Über „Meins“ von Takao Baba

meins_lola-wienke

Wann: 28.01. – 31.01.
Wo: tanzhaus nrw

„Körperkonzert der Superhelden“ von Lola Treblin (7!)

Bumm – Zack – Klatsch – Stampf
Vier Superhelden stehen in vier Ecken.
Sie zeigen uns, was sie alles können. Jeder will der Beste sein. Einer macht die wildesten Sprünge, die ich in meinem Leben gesehen habe.
Frau Superheldin singt ganz toll!
„Das war meins“ kann ich immer wieder hören.
Sie drängeln sich voreinander und alle wollen größer sein als der andere oder die andere.
Irgendwann gibt es ein Körperkonzert. Die Superhelden klatschen sich auf die Brust, auf die Beine und in die Hände. Jetzt machen sie vieles gemeinsam.
Sie holen uns Leute dazu.
Wir stampfen und rufen: Boom, Boom, Boom.
Das ganze Publikum tanzt am Ende mit.
Wir Kinder bewegen uns zu Kommandos: Schlaf-Man, Prinzessin Bella, Muskel-Woman, Cat-Man.
Bei Schlaf-Man werfen wir uns auf den Boden.
Mir hat die Aufführung sehr gut gefallen, weil es so coole Sprünge gab und weil wir selber mitmachen konnten.

Veröffentlicht unter Allgemein, HipHop, Kinder, Tanz, Theater | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Über „Du bist nicht allein“ von HARTMANNMUELLER

Wann: 15.12. + 16.12. + 17.12.
Wo: tanzhaus nrw

„Erleuchtungsspiele via LED“ von Katharina Tiemann

Wir suchen eigentlich ständig nach Sicherheiten. Nach uns, nach Dingen, an die wir uns klammern können und die unsere Wirklichkeit als solche bestätigen. Am 15. Dezember zeigte das Düsseldorfer Duo Hartmannmueller im tanzhaus nrw die Düsseldorf-Premiere ihres neuen Stückes „Du bist nicht allein“. Die Choreografen und Tänzer Simon Hartmann und Daniel Ernesto Müller konfrontieren die Zuschauer mit der Infragestellung nur einer Wirklichkeit. Die pulsierende Musik von Orson Hentschel rahmt und treibt die Inszenierung kongenial voran.

Ein Tänzer bewegt sich in unvorhersehbaren Schritten und mit fragenden Gesten im Bühnenraum. Er beugt sich zu Boden, streckt sich in die Höhe, läuft umher. Hin und wieder entdeckt er etwas, Gegenstände etwa, und ertastet, was er da vorfindet. Dann wieder hastet er zum nächsten Ort. Die Musik entwickelt sehr schnell mittels Lautstärken- und Rhythmuswechsel eine eigene Dramatik und gerät zu einer überzeugenden Eigenständigkeit gegenüber dem Bühnengeschehen. Klänge, Bässe und Rhythmen, die zu atmen scheinen. Die Musik hat nahezu einen Körperlichkeit, ist manchmal widerständig und zugleich scheint sie sich in das Drama, was sich auf der Bühne abspielt, zu fügen. Die Industrierohre an der Bühnenseitenwand sind gefährlich, Strom läuft durch sie, elektrifizieren den Menschen, der damit in Berührung kommt. Stromschlag. Keine Chance des Entkommens. Groteske Verrenkung in diesem Horrorkabinett der Unmenschlichkeit.

Lange ist es zu Beginn dunkel. Die Zuschauer ahnen, das verheißt nichts Gutes, suchen nach einem Anhaltspunkt, nach einem Lebenszeichen im Schwarz, einem Tänzer und irgendwie auch nach sich selbst. Schemenhaft lässt sich endlich eine Gestalt ausmachen. Es ist noch unsicher, ob das Erkennen der Figur der eigenen Sehfähigkeit zu verdanken oder ob das Außen (die Lichtinstallation) der Urheber ist. Mit jedem weiteren Augenblick, der vergeht, erhellt sich der Raum mehr und es scheint klar: Die Inszenierung fragt danach, wer hier was lenkt. Wer oder was beeinflusst den Vorgang? Gute Frage. Ist neben all den physischen, teils hochunterhaltsamen Erleuchtungsspielen via LED eine Erkenntnis ahnbar? Versteht der Mensch, was wirklich passiert?

Die Frage nach der Verantwortlichkeit, einem Ursprung, der Konzeption einer Wirklichkeit ist ständig präsent und ruft den Titel „Du bist nicht allein“ unwillkürlich ins Bewusstsein. Nur: weniger tröstlich als zunehmend bedrohlich. Hartmannmüller eröffnet mit der Inszenierung die Möglichkeit einer anderen Wirklichkeit als der, der wir vordergründig erliegen, und stellen das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheiten in Frage. Dies geschieht handwerklich auf hohem Niveau, mit einem kreativen Umgang mit Tanzboden, Requisite und Kostümbild. Der temporeiche Hang zum Absurden ist hier Programm und so viel Spieltrieb im Tanz hat man selten gesehen.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

Über „Rain“ von Anne Teresa De Keersmaeker

Wann: 02.12. + 03.12.
Wo: tanzhaus nrw

„Wie beflügelt“ von Pia Bendfeld

Mit „Rain“ bringt Anne Teresa De Keersmaeker, fünfzehn Jahre nach der Uraufführung 2001, am vergangenen Wochenende ihr wohl bekanntestes und energischstes Stück nach Düsseldorf, auf die Bühne des Tanzhaus NRW.

Ein schimmernder Kordelvorhang hängt an einer kreisförmigen, goldenen Halterung von der Decke und trennt den Raum in einen offenen Zirkel, in dem sich die folgenden 70 Minuten ein brillant konstruiertes Zusammenspiel von Tanz, Musik und Farben ereignen wird. Anne Teresa De Keersmaeker, die bekanntlich die Grenzen zwischen ihren Choreografien mit anderen Kunstformen, vorwiegend lyrischen Texten, austestet und verschmelzen lässt, widmet sich in „Rain“ den minimalistischen Klängen des amerikanischen Komponisten Steve Reich.

Die Rhythmik der Melodien von „Music for Eighteen Musicians“ untermalt die Dynamik und den Fluss der Bewegungen und unterstützt deren schwingenden Ablauf. Wie eine Welle tragen die mal sanften, mal raschen Töne die zehn Tänzer, welche sich gewissermaßen von deren Energie treiben lassen. Unaufhaltsam bleibt das Stück in Bewegung. Die jungen Männer und Frauen laufen im Kreis, springen, rollen auf dem Boden, drehen sich, heben einander in die Luft, fließen in Gruppen zusammen, nur um sich wieder aufzulösen. Zeitweise entschleunigen Einzelne zwar ihr Tempo oder verweilen für einen Augenblick auf den am Rand platzierten, transparenten Stühlen, doch der Rest rennt stets weiter. Es ist erstaunlich, wie individuell und wenig synchron die Bewegungen im Gesamten ablaufen, während sie zugleich wie eine zusammenhängende Kraft auf den Zuschauer wirken. Wie zufällige Begegnungen inszeniert streifen sich manchmal die Körper, Blicke treffen sich und die Tänzer teilen einen kurzen Moment miteinander, indem sie sich ein flüchtiges Lächeln schenken, ineinander drehen, um sich wieder zu trennen und in die asymmetrische Gruppendynamik zurückzulaufen. Sie tauchen beiläufig auf und verschwimmen wieder in einem stetigen Strom, wie Ebbe und Flut. Die Personenkonstellation der verschiedenen Duette und Auftritte ist im ständigen Wechsel und genauso unvorhersehbar wie der Ablauf selbst.

De Keersmaeker präsentiert eine komplexe, kaum zu entschlüsselnde Choreografie, die vor Lebhaftigkeit pulsiert und ihren Zuschauer unweigerlich in den Bann zieht. Scheinbar mühelos und wie beflügelt schwingen die Tänzer über die Bühne. Dabei flattern die sanften Stoffe der puderfarbenen Kleider, welche von keinem geringeren als dem belgischen Designer Dries van Noten, bekannt für seine märchenhaften Entwürfe, gefertigt wurden, durch die Luft und versprühen mit ihrer elfenhaften Eleganz ein Gefühl von Leichtigkeit, Freiheit und Lebensfreude. Als sich das warme, goldene Licht in rosane Bonbon-Töne wandelt und sich auch die Farbigkeit der Kostüme angleicht, wechselt die Atmosphäre. Der Raum ist in ein zartes Pastellpink getaucht und auch die Musik verändert ihren Klang, wird rasanter, vibrierender. „Rain“ ist von einer ergreifenden Anmut und Dynamik, der sich das Publikum nicht entziehen kann und möchte. Es atmet den Zuschauer ein, zieht ihn in den magischen Sog seiner Ästhetik und beschwingenden Energie. Obwohl sich der Titel wohl an Kirsty Gunns Roman „Rain“ anlehnt, der das Ertrinken eines Kindes beschreibt, verkörpert das Stück keinesfalls die Tragik einer solchen Thematik. Keine Spur von Schwermut liegt in dem bunten, energiegeladenen und lebhaften Tanz. Es ist kein trister Herbststurm, sondern vielmehr ein langerwarteter, warmer und wohltuender Sommerregen, ein erfrischender Schauer. Nicht grundlos gilt diese Inszenierung von Anne Teresa De Keersmaeker als eines ihrer Meisterwerke. „Rain“ ist ein unvergleichlich ästhetisches, intensives und überwältigendes Tanzstück, was vor Lebendigkeit selbst zu atmen scheint. Als die Musik abbricht und das Licht erlischt macht sich allgemeine Enttäuschung breit: Es hätte noch ewig weitergehen dürfen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Musik, Performance, Tanz, zeitgenössischer Tanz | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Über „Sweat Baby Sweat“ von Jan Martens

Wann: 27.11.
Wo: tanzhaus nrw / im Rahmen des Factory Finale

„Eine Liebesgeschichte“ von Pia Bendfeld

Zum Abschluss seiner zweijährigen Periode als Factory Artist verabschiedete sich der belgische Choreograf Jan Martens am Sonntag, 28. November, mit seinem emotionalen Erfolgsstück „Sweat Baby Sweat“ vorerst vom Tanzhaus NRW und dem Düsseldorfer Publikum.

Mit seiner unverkennbaren Handschrift als Choreograf erzählt der Belgier Geschichten von Menschen des alltäglichen Lebens und deren inneren Gefühlswelt. An diesem Abend widmet er sich dem wohl beliebtesten Thema überhaupt: der Liebe. Trotz vielfältiger Interpretationsmöglichkeiten dieser Empfindung bezieht sich Jan Martens auf die ursprünglichste Form der Liebe zwischen Mann und Frau. Die Zuschauer verfolgen die Entwicklung einer romantischen Beziehung, welche im Schnelldurchlauf auf der Bühne präsentiert wird. Dabei kommt das Stück mit betont reduzierten Mitteln aus. Die Tänzer Kimmy Ligtvoet und Steven Michel, lediglich in schlichter Unterwäsche gekleidet, stehen auf der großen, leeren Bühne. Requisiten gibt es keine. Der Fokus liegt auf dem Tanz, den kraftvollen Bewegungen und der beeindruckenden Körperspannung, mit der die Darsteller sämtliche Figuren durchdeklinieren, welche teilweise an gymnastisches Training erinnern mögen. Sie tragen und halten einander, umschlingen und drehen sich, balancieren das Gewicht des jeweils anderen, liegen und schlagen Purzelbäume auf dem Boden. Ungeachtet dieser schweißtreibenden, in Zeitlupe durchgeführten Turnübungen, besteht ein durchgängig intensiver Augenkontakt zwischen den Partnern, welcher es erlaubt Bewegungsimpulse zu erkennen und auf diese zu reagieren. Zugleich schaffen die tiefen Blicke eine spürbar intime Atmosphäre im Raum. Das Publikum ist Voyeur dieser Leidenschaft und Nähe des jungen Paares und erlebt den Verlauf dieser innigen Beziehung mit. Ein Schriftzug an der Wand unterstreicht die Verbundenheit: „AS LONG AS YOU ARE HERE I AM TOO“. Der emotionale Höhepunkt findet sich in einem ausgedehnten, sinnlichen Kuss, dessen Überschwang und Hingabe in einem erheblichen Kontrast zu der körperlichen Anstrengung der Bewegungen steht. Scheinbar mühelos lässt sich die zärtliche Geste mit der erheblichen Anspannung und Belastung sämtlicher Muskeln vereinen.

Doch Jan Martens präsentiert seinen Zuschauern selten ein stereotypisches Ideal auf der Bühne. So folgt auch „Sweat Baby Sweat“ nicht dem Anspruch eine perfektionierte und mustergültige Beziehung zu porträtieren, sondern schafft ein Stück, dessen Wirkung durch authentische Empfindungen zwischen zwei Menschen geprägt wird. Das berauschende Glücksgefühl des Verliebtseins ist nicht von ewiger Dauer und das Paar entfernt sich mit der Zeit voneinander. Er weist sie mit zunehmender Bestimmtheit zurück, schiebt sie von sich, während ihre Bemühungen immer verzweifelter und flehender werden, sie sich an ihm festzuklammern versucht, aber im Sprung an ihm abprallt. Zum ersten Mal stehen beide mit Abstand voneinander getrennt, um schließlich wieder zueinander zu finden. In zuckenden Bewegungen nähern und umarmen sie sich, bis sie letztlich zusammen zu Boden sinken. Diesmal löst sie sich, krabbelt fort und lässt ihn zurück. Ziellos scheinen beide durch das Dunkel zu streifen, bis sie schließlich zum Schluss einsam und getrennt voneinander liegen bleiben, während Cat Powers Lied über „Willie Deadwilder“ ertönt, dessen Geschichte an die Wand projiziert wird. Wer aufmerksam zuhört und mitliest, erkennt, dass der Text bald nicht mehr dem des gesungenen Liedes, sondern Zeilen bekannter Lovesongs aus der Popmusik entspricht.

Obwohl die Liebe generell schon so vielfach thematisiert wurde, scheinen Künstler dennoch stets den Drang zu verspüren sich mit dem Thema zu beschäftigen und ihre innersten Empfindungen zu formulieren. Die Liebe ist omnipräsent und immerwährender Stoff der Kunst, was Jan Martens vermutlich zum Anlass nahm, dieses überaus intensive, berührende und feinfühlige Tanzstück, welches zu keiner Zeit dem Kitsch verfällt, zu kreieren. Es ist das glaubwürdige Porträt zweier Liebenden, welche im Zuge ihres schwankenden Gefühlszustands Momente des Glücks, Lust, Schmerz, Hoffnung und Trauer durchleben. Eine ehrliche Darstellung von junger Liebe.

Veröffentlicht unter Allgemein, Factory Artist, Performance, zeitgenössischer Tanz | Kommentar hinterlassen

Über das DANCE ON ENSEMBLE

Was: „Catalogue (First Edition)“ von William Forsythe & „7 DIALOGUES“ von Matteo Fargion
Wann: 28.10.
Wo: tanzhaus nrw / im Rahmen der Programmserie Real Bodies

#1 Tanzt weiter! von Jan Wenglarz
#2 Das Auflösen in und von Perspektiven von Katharina Tiemann

Tanzt weiter! von Jan Wenglarz

„Real Bodies“ – das aktuelle Spielzeitmotto des tanzhaus nrw beschäftigt sich mit Fragen von Körperlichkeit und Tanz, der Bedeutung von Schönheitsidealen und bietet der Vielfalt von Körperbildern, wie sie der Diversität unserer Gesellschaft entspricht, eine Bühne. Am 28. Oktober setzte das DANCE ON ENSEMBLE diese Reihe mit gleich zwei verschiedenen Stücken fort.

Das von William Forsythe, einem der aktuell wichtigsten zeitgenössischen Choreografen, für Tänzer des DANCE ON ENSEMBLES entwickelte Duo „Catalogue (First Edition)“ ist das erste Stück des Abends. DANCE ON vereint Tänzerinnen und Tänzer 40 plus, ein Alter, das im Bereich des zumeist klassischen Tanzes meist das Karriereende bedeutet. Dass kein Grund besteht, im fortgeschrittenen Alter das Tanzen aufzugeben, beweist diese Stück eindrucksvoll.

Ohne Musik, ein leerer Bühnenraum, einfach nur nebeneinanderstehend, beginnen Brit Rodemund (alternierend zu Jill Johnson) und Christopher Roman mit kleinen Gesten den eigenen Körper zu vermessen, zu ertasten. Diese Bestandsaufnahme, die fast wie ein Systemcheck der körperlichen Beweglichkeit wirkt, gewinnt zunehmend an Freiheit, Mut und Offenheit. Die anfängliche Selbstbezogenheit löst sich auf und was zunächst durch Blicke geschieht, passiert nun auch physisch: Kontaktaufnahme. Die vielen kleinen, subtilen Bewegungen geschehen mit solcher Präzision und Schnelligkeit, dass dieses Duo wie ein einziger großer Impuls wirkt, der durch die Bewegungen des jeweils anderen Körpers verstärkt und gelenkt werden kann. Schnell wird deutlich, dass die beinah unendlich scheinende, unerschöpfliche Variationsvielfalt nur das Resultat langjähriger (Tanz)Erfahrung sein kann. Ein individuelles Bewegungsinventar, das doch zugleich ein typischer Forsythe ist: mit seiner Konzentration auf die rotierenden Extremitäten, insbesondere des Torsos, deren Choreografie eine derartige Wirkungskraft haben, dass man meint, einem Nachdenken über Bewegungsmechanismen beizuwohnen, das spannender nicht sein könnte. Der zentrale Begriff des Bewegungsinventars des Abends wird auch im zweiten Stück aufgegriffen.

„7 DIALOGUES“ verfolgt einen dramaturgisch anspruchsvollen und höchst spannenden Ansatz. Sieben verschiedene Choreografen inszenieren sechs Tänzer und Tänzerinnen zur Musik von Schuberts Erlkönig und die Resultate werden schließlich von einem Pianisten zu einer Einheit zusammengefügt. Matteo Fargion schafft es durch seine charmante, stille Präsenz am Klavier dem Stück einen Rahmen zu geben, in dem sich die Performer mit allem nötigen Freiraum bewegen können. Alles scheint möglich. Jedoch steht am Ende der sieben Soli die Frage nach dem theoretischen Unterbau im Raum. Was möchte dieses Stück eigentlich zeigen? Die stärksten Momente dieses zweiten Teils sind die von Matteo Fargion eingesungenen Biografie-Schnipsel und Anekdoten, die einige der Soli begleiten. So entsteht immer wieder ein kurzer Einblick in die persönliche Tanz-Vita der Akteure. Allerdings bedingt die Kürze der einzelnen Soli auch die Tatsache, dass solche Eindrücke sehr flüchtig bleiben und kaum unter die Oberfläche gehen. Die Tänzer geben sich auf der Bühne regelrecht die Klinke in die Hand und so stehen gefühlvolle, persönliche gänzlich unvermittelt neben humoristischen und eher konzeptuellen Performances. Tänzerisch bewegt sich der ganze Abend auf einem stets so hohen Niveau, dass es den Zuschauer sofort vergessen lässt, dass es hier um Tanz gehen soll, der eigentlich gar nicht auf körperliche Perfektion abzielt.

Das feinsinnige Körpergespür des ersten Stückes will im zweiten Teil des Abends leider nicht mehr richtig Fuß fassen. Zu konzeptionell und durch die starken Brüche zu entfremdet wirkt das Stück. Letztendlich dominiert hier die Handschrift der jeweiligen Choreografen so stark, dass man sich den überwiegenden Teil der Soli auch mit anderen (und beispielsweise auch wesentlich jüngeren Tänzern) vorstellen könnte, ohne dass es den Gesamteindruck großartig ändern würde. Ein Ensemble, wie das von DANCE ON, welches durch die eigene grundlegende Ausrichtung eigentlich ein anderes Ziel verfolgt und über großartiges tänzerisches Können und ausdrucksstarke Akteure verfügt, traut man wesentlich mehr zu, als an diesem Abend zu sehen war.

Das Auflösen in und von Perspektiven von Katharina Tiemann

Wie definieren wir unseren Körper? Was konstituiert dieses Selbst? Und schließlich: Wie drücke ich mich in und durch diese Körperlichkeit aus? Diesen Fragen und den möglichen Antworten nähert sich das DANCE ON ENSEMBLE in seinen Produktionen „Catalogue (First Edition)“ von William Forsythe und „7 Dialogues“ von Matteo Fargion an. Der erste Abend des Ensembles im Düsseldorfer Tanzhaus NRW besteht aus zwei Stücken. Ein Charakteristikum des neu etablierten internationalen Tänzerensembles ist das Alter: Alle Mitglieder sind 40+. Diese Eigenschaft wird allerdings nicht betont, um das Alter in den Vordergrund zu stellen. Vielmehr werden die geistigen und körperlichen Veränderungen hervorgehoben. Das Werden im zeitlichen Prozess. Die Perspektiven, die Erfindung und Begegnung mit dem Selbst und dem Körper wird in Relation gesetzt zur Zeit. Mit der Existenz und Entwicklung verwoben ist das Tanzen. Der Tanz ist ihr Ausdrucksmittel nach innen sowie nach außen, seine Bedeutung geht aber noch weit darüber hinaus.

Die Berührung schafft den Beginn und einen Übergang. Sie lässt nicht bloß das Gemurmel in den Stuhlreihen verstummen, sondern auch ein Rauschen, dessen enorme Lautstärke erst mit seinem Verschwinden wahrgenommen wird. Gemeint ist die Berührung der Hände der Tänzer Jill Johnson und Christopher Roman. Die Berührung führt ein in das Stück und dessen Stille. Die Stille herrscht während der gesamten Darstellung vor und ist so beherrschend, dass jedes Schnappen nach Luft und jede noch so leise Regung an Bedeutung erlangt. Dieser Beginn ist kennzeichnend für die Choreografie im Ganzen. Einerseits ist der Zuschauer versunken in der Fokussierung auf die Tänzer und deren Prozess der Erkundung der eigenen Struktur. Andererseits wird er unwillkürlich dazu gedrängt, durch die permanente Stille jeden Laut, jede minimale Ton machende Bewegung des Selbst wahrzunehmen. Jeder in dem Raum wird dazu aufgefordert, sich der bebenden, atmenden, unruhigen und schweigenden Körper bewusst zu werden. Ein Einlassen auf die Substanz der Körperlichkeit, dessen Existenz Zeit unseres Lebens veränderbar bleibt, aber niemals negiert werden kann. Es stellt sich die Frage: Was macht den Raum aus, in dem unsere Bewegungen und unser Selbst zwischen Fremdbestimmung und Autonomie entsteht? Das Wissen über den eigenen Körper. Der Prozess der Aneignung des sogenannten Körperwissens von Jill Johnson und Christopher Roman ist zentral in „Catalogue (First Edition)“. Die Beziehung der beiden zueinander wird aufgegliedert und in ein Konzept gebracht. Die Tänzer beginnen und enden mit der Erforschung ihres eigenen Körpers. Sie erschließen sich durch das Erleben der Glieder, Muskeln und Formen ihres Körpers in unterschiedlichen tänzerischen Bewegungen ihre eigenen Möglichkeiten. Darüber hinaus erfahren sie sich selbst durch den Anderen und den Raum dazwischen.

Getrennt wird das erste vom zweiten Stück durch eine kurze Umbaupause, in der der Raum geschlossen und das Publikum auf seinen Plätzen bleibt. „7 Dialogues“ besteht aus einem Flügel, einem Pianisten bzw. Sänger und sieben Tänzern. In bibliografischen Einzeldarstellungen erzählen die einzelnen Tänzer Geschichten. Die Grenze verschwimmt zwischen einer Autobiografie und einer Erzählung. Dem Publikum ist nicht klar, wie die Choreografie eines jeden Tänzers zustande kam und womöglich Auskunft über deren Leben gibt. Das führt zu einer ganz besonderen Dynamik. Durch die völlig einzigartigen Fragmente, den persönlichen Umgang mit dem Tanz, wird Aufmerksamkeit erregt und die Spannung aufrechterhalten.
Der beleuchtete, aber ansonsten leere Raum erscheint wie ein Saal im Tanzunterricht. Er erinnert an unzählige Tanzstunden, die ausgefüllt sind von Schülern. Deren Körper, Bewegungen und Charaktere werden zwischen diesen Wänden geformt. Diese Assoziation erscheint nicht zufällig, bedenkt man als Eigenschaft des Ensembles das Alter. Alle Darsteller sind erfahrene Tänzer, die unterschiedlichste Erfahrungen – in und außerhalb der Tanzstunde – gemacht haben. Das Verhältnis zwischen dem Tanzen an sich und der Konvention, dies innerhalb der Tanzstunde erlernen zu müssen, verdeutlicht die Diskrepanz. Ein Spannungsfeld, das bereits im ersten Stück auftaucht. Was führt einen Menschen dazu, zu tanzen, sich zu bewegen und zu entdecken? Diese Frage steht eng in Verbindung mit dem in Frage stellen der Altersgrenze von aktiven Tänzern. DANCE ON widersetzt sich mit der Gründung des Ensembles und der bewussten Erwähnung ihres Alters Konventionen, die sie für überholt und unangemessen halten.

Was verleitet nun ein Ensemble dazu, zwei unterschiedliche Stücke an einem Abend zu präsentieren? Man könnte in die Extremen deuten und behaupten, durch die sehr kurze Umbaupause sei zu wenig Raum, um sich auf etwas vollkommen Neues einlassen zu können. Oder aber sie gebe zu viel Raum, um sich von den Eindrücken der Umgebung beirren lassen zu können und Gefahr zu laufen, der künstlerischen blasenartigen Sphäre durch Smalltalk mit dem Nachbarn zu entweichen. Aber womöglich ist nichts dergleichen ausschlaggebend. Denn durch das Konzept, zwei Darstellungen in einem zusammenzufügen, wird die Bedeutung von Perspektiven erst deutlich. Der Titel „7 Dialogues“ beinhaltet das Bestreben, Positionen darzustellen und diese darüber hinaus zu verknüpfen. „Catalogue (First Edition)“ widmet sich der tänzerischen Entwicklung anhand einer Beziehung. Beide thematisieren das Werden in der Körperlichkeit, manifestiert in der Ambivalenz des Tanzens. Die Stücke, als Komposition gedacht, stellen das Wesen der Rahmenbedingungen von Diskursen in Frage. Sie machen erkennbar, dass Perspektiven nicht zwangsweise aus den gleichen Kategorien oder Ordnungssystemen entstehen müssen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Dance on Ensemble, Musik, Real Bodies, Tanz, zeitgenössischer Tanz | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Über „more than naked“ von Doris Uhlich

Wann: 08. + 09.09.
Wo: tanzhaus nrw / im Rahmen der Spielzeiteröffnung

„Nacktsein ist mehr als nur Nacktsein“ von Bastian Schramm

Der Abend beginnt unheimlich heiß, dichtes Gedränge, laute Musik, Schweiß – das Tanzhaus NRW ist ausverkauft. Ganz Düsseldorf, wenn nicht sogar halb Deutschland scheint die Performance an diesem Abend sehen zu wollen. Die Gastgeberin beobachtet das zunächst aus der Distanz. Doris Uhlich steht in einer silbernen Bomberjacke hinter dem DJ-Pult, während sich die Massen in den Zuschauerraum wälzen. Die Luft steht, die Wärme wird langsam unangenehm. Es kommen erste Assoziationen zu einer prähistorischen Tropfsteinhöhle auf, die durch den bald niederschlagenden Nebel und die nackten Körper, der auf die Bühne kommenden Tänzer, verstärkt wird. Das Stück beginnt mit einer Szene, die an den Beginn einer gewöhnlichen Party in einem beliebigen großstädtischen Club erinnert. Man kommt langsam in Bewegung, versucht den eigenen Körper zur Musik zu fühlen. Steigert sich langsam. Aus den anfangs verhaltenen Bewegungen wird bald ein lustvolles bis ekstatisches Herumspringen, Tanzen, Feiern. Die Tatsache, dass alle Tänzer dabei völlig nackt sind, eröffnet eine eigenartige Perspektive: Nacktheit wird hier in keiner Weise als ein Fetisch vorgeführt, Körper werden nicht zu Objekten eines Voyeurismus, sondern werden in ihrem reduzierten Sein präsentiert – als Fleisch. Auch Nacktheit ist – wie Kleidung – mit kulturellen Setzungen verbunden, die auf bestimmte Aussagen einengt. Doris Uhlich verhilft den Körpern der Tänzer als Choreografin, sich als Material zu entblößen und sich in der Folge von Idealen und Erwartungen zu befreien, die auf öffentlich präsentierte Körper in der Regel projiziert werden. Was im ersten Augenblick vielleicht Befremden auslöst, wird zu einem Experimentierfeld. Körperfett – in unserer sportbesessenen Leistungsgesellschaft der eindeutigste Signifikant für Faulheit und in der Folge für ein vergeudetes Leben – wird in Schwingung gebracht, es darf aneinanderklatschen, gibt glückliche Schmatzlaute von sich, fängt beinahe selbst an zu tanzen. Gesellschaftlich aufoktroyierte Scham- und Ekelgefühle werden hier einfach weggeschwabbelt – was sichtlich Spaß macht.

Mit Nacktheit kann man heute nicht mehr schocken – das liest und hört man immer wieder im Zusammenhang mit Besprechungen von zeitgenössischen Theater- und Tanzproduktionen. Was damit eigentlich gemeint wird, ist, dass durch die ständige Verfügbarkeit von Pornografie, durch die Werbeindustrie und auch durch die aktuelle Individualisierung und Bildzentriertheit der Kommunikationsmedien und der damit verbundenen unbekümmerten Lust an Voyeurismus und Exhibitionismus Bilder von Nacktheit ständig und in ungekannter Menge auf den Einzelnen einprasseln. Dass dies allerdings bedeuten würde, dass Nacktheit in unserer Gesellschaft normal und ihre signifikatorische Kraft in Bezug auf künstlerische Einlassungen inzwischen verbraucht wäre, ist ein Fehlschluss, den Doris Uhlich mit ihrem Stück gekonnt in Szene setzt. Denn was oft vergessen wird, ist, dass die Bilder von Nacktheit die gewissermaßen den Körperdiskurs unserer Gesellschaft bestimmen, in der Regel in Hinblick auf Schönheitsideale und ihre Funktion inszeniert werden. In einer Bikiniwerbung gibt es kein Körperfett, keine Pickelchen, keine Behaarung; nur vermeintlich ideale Körper, die für die Käufer zum Fetisch werden sollen und in der Folge in der Unbeweglichkeit ihres gesetzten Rahmens verharren. Mit tatsächlicher Nacktheit hat das genau so wenig zu tun wie die zeitgenössische Porno-Ästhetik, in der Körper bloß zu einer abstrakten Projektionsfläche von medialer Machtausübung und Besitzlust werden.

In „more than naked“ werden Körper durch ihre Befreiung von einem voyeuristischen Blickregime befreit und gleichzeitig aus ihrer phänomenologischen Isoliertheit als Fetischobjekte gelöst. Die Performance ist gewissermaßen kein Sprechen über Körper und Körperlichkeit, sondern die Körper kommen selber ‚zu Wort‘. Dass Doris Uhlich dabei nie in einen belehrenden Gestus verfällt, bezeugt eine Szene, die zu „Paranoid“ von Black Sabbath Gesten der Ekstase zwischen Woodstock und der Monte Veritá aufführt und durchaus selbstironisch inzwischen historisch gewordene Nacktheit karikiert.
In Bezug auf unsere Körper darf alles – und nichts muss. Hauptsache der Spaß und die Lust, kurz Body Positivity stehen im Vordergrund. Ganz ohne pädagogischen Gestus schafft es Doris Uhlich, etwas in den Zuschauenden zum Schwingen zu bringen. Denn Nacktsein ist mehr als nur Nacktsein, es steht hier auf rührende Weise ganz im Sinne altväterlicher Tradition als ein Signifikant für die Würde des Menschen, für die Bedeutung der Einzelnen für die Gesellschaft und für ein Bedürfnis nach Freiheit von jeglicher Machtausübung, sei es durch persönliche Be- oder Abwertung, durch körperliche Züchtigung oder durch kulturelle Normierung.

Doris Uhlich zeigt: Nacksein ist mehr als nur Nacktsein.

Veröffentlicht unter Allgemein, Musik, Performance, Spielzeiteröffnung, Tanz, zeitgenössischer Tanz | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Über „BIS – Ein Solo für Truus Bronkhorst“ von Jan Martens

Wann: 10. + 11.09.
Wo: tanzhaus nrw / im Rahmen der Spielzeiteröffnung

#1 Porträt einer Frau von Jan Wenglarz
#2 Hommage an Truus Bronkhorst von Pia Bendfeld

Porträt einer Frau von Jan Wenglarz

„BIS – Ein Solo für Truus Bronkhorst“ ist nach der erfolgreichen Premiere von „The Common People“ im Mai diesen Jahres nun das nächste Stück von Jan Martens, das im Tanzhaus NRW gezeigt wird. Am 10.09.2016 fand die deutsche Erstaufführung im kleinen Saal statt.

Ein Hocker. Ein Stück Kreide. Musik. Eine Tänzerin. Ein Tänzer und Choreograf. Das sind die Elemente, aus denen sich „BIS“ letztendlich zusammensetzt. Viel mehr oder viel weniger braucht es aber auch nicht bei dem reduzierten, sehr konzentrierten und auf den Körper fokussierten Tanz- und Inszenierungsstil des jungen belgischen Regisseurs Jan Martens. Dazu gehören vor allem auch Elemente wie die Begegnung von Menschen, die sich in Bezug auf grundlegende Eigenschaften unterscheiden und eine große feinfühlige Zurückhaltung, wenn es darum geht, Menschen auf der Bühne zu inszenieren.

Der Altersunterschied von 33 Jahren zwischen der niederländischen Tänzerin Truus Bronkhorst und Jan Martens ist beachtlich. Doch Zahlen dieser Art verleiten auch dazu, in Kategorien zu denken und Erwartungshaltungen zu etablieren. Gerade die Themen Alter und Körper sind durch und durch geprägt von gesellschaftlichen und kulturellen Vorurteilen und Rollenbildern.Die Performance setzt sich über all dies vom ersten Moment an hinweg. Gezeigt wird das Porträt einer Frau. Truus Bronkhorst vereint eine androgyne, jugendliche Ausstrahlung mit ernster und ruhiger Mimik. Doch über diese Kontraste funktioniert das Stück. Durch die Zurschaustellung des Körpers und die offene Demonstration von Schwäche, Schmerz und Passivität gewinnt Bronkhorst eine unglaubliche Stärke und Ausstrahlung in ihrer Präsenz. Charakteristisch ist eine Sequenz, in der sich ein kurzes schmerzendes Stöhnen langsam immer mehr steigert und durch die Repetition, die Einfachheit der Geste und das Einsetzen von Musik zu einer Demonstration des Selbst wird, sich den Platz im Raum nimmt und alle Aufmerksamkeit in dieser einen Geste bündelt.

Viele der reduzierten, alltäglichen Motiven folgenden Gesten lassen sich schlichtweg buchstäblich lesen, wenn man denn so will. Truus Bronkhorst liefert sich in den Duo-Sequenzen körperlich völlig an ihren Tanzpartner Jan Martens aus, so dass das Fallenlassen und Auffangen als körperlicher Ausdruck für zwischenmenschliches Vertrauen den Zuschauer mit einfachsten Mitteln an sehr intimen Prozessen teilhaben lassen.
Trotz der kurzen Dauer von 30 Minuten lässt sich das Stück Zeit. Der Reiz liegt weder in einer besonders ausdrucksstarken Choreografie oder in einer Ästhetisierung menschlichen Kontakts, sondern in der Rohheit und damit auch Echtheit, in der man Emotionen an den Darstellern ablesen kann. Es ist überraschend, wie subjektiv der Eindruck sein kann, der durch repetitive, alltägliche Gesten vermittelt wird. Vielleicht sind sie gerade aufgrund dieser Eigenschaften besonders geeignet dafür, ganz individuell beobachtet, gelesen und verstanden zu werden. Jan Martens‘ Arbeiten zelebrieren den Moment, die Begegnung und lassen den Zuschauer das Geschehen auf der Bühne erfahren, ohne es im ersten Moment einordnen oder verstehen zu können. Sie verlassen sich ganz auf den intuitiven Zugang, den wir haben, wenn wir einen anderen Menschen betrachten.

Hommage an Truus Bronkhorst von Pia Bendfeld

Am vergangenen Wochenende präsentierte Factory Artist Jan Martens zum Saisonauftakt im Tanzhaus NRW die Deutschlandpremiere des 30-minütigen Tanzstücks „BIS – ein Solo für Truus Bronkhorst“. Nachdem der Belgier im Mai dieses Jahres 48 Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger in Form von Blinddates auf der Bühne des Tanzhauses zusammenbrachte, stellt er diesmal die niederländische Choreografin Truus Bronkhorst vor, die in den 80er Jahren durch ihren expressiven Tanzstil Aufsehen erregte. Dramatisch auch der erste Eindruck ihres Auftretens. Kaum hat sich die Tür des kleinen Saals geschlossen und der letzte Zuschauer Platz genommen, dröhnt schon ohrenbetäubende Musik scheppernd aus den Lautsprechern und Bronkhorst stürmt in Kapuzenjacke in den Raum. Mit wilden Handbewegungen schmiert sie in großen Lettern die Wörter COME BACK, STAY, LEAVE, PLEASE mit Kreide an die graue Backsteinwand. Dabei springt sie energisch vom rechten Rand zum linken Ende, um dort schließlich erschöpft zu Boden zu sinken. Eine kurze Szene, welche bereits die inneren Verwirrungen und tiefe Verzweiflung dieser über 60-jährigen Frau erahnen lassen.

Auftritt von Tanzpartner und Choreograf Jan Martens. Er eilt auf die liegende Truus Bronkhorst zu, fasst ihre Beine und schleift sie in Zirkeln hinter sich her. Er keucht. Die körperliche Anstrengung ist ihm im Gesicht abzulesen. Nach einigen Runden lässt er von ihr ab. Beide liegen hintereinander auf dem Rücken, den Blick zur Decke gerichtet und atmen schwer vor Anstrengung.
Bis auf einen transparenten Einteiler aus Spitze, der den Blick auf den gesamten Körper freigibt und auch die verdeckten Stellen dem Publikum nicht vorenthält, entkleidet sich die Tänzerin auf der Bühne. So freizügig klettert sie auf einen Holzhocker in der Mitte des Raumes und positioniert sich wie eine Skulptur auf einem Sockel. Allerdings präsentiert sie sich nicht mit dem Stolz einer Heldenstatue, sondern mit einer zerbrechlichen Unsicherheit. Aus dem Schatten des Bühnenrandes beobachtet Jan Martens jede ihrer Bewegungen. Das Licht im Raum ist gedimmt. Nur ein warmer Lichtkegel richtet sich auf Truus Bronkhorst. Ihre Person steht ohne Zweifel im Fokus dieses Abends.

Zögerlich beginnt die Frau auf dem Hocker ihren Körper zu berühren. Sie streift ihre Arme, legt ihre Hand auf den Schambereich und streichelt ihre Brust. Doch bietet sie sich trotz der erhöhten Podestposition weder dar noch vollzieht sie eine sexuelle Handlung. Es ist ein zaghaftes und vorsichtiges Antasten, kein lustvoller Akt.
Mit sehnsuchtsvollem Blick ins Publikum stößt sie ein schüchternes „Oh“ aus. Es klingt wie die Reaktion auf etwas Unerwartetes, ein überraschtes „Oh“, ein kleiner Impuls, welcher sich in der fortlaufenden Wiederholung zu einem lauten und energischen Stöhnen steigert und schließlich im emotionalen Ausbruch unter schmerzerfülltem Schluchzen eskaliert. Dabei dreht sich Truus Bronkhorst kaum merklich um die eigene Achse, sodass sie schließlich mit dem Rücken zu den Zuschauerreihen steht. Sich auf der schmalen Fläche des Stuhls windend, findet sie endlich durch die fließende Bewegung eines suggerierten Flügelschlags wieder zum leiblichen und inneren Gleichgewicht. Wie ein Vogel seine Flügel zum Abflug ausbreitet scheint sie für den Augenblick von den beschwerenden Ängsten und Nöten befreit. Doch dieser Moment des Loslösens scheint nicht von Dauer, denn kurz darauf kauert sich die Tänzerin zusammen, als wolle sie sich so den Blicken des Publikums entziehen. Jan Martens tritt an dieser Stelle erneut als die helfende Hand an ihre Seite. Mit einer umarmenden Geste hebt er sie und den Hocker behutsam vom Boden, um seine Tanzpartnerin sachte hin und her schweben zu lassen. In seinem Umgang mit der 33 Jahre älteren Truus Bronkhorst zeigt sich der Choreograf äußerst respektvoll und fürsorglich. Vorsichtig lässt er sie in seine Arme gleiten, trägt sie und gibt ihr Halt bis ihre Füße wieder den Boden spüren. Diese Szene ist von einer starken Metaphorik. Jan Martens fängt seine Kollegin im Moment des Leidens auf und verleiht ihr die Kraft sich wieder aufzurichten, um voller Zuversicht fortzuschreiten.

Mit neu erlangtem Selbstvertrauen geht Truus Bronkhorst souveränen Schrittes kreisförmig durch den Raum. Es erklingt Peggy Lees „Is There All There Is“. Im Kontext des Geschehens überschreitet die musikalische Untermalung beinahe die Grenze zum Kitsch, was Jan Martens nicht nötig hat. Durch die Verringerung des Radius reduziert sich scheinbar auch ihre Sicherheit und die Bewegung verliert allmählich an Dynamik, bis auf jeden Schritt vorwärts ein Schritt zurück folgt. Der Blick ist gedankenverloren, jedoch nicht wie der eines verträumten Mädchens, sondern sorgenvoll. Es gibt keinen Fortschritt, denn sie bewegt sich auf der Stelle. Wie von dieser Erkenntnis erweckt, verlässt sie mit einem Mal den Raum.
Man möchte vor Erleichterung tief aufatmen, als Truus Bronkhorst losgelöst und lächelnd mit Tanzpartner Jan Martens im Arm die Bühne zum Applaus betritt. Es ist bemerkenswert, mit welchem unvergleichlichen Feingefühl es dem belgischen Choreografen gelingt, in nur 30 Minuten ein derart ergreifendes Porträt dieser beeindruckenden Frau zu inszenieren. Trotzdem die Darstellung in keiner Form idealisiert noch die Verwundbarkeit ihres Körpers sowie ihrer Seele verbirgt, ist „BIS“ niemals bloßstellend. Bei „The Common People“ im Mai dieses Jahres durften wir bereits Zeugen seiner erstaunlichen Gabe werden, die feinen zwischenmenschlichen Gesten des Alltags in einen magischen Moment zu verwandeln. Jan Martens Empathie und seinem Sinn für das Wesentliche verdanken wir an diesem Abend erneut die Erkenntnis, dass es keiner aufwendigen Effekte bedarf, um die Zuschauer in den Bann zu ziehen, sondern auch die rohe Menschlichkeit zu berühren vermag. Eine würdige Hommage an die niederländische Tänzerin Truus Bronkhorst.

Veröffentlicht unter Factory Artist, Performance, Spielzeiteröffnung, Tanz, zeitgenössischer Tanz | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen