Über „How do you fear?” von der fabien prioville dance company

Wann: 08.11. + 10.11. + 11.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen von Next Level

Foto: Mischa Lorenz

#1 Ästhetische Annäherung an das Phänomen Angst von Bastian Schramm
#1 Die Furcht des Menschen. Tief verankert und doch hart an der Oberfläche von Laura Pais

Ästhetische Annäherung an das Phänomen Angst von Bastian Schramm

Ein Kreischen durchschneidet die Dunkelheit, das Publikum zuckt zusammen. Köpfe drehen sich, sind versucht in der Schwärze die Ursache der markerschütternden Schreie auszumachen, die sich inzwischen mit monströsem Gegurgel mischen. Der Autor dieser Zeilen hat Schweißtropfen auf der Stirn, unterdrückt den Reflex, den Ausgang in den Blick zu nehmen. Angst. Dieses Gefühl, das viel mehr zu sein scheint als bloß ein solches, thematisiert der Choreograf Fabien Prioville in dem für die Tänzerin Gesa Piper inszenierten Solo „How do you fear?“. Dabei wird die Angst auf kraftvolle Weise bebildert, Gesa Piper windet sich am Boden, tastet sich in scheinbarer Panik über die Bühne und flüchtet vor einem Feuer, das im Off-Raum der Bühne auszubrechen scheint. Den ästhetischen roten Faden durch die Performance bildet dabei sogenanntes „Live-Projection-Mapping“, das es erlaubt, auf jeder Fläche im Bühnenraum projizierte Bilder ‚landen‘ zu lassen. Prioville setzt diese Technik ein, um das bildhaft Überfordernde, das Irrationale und Unausweichliche der Angst zu bebildern. So wird die Tänzerin wie ein negativer Scherenschnitt angeleuchtet, vor dem Publikum bloßgestellt und die Angst als absolut und unausweichlich, wie an der eigenen Haut klebend, erlebbar. Die Effekte, die dadurch geschaffen werden, schleichen sich subtil an und stellen sich an keiner Stelle in den Vordergrund, sie durchkriechen die Performance, um plötzlich offenbar zu werden. So züngeln in einem Moment der Erleichterung plötzlich Flammen aus dem Hintergrund der Szene und lassen die Affekte überhand nehmen. Das Stück versucht sich dabei am Spagat zwischen ästhetischer Annäherung an ein Phänomen, das sich eigentlich eher als Angriff auf alle Wahrnehmung darstellt und der gleichzeitigen theoretischen Rahmung mit Hilfe von aus dem Off eingesprochenen Texten, unter anderem von Hito Steyerl. Dabei wird – gewollt oder ungewollt – die Diskrepanz zwischen der ganz realen Angst und ihrer sprachlichen Darstellbarkeit deutlich. Wo Sprache ist, ist auch Erklärung, Maß und das Bewusstsein in der Welt zu sein, die Angst erscheint dagegen als der Verlust aller Form und jeglichen Bezugs – als das nichtendende Nichts. Jede Beschäftigung mit der Angst ist damit schon ein Aufbegehren gegen sie. So wird auch „How do you fear?“ zu einem Aufbegehren gegen die Angst. In einem Akt des Widerstandes wird Gesa Piper zur Boxkämpferin, die die Stricke, in denen sie sich zu verheddern scheint, zu Handschuhen umfunktioniert und so in einem Akt der Ermächtigung gegen die Angst einsetzt. Das Stück thematisiert Angst somit als zutiefst menschliches Gefühl, versucht sich daran, sie ästhetisch zu denken und in der Folge als kreativen Impuls nutzbar zu machen. Die theoretische Rahmung gerät dabei etwas sperrig und überlagert stellenweise die Feinheiten der choreografierten Bewegung und der ihr innewohnenden Ambivalenz, in dem sie durch Sprache festschreibt. Nichtsdestotrotz bleibt „How do you fear?“ auf der inhaltlichen Ebene ein wichtiges Stück, das Angst weder verharmlost, noch affirmiert, trotzdem jedoch aufzeigt, das die persönliche Opposition gegen die Angst möglich ist und durch ihre Umwertung ermächtigenden Charakter haben kann. Eine solche Beschäftigung mit der Angst ist besonders in Zeiten, in denen durch das populistische Schüren von Ängsten Plätze in Parlamenten und ganze Wahlen gewonnen werden, von großer gesellschaftlicher Relevanz.

Die Furcht des Menschen. Tief verankert und doch hart an der Oberfläche von Laura Pais

Die Auswirkungen und Folgen von Angst, die ein Mensch in seinem Leben durchlebt, hinterlassen Spuren und beeinflussen uns in unserem Handeln und Denken. Dies zeigt Tänzerin Gesa Piper in ihrem Tanzsolo in Form von körperlich und sprachlich hochexpressivem Ausdruck in der Uraufführung „How do you fear?“ des Choreografen Fabien Prioville im Tanzhaus NRW.
Das Stück beginnt mit leidklingenden Schreien auf der abgedunkelten Bühne. Daraufhin erscheint Gesa Piper und beginnt mit ihrem ersten Monolog, in dem sie darüber erzählt, wie sich das Gefühl von Furcht auf den Körper und die körperlichen Organe auswirkt und wie sich dadurch das Wohlbefinden des Menschen drastisch verändert. Daraufhin macht sie dies physisch deutlich, indem sie mit schwerem Atem ängstlich und unkontrolliert durch den Raum huscht. Diese Szene wiederholt sich in dem Stück immer wieder neben weiteren Monologen, indem sie wiederholt über die Gefühle und typischen Verhaltensmuster eines Menschen spricht, wenn er sich in Angstzuständen befindet.
Deutlich zu erkennen ist die kämpferische Haltung in Pipers Tanzstil, der nah am Tanztheater ist. Sie demonstriert einen Widerstand gegenüber ihrer Außenwelt bis zur körperlichen Erschöpfung – z.B. als Boxerin. Interessant ist auch die Szene, in der sie sich schnell und hektisch lange Bänder um ihre Handgelenke wickelt. Dies erinnert an Einengung oder an das Bandagieren einer Kriegsverletzung, aber auch an Suizid.
Das Stück bringt all das mit, was man sich unter dem Titel vorstellen kann. Es enthält viele verschiedene Szenen, die sehr deutlich den Zustand von Angst wiederspiegeln. Kritisch betrachtet nimmt allerdings genau das den Zuschauer*innen die Möglichkeit der eigenen Interpretationsanalyse. Trotz der gelungenen Inszenierung und vor allem überzeugenden Darstellung von Gesa Piper, ist es schwierig, eine emotionale Bindung zum Inhalt des Stücks zu finden.

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Über „Le Syndrome Ian“ von Christian Rizzo

Wann: 02.11. + 03.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Synthesizer und Endzeitstimmung von Ina Holev

Treibende Synthie-Klänge, flackernde Lichter und unheimliche Kreaturen. Nein, hier geht es nicht um die beliebte Mystery-Serie „Stranger Things“. Dennoch ist das Stück „Le Syndrome Ian“ eine Hommage an die düstere Seite der späten 1970er und 1980er Jahre. Der französische Choreograf Christian Rizzo schafft ein einnehmendes und atmosphärisches Stück zwischen choreografisch hochpräzisen Strukturen und tänzerischer Gelöstheit. „Le Syndrome Ian“ ist ein Teil der Programmserie Ceremony Now! am Tanzhaus NRW. Diese setzt sich mit Ritualen, Gemeinschaft und mit Traditionen auseinander, denen durch die Überschreibung ein zeitgenössischer Aspekt hinzugefügt wird. Weiterlesen

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Über „Dança Doente“ von Marcelo Evelin

Wann: 27.10. + 28.10.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

(Un)kontrollierte Körper von Christina Sandmeyer

„Tanzen“ ist ein mit Assoziationen beladenes Wort, das ein Bündel bewusster oder auch ganz unbewusster Erwartungshaltungen mit sich trägt. Was ist Tanzen? Eine spezifische Form, den Körper zu bewegen, sich „schön“ zu bewegen, Kontrolle über den Körper zu haben…? Die Performance „Dança Doente“ (übersetzt „Kranker Tanz“) setzt hinter diese Kette von Erwartungshaltungen ein ausdrückliches Fragezeichen. Denn das, was Marcelo Evelin mit seiner Kompanie Demolition Incorporada auf der Tanzhaus-Bühne zeigt, ist ungewohnt anders. Die neun Performer*innen bewegen sich, als versuchten sie, aus ihrem Körper auszubrechen, als versuchten sie, alles loszuwerden, was sich in den kulturell genormten Körper eingeschrieben hat. In den Bewegungen überlagern sich Momente des Verkrampfens und der Auflösung. Die Tanzenden scheinen von etwas Äußerem besessen zu sein und gleichzeitig eine ungemeine Kontrolle über ihren Körper zu haben. Es sind diese inneren Spannungsfelder, die das Bewegungskonzept in „Dança Doente“ so radikal anders machen. Weiterlesen

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Über „RULE OF THREE“ von Jan Martens

Wann: 06.10. + 07.10. 20:00
Wo: tanzhaus nrw / Dt. Erstaufführung

Foto: Phile Deprez

Drei sind ’ne Party von Meike Lerner

Wummernde Bässe, treibende Beats, sich vom Sound treiben lassende Tänzer*innen und Phasen eher nicht so gelungener, chemisch hervorgerufener Bewusstseinserweiterung: Jan Martens Stück „RULE OF THREE“, das am 06. Oktober im Tanzhaus NRW Deutschlandpremiere feierte, war die perfekte Clubnacht inklusive spannender Dreiecks-Konstellation kondensiert in rund 70 Minuten Performance.
Vor Beginn des Stücks Ohrstöpsel zu verteilen, war keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme. Die Drums, mit denen der amerikanische Drummer NAH, der live performte Weiterlesen

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Über „Give Me A Reason To Live“ von Claire Cunningham

Wann: 02.10. + 03.10.
Wo: tanzhaus nrw

Den Blick in Frage stellen von Ina Holev

Nur ein schmaler Lichtstreifen beleuchtet die Bühne. Sphärische Musik und Glockengeräusche. Beängstigend und eindrucksvoll zugleich, wie das Gefühl in einer alten Kathedrale zu stehen. In der Ecke des Raumes befindet sich eine gebückte Gestalt, auf Krücken gestützt, die ab- und aufschwingt.
Einige Minuten später. Alle Augen sind auf die Tänzerin Claire Cunningham gerichtet. Ihr Oberkörper zittert, bis aufs Äußerste angespannt steht sie vor dem Publikum. Ein intimer Moment. Ihre Kleidung ist zur Seite gelegt und auch die Krücken liegen fast achtlos auf dem Boden. Verwunderlich für alle, die mit dem Werk der schottischen Choreografin vertraut sind. Weiterlesen

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Über „Princess“ von Eisa Jocson

Wann: 28.09. + 29.09.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Foto: Jörg Baumann

#1 Schneewittchens long way down von Meike Lerner
#2 Ewig lächelnde Roboter-Prinzessin von Kai Kopel

Schneewittchens long way down von Meike Lerner

Willkommen in Disneyworld! Der Welt der unbegrenzten Fröhlichkeit und guten Laune, der artifiziellen Stereotypen im Allgemeinen und der schönen Prinzessinnen im Speziellen. Willkommen in der Welt von Schneewittchen, dem Inbegriff des Liebreizes, der moralischen und optischen Vollkommenheit und des reinen Herzens. Hierin führte Eisa Jocson die Zuschauer*innen des Tanzhauses NRW am 28. und 29. September 2017 – allerdings in deren dunkle, schmuddelige Ecken.
Ebenholzschwarzes Haar mit Schleifchen, Puffärmel-Kleidchen mit gelber Schürze und knallroten Lippen und Pumps – der perfekte Klein-Mädchen-Traum. Für die, die ihn verkörpern, allerdings eher ein Albtraum, der für die aus Manila stammende Choreografin und Tänzerin Eisa Jocson schon damit beginnt, dass sie diese Rolle mangels schneeweißer Haut in der „echten“ Traumwelt niemals spielen würde. Zwar sind philippinische Tänzer*innen in der Vergnügungsindustrie gefragt – allerdings eher als Staffage denn als Inbegriff klassischer Schönheit.
Vielleicht aber auch ein Glück, denn der Job der makellosen Prinzessin scheint auch kein leichter zu sein: immerzu lächeln, immerzu fröhlich, bis ins kleinste Detail einstudierte Bewegungen und Mimik und – ganz wichtig – niemals aus der Rolle fallen. Mit akribisch einstudierten Bewegungsmustern und großem schauspielerischen Talent reproduzieren die beiden Tänzer*innen dieses Bild auf der Bühne des Tanzhauses NRW. Anmutig, grazil, mädchenhaft und mit einem unschuldigen Schuss Erotik verwandeln sie die Bühne in einen Disneypark, machen die Zuschauer*innen zu Besucher*innen, bezirzen und umschmeicheln sie und heißen sie mit lieblich-hoher Mädchenstimme willkommen. Immer und immer wieder. Das gleiche Lächeln, die gleichen Bewegungen, die gleichen Floskeln. Und später: in den Schlaf weinen, aufstehen, Haare richten, Lächeln aufsetzen, weitermachen.
Eine tänzerische Herausforderung war das Marionettenhafte und der Spagat, anmutige und gleichzeitig einstudierte/reproduzierbare Bewegungen zu erzeugen. In der synchronen Ausführung der beiden Tänzer*innen wurde klar: Wer sich hinter der Prinzessinnen-Maske verbirgt, ist egal. Die Persönlichkeit der Darsteller*innen spielt keine Rolle. Was zählt, ist das Bild des Glamours und die Erfüllung des Klischees. Dass eines der Schneewittchen ein Mann war, ist mehr als leise Ironie.
Etwa in der Mitte des Stücks schwingt die Fröhlichkeit in Hysterie um. Die Einbeziehung des Publikums, die zu Beginn einem harmlosen Flirt glich, wird aufdringlicher. Sichtlich unwohl fühlen sich die Zuschauer*innen, denen die beiden Schneewittchen auf Speed nun mit ihrem Gekicher, ihren Belanglosigkeiten und ihren Fragen im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe rücken. Aus der Nähe betrachtet bröckelt das Prinzessinnenbild, die Realität lässt keinen Raum mehr für Projektionen. Die Situation eskaliert.
Verkatert und reumütig schlüpfen die beiden lädierten Schönheiten wieder in ihre Rollen, wenden sich schließlich an das Publikum und schämen sich ihres Exzesses. Ein letzter Versuch, die Realität von der Schönheit fernzuhalten – allerdings ohne Erfolg. Die lieblich-unterwürfigen Erklärungsversuche münden in wütende Verzweiflung und Vorwürfe, die Stimmen schlagen um in einen tiefen, rauen Ton. Schließlich entledigen sich die beiden ihrer Maskerade, befreien sich von ihren Rollen und treten in ihrer natürlich Schönheit vor das Publikum – übrigens nicht ganz uneitel und schon noch auf Applaus und Anerkennung aus. Ein echtes Happy End? Man weiß es nicht….

Ewig lächelnde Roboter-Prinzessin von Kai Kopel

Am 28. und 29. September traf man im Tanzhaus NRW auf eine alte Bekannte aus Kindertagen; die märchenhafte Königstochter mit der Haut weiß wie Schnee, den Lippen rot wie Blut, und dem Haar schwarz wie Ebenholz –Schneewittchen betritt die Tanzbühne. Klingt das etwa nach einem naiven Märchenballett?! Keineswegs, und doch ist der Verdacht des Naiven nicht ganz verfehlt, denn hinter dem Stück mit dem Titel „Princess“ der in Manila lebenden Choreografin und Tänzerin Eisa Jocson verbirgt sich eine kritische und raffiniert gemachte Auseinandersetzung mit der Unterhaltungsindustrie und einer ihrer weiblichen Idole: der Disney-Prinzessin.
Zu Beginn der Tanzperformance erscheint Eisa Jocson gemeinsam mit dem Performancekünstler Russ Ligtas auf der neutral gehaltenen Bühne. Beide tragen ein blau-gelbes Polyesterkleid mit Puffärmeln, wie man es als Disney-Schneewittchenkostüm saisonal in der Karnevalsabteilung findet. Dazu eine fransige schwarze Perrücke auf dem Kopf mitsamt des dazugehörigen roten Schleifchens. Auf den Lippen ein liebliches Lächeln. Insgesamt eher eine schrille, als eine glamouröse Erscheinung. Man ahnt zu diesem Zeitpunkt übrigens noch kaum, dass sich unter der einen Verkleidung in Wirklichkeit ein Mann verbirgt. Ein weiteres Indiz, dass hinter der Fassade etwas anderes verborgen sein könnte.
Eisa Jocson bedient sich bewusst der disneyschen Bildästhetik, parodiert und verramscht sie aber zugleich. Dennoch sind die ersten Assoziationen klar: Sofort kommen einem die zahlreichen Prinzessinnen- und Schneewittchen-Darstellerinnen in den Sinn, die in den Disneylands auf der ganzen Welt herumspazieren, die Aufmerksamkeit der Besucher*innen auf sich ziehen, mit Kindern fotografiert werden und gelegentlich entsprechend ihrer Rolle mit den Besucher*innen plaudern.
Ganz ähnlich wie dort geht es auch bei der Performance zu. Anfänglich nehmen die beiden bloß einige gezierte mädchenhafte Posen ein, so als würden sie sie vor dem Spiegel einstudieren. Dann erheben sie sich, tänzeln und hüpfen vergnügt durch den Raum, und geben dazu dann und wann mit ihren süßlichen Prinzessinnenstimmchen ein Kichern oder einen kurzen lieblichen Satz von sich, der höchstwahrscheinlich, wie ihr gesamtes kleines Repertoire an Sprüchen, aus dem berühmten Zeichentrickfilm von Disney stammt. Sie sprechen diese Sätze auch bei der x-ten Wiederholung mit immer derselben Betonung, als käme er vom Tonband: „Hello there.“ „I´m Snow White!“. Die Schneewittchens drehen sich im Kreise, pflücken imaginäre Blumen vom Boden auf, legen sie in ihren Schoß und kommentieren das dann mit einem Ausruf des Entzückens.
Die lieben Prinzessinnen ereifern sich sogar, das Publikum mit ihrer Fröhlichkeit anzustecken. Sie tippeln auf die Zuschauer*innen in der ersten Reihe zu und fragen sie mit zierlich angewinkeltem Kopf, wie ihr Tag war, was ihre Lieblingsfarbe sei, woher sie diese schönen Schuhe hätten und fügen zum Schluss dieses Small Talks noch hinzu, dass sie Schneewittchen heißen und so erfreut seien, sie kennenzulernen. Dazwischen immer wieder ein liebreizendes Posieren und – natürlich – ununterbrochenes Lächeln. Kurzum; sie spielen ihre Prinzessinnenrolle ausgesprochen perfekt – zu perfekt. Nur der Schweiß und ihr schnelles Atmen wollen nicht ganz dazu passen. Eine echte Prinzessin würde schließlich niemals hetzten und schwitzen.
Wem die Märchenidylle schon als Kind suspekt war, der bemerkt spätestens hier das Unwirkliche und auch leicht Unheimliche, das diese überhöhte Heiterkeit birgt. Und eben jenes sich anbahnende Unbehagen greift Eisa Jocson geschickt auf, indem sie zwischendurch dumpfe, schwummerige Maschinengeräusche einspielen lässt. Anfangs scheint es noch so, als wenn diese verkrümmten Klänge das vergnügt heitere Spiel der Prinzessinnen nicht beeinflussen würden, trügen sie nicht selbst zu dieser immer wieder kippenden Stimmung bei, indem sie, durch ein kleines Mikro am Kopf noch verstärkt, hell und grell kichern, was sich besonders unangenehm im Ohr des Zuschauers bemerkbar macht. Die Prinzessinnen verstören nun; in ihrem Übereifer und der Starrheit ihrer sich wiederholenden, immer gleich ausgeführten Bewegungen erscheinen sie auf dem Höhepunkt ihrer mechanischen Unterhaltungskunst wie grimassierende Roboter. Maschinen im Dienste von Disneyland, und obendrein wie Figuren ohne jede Glaubwürdigkeit.
Authentisch werden die beiden Schneewittchens erst, sobald sie ihre Rolle verlassen, was zunächst noch recht unfreiwillig geschieht, letztlich aber Überhand gewinnt.
Zwischen ihrem Umherhopsen und Kichern stolpern die beiden immer wieder theatralisch und stürzen zu Boden, was Teil ihrer Rolle ist und in seiner ständigen Wiederholung auch etwas leicht Slapstickhaftes hat. Doch dann geschieht etwas Ungekünsteltes; Schneewittchen fällt zu Boden und verharrt dort mehrere Sekunden schwer atmend. Dies sind die ersten Augenblicke, in denen ein Mensch mit einer ehrlichen Emotion für ein paar Sekunden sichtbar wird. Der erste von mehreren, immer deutlicher sichtbaren Rissen an der Fassade der ewig lächelnden Roboter-Prinzessin.
Geht Schneewittchen ins Publikum, kommt es vor, dass sie sich einige Sekunden lang an das Knie von jemandem klammert, so als wäre es der Ausdruck eines Verlangens nach Zuwendung. Dann spielt sie die vom Publikum zurückgewiesene, die sich wiederholt bei den Zuschauer*innen für ihre Aufdringlichkeit entschuldigt und am Boden kauert. Doch ist das noch gespielt? Denn ab da ist es Schneewittchen 2 (Russ Ligtas) plötzlich leid, dieses Geschöpf der Unterhaltungsindustrie zu spielen. Er brüllt wütend und hier erstmals mit seiner Männerstimme ein letztes Mal eine bezeichnende Schneewittchen-Phrase: „You don´t know how I feel rigth now!“. Ab da ist die Illusion endgültig zerbrochen; dumpfe Musik setzt ein, die Performer*innen legen über den Boden kriechend ihre Kostümierungen und Perücken ab – leider das einzige interessantere tänzerische Element in der Performance – und blicken ganz natürlich mit sichtbarer Erschöpfung in ihren Gesichtern ins Publikum, während im Hintergrund, als letzter Nachhall der zerbrochenen naiven Märchenwelt, die Filmmusik aus Disneys Schneewittchenfilm ertönt.
Eine gelungene Performance von Eisa Jocson, die nach einer grotesken Veranschaulichung einer nur zu vertrauten kindlichen Traumwelt zeigt, dass die Aufrechterhaltung der Fassade von Disneys Prinzessinnenimage einen erheblichen körperlichen Einsatz erfordert. Hinter diesem Aufwand macht Eisa Jocson Menschen sichtbar, die an ihrer im Grunde absurden Aufgabe, nämlich etwas Unmenschliches zu personifizieren, mitunter so sehr leiden, dass mit ihrem eigenen physischen, wie psychischen Zusammenbruch auch die Fassade dessen zerstört wird, was sie verkörpern oder vorgaukeln sollen.

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Über „SACRIFICE“ der Iceland Dance Company / Erna Ómarsdóttir

Wann: 08.09. – 10.09.
Wo: tanzhaus nrw // Dt. Erstaufführung / Spielzeiteröffnung

„No Tomorrow“ Foto: Jónatan Grétarsson

#1 Gott ist tot, lang lebe der Gott! – Eine Reportage von Laura Biewald
#2 „SACRIFICE“ – Eine exzessive Poesie der Aufopferung von Bastian Schramm

Gott ist tot, lang lebe der Gott! – Eine Reportage von Laura Biewald

Mit der Iceland Dance Company und ihrer deutschen Erstaufführung von „Sacrifice – A festival of common things made holy“ eröffnete das Tanzhaus NRW vom 15. bis 17. September seine Spielzeit 2017 unter dem Motto „CEREMONY NOW!“

Spitze, gellende Frauenschreie dringen in gedämpfter Form an meine Ohren, auf die ich meine Finger festgedrückt halte, um die intensive Geräuschkulisse um mich herum nicht in voller Lautstärke mitzubekommen. Nach einer Weile lockere ich vorsichtig den Druck meiner Fingerkuppen vom Eingang meiner Gehörkanäle und presse sie schnell wieder zu. Es ist noch zu früh. Die Schreie sind noch zu laut. Ich muss warten, bis die Orgie, die sich vor mir und den zahlreichen Zuschauer*innen auf der Bühne abspielt, vorüber ist.
Etwas früher auf dem Weg ins Tanzhaus NRW zu dem vierstündigen Happening in vier Teilen bin ich noch völlig ahnungslos, was mich erwarten wird. Nur eines weiß ich sicher: Es wird spät werden. So eine zeitintensive Show, die muss gut organisiert sein, denke ich. Und so bin ich gespannt, was die drei Personen, die zu Beginn vor den Vorhang treten, dem Publikum zu sagen haben. Erna Ómarsdóttir, eine kleine Frau in kurioser Kostümierung zwischen Clown und Piratenbraut, macht den Anfang. Sie begrüßt die Zuschauer*innen und stellt sich als künstlerische Leiterin der Iceland Dance Company vor. Durch die schüchtern wirkende, nachdenklichen Weise zu sprechen, wird nicht ganz klar, ob diese Ansprache bereits Teil der Performance ist: Sind die drei Personen bereits in ihre Rollen geschlüpft oder stehen sie noch als Erna Ómarsdóttir, Fridgeir Einarsson und Sigtryggur Berg Sigmarsson dort vor den Zuschauer*innen? Einarsson, der als Moderator durchs Programm des ganzen Abends führt, lässt erst einmal den Luftballon mit allen möglichen Zuschauererwartungen an solch einen langen Abend platzen. Er erzählt die persönliche Anekdote von einem Marathonlauf, bei dem er weniger Zeit benötigt habe als es das folgende Programm zu tun vermöge. Der Witz kommt an, die Zuschauer*innen lachen. Selbstironie, gepaart mit Charme und einer Prise Humor, die stets zum richtigen Zeitpunkt, aber gänzlich unerwartet eingestreut wird – das ist das Geheimrezept des Abends und letztlich genau der Grund, aus dem mir bis zum Ende des Abends nicht die Puste ausgeht.
Nachdem also das Eis gebrochen und das Publikum eingestimmt ist, kann es losgehen. Doch auf das, was dann passiert, bin ich nicht vorbereitet: Mitreißendes Tanztheater, poppig, düster, überladen, die Story bleibt zunächst noch unklar. Wie in einem antiken Zirkus werden in „Shrine“ kleine Kunststücke mit schwarzen Gummireifen vorgeführt. Die Bühne dient als Manege, auf der sich die Tänzer*innen in schnellem Tempo durch den Raum bewegen, von rechts nach links, diagonal, im Kreis. Mal bilden sie Gruppen, um dann wieder auseinanderzugehen, sodass es schwer ist, dem Bühnengeschehen in seiner Gesamtheit zu folgen. Insbesondere wird die volle Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen auf die Geräuschkulisse gelenkt: Sich in schwarzen Gummischläuchen, die wie gefährliche Würgeschlangen anmuten, räkelnde Frauen stoßen Schreie aus, die tief aus ihrem Innern zu kommen scheinen und die im Laufe der Performance immer lauter werden, immer schneller aufeinander folgen und sich gegenseitig bis zur Ekstase anzustacheln scheinen. Dieses immer wiederkehrende archaische, inbrünstige Gebrüll und Aufheulen der Performer*innen fasziniert mich und lässt mich zugleich erschaudern.
Ich sitze also dort mit zugehaltenen Ohren, während die Kernaussage der Performance bei mir ankommt: Hier geht es um Rituale, Opferungen, Exzesse.
In der Pause schlendere ich durchs Foyer, um mir auf dem Basar die Stände kreativer Visionär*innen anzusehen. Auch das gehört zur Show. Beim Stand des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes e.V. erstehe ich gleich drei Götterbilder im „Schlussverkauf“ und versuche hinter das Konzept von „Sacrifice“ zu steigen. Beim nächsten Stand fällt mir ein Flyer ins Auge, der denselben Titel wie der Abend trägt. Er bezieht sich allerdings nur indirekt auf ihn, denn „Sacrifice“ ist der Name einer Gesellschaft für Menschen, die sich im Glauben an die Kunst als Gottheit vereinen und sich ein Leben, das von kreativer Arbeit geprägt wird, als höchstes Ziel setzen. Diese Gesellschaft wurde von keinen geringeren als Erna Ómarsdóttir und ihrem Lebenspartner und Mitgestalter des Programms, Valdimar Jóhannsson, selbst ins Leben gerufen und ist genau die Idee, die dem Stoff der vierteiligen Show zugrunde liegt: die Glorifizierung von Kunst als anbetungswürdige Instanz, als Religion.
Mit diesen Informationen und meinen drei Götterbildern gehe ich weiter zur kleinen Bühne, wo der Videoloop „Dies Irae“ gezeigt wird. Der Film der bildenden Künstlerin Gabriela Fridriksdóttir zeigt teils realistische, teils abstrakte Filmsequenzen in Schwarz-Weiß von Körpern, die mit den Elementen kämpfen, mit diversen Materialien verschmelzen, sterben und wieder auferstehen: Mal werden sie im Sand begraben oder ertrinken in einer Art schwarzer Milch, mal versuchen dunkle Gestalten in Kutten Haarbüschel festzuhalten, die vom Wind hin und her geweht werden. Eine Requisite, die bereits in der „Shrine“-Performance zum Einsatz kam, als die Tänzer*innen sie wie Cheerleader-Pompons durch die Luft wirbelten. Auch die Frau im Piraten-Clown-Kostüm taucht zwischendurch auf und lacht stumm in die Kamera. Die Bilder sind dunkel, teilweise invertiert, wirken beklemmend und werden von einer nicht weniger unheimlich klingenden Melodie begleitet. Es ist der rückwärts abgespielte Gesang gregorianischer Mönche, die den Totenmessentext „Dies Irae“ von Thomas von Celano rezitieren.
Ich frage mich, warum all das, was ich bisher von „Sacrifice“ gesehen habe, so düster und unheilvoll daherkommt, wenn die Künstler selbst doch scheinbar dem Gott der Kunst huldigen und Kreativität als Glauben praktizieren? Dann müsste doch eigentlich alles in hellen Farben leuchten, die Freude und nicht der Tod im Vordergrund stehen und eine schillernde Freudenmesse abgehalten werden? Oder ist es genau diese Erwartungshaltung, mit der Ómarsdóttir und Jóhannsson spielen? Wollen sie sogar eine Warnung aussprechen, davor, dass jede Maßlosigkeit mit Vorsicht zu genießen ist, dass jeder Religion ein zerstörerisches, gefährlich fanatisches Element zugrunde liegt und dass jede Gottheit, von der wir uns abhängig machen, beliebig austauschbar ist? Der Götterschlussverkauf mit 10 Cent pro Götterbild lässt zumindest darauf schließen, ebenfalls ein höchst ironisches Element, das mich neben all der Düsterheit zum Schmunzeln bringt.

Ein wenig heller und freundlicher wird es bei der zweiten Performance auf der großen Bühne. So wie die schrillen und ohrenbetäubenden Urschreie der Tänzer*innen uns Zuschauer*innen haben erschaudern lassen, genauso wohlklingend vereinen acht Performerinnen sich daraufhin in „No Tomorrow“ in einem mehrstimmigen Gesang. Dazu spielen sie Akustikgitarre und wiegen sich verträumt im Takt, drehen Pirouetten und legen sich auf den Boden. Voller Körpereinsatz zu ein paar simplen Akkorden. Die Verherrlichung gewöhnlicher Klänge als Huldigungsreigen vor dem Gott namens Pop(musik). Auch hier keine freudetaumelnde Zeremonie, aber das Licht ist warm, die Klänge harmonisch, man kann dem Geschehen entspannt zusehen.
Nach einer weiteren Pause, in der Moderator Fridgeir Einarsson empfiehlt, sich für den letzten Akt des Abends zu wappnen, können noch Götterbilder oder Getränke an der Bar erstanden werden. Es folgt der 80-minütige Film „Union of the North“ des amerikanischen Künstlers Matthew Barney als abschließender Teil.
Falls es bis zu dieser Vorstellung noch irgendwelche Erwartungen seitens des Publikums gegeben hat, so müssen sie spätestens jetzt über Bord geworfen werden. Dieser Film sprengt alles – sogar den Geduldsfaden mancher Zuschauer*innen, die nach etwa der Hälfte des Films sichtlich übersättigt ob all des Exzesses den Saal verlassen. Auch mich verwirrt, ja sogar verstört teilweise das, was ich sehe. Und das, was ich sehe, kann ohnehin nie das komplette Geschehen sein, denn der Film ist in zwei Bildhälften aufgeteilt, die parallel gezeigt werden. Hinzu kommt, dass Texte in isländischer Sprache gesprochen und mit deutschen Untertiteln versehen sind, sodass es schwierig ist, Text und Bildsprache beider Bildseiten gleichzeitig zu erfassen. Meine Konzentration wird noch einmal voll beansprucht und ich versuche, mir einen Reim aus dem zu machen, was gezeigt wird. Aus einem sarkastisch anmutenden Blickwinkel wird hier die Zeremonie der Eheschließung und alles, was im westlichen Kulturkreis an Ritualen und Zeremonien dazugehört, ad Absurdum geführt: Ein Mann und eine Frau sollen verheiratet werden, und zwar in einem Shopping-Center. Als Götter dargestellt und von ihren Diener*innen auch so behandelt, werden sie für die große Feier vorbereitet. Diese Vorbereitungen werden bereits in Form von neu kreierten rituellen Handlungen und Zeremonien inszeniert. Mit völlig übertriebenen Maßnahmen wird das zukünftige Brautpaar für ihre Vermählung herausgeputzt und fit gemacht – durch isotonische Getränke, Eiweißshakes, kurzfristige Maßnahmen zur Optimierung und Verzierung der Körper – mit allen möglichen Hilfsmitteln, die sich in den verschiedenen Abteilungen eines Kaufhauses finden lassen. Die fleißigen Helfer*innen flitzen hin und her, schleppen die verschiedensten Dinge und Gerätschaften heran. Nur das Beste für ihre göttlichen Stars, versteht sich. Bis auch sie sich ganz diesem Ritual hingeben und sich in verschiedene Stadien der Trance versetzen.
Beim Junggesellenabschied tanzt der zukünftige Bräutigam alias Gott im wahrsten Sinne des Wortes auf Messers Schneide, während sich die Brautjungfern seiner Zukünftigen lasziv und exzessiv im Pulver eines Eiweiß-Shakes wälzen. Dazu wieder die inbrünstigen Schreie, die mich bereits in der „Shrine“- Performance so fesselten. Sie schreien so lange und so laut, bis sie erschöpft auf dem bestäubten Boden zusammensacken.
Der Film gipfelt in einem großen Finale: Für die Götterheirat kommen alle Protagonisten zusammen. Die beiden Erzählstränge des Films, die sich in den beiden Bildhälften spiegelten, werden zusammengeführt. Vor einem Dunkin‘ Donuts- Stand inmitten des Einkaufszentrums wird die Eheschließung von einer fülligen, Hochzeitsgelöbnisse singenden Frau im Kittelkleid abgehalten und das Brautpaar unter die Haube in Form einer riesigen aufblasbaren Kuppel mit Dunkin‘ Donuts-Aufschrift gebracht. Das Ganze endet in einem heillosen Durcheinander, das sich in allzu langen filmischen Sequenzen bis zur allgemeinen Ekstase aufbauscht und das Werk seine Vollendung findet.

Was an diesem Abend neben all den spektakulären, skurrilen und sakralen Inhalten zu kurz kam, war der Tanz an sich. Dafür gab es eine geballte Ladung Gesellschaftskritik, das Aufzeigen der Möglichkeit einer gänzlich andersartigen Weltanschauung und religiösen Haltung. Ob diese nun erstrebenswert und ernstgemeint ist, sei dahingestellt, doch eins ist sicher: Dem Entertainment-Gott huldigt die Iceland Dance Company mit „Sacrifice“ in jedem Fall.

„SACRIFICE“ – Eine exzessive Poesie der Aufopferung“ von Bastian Schramm

Vom 8. bis zum 10. September ist die Iceland Dance Company unter Leitung der Choreografin Erna Ómarsdóttir im tanzhaus nrw zu Gast. Dabei kommt nicht einfach nur ein abgeschlossenes Stück zur Aufführung, sondern vielmehr wird das ganze Tanzhaus NRW mit Beiträgen der Künstler*innen Matthew Barney, Valdimar Jóhannsson, Gabríela Friðriksdóttir, Ragnar Kjartansson und Margrét Bjarnadóttir in Beschlag genommen. Das dabei entstandene Festival mit dem Titel „SACRIFICE – a festival of common things made holy“ lässt sich in fünf Teile gliedern. Den Rahmen für den Festivalabend liefert ein Programm auf der großen Bühne, das sich aus zwei Performances und einem Filmscreening zusammensetzt. Während der Pausen findet im Foyer ein Basar statt, auf dem verschiedene obskure Objekte und Dienstleistungen (‚Hate-Yoga‘-Seminar, eine Kiste in der man sich zum Schreien einschließen kann) dargeboten werden und auf der kleinen Bühne läuft ein Video-Loop von der Künstlerin Gabríela Friðriksdóttir.
Ich muss zu Beginn dieser Besprechung zunächst meine eigene Perspektive auf das Gesehene verorten, denn im Januar 2017 war ich selber für einige Tage auf Island und hatte die Möglichkeit, einen eigenen Eindruck von der eigenartigen Landschaft dieser Insel und den darauf lebenden Menschen zu bekommen. Dies wäre nicht von besonderer Wichtigkeit, wenn die Performances an diesem Abend mir nicht ständig Assoziationen zu meinen eigenen Erfahrungen aufgedrängt hätten. Die erste Performance mit dem Titel „SHRINE“ beginnt mit einem monumentalen Bühnenbild, in dessen Zentrum zunächst eine riesige aufblasbare Kuppel mit ‚Dunkin‘ Donuts-Aufdruck steht. Auch wenn die Kuppel schon nach wenigen Momenten wieder verschwindet, wird mit einer aufwändigen Lichtinszenierung ein sakral wirkender Raum gestaltet. Die Performance arbeitet sehr stark mit der Körperlichkeit der Performer*innen, auf die zur gleichen Zeit keinerlei sorgende Rücksicht genommen wird, denn jede Bewegung scheint darauf bedacht, den Körper an seine Grenzen zu bringen. In schwarzen Schläuchen, die wie extraterrestrischer Seetang wirken und auf der Bühne durch ihre zuckende Beweglichkeit fast selbst wirken wie an der Performance beteiligte Lebewesen, nehmen die Performer*innen ein Bad und führen dabei Gesten auf, die an entgrenzende Trance-Tänze und indigene Gottesanbetungsrituale erinnern. Sie verschmelzen stellenweise zu einer sich bewegenden, stöhnenden Masse, die an anderen Stellen wieder unter großen Schmerzen auseinander zu treten scheint. Man wartet angespannt auf einen Moment der Erlösung, darauf dass die Gewaltigkeit der Performance abschlafft, doch dieses Harren ist lange vergeblich. Gerade hier drängten sich mir Assoziationen zur Gewalt und Gleichgültigkeit der Natur auf, die ich auf Island am eigenen Leibe erfahren konnte. Schönheit und tödliche Gefahr gehen hier immer Hand in Hand und man wird sich der eigenen Begrenztheit als Mensch jederzeit bewusst. Ein falscher Tritt und man wird von Geröll zerdrückt, in einem Geysir atomisiert oder von den hysterisch kreischenden Winden an den unwirklich schönen schwarzen Stränden aufs Meer herausgetragen. Während man beim Sonnenaufgang noch das Gefühl hat, man sei am friedlichsten Ort der Welt, kann einem schon kurze Zeit später von aufgewirbeltem Vulkangestein die Brille von der Nase geschlagen werden. Ganz ähnlich arbeitet die Ästhetik der Performance; die atemberaubende Schönheit der exzessiven Körperlichkeit existiert parallel mit einem Gefühl von Verderben und drohendem Untergang. Gebrochen wird dies in der Performance durch den plötzlichen ironischen Kommentar von Ragnar Kjartansson, der zu aus dem Off eingespielter Muzak wissenschaftlich genau erklärt, wie der Tod eines Menschen sich aus medizinischer Sicht beschreiben lässt, welche unterschiedlichen Phasen dabei zu differenzieren sind und was genau nach jeder Phase von der körperlichen Integrität der verstorbenen Person übrig bleibt. Dieser offene und interessierte Umgang mit dem Thema Tod ist ein Motiv, das sich durch den ganzen Abend zieht und – das ist meine persönliche Einschätzung – in dieser Form des Umgangs in der isländischen Kultur viel alltäglicher ist als an Orten, an denen der Tod weniger gegenwärtig ist und sich abstrakter darstellt. So beschäftigt sich der in der Pause zu besichtigende Video-Loop mit dem Titel „Dies Irae“ mit dem gleichnamigen Hymnus des mittelalterlichen Franziskaners Thomas von Celano – einem Text, der das Jüngste Gericht behandelt – und führt dabei in einer nihilistischen Ästhetik, die an mittelalterliche Beschäftigungen mit der Pest erinnert, Szenen auf, die von Vergänglichkeit und Wiederauferstehung zu handeln scheinen. Diese Motivik eines Kreislaufs des Lebens ist dabei im ganzen Verlauf des Abends sehr wichtig und ist vielleicht auch die Erklärung für den unbefangenen Umgang mit dem Tod: nämlich als fester Glaube an einen größeren Lebenszusammenhang, in dem einzelne vergängliche Körper als rekonfigurierbares Material auch nach dem Ende des Lebens im menschlichen Sinne weiterexistieren. SACRIFICE fokussiert dabei nicht das Opfer als singulär stattfindendes und auf einen streng abgegrenzten sakralen Kontext sich beschränkendes Ereignis, im Zuge dessen ein abgrenzbarer materieller Körper (menschlich oder nicht-menschlich) zu seiner Heiligung dem Leben entrissen wird und einer Gemeinde die Kontaktaufnahme mit einer metaphysischen Entität erlaubt. Vielmehr wird das Opfer im Kontext einer Konzeption von Leben, die einzelne Körper und ihre Abgeschlossenheit gegenüber einem größeren Lebenszusammenhang vernachlässigt, profanisiert und als sich konstant vollziehender Prozess, der im Fluss des Lebens ständig sich ereignet, verstanden. Zur gleichen Zeit stehen dann ganz subjektive Aspekte der Aufopferung wie Schmerz, Gewalt und Zerrissenheit im Vordergrund und werden damit problematisiert. Es wird klar, dass die Performance keine einfache Antwort auf die Fragen liefern will, die sie aufwirft, sie wählt vielmehr den Weg der Ästhetisierung, um die Widersprüche zu verhandeln. Die zweite Performance scheint sich eben diesem unangenehmen Zusammenhang von der Vergänglichkeit allen Lebens und der damit verbundenen Entsubjektivierung ganz entziehen zu wollen und setzt auf eine infantile An-ästhetik des Stillstands. Die acht Performer*innen stehen mit hochgekrempelten Jeans, weißen T-Shirts und Westerngitarre – und damit in der über alle Zeiten verständlichen Uniform des melancholisch-weltschmerzigen Teenagers – auf der Bühne und singen, neben einer durch und durch naiv anmutenden Gitarrenperformance in Anlehnung an Jugendbewegungen wie Punk, von der nicht vorhandenen Zukunft und damit von einer Zeit im Leben, in der jede Vergänglichkeit gegenüber der Intensität des Augenblicks in weiter Ferne erscheint. Doch schon im dritten Teil des Abends ist Schluss mit dem von außen allzu lieblich wirkenden jugendlichen Egozentrismus. Matthew Barney – der, nebenbei bemerkt, der Exfreund von Björk ist – kommt mit seinem Film „UNION OF THE NORTH“ zu der krassen Ästhetik zurück, die schon die Eingangsperformance prägte und lässt es dabei nicht aus, eine Menge des vorgegebenen visuellen Materials weiterzuverwenden. Dunkin‘ Donuts und auch die Gummischläuche aus der Anfangsperformance tauchen wieder auf, jetzt jedoch in etwas alltäglicherer Gestalt als ganz konkreter Donut-Stand in einem Einkaufszentrum und als etwas lächerlich anmutendes Sportgerät. Was zunächst noch wie ein etwas unheimlicher Besuch in einem nächtlich leeren Einkaufszentrum wirkt, steigert sich schnell in immer exzessivere Höhen, wobei Rituale aus dem Kontext der sportlerischen Selbstausbeutung mit religiös anmutenden Opferritualen verschmelzen und zu einer ekelerregenden und angsteinflößenden filmischen Gesamtperformance verschmolzen werden, die sich im Extrabreitbild einer Split-Screen-Montage darbietet und ähnlich zwischen Schönheit und Verderben schwankt, wie die Eingangsperformance. Die Realität des Einkaufszentrums wird hier auf brutale Weise pervertiert und die dem Kontext des Sporttrainings entnommenen Rituale gewaltsam überzeichnet. Mit Hilfe von Trichtern werden bis zum Erbrechen Proteinshakes in die Körper von Sport-Treibenden gezwängt, Männer verteilen Blöcke von Frittierfett auf ihren Körpern, um anschließend matt glänzend miteinander zu ringen, es werden Messer geschwungen und eine kunstblutschwangere Massage durchgeführt, deren bloße Ansicht das Publikum mit aufeinander gebissenen Zähnen und in bizarr verspannter Sitzhaltung zurücklässt. Die gesamte Performance gipfelt in einer Art symbolischen Liebesakt im Dunkin‘-Donuts- Pavillion vom Beginn des Performanceabends und sorgt damit für den freudig erwarteten Gesamt-Zirkelschluss, der das Ende eines Abends beschließt, der einen, ob der Drastik der Bilder, verschwitzt und erschöpft zurücklässt und damit die von Ragnar Kjartansson zu Beginn aufgestellte Parallele zu einem Marathon nicht ganz falsch erscheinen lässt. Was von diesem Abend zurückbleibt, lässt sich schwer in Worte fassen, da die Extremität des Gezeigten von der Zuschauer*innenseite nicht selten mit Abwehr quittiert wird und somit zu einer ungewollten Hermetik des Stückes führt. Der Zusammenhang von Leben, Gewalt, Aufopferung und Auferstehung wird auf extrem anspruchsvolle – nicht immer im positiven Sinne – Weise inszeniert und erfordert gewissermaßen schon durch die epische Länge von 4 Stunden eine gewisse Aufopferungsbereitschaft des Publikums. Das mag nicht jedermanns Geschmack sein, kann aber – schon allein aufgrund der hohen ästhetischen Integrität des vorgeschlagenen Festivalzusammenhangs –, wenn man sich darauf einlässt, durchaus Genuss verheißen.

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