensichtlich mit viel Spaß zeigen sie sich gegenseitig ihre individuellen Tanz-Techniken und greifen immer wieder Elemente der anderen auf, variieren sie, machen sie sich zu eigen. Sie gehen Verbindungen miteinander ein und lösen sich wieder voneinander.
Jenna Jalonen erscheint und der Beat der Musik verändert sich. Die zeitgenössische Tänzerin erscheint und der Beat verändert sich. Sie wirft sich zwischen die Urban Dancer und es scheint so, als wolle sie, ähnlich wie bei den Drohnen, die Herrschaft übernehmen. Sie steigt mit ein in die Bewegungen der Jugendlichen, aber obwohl sie scheinbar sehr ähnliche Gesten und Schritte macht, wirkt die Choreografie bei ihr gänzlich anders. Sie transformiert Breakdance- und HipHop-Moves in etwas Neues. Die Straßentänzer reagieren– ordnen sich ihr unter und dann wieder nicht. Eine Battle ist das nicht, eher ein Versuch, eine neue Tanzsymbiose zu beginnen, eine neue Art der Verbindung. Am Ende bin ich begeistert von der tänzerischen Leistung aller Beteiligten und der Anblick der Drohnen, ihre Nähe beschäftigt mich nachhaltig. Aber ein wenig ratlos fühle ich mich auch, weil ich Zusammenhänge suche, Antworten auf verschiedenste Fragen finden möchte wie: Stellt Jenna Jalonen die Verbindung vom Digitalen zum Analogen dar? Vom Künstlichen und Menschlichen? Ist das Ganze ein Hinweis auf Alltagsautomatismen? Aber diese Fragen sind nicht quälend und vielleicht auch genau beabsichtigt, denn so gibt es als Nachtisch nach dem ästhetischen Genuss auch noch eine Kleinigkeit zum Grübeln. Und das gefällt mir.

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Über die Urban Dance Battle „Juste Debout Germany“

Foto: Eva Berten Photography

Wann: 18.02.
Wo: tanzhaus nrw

#1 An event for everyone von Claudia Karmann
#2 Juste Debout – Ein Tag mit den Geschichtenerzählern der Generation Millennium von Johannes Niehaus

An event for everyone von Claudia Karmann

Auf dem Weg von der Haltestelle „Worringer Platz“ die Erkrather Straße hoch, sehe ich bereits drei Männer, die mir sofort ins Auge fallen. Sie tragen hochgekrempelte adidas Trainingshosen, zu große Kapuzenpullis und farblich abgestimmte Sneakers. In ihren Einkaufstüten, das sieht man deutlich, befindet sich eine Menge an koffein- und taurinhaltiger Getränke. Mit einem Döner in der rechten Hand verlassen sie den Kiosk an der Ecke, während sie sich gut gelaunt auf Englisch unterhalten. Würde ich mich hier nicht auskennen, könnte ich mich ruhigen Gewissens an die Fersen dieser Männer hängen, denn eins ist sicher: Da wo sie hingehen, da will ich auch hin! Und tatsächlich ist es so. Bereits nach einigen Metern lassen sich zaghafte Bässe vernehmen und – während die Melodien immer lauter und die Parkmöglichkeiten immer knapper werden – erreichen wir das Einfahrtstor des tanzhaus nrw. Was sich dahinter verbirgt, lässt mein Herz höherschlagen: eine riesige Ansammlung an Menschen, die gar nicht erst darauf warten, dass die Veranstaltung beginnt. Sie brauchen keine Bühne und kein Rampenlicht. Die wahre Show spielt sich bereits hier auf dem Parkplatz ab. Gemeinsam tanzen und jamen sie, einige sind breites miteinander bekannt, andere lernen sich grad zum ersten Mal kennen, Dritte sind breites so prominent, dass sie mit anerkennenden Blicken beobachtet werden. Kamerateams und Fotografen soweit das Auge reicht. Die Eingangshalle ist vollkommen überfüllt. Menschen stehen an, nicht um Eintrittskarten zu kaufen, sondern um sich, mit der Hoffnung die Tänzer doch noch hautnah erleben zu können, auf die Warteliste setzten zu lassen, denn die gesamte Veranstaltung ist ausverkauft.
Bei der diesjährigen Juste Debout Tour gibt es weltweit insgesamt 12 Events, unter anderem in Shanghai, Tokyo, London und Oslo, bei denen sich die Teilnehmer für die entscheidende Endrunde in Frankreich qualifizieren können. Am 18.02.2017 findet die deutsche Vorentscheidung im tanzhaus nrw in Düsseldorf statt. Unzählige mutige Tänzer treten gegeneinander an, nur wenige kommen durch die Preselection (Sichtungs- und Vorentscheidungsrunde), und ein Ticket für das große Finale in Paris gibt es nur für die Gewinner der jeweiligen Kategorie. Zur Auswahl stehen Locking, Popping, House, Experimental und natürlich HipHop – ziemlich unterschiedliche Kategorien mit noch unterschiedlicheren Reaktionen des Publikums. Während die Zuschauer mit großen Augen die abrupten, fast maschinell wirkenden Bewegungen und die unfassbare Körperbeherrschung im Popping beobachten, und die angeheizten HipHop Battles anfeuern, breiten sich sofort gute Laune und strahlende Gesichter im Publikum aus, als die ersten House und Locking Duos die Tanzfläche betreten. Es sind positive und fröhliche Tanzstile auf Gute-Laune-Rhythmen, dass es so scheint, als seien Ausdrücke wie „Anspannung“ und „Nervosität“ im Gefühlsrepertoire dieser Tänzer gar nicht erst vorhanden. Kein Wunder, dass da sogar die Judges (Jurymitglieder) nicht still sitzen bleiben können.
Die weichen Sitzgelegenheiten im Zuschauerraum sind bei zeitgenössischen Tanzaufführungen vielleicht heiß begehrt, bei Juste Debout jedoch irgendwie überflüssig. In jeder freien Ecke des tanzhaus nrw wird an diesem Tag getanzt: egal ob im Foyer, auf dem Vorplatz oder neben dem DJ-Pult, ob in Grüppchen oder alleine, ob zur Beruhigung oder um die Teilnehmer anzufeuern, alles bewegt sich. Und wer nicht tanzt, quetscht sich in einem Sitzkreis so nah um die Tanzfläche herum, dass die Menschenmenge mehrmals zurückgewiesen werden muss, um den Teilnehmern mehr Platz zu lassen. Keinesfalls aber wird dies als störend empfunden; die Leidenschaft der Zuschauer ist mehr als willkommen. Wer sich schweigend auf die Sitze verkriecht, wird vom Moderator aufgefordert wieder aufzustehen:
In eigenen Worten dann etwa: Es ist egal wer du bist. Du bist hier und gehörst dazu. Wir zusammen als Ganzes sind Juste Debout! Ob du Zuschauer oder Teilnehmer, Anfänger oder Fortgeschrittener, Mann oder Frau bist, das ist hier nicht wichtig. Künstler kommen auf die Fläche und niemand fragt nach Nationalität, Herkunft, Religion oder Alter. Anerkennung, Respekt und Herzlichkeit stehen hier jedem zu. „Tell us your story“, erzähl uns deine Geschichte – fordert der Moderator jeden Teilnehmer auf, der die Bühne betritt. Die Möglichkeit zu zeigen wer man ist, sich individuell zu präsentieren ohne sich verstellen zu müssen, ohne gegen Vorurteile ankämpfen zu müssen, das ist es, was mich am Ende der Veranstaltung mit einem guten Gefühl nach Hause fahren lässt. Zu wissen, dass es noch genügend offene und gutherzige Menschen gibt, in einer Welt, in der so viel passiert, ist doch irgendwie beruhigend.

Juste Debout – Ein Tag mit den Geschichtenerzählern der Generation Millennium von Johannes Niehaus

So habe ich den Großen Saal des Tanzhaus NRW noch nie erlebt. Wo sonst in Dunkelheit getauchte Reihen von Zuschauern dem Bühnengeschehen folgen, angestrengt, keinen Laut zu machen, bietet sich am 18.02.17 ein anderes Bild: Der Saal bebt, die Szenerie ist alles andere als statisch und die Musik ist so angenehm laut, dass man die Bässe überall im Körper spüren kann. Die Rhythmen sind funky, wechseln sich ab mit stolpernden Hip-Hop-Beats, die Kick-Drums sind hart, massieren die Seele. Der Flow der Tunes ist voller treibender Energie. Man kann nicht anders, als sich selbst wie ein Tänzer zu fühlen, wenn man sich zu dieser Musik bewegt, wogegen man sich nicht wehren kann, weil die Musik so in den Körper geht und weil der Spirit der anderen Zuschauer so verdammt ansteckend ist. Wenn man einen Moment verweilt, die vielen überwiegend jungen Menschen (endlich mal ein Format für junge Leute, das wirklich von jungen Leuten bevölkert ist) und ihre Interaktion beobachtet, kommt einem wie von allein dieser zwar völlig überstrapazierte, aber in diesem Fall mehr als angebrachte Ausdruck des Multi-Kulti-Miteinanders in den Sinn. Und noch etwas: Der pessimistische Blick auf unsere Generation der Millenials wirkt hier einfach nicht angebracht. Niemand ist hier passiv, niemand ohne klares Ziel. Die Teilnehmer des Juste Debout brennen für etwas – für Tanz.
Juste Debout in Düsseldorf ist der deutsche Vorentscheid für die Meisterschaften im Urban Street Dance. Über einen Zeitraum von drei Monaten finden die Qualifikationsrunden in 12 Ländern auf der ganzen Welt statt und mobilisieren jährlich mehr als 4000 Tänzer/-innen zur Teilnahme. Sie treten in den Disziplinen des Funk-Styles (Locking, Popping), des Hip-Hop Dance (B-Boying, Hip-Hop), des House-Dance und einer freien Ausprägung (Experimental) an, um sich für das Finale in Paris zu qualifizieren.
Vor einer Jury aus Experten der verschiedenen Sparten tanzen sie jeweils zu zweit. Auf die Musik haben sie keinerlei Einfluss. Die scratchenden DJs an den Turntables entscheiden aus dem Moment heraus und fordern die Tänzer jedes Mal aufs Neue heraus, das Hier und Jetzt zu spüren, aus dem Moment heraus zu tanzen, Impulse der Musik aufzunehmen und diese im Körper zu verarbeiten. Die Tanzenden sind dabei in ständiger Interaktion mit der Jury und dem Publikum. Zwar ist eine einstudierte Choreografie Teil der Pflicht, die Kür jedoch ist es, sich die Bühne zu eigen zu machen, die Crowd anzuheizen, die ganz eigene Geschichte zu erzählen, die niemand sonst besser erzählen kann. So wird an diesem Tag mindestens genau so viel improvisiert, wie bei einer Session in der Düsseldorfer Jazz-Schmiede.
Ich habe an diesem Wochenende drei Gäste aus Marokko. Oubella, Ayman und Adam sind so alt wie ich und kommen schon seit Jahren nach Düsseldorf, um bei Juste Debout anzutreten. Nach einer vierzehnstündigen Reise kommen sie spätabends an, sind aber nur zu zweit. Adam ist wegen „Personen im Gleis“ in Wanne-Eickel gestrandet. Wenn er irgendwo WiFi findet – was in deutschen Bahnhöfen nicht gerade einfach ist – sendet er uns verzweifelte Statusupdates, welchen kalten Ruhrgebietsbahnhof er jetzt erreicht hat. Wir verbringen die Nacht bei Minztee in meiner Küche und hören funky Tunes über eine kleine Boom-Box. Sie erzählen mir, dass sie jeden Tag trainieren. Nach der Arbeit verbringen sie die meiste Zeit zusammen beim Training im Tanzstudio, sind darüber „Brüder“ geworden. Mit 16 haben sie angefangen. Acht Jahre später sagen sie, dass nichts so wichtig war für ihr Erwachsenwerden wie der Tanz. Aber sie reden nicht nur darüber. Es vergehen keine zwei Minuten, in denen nicht einer von ihnen aufspringt und zur Musik improvisiert. Eine tolle Art, jemanden kennenzulernen.
Wir kommen um 12 Uhr im Tanzhaus NRW an. Schon jetzt ist alles hoffnungslos überfüllt. Verzweifelte Tänzer haben die Anmeldung versäumt, versuchen mit Engelszungen, sich noch irgendwie zu registrieren. Zuschauer, die keine Tickets mehr bekommen haben, hoffen auf die Warteliste. Das Adrenalin ist greifbar in der Luft. Für viele ist dieser Tag einer der Höhepunkte im ganzen Jahr. Unser marokkanischer Freund Adam ist immer noch nicht da. Er ist in der S-Bahn eingeschlafen, ist irgendwie in Aachen gelandet, sitzt jetzt aber im – hoffentlich – richtigen Flixbus und kommt rechtzeitig an – inschallah. Aymen und Oubella sind nervös. Ohne Adam haben sie keinen Partner und die Choreografie haben sie auch noch nicht endgültig festgelegt. Adam arbeitet einfach zu viel, hat nie Zeit fürs Training. Um die Nervosität zu vertreiben, tanzen sie. Alle machen das hier. Egal wo man hinschaut, die Menschengruppen bewegen sich dynamischer als anderswo. Tanz und körperlicher Ausdruck in seiner Urform – Kommunikation.
Zwei Stunden später (– Adam hat es noch rechtzeitig geschafft –) beginnen die Pre-Selections. Die Zuschauerränge sind noch mäßig besetzt. Die Besucher und Mitstreiter drängen sich um den rechteckigen Dancefloor, der kopfseitig von einem sich über die gesamte Breite erstreckenden DJ-Pult dominiert wird. Die brodelnde Stimmung ist ansteckend. Eindrucksvolle Moves und Choreografie-Elemente werden lautstark belohnt. Die Jurymitglieder (Boogaloo Kin – Popping; Ben Wichert – Hip-Hop; Kapela – House; Immy Scoo B Doo – Locking) verziehen keine Miene, es umgibt sie diese Aura der Unberührbarkeit. Was ich nicht verstehe: Warum sind da keine Frauen in der Jury? Schade, eine verpasste Chance. Nach und nach treten die Duos an und präsentieren sich und ihre tänzerische Persönlichkeit. Die Bewertung der Jury entscheidet, ob sie sie sich für die 1/8-Finale qualifizieren. In den Bewegungen steckt so viel Persönlichkeit. Sie alle verfügen über den gleichen körperlingualen Sprachschatz, sind aber hochkreativ bei der persönlichen Ausdeutung. Das technische Niveau ist hoch, die Art der Darbietung kennt jede erdenkliche Graustufe zwischen schwarz und weiß.
Die verschiedenen Disziplinen fokussieren jeweils eine bestimmte Ausprägung des Urban Street Dance. Beim House, Hip-Hop und Breakdance sind die Bewegungen groß, die Energie geht stark nach außen, tanzend wird der gesamte Platz der Tanzfläche eingenommen. Die (improvisierten) Schrittkombinationen sind komplex, beinhalten Sprünge und Boden-Figuren. Handstände, Saltos, you name it. Es ist kein Wunder, dass diese Tanzstile in der Pop-Kultur derart kommerzialisiert wurden. Die akrobatische Körperbeherrschung lässt Münder staunend offenstehen und einen die urbanen Vibes einer Großstadt spüren. Die Performances sind cool und sexy, die kompetitiven Gesten sind herausfordernd und eindeutig verständlich. Es wirkt, als würden sie ein Spiel spielen. Wer bringt die Leute mehr zum Toben?
Popping ist anders. Wer sich an den Film „Chitty Chitty Bang Bang“ erinnert, kann sich vorstellen, wie es aussieht, wenn ein Mensch sich gerastert – wie eine mechanisch aufziehbare Puppe – bewegt. Die Muskeln stehen unter ständiger Anspannung, die Bewegungen sind eckig, wirken maschinell. Die Tänzer sind in der Lage, einzelne Körperteile vom Rest des Körpers zu entkoppeln. So kann es vorkommen, dass sich Rumpf und Arme um einen still stehenden Kopf herumwinden, Arme wie abgetrennt in der Luft hängen und es einfach scheint, seine Beine wegzuklappen, auf die Knie zu gehen, mit der Brust den Boden zu berühren und nach einer Körperwelle wieder im Stand zu landen – ausgeführt in weniger als drei Sekunden. Hier beeindrucken mich besonders die Tänzerinnen und Tänzer, die Ausdruck in den kleinen Bewegungen suchen. Wer schon einmal einen Tänzer nur mit seinen Augenbrauen hat tanzen sehen, weiß, was ich meine.
Die Locker tanzen zum selben markigen Funk. Ihr Tanzstil entwickelte sich aus dem Funk-Dance in den USA der 60er Jahre, in denen Stars wie James Brown eine neue tänzerische Qualität entdeckten. Die Easy-Going-Attitude der lockenden Tänzer ist ansteckend, die Gesichter sind entspannt. Sobald es irgendwie schwer ausführbar aussieht, fällt es aus dem Raster. Das locking (Deutsch: verriegeln) ist geprägt vom temporären „Einfrieren“ von Bewegungen. Slow-Motion, Fast-Forwards, Reverse-Moves, etc… Die Locker spielen mit unserer Wahrnehmung von Bewegung und sind die „Clowns“ des Street Dance, die uns mit ihren Körpern sogar Witze erzählen.
Alle diese Tanzarten machen die Ausführenden zu Geschichtenerzählen. Über allem schwebt der Charakter-Wunsch, zu zeigen, warum gerade er/sie der/die beste Tänzer/in im Saal ist. Beim Experimental fließen all diese Tanzstile zusammen. Hier geschieht Storytelling in Reinform. Anders als die anderen Disziplinen, wird diese solo ausgeführt. Die Tanzenden sind gänzlich frei in der Art ihres Ausdrucks. Es ist beeindruckend, dass die Tänzer spontan zur Musik reagieren; die Improvisationen wirken wie – bis ins letzte Detail ausgearbeitete – Choreografien.
Dann beginnen die Battles des 1/8-Finales. Im K.O.-Verfahren treten die Teams gegeneinander an. Der Kampfgeist ist aufrichtig und fair, geprägt von ständigem Austausch der Kontrahenten und respektvollem Zuschauen. Wer bin ich? Doch vor allem: Wer bin ich in der Gruppe? Wer bin ich im Kontakt zu anderen? Alle, die an dem Tag in Düsseldorf antreten, haben Tanz in ihrem Leben und stellen sich in der Beschäftigung damit ständig diese Fragen. Meine marokkanischen Gäste scheiden im 1/8-Finale aus. Sie nehmen es locker, sie monieren nicht die Entscheidungen und gratulieren den Siegern. Fairness ist wirklich groß an diesem Tag. Und alle bleiben, wollen sehen, welche Geschichten die Finalisten zu erzählen haben.
Auch wenn ich nicht geglaubt hatte, dass sich die Stimmung noch weiter aufheizen könnte, sind die Final-Battles ein einziger Rausch aus tänzerischer Energie. An einem Ort, an dem sonst still im Sitz verharrt wird, wenn Menschen Tanz auf die Bühne bringen, wirkt es an diesem Tag, als könnte sich die Aufführungspraxis von zeitgenössischem Tanztheater hier etwas abgucken. Energie multipliziert sich, wenn sie geteilt wird. Im Austausch mit dem Publikum wird neuer Ausdruck geboren.
Juste Debout ist wie ein kleines Fenster, das uns einen Blick in eine große Community aus tanzenden Menschen ermöglicht. Eine Community, in der nicht länger über Themen wie Gleichberechtigung, Toleranz, Multi-Kulti oder Gender geredet wird. Hier wird das Beispiel gelebt, dass es funktioniert. In einer Zeit, in der überall auf der Welt neue Grenzen gezogen und neuer Hass gesät wird, brauchen wir Tanz mehr denn je. Tanz lässt uns einander besser verstehen lässt und zeigt uns, wer wir sind. Aber was wir vor allem brauchen, ist der ernst gemeinte Drang, diese Gesellschaft neuzugestalten. Tolerant und bunt. An diesem Tag bin ich stolz auf meine Generation, die so viel zu bieten hat.

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Über „PARTY“ von Alfredo Zinola und Maxwell McCarthy

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Illustration: Lola Treblin

Wann: 16.02. – 19.02.
Wo: tanzhaus nrw

„Eltern klauen“ von Lola (7)

Wir warteten vor der Tür von Studio 6 im Tanzhaus NRW. Zuerst holten die beiden Tänzer und die Tänzerin unsere Eltern ab, als würden sie unsere Eltern klauen.
Endlich durften wir auch rein. Die Mamas und Papas waren verkleidet mit Masken und nicht mehr zu erkennen. Wir Kinder setzten uns mit den Tänzern in einen Kreis, um uns zu beschnuppern. Jedes Kind lehnte seine Stirn an eine Tänzerinnen- oder Tänzerstirn und wir wünschten uns gegenseitig eine „gute Party!“.
Eine coole Musik ging an. Wir bekamen Neonklebebänder, die wir auf die Kleidung klebten. Wir haben dann „Stop-Wand“ gespielt (Stop-Tanz mit stoppen an der Wand). Ich bin gerast, gehüpft gesprungen und habe getanzt wie wild.
Plötzlich schenkte uns ein Tänzer einen schönen Nebel aus einer Maschine. Ich bin über den Nebelstrahl gesprungen – das hat so viel Spaß gemacht! Von der Decke schienen ganz helle Lichtstrahlen. Unter dem Licht haben wir alle getanzt. Auf einmal kam eine Frau mit einem Wagen mit Wasser. Die Eltern bekamen jeder ein Glas und wir auch. Nach dem Wassertrinken durften die Mamas und Papas mittanzen. Es regnete bunte Federn und die wirbelten durch die Luft.
Es war total toll. Ich hatte viel Spaß und hoffe, die Tänzer hatten auch viel Spaß – es war hervorragend!

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