Über den Workshop Afro HipHop von Kofie Da Vibe

Wann: 27.12.
Wo: tanzhaus nrw

afrolatin
Afro trifft HipHop Ein Erfahrungsbericht von Laura Rinke

Im Rahmen der AfroLatin Dance Days wurde vom 27. – 30.12. die Vielfalt der Tanz- und Musikkulturen Afrikas und Lateinamerikas präsentiert. Zahlreiche Workshops luden zum Mitmachen ein. Einer der ersten, ist der Workshop Afro HipHop bei Kofie Da Vibe.
Um 10:30 stehen die Teilnehmer*innen, darunter auch einige Anfänger*innen, vor dem Tanzsaal und warten mit Vorfreude auf den Beginn ihres Kurses. Einige der angebotenen Workshops werden mit Live-Musik begleitet. Die Rhythmen der Trommeln stimmen die Wartenden schon im Flur ein. Weiterlesen

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Über „Pink for Girls and Blue for Boys“ von Tabea Martin

Wann: 16.12. – 18.12.
Wo: tanzhaus nrw
Reihe Kleine Monster

#1 Pick ’n’ Mix von Charlotte Decaille
#2 Was Kinder über Geschlechterrollen denken (sollen) von Sofia Andersson

Pick ’n’ Mix von Charlotte Decaille

„Pink for Girls and Blue for Boys“ – ein Konzept, an welches sich die Schweizer Choreografin Tabea Martin und die vier Tänzer*innen nur bedingt halten. Die Performance verläuft frei nach der Idee: egal ob biologisch Mann oder Frau, verkörpere das, was dir in den Sinn kommt!
Schüchtern betritt ein leicht bekleideter Tänzer die Bühne. Leicht bekleidet, da er bis auf eine hautfarbene Unterhose und einem um den Kopf gewickelten Handtuch nur eine Mikrowelle in den Armen trägt, die er vorsichtig in der Mitte der Bühne platziert. Drei weitere Performer*innen, ein Mann und zwei Frauen, betreten zielstrebig die Bühne, ebenfalls nur in Unterwäsche und mit unterschiedlichen Utensilien bepackt. Tassen, Pflanzen und Sitzkissen werden in der Nähe der Mikrowelle abgelegt und ergeben ein minimalistisches Bühnenbild. Über einen kleinen Lautsprecher ertönen Jazzsounds, zu welchen sich die Tänzer*innen erst zaghaft dann lebhafter bewegen, während sie in schwarze Ganzkörperanzüge schlüpfen. Es entwickelt sich eine Synchronität zwischen den zwei Tänzerinnen, welche sich gleichmäßig schwingend bewegen, während die zwei Tänzer dominanter, fast schon marschierend auftreten. Um dieser Dominanz noch mehr Ausdruck zu verleihen, stellen sich die Tänzer über die nun am Boden liegenden Tänzerinnen und deuten an, sich auf den Gesichtern der Frauen niederlassen zu wollen. Über diesen anzüglichen Versuch der Annäherung empört, reden sie wütend auf die Männer ein. Aus der Unruhe, die mittels melancholischer Harfenmusik abgemildert wird, bildet sich das „klassische“ Duo von Mann und Frau. Weiche Bewegungen des Balletts bringen die beiden Geschlechter schließlich zusammen. Harmonie, Intimität, ein Kuss zwischen Mann und Frau. Um der männlichen Dominanz ebenbürtig begegnen zu können, versuchen die Tänzerinnen die Tänzer zu tragen. Ihr Scheitern artet in eine extreme Überziehung der Situation aus: „Mädchen sind schwach. Mädchen können nichts alleine. Mädchen haben Angst vor allem. Mädchen können nur eines gut: Weinen.“ Diese Parolen werden von den Performerinnen mit vollster Überzeugung in die Reihen gerufen. Das Publikum ist sichtlich bemüht diese kritischen Aussagen wegzulächeln, da es sich zweifellos um veraltete Klischees handelt, die heute keine unterstützenden Stimmen mehr finden würden. Oder?
Als ob sie diesen Ansichten trotzen wollen würden, kreisen die Tänzer nun lasziv ihre Hüften. Eine Bewegung, die in diesem reizvollen Ausmaß eher mit dem weiblichen Geschlecht assoziiert wird. Anstelle es ihnen gleichzutun, bestätigen die Tänzerinnen ein Klischee, indem sie den Raum mit lautem, kindlichem Weinen erfüllen. Die Tänzer lassen von den Bewegungen ab und wenden sich den Frauen zu. Sie wiegen die Performerinnen beruhigend in ihren Armen. Der Umstand der väterlichen Fürsorge bringt die Männer näher. Sie küssen sich, was zur Aufheiterung der Frauen beiträgt. Die falschen Tränen weichen einem überzogenen, fast schon degradierenden Lachen, welches die Tänzer enorm verunsichert. Ihre Rechtfertigung äußert sich in Wut und in Handgreiflichkeiten, die bei den Tänzerinnen das Verlangen auslösen, sich ebenfalls küssen zu wollen. Neidvoll auf die Zärtlichkeiten der Frauen blickend, stattet sich ein Tänzer mithilfe eines Handtuchs mit den sekundären Geschlechtsmerkmalen einer Frau aus und stimmt mit hoher Stimme ein, als die Performerinnen selbstbewusst rufen „Ich bin eine Frau.“
Die offensichtliche Unklarheit über ihre Zugehörigkeit bringen die Tänzer*innen jetzt zu ihrem Höhepunkt. Ein gepolsterter Schritt, üppige Brüste und ein Bizeps aus Schaumstoff sowie High Heels aus Ziegelsteinen und hier und da eine Schwimmnudel als Accessoire. Zu Róisín Murphys „Ramalama“ schmücken sie sich mit den absurdesten Gegenständen. Der einst herrschende Minimalismus gleicht einem Schlachtfeld der Kostümierung.
Die Performance hat in ihrer Skurrilität alle Hemmungen verloren und bringt endlich Farbe ins Spiel. Die Tänzer*innen trinken das „Gender“ ihrer Wahl, bieten den Zuschauer*innen einen Schluck an, laden sie ein, Offenheit, Toleranz und Neugierde zu zeigen. Doch als würde ihnen der Zwang des Entscheidens nicht schmecken, spucken die Tänzer*innen den Schluck „Gender“ wieder aus. Die Performance ist zwar eine schwer zu verfolgende Abfolge von Emotionen und Eindrücken, doch gleichzeitig auch Medium einer klar formulierten Nachricht: Es sind nicht nur Ideen wie „Pink for Girls and Blue for Boys“, sondern der generelle Gedanke allem unbedingt ein Label aufdrücken zu wollen, von welchem wir uns lösen müssen. Dies müssen wir tun, um uns, und vor allem Kindern, innere und nach außen getragene Konflikte zu ersparen und die Identitätssuche zu vereinfachen – abseits von Stereotypen und veralteten Erwartungen an unser Geschlecht.

Was Kinder über Geschlechterrollen denken (sollen) von Sofia Andersson

Für die Entwicklung von „Pink for Girls and Blue for Boys“ befragte die Choreografin Tabea Martin Kinder zu ihren Erfahrungen mit Geschlechterklischees. Nicht überraschend, dass sie schon Kinder ab dem achten Lebensjahr in die Performance einlädt, um diese Klischees zu hinterfragen.
Der Beginn der Performance ist von einem Gefühl von Leichtigkeit geprägt: Die vier Tänzer*innen füllen den Bühnenraum mit guter Laune. Sie sind nur leicht bekleidet, dennoch treten sie selbstbewusst auf. Spielerisch vollziehen sie den Aufbau des Bühnenbildes, bestehend aus einem zusammengebauten Sofa, einer Pflanze, Wasserflaschen und einer Mikrowelle. Das warme Bühnenlicht gibt den Zuschauer*innen das Gefühl direkt neben den Tänzer*innen auf dem Sofa zu sitzen. Hebefiguren und großflächigen Sprünge der beide Paare bringen die Zuschauer*innen jedoch wieder in eine beobachtende Position. Im Laufe des Geschehens, in welchem die Körper der weiblichen Tänzerinnen alle Höhen und Tiefen durchlaufen, ziehen sich die Performer*innen schwarze Anzüge an. Neutralität scheint der Ausgangspunkt dieser Geschichte zu sein. Jedoch fällt auf, dass nur die Männer die Frauen heben. So bleibt der Rollentausch erfolglos: Die Tänzerinnen sind zu schwach die Tänzer hoch zu heben. Eine Tänzerin beginnt auf Spanisch zu schreien, dann die Nächste, die dabei übersetzt „Frauen sind immer schwach. Frauen können das nicht. Frauen können kein Fußball spielen, oder überhaupt etwas, was mit einem Ball zu tun hat machen. Sie sind dumm und können nichts“. Währenddessen mühen sich die Tänzerinnen ab, die Tänzer zu tragen. Wieder Schreie: „Sie weinen nur“. Und wie auf Kommando fangen die Frauen an zu weinen.
Der Tanz ist geprägt von wellen- und kreisartigen Bewegungen, die eindeutig auch als sexuelle Andeutungen zu verstehen sind. Doch ohne den Umgang mit Sexualität auf der Bühne zu reflektieren, wird schon das nächste Klischee auf die Bühne gebracht. Die zwei Paare begegnen sich. Nach einem heftigen Streit scheint sich nur ein Paar versöhnt zu haben, während das andere nur so tut. Die Paarkonstellation wird schließlich aufgebrochen und aus den Hebefiguren ergeben sich Figuren, die aus drei Personen bestehen, die sich dann auch küssen. Jetzt küssen sich auch nur die Männer und nur die Frauen. Die Aufteilung in Mann und Frau verschwimmt zunehmend.
Nach ohrenbetäubendem Geschrei der Frauen, fangen auch die Männer an zu weinen. Männer können also auch weinen. Doch war das schon alles? Die Performance könnte Stereotypen zu Männern noch mehr thematisieren. Die beiden Tänzer heben sich nun gegenseitig hoch und tanzen miteinander, während die Frauen in der ersten Stuhlreihe sitzen und diese gehässig auslachen. Der von Formationen und Rollen geprägte Tanz scheint wieder Struktur in die Performance zu bringen. Plötzlich fängt ein Tänzer an, opernhaft zu singen: „Ich bin ein Maaaaaann“. Die Tänzerinnen setzen ebenfalls ein und es bildet sich ein harmonischer Chor, der einen an die erste Szene erinnert. Doch etwas passt nicht ganz in das System: Ein Tänzer singt mit hoher Stimme „Ich bin eine Frau“. Er führt dies fort, bis er von dem anderen Tänzer unterbrochen wird. Er singt die falschen Worte. „Alle Mädchen heben die Hand“ ruft eine der Tänzerinnen. Eine Sekunde später folgt der Ausruf eines Tänzers: „Alle Jungs heben die Hand“ Das raffinierte Spiel mit den Zuschauer*innen, lässt sie selbst erkennen, dass sie alle gleichwertig sind: Sie haben alle die Hand gehoben. Schließlich ziehen die Tänzer Styropor und Schaumstoffteile aus dem Sofa. Die Tänzer basteln sich Brüste, die Tänzerinnen Penisse. Zu indisch anmutender Musik verwandeln sich die Performer*innen nach und nach in Katzen, Ritter und Könige. Einer der Tänzer trägt Stöckelschuhe, eine andere Tänzerin verbirgt ihr Gesicht hinter massenhaft Puder. Die vielfältigen Ereignisse auf der Bühne enden in einem bunten Chaos.
Bei „Pink for Girls and Blue for Boys“ tritt keineswegs Langweile auf. Gemischte Gefühlen und auch Unwissenheit bleiben jedoch zurück. So schafft es Tabea Martin nicht, Fragen zu Geschlechterrollen zu beantworten, ganz sicher regt sie aber zum Nachdenken an.

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Über Double Bill mit Elsa Artmann & Samuel Duvoisin und Marie-Lena Kaiser

Wann: 12.12.
Wo: tanzhaus nrw
„Hätten Sie von sich aus die Familie erfunden?“ & „ARIODANTE“

Junger Tanz mal zwei von Laura Rinke
Das rhythmische Geräusch des blauen Trampolins begleitet die Zuschauer*innen während sie am 12. Dezember den kleinen Saal des Tanzhauses NRW betreten um den ersten Teil des Double Bill, einem zweiteiligen Abendprogramm, welches jungen Choreograf*innen gewidmet ist, zu besuchen. Das Choreograf*innen-Duo Elsa Artmann und Samuel Duvoisin hinterfragen innerhalb ihrer Performance „Hätten Sie von sich aus die Familie erfunden?“ das Konzept der Familie. Die fünf Performer*innen springen nacheinander auf das Trampolin und rollen darüber, ganz so, als würden sie einander jagen oder sich erst für die anschließenden Tänze aufwärmen. Es das erste Puzzleteil, dass die fünf Tänzer*innen Elsa Artmann, Samuel Duvoisin, Kelvin Kilonzo, Anne-Lene Nöldner, Diana Treder präsentieren.
Albert Einstein sagte einmal: „Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos“. Getreu diesem Motto, scheinen die Choreograf*innen ihr Bühnenstück, inspiriert von Max Frischs ,,Hätten Sie von sich aus die Ehe erfunden?”, kreiert zu haben. Weiterlesen

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Über „Rendez-Vous“ der fabien prioville dance company

Wann: 08.11.
Wo: NOOIJ DUTCH DELI im tanzhaus nrw
Im Rahmen des Kongresses „Theater und Technik”

fabien prioville dance company_Rendez-Vouz_Foto Mischa Lorenz 1
Das Doppelleben einer Performance von Sofia Andersson
Mit der Virtual-Reality-Performance der fabien prioville dance company erfahren sicherlich viele Besucher*innen eine neue Art der künstlerischen Darstellung. Geht es denn hierbei noch um (Tanz-)Kunst als solche oder um technologische Kunst? Der Zusammenhang bzw. der Unterschied dieser beiden Komponenten waren das Thema des diesjährigen 15. Theater-Kongresses, welcher unter anderem im Tanzhaus NRW stattfand. „Rendez-Vous“ war ein Bestandteil innerhalb dieser Tagung, die sich dem Thema Theater und Technik widmete. Weiterlesen

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Über „Canzone per Ornella“ von Raimund Hoghe

Wann: 30.11. + 01.12. + 02.12.
Wo: tanzhaus nrw
Dt. Erstaufführung

Über unsere Komfortzone Ein Erfahrungsbericht von Gamze Can

Wut, Trauer, Liebe, Freude, Verzweiflung. Wie lebt es sich ohne an ein Morgen, ohne an den nächsten Moment zu denken? Ohne daran zu denken, dass es uns gut geht und anderen schlecht. Wie kann man lachen, während andere weinen? Diese Fragen habe ich mir gestellt, als ich die Deutschlandpremiere von Raimund Hoghes „Canzone per Ornella“ im Tanzhaus NRW gesehen habe. Weiterlesen

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Über „Every Body Electric“ von Doris Uhlich

Wann: 16.11. + 17.11.
Wo: tanzhaus nrw
Reihe Response-ability

#1 Mittendrin von Laura Lindemann
#2 People are People, Bodies are Bodies von Estella Eckert

Mittendrin von Laura Lindemann

Eine Frau und ein Mann wälzen sich auf der Bühne des Tanzhaus NRW hin und her. Ihre Körper sind nackt. Immer mehr Zuschauer*innen betreten den Raum und setzen sich ringsherum um die Performenden. Einige von ihnen scheinen sich anfangs mit der nackten Wahrheit überfordert zu fühlen, wissen nicht, wo sie hinschauen sollen. Einfach, weil es anders ist. Selten sieht man Menschen auf der Bühne so entblößt und dadurch auch so verletzlich. Gleichzeitig herrscht eine Stimmung von Bewunderung, Faszination und Respekt. Respekt vor der Selbstverständlichkeit, mit der sich die beiden auf der Bühne bewegen. Und plötzlich ist auch für das Publikum alles selbstverständlich. Wir befinden uns in dem Stück „Every Body Electric“, choreografiert von der österreichischen Performancekünstlerin und Choreografin Doris Uhlich. Ihre acht Tänzerinnen und Tänzer haben alle eine körperliche Behinderung.
Elektronische Musik setzt ein. Eine Performerin und ein Performer in Rollstühlen lösen die beiden anderen ab. Ihre nun bekleideten Körper pulsieren zur Musik. Wie elektrisch aufgeladen vibrieren sie und ihre Rollstühle. Sie schauen mit klarem, fast schon herausforderndem Blick ins Publikum, als wollten sie es wachrütteln.
Weitere Tänzerinnen und Tänzer kommen auf unterschiedliche Weise auf die Bühne. Einige in ihren Rollstühlen, andere auf Krücken oder mit anderen Gehilfen. Jede*r drückt sich auf die eigene Art tänzerisch aus. Eine junge Frau schmeißt sich aus ihrem Rollstuhl, tanzt ohne ihn auf dem Boden weiter. Ein junger Mann hängt seinen Rollstuhl an ein Seil, sodass er abhebt und in der Luft baumelt. Er selbst tanzt wie elektrisiert. Es ist ein Befreiungsschlag. Die Performenden schieben ihre täglichen Hilfsmittel von sich, sind losgelöst und frei. Ein Ausbrechen aus dem Alltag, vielleicht sogar aus der eigenen körperlichen Einschränkung. Denn die gibt es hier nicht mehr. Auf der anderen Seite beziehen sie ihre ständigen Begleiter in ihre Performance mit ein. Eine Frau legt sich auf den Boden, die Krücken schützend über sich. Ein Mann tanzt in zärtlichen Bewegungen mit seinem Rollstuhl. Die Hilfsmittel werden zu Weggefährten. Freunden. Liebhabern.
Auch wenn alle in ihrem eigenen Tempo tanzen, treffen sich die Blicke der Performenden – sie berühren sich oder haben den gleichen Rhythmus. Es scheint, als würden ihre Herzen im selben Takt schlagen. Die lebensfrohe, bunte Energie im Raum lädt das Publikum zum Mitwippen ein. Für einen Moment verschwimmen die Grenzen zwischen Publikum, Tanzenden, Musik, Raum und Zeit. Dadurch, dass das Publikum um die Tänzer*innen herum sitzt, wirkt es, als wären sie ebenfalls Teil der Performance. Und damit Teil einer gelebten Vielfalt.

People are People, Bodies are Bodies von Estella Eckert

„Every Body Electric“, im November im Tanzhaus NRW zu Gast gewesen, ist ein Rave, eine Party, die Dekonstruktion einer vorgefertigten Idee von Körperbildern, ein politisches Statement, ja, auch eine Provokation! Menschen mit körperlicher Behinderung tanzen in der Kreation der österreichischen Choreografin Doris Uhlich zu treibenden Elektrobeats und Stroboskoplicht in einem arena-ähnlichen Setting. Dass die acht Tänzer*innen im richtigen Leben auf Rollstühle oder Gehhilfen angewiesen sind, hält sie ganz und gar nicht davon ab, mit einem Tanzstück zu touren, an dem sie maßgeblich bei der Entwicklung beteiligt waren. Ihre mechanischen Bewegungshilfen werden dabei weder versteckt noch ignoriert. Sie sind mal Teil der Choreografie, mal nicht. Eigene Rollstühle werden von anderen Performer*innen bestiegen, auseinandergebaut, an einem Karabinerhaken in die Höhe gezogen. Sie changieren zwischen Requisit und als organischer Teil der sich bewegenden Körper. Diese Fluidität, die Uneindeutigkeit machen die Qualität des Stückes aus. Parallelen zwischen „Every Body Electric“ und Jérome Bels Erfolgsstück „Disabled Theater“ werden erkennbar: Jede*r der Performer*innen hat Soloparts, während die anderen als unterstützende Kräfte am Rand der Bühne quasi mittanzen. Es gibt jedoch auch zahlreiche Ensembleleistungen, darunter ein furioser, an einen Autoscooter-Corso erinnernde Rollstuhlperformance. Die Performer*innen stehen als sie selbst auf der Bühne, sie spielen keine Rollen, was auch an ihren aus Alltagskleidung bestehenden Kostümen deutlich wird. Eine vierte Wand muss nicht „heruntergerissen“ werden, denn es war nie eine da. Die Performer*innen fordern ihr Publikum, dem sie sehr nahekommen, regelmäßig zu „Blickduellen“ heraus. Sie starren zurück, was Reflexionsmomente auf die eigene Position als Zuschauer*in hervorruft. Die Blicke, die sie im Alltag zu spüren bekommen, werden im Laufe der Performance gnadenlos gespiegelt. Damit umzugehen wurde für viele Zuschauer*innen augenscheinlich besonders schwierig, als die Tänzer*innen nackt performten. Nacktheit auf der Bühne ist ein bewährtes Schock-Stilmittel da sie einen Bruch mit unserer gesellschaftlichen Konvention der Verhüllung des Körpers darstellt. Die Nacktheit, oder sogar Sexualität von Menschen mit Behinderung stellt jedoch ein viel größeres Tabu dar. Doris Uhlich bricht hier Tabus. Sie inszeniert ihre Performer*innen als vibrierende, mündige, herausfordernde, lebendige und mutige Menschen. Als der Kultklassiker „People are People“ von Depeche Mode erklingt, mag das vielleicht plakativ anmuten, doch die Botschaft ist genauso wahrhaftig wie in der 1980ern: Menschen sind Menschen, egal mit welchen Einschränkungen sie ihr Leben meistern.

Ergänzende Gedanken zu meiner Erfahrung mit der Physical Introduction im Tanzhaus NRW: Bevor ich die Vorstellung von „Every Body Electric“ besuchte, nahm ich an einer sogenannten „Physical Introduction“ teil. Dieses Vermittlungsformat ermöglicht den Zuschauenden, bevor das eigentliche Stück beginnt, die Arbeitsmethoden des oder der Choreograf*in am eigenen Leib zu erspüren. Ich halte die Idee und Umsetzung dieses Formats für eine erfrischende Alternative zum Standard der (meist ziemlich langweiligen) mündlichen Einführung durch eine*n Dramaturg*in und spreche hiermit eine deutliche Empfehlung dafür aus. Besonders im Tanz, bei dem der Körper eine prominentere Position als das Wort einnimmt, erachte ich diese Vorgehensweise als sehr sinnvoll. Nach Aufwärmübungen fanden wir uns zu Paaren zusammen, die auf unterschiedliche Arten körperlich miteinander in Kontakt traten. Diese Verbindung brachte einige Bewegungseinschränkungen mit sich (Stolpern, Fallen, Langsamkeit), mit denen wir spielten. Die Künstlerin, die die Physical Introduction leitete, ermutigte uns immer wieder, diese Probleme als Möglichkeit, als Potenzial zu betrachten, neue Bewegungsmuster zu entdecken, auszuprobieren. Ganz nach dem Credo: „Focus on what you can do and not on what you can’t.“ Es war wirklich spannend, einige der vorgestellten Techniken beim Zuschauen wiederzuerkennen, denn die Performer*innen des nachfolgenden Stückes hatten dieses Credo offenkundig verinnerlicht. Das Tanzhaus NRW unterstützt mit der Einladung dieses Stückes auch eine gelingende Methode des Audience Development, denn die beste Strategie, um neue Besucher*innengruppen zu erreichen, ist, diversen Körpern eine Bühne zu geben. Dass diese Strategie aufgeht, wurde beim Blick ins Publikum deutlich.

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Über „Guide Gods“ von Claire Cunningham

Wann: 09.11. + 10.11. + 12.11.
Wo: LVR-Berufskolleg Gerresheim

Wann: 14.11. + 15.11.
Wo: Versöhnungskirche, Platz der Diakonie

Dt. Erstaufführung, Reihe Response-ability

Tanzende Teetassen von Laura Rinke
„Everyone likes a good cup of tea”, so Factory Artist Claire Cunningham zu Beginn ihrer Performance am 9. November. Anlässlich der Deutschlandpremiere ihres Bühnenstückes „Guide Gods“, lädt die gebürtige Schottin die Besucher*innen ein, der Frage nachzugehen: Hat die Religion Platz für mich? Weiterlesen

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