Über „WAIGNEDEH“ von Ndam Se Na / Taigué Ahmed

Wann: 04.05. + 05.05.
Wo: tanzhaus nrw
Uraufführung

Foto: Katja Illner

Der Kampf für ein besseres Morgen von Julia Ehren

Das Stück „WAIGNEDEH“ des tschadischen Choreografen Taigué Ahmed und der von ihm gegründeten Organisation Ndam Se Na scheint bereits im Foyer des tanzhaus nrw zu beginnen. Es stehen maskierte Personen inmitten des Publikum-Tumults. Sie sind in einen kuttenartigen Baumwollsack eingehüllt, bloß zwei Löcher für die Augen lassen Haut durchblitzen. Statt Mund, Nase und Ohren schmücken von Stoff überzogene Hörner die Köpfe. Unabhängig davon, ob man einen Vergleich mit Science Fiction-Figuren, Außerirdischen oder gerüsteten Kämpfern aufstellt, die maskierten Figuren fallen auf, weil ihr Gesicht verfremdet ist. Man entfernt sich lieber drei Schritte von ihnen als auch nur einen auf sie zuzugehen. Dabei weiß noch niemand, wer sich darunter befindet. Zu Beginn des Stückes auf der Großen Bühne des tanzhaus nrw wird erkenntlich, dass sich fünf tschadische Tänzer mithilfe der Kostümierung unkenntlich gemacht haben. Einer von ihnen bleibt am Bühnenrand stehen. Dem Publikum möglichst nah entblößt er als erster sein Gesicht. Zwei in dem gedämmten Licht besonders hell wirkende Augen starren ins Publikum. Die Science Fiction-Figur, der Alien, der Kampfgerüstete erhält nun eine humane Individualität. Die materialistisch betrachtet reduzierte Kleidung der Tänzer – leichte Stoffe in ausgewaschenen Farben und der Verzicht auf Schuhe – können als Verweise auf die Bewohner eines Flüchtlingscamps im Tschad betrachtet werden, denn diesen Ort besuchten die Künstler*innen bei ihrer Recherchereise für das Stück. Doch ohne Vorwissen über Taigué Ahmeds Arbeit in Flüchtlingscamps wäre dieser Bezug schwer herzustellen. Weiterlesen

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Über „February2018/\“ von Sarah Michelson

Wann: 22.02. + 23.02.
Wo: tanzhaus nrw

Grafik: Sarah Michelson

Verweigerung einer Künstlerin gegen Kapitalismus und die bürgerliche Bühne von Laura Lindemann

Sowohl die Bühne als auch die Zuschauer*innenplätze sind hell erleuchtet. Das werden sie auch die gesamte Show über bleiben. Auch die Türen stehen sperrangelweit offen, so dass der Charakter einer typischen Abendvorstellung im Tanzhaus NRW gar nicht erst entstehen kann. Die Kulisse erinnert an eine andere Welt, fernab von Menschlichkeit und Gefühlen. Vorherrschend sind hier Maschinen. Kleine Spielzeugautos drehen im Rückwärtsgang panisch ihre Kreise. Die surrenden Motoren sind im Publikum gut zu hören. In jeder Ecke der Bühne spielt sich eine eigene Geschichte ab, die jedoch am Ende das „Große Ganze“ bildet. Eine technologisierte und schnelllebige Wirklichkeit. In einer Ecke blinken bunte Lichter unruhig hin und her. In der nächsten laufen an eine Wand projizierte Strichmännchen ziellos ihre Bahnen. Und dann ist da noch der Schatten eines Mannes, der hektisch Klimmzüge zu machen scheint. Das passiert alles unter dem zur Szenerie konträr wirkenden Lied „Oh, let the sunshine.“ Wir befinden uns szenisch im New York der 1970er Jahre. Gespanntes Warten macht sich im Publikum breit und wird schließlich von einer adretten, jungen Frau unterbrochen, die am Bühnenrand steht und immer wieder spitze Schreie ausstößt. Weiterlesen

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Über „Dance & Resistance, Endangered Human Movements Vol. 2“ von nadaproductions / Amanda Piña

Wann: 03.02. + 04.02.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Über die Kraft des Rituals von Kai Kopel

Die Zuschauer*innen haben gerade erst den Saal betreten, da hat das Ritual bereits begonnen. Vier Tänzerinnen schreiten zu den gleichmäßigen Klängen eines Xylofons sachte im Kreis. Das kleine Publikum nimmt um sie herum auf kreisförmig angeordneten Stühlen und Sitzkissen Platz und befindet sich schon in mitten in der Performance. „Dance & Resistance Endangered Human Movements Vol. 2“ stammt von der Choreografin Amanda Piña, die am 3. und 4. Februar im Tanzhaus NRW zu sehen war. Piña beschäftigt sich in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Kooperationspartnern (zusammengefasst unter dem Label nadaproductions) in dem mehrteilig angelegten Projekt „Dance and Resistance“ mit der Rekonstruktion und Neuinterpretation von rituellen Tänzen von Naturvölkern. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Energie, die den überlieferten, zeitweise verbotenen einheimischen Tänzen innewohnt, wieder spürbar werden zu lassen und dadurch Kräfte zu wecken, die es den Naturvölkern ermöglichen, Widerstand gegen die Zerstörung ihres Lebensraumes zu leisten. Eben diese tänzerischen Kräfte versuchen die vier Tänzerinnen in der gut 70-minutigen Performance gemeinsam mit dem Publikum spürbar zu machen. Weiterlesen

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Über die Physical Introduction vor „Speak Up!“ von Alida Dors

Wann: 25.02.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen des Festivals „You’re invited, if that’s ok?“

Der Rhythmus in mir von Laura Lindemann

So. Jetzt lasse ich alles los. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Beim Ausatmen schmeiße ich ihn raus. Den Frust über die klirrende Kälte draußen, die verpatze Klausur in der Uni und alles, was sonst noch so an hartnäckigem Ballast an mir klebt. Ich atme es einfach weg. Stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden, sodass ich mich sicher und verwurzelt fühle. Nichts kann mich aus der Ruhe bringen. Mein Atem fließt durch meinen Körper. Ich lege die Hand auf meine Brust und spüre mein Herz pulsieren. Tha-Bump, Tha-Bump, Tha-Bump. „Feel your heartbeat. So, I will play the music. Oh yes, that is fine. Dance with the music. Go with the rhythm. Very good.” Und ich gehe mit dem Rhythmus. Meine Füße beginnen wie von selbst, auf und ab zu wippen, meine Hüfte dreht sich im Takt zur Musik, mein Kopf neigt sich hin und her. Erst ganz zaghaft, dann immer heftiger. Ich schließe die Augen und bewege mich nur von der Musik geleitet. Mein Körper ist wie energetisch aufgeladen. Schließlich tanzen alle Teilnehmer*innen wild durch den Raum, der nun förmlich vor aufgeheizter Energie zu brennen scheint. Weiterlesen

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Über „JERADA“ von Carte Blanche & Bouchra Ouizguen

Wann: 17.02. + 18.02.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Tanz der Moleküle von Laura Biewald

Am Wochenende des 17. und 18. Februar bekam das Tanzhaus NRW Besuch von einem besonderen Zusammenspiel: Die Kompanie Carte Blanche, die ihre Basis in Norwegen hat, führte unter der Leitung der marokkanischen Gastchoreografin Bouchra Ouizguen „JERADA“ auf – ein schwindelerregendes Stück über den alltäglichen Kampf des Individuums in der Gesellschaft.
Wie kann man in einer Gruppe überleben? Das war die Ausgangsfrage, die sich die Autodidaktin Bouchra Ouizguen, die sich für die Entwicklung der Tanzszene Marrakeschs engagiert, zu Beginn der Zusammenarbeit mit Carte Blanche gestellt hat. Eine Frage, die jeden betrifft und die ein jeder – mal mehr, mal weniger – täglich aufs Neue versucht zu beantworten. Eine Antwort wird in „JERADA“ allerdings nicht gegeben, sondern vielmehr die Fragestellung in die repetitive Figur eines sich drehenden Körpers eingerollt. Weiterlesen

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Über „Hakanaï“ von Adrien M & Claire B

Wann: 12.01. + 13.01
Wo: tanzhaus nrw
Festivaleröffnung von Temps d’Images

Von der Empfindsamkeit des Schauens von Sabina Kindlieb

Die Besucher*innen des Tanzhaus NRW begeben sich anlässlich der Eröffnung des Festivals Temps d’Images, das sich aktuellen künstlerischen Positionen zwischen Digitalität und Tanz widmet, in den großen Saal. Was sie dort antreffen, wirft Fragen auf, macht neugierig. Wie ein Würfel, mitten im Raum abgelegt, befindet sich eine 360°-Projektion. Das Publikum findet seine Plätze um jeweils drei der vier aufgestellten Leinwände herum. Manch einer denkt sich womöglich: „Von welchem Platz, aus welcher Richtung habe ich wohl den besten Blick auf die Performance?“ Geht das hier überhaupt? Manch andere entscheiden sich für ein Kissen auf dem Boden, die darauf hinweisen, dass der Raum in seiner vollen Platzkapazität aufgrund der Publikumsnachfrage voll ausgenutzt werden muss. Weiterlesen

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Über „LEVIAH“ von Reut Shemesh

Wann: 23.11.
Wo: tanzhaus nrw

Nähe und Verletzung von Ina Holev

Zwei Tänzerinnen rücken immer weiter zusammen, umarmen sich. Ein Moment inniger Verbindung. Bis sie Schläge andeuten, sich stoßen und tänzerisch Waffen darstellen. Es ist ein plötzlicher Sprung, von zwischenmenschlicher Nähe zu verletzenden Momenten. Dabei wird klar: Das zeitgenössische Tanzstück „Leviah“ der in Köln ansässigen aus Israel stammenden Choreografin und Tänzerin Reut Shemesh ist keine leichte Kost. Sie übersetzt darin ihre Erfahrungen im für alle Geschlechter verpflichtenden, israelischen Militärdienst in starke, manchmal erschreckende Bilder. 2015 wurde „Leviah“ in Köln uraufgeführt und am 23. November 2017 endlich und genauso aktuell (Stichwort #metoo-Debatte) wie vor zwei Jahren auf der kleinen Bühne des Tanzhaus NRW zu sehen. Das Stück ist jedoch nicht als Positionierung zum Nahostkonflikt zu verstehen, sondern bildet an einem autobiografischen Beispiel (der Choreografin Reut Shemesh, die neben Hella Immler die andere Tänzerin gibt) die Belastungen der Wehrpflicht ab. Insbesondere von Frauen, die in diesem Kontext auch Opfer sexueller Übergriffe sind. Weiterlesen

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