Über Lia Rodrigues „Pindorama“ / Spielzeiteröffnung

Wann: 04.09. 20:00 + 05.09. 20:00
Wo: tanzhaus nrw

Lia Rodrigues und ihre Tänzer beeindrucken mit der Performance "Pindorama" (c) Sammi Landweer

Lia Rodrigues und ihre Tänzer beeindrucken mit der Performance „Pindorama“ (c) Sammi Landweer

#1 Über Lia Rodrigues „Pindorama“ von Bastian

In Zusammenarbeit mit elf Tänzern hat Lia Rodrigues am 4. und 5. September das Stück „Pindorama“ aufgeführt. Es ist in vielerlei Hinsicht bemerkenswert. Nicht nur auf persönlich-ästhetischer Ebene, sondern auch auf übergeordneten Ebenen, die sich unter anderem durch die Verknüpfung mit aktuellen Themen des Tagesgeschehens hier in der Hauspresse des tanzhaus NRW ergeben, aber auch im Hinblick darauf was Tanz allgemein zu leisten vermag.

Um mit dieser allzu theoretischen Vorrede zu brechen, sei zunächst gesagt, dass „Pindorama“ schon ein wundervolles Stück ist, wenn man auf jede Kontextualisierung in einem konkreten gesellschaftlichen Kontext und hoch reflektive Einlassungen verzichtet. Mit einfachen Mitteln, aber vor allem dem Bruch mit den Konventionen und den Erwartungen wird von Lia Rodrigues und ihren Tänzern eine tiefe emotionale Bindung erzeugt. Dies beginnt schon mit der eigenartigen Nutzung des Bühnenraums – da es keine Zuschauerränge gibt, spielt jeder mit, egal ob Darsteller oder Zuschauer. Dabei finden ständige Raumverschiebungen statt, die Zuschauenden, die sich sowieso schon verwirrt fühlen, weil sie keine Sitzplätze vorfinden, werden durch Sätze wie „You can sit anywhere you like“ noch mehr verwirrt. Vor allem, wenn das Publikum kurze Zeit später wieder durch das Ausbreiten eine riesigen Plane zerstreut wird oder später gar nasse Füße bekommt, weil gegen Ende des Stücks der gesamte Bühnenraum mit Hilfe von Wasserballons geflutet wird. Man fühlt die Macht der Darsteller, fühlt sich ihnen ausgeliefert. Auch schon wegen ihrer provokanten Nacktheit. Diese erzeugt eine große Spannung im Publikum, man ist sich nicht sicher, ob man sitzen, stehen oder herumlaufen soll, aus Angespanntheit probieren einige der Anwesenden gleich alles drei. Der schonungslose Umgang mit Körperlichkeit – schon in der Anfangsszene wird eine Tänzerin in einem Meer, das durch eine Kunststoffplane zu einem schillernd-tosendem Sturm stilisiert wird, der Gewalt ihrer Mittänzer ausgeliefert, die es laut schreiend in Schwingung bringen. Sie ist nackt und wird so durchgeschüttelt, dass man ihr beinahe zur Hilfe kommen will. Auf diese Weise wird ein Gefühl von Hilflosigkeit erzeugt und die Zuschauenden werden Spannung ausgesetzt. Es werden Affekte produziert, die gleichzeitig unterdrückt werden. Denn zu Helfenden wird hier niemand.
Im Verlauf des Stücks tauchen mehrmals emotional geprägte Kippbilder auf, die zunächst ruhig und sanft beginnen, sich dann aber ins Ekstatische und Bedrohliche steigern, unter anderem dadurch, dass sie nackte Körper abstrakter Gewalt aussetzen. Dabei wird ein reiches Repertoire an ikonischen Bildern bemüht, immer wieder scheinen beim Betrachten der Szenen medial vermittelte Traumabilder von Gewalt und anderen Szenen aus dem Unbewussten aufzuflackern. Das Repertoire an Bildern, die man in dem Stück wiederfinden kann, ist dabei sicher individuell. In

jedem Fall wird ein symbolisches Potpourri bedient, dass sicher auch klerikale und historisch geprägte Motive einschließt. Es wechselwirkt hierbei mit den zuvor angesprochenen, gebrochenen Affekten und Emotionen die im Publikum erzeugt wurden. Erfahrung von Gewalt und Ausgeliefertsein sind die großen Themen dieses Stückes.

Daraus ergeben sich auch auf einer theoretisch-reflektiven Ebene interessante Ansätze, weil das Stück so zu einer besonderen Art von Reenactment wird. Dabei werden keine konkreten Ereignisse re-enacted, sondern die Zuschauenden tiefgehend in die räumliche, akustische und emotionale Situation des Stücks eingebunden. Dabei erfahren sie unbewusste Bilder und Affekte, die eine individuelle, aber auch durch das grundlegende kulturelle Gedächtnis geprägte Meta-Ebene bilden. Vor diesem Hintergrund ist der Brückenschlag zu Themen des Tagesgeschehens, wie der aktuell stark thematisierten und sich ständig zuspitzenden Situation der Flüchtlinge, die zu großen Teilen auf dem Wasserweg nach Europa kommen, gar nicht besonders weit hergeholt.
Dieser Bezug wurde sowohl in sozialen Netzwerken, als auch bei dem Künstlergespräch im Anschluss an die Vorstellung vom Freitag hergestellt und diskutiert. Hierbei ging es auch um die Angemessenheit und Legitimität solcher Brückenschläge. Man könnte zunächst kritisch entgegnen, dass eine solche Übertragung eine Fehlleistung sei, weil diese Thematik bei der Entstehung des Stückes keine Rolle gespielt habe. Dieser Einwand lässt sich mit dem Verweis auf die performativen Etablierung von Kunstwerken beseitigen: Sieht man das Aufführen eines Stücks als solches nämlich als souverän an, so spielt es keine Rolle, dass die Flüchtlingskatastrophe während des Entstehungsprozesses keine besondere Rolle spielte. Der Bezug ergibt sich durch die Aufführung und die Einbindung eines dementsprechend „vorbelasteten“ Publikums. Es ist demnach klar, dass ein solcher Bezug hergestellt werden kann, er drängt sich durch die Anwesenheit medial geprägter Bilder geradezu auf. Doch was kann eine solche Performance im Hinblick darauf bewirken? Das Besondere an solch einer performativen Selbsterfahrung, die durch das nahe Beieinander von Performer und Zuschauer auf beiden Seiten entsteht, ist die Möglichkeit zur Verarbeitung von Eindrücken auf einer vor-semantischen Ebene. Sie trägt somit zu einer emotionalen Beschäftigung mit vorhandenen, in diesem Fall medial geprägten, Bildern bei, die sonst oft schon durch vorschnelle Einordnung in historisierende und politisierende Denkmuster beiseitegeschoben werden. Dabei trifft das Stück keine endgültige Aussage über bestimmte Themenkomplexe und bezieht keine moralische Position. Diesen Anspruch hat es auch nicht, denn es lädt vielmehr zu einer Erweiterung des eigenen Selbstverständnisses und Selbstempfindens ein – und das nicht nur in Bezug auf einen engen Themenbereich, sondern ganz im Allgemeinen.

Genau dies ist eines der Dinge, die Tanz heute leisten kann: abseits von historischen, politischen und anderen Narrativen eine Erfahrung mit grundlegenden Qualitäten der menschlichen Wahrnehmung und gesellschaftlichen Umständen und Herausforderungen zu erforschen. Dies geschieht durch ästhetische Übertragung und Neuschöpfung. Dabei muss und kann es nicht immer eine konkrete Antwort geben, vielmehr kann hier der Prozess und das Erlebnis im Vordergrund stehen.

#2 Auf rauer See von Sarah

Im Rahmen der Spielzeiteröffnung des tanzhaus nrw zeigt die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues mit ihrer Companhia de Danças ihre aktuelle Produktion „Pindorama“. Auch diese Veranstaltung findet unter dem Titel „ZUSAMMEN – zeitgenössische Tanzformen des Kollektiven“ statt und möchte das gemeinschaftliche Erleben von Tanz fördern.

Mit einer schlichten Plastikplane, Wasser und dem körperlichen Einsatz von acht nackten Körpern gelingt es der Produktion, das Publikum in eine andere Welt zu überführen. Die Zuschauer teilen den Bühnenraum mit den Tänzern und werden so unmittelbarer Zeuge, wie die erste Tänzerin sich durch wogende Wellen schleppt oder hilflos durch einen reißenden Strom treibt, der stellenweise auch das Publikum in einen leichten Sprühregen versetzt. Die Tänzerin ist den Naturgewalten und damit zeitgleich ihren Kollegen ausge-liefert, bis sie entkräftet zusammenbricht und nur das leise Rascheln der Folie im Raum zurückbleibt. In der nächsten Sequenz ist die Anzahl der Tänzer auf fünf gestiegen. Fünf Körper, die sich ihren Weg durch Wind, Sturm und Folie kämpfen und gleichzeitig auf der Suche nach Halt und Nähe sind, während unbeirrt die Folie über ihnen zusammenbricht. Die letzte Szene im abgedunkelten Saal wird dann ohne den Einsatz der Plastikplane eine eher feuchte Angelegenheit. Die Performer robben und schieben sich über den Boden, den sie zuvor mit Wasser gefüllten Ballons präpariert haben und fluten damit den Bühnenraum. Das Publikum sieht sich so gezwungen sowohl vor den Tänzern als auch vor dem Nass zu flüchten. Insgesamt lässt der in drei Szenen eingeteilte Abend einen unwillkürlich an das Schicksal der Flüchtlinge denken, die im Moment so häufig die Nachrichten dominieren, und deren Versuche das Mittelmeer zu überqueren, während das Publikum mit feuchten Sohlen den Heimweg antritt.

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