Über „Synchron“ von Tuning People & hetpaleis

Wann: 18.11. – 21.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe Melancholie & Muskeln

Tanz-Training für’s Bewusstsein von Simona Kirilova

Heutzutage ins Fitnesstudio zu gehen, ist nichts Besonderes. Aber die Tanzbühne in ein Fitnessstudio umzuwandeln schon. Im Tanzhaus NRW stehen drei Tänzer*innen, die schicke Anzüge anhaben, auf drei Laufbändern. Die Choreografin Karolien Verlinden transformiert in „Synchron“ auf kreative und humorvolle Weise die alltägliche Aktion in etwas Inspirierendes und etwas zum Nachdenken um. Mit Hilfe einer Geräusch-Palette des „Foley Artists“ Fred Heuvinck baut sie einen Raum zwischen Abstraktion und Realität auf, in dem die Zuschauer*innen das Gesehene frei interpretieren können. Weiterlesen

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Über „How do you fear?” von der fabien prioville dance company

Wann: 08.11. + 10.11. + 11.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen von Next Level

Foto: Mischa Lorenz

#1 Ästhetische Annäherung an das Phänomen Angst von Bastian Schramm
#1 Die Furcht des Menschen. Tief verankert und doch hart an der Oberfläche von Laura Pais

Ästhetische Annäherung an das Phänomen Angst von Bastian Schramm

Ein Kreischen durchschneidet die Dunkelheit, das Publikum zuckt zusammen. Köpfe drehen sich, sind versucht in der Schwärze die Ursache der markerschütternden Schreie auszumachen, die sich inzwischen mit monströsem Gegurgel mischen. Der Autor dieser Zeilen hat Schweißtropfen auf der Stirn, unterdrückt den Reflex, den Ausgang in den Blick zu nehmen. Angst. Dieses Gefühl, das viel mehr zu sein scheint als bloß ein solches, thematisiert der Choreograf Fabien Prioville in dem für die Tänzerin Gesa Piper inszenierten Solo „How do you fear?“. Dabei wird die Angst auf kraftvolle Weise bebildert, Gesa Piper windet sich am Boden, tastet sich in scheinbarer Panik über die Bühne und flüchtet vor einem Feuer, das im Off-Raum der Bühne auszubrechen scheint. Den ästhetischen roten Faden durch die Performance bildet dabei sogenanntes „Live-Projection-Mapping“, das es erlaubt, auf jeder Fläche im Bühnenraum projizierte Bilder ‚landen‘ zu lassen. Prioville setzt diese Technik ein, um das bildhaft Überfordernde, das Irrationale und Unausweichliche der Angst zu bebildern. So wird die Tänzerin wie ein negativer Scherenschnitt angeleuchtet, vor dem Publikum bloßgestellt und die Angst als absolut und unausweichlich, wie an der eigenen Haut klebend, erlebbar. Die Effekte, die dadurch geschaffen werden, schleichen sich subtil an und stellen sich an keiner Stelle in den Vordergrund, sie durchkriechen die Performance, um plötzlich offenbar zu werden. So züngeln in einem Moment der Erleichterung plötzlich Flammen aus dem Hintergrund der Szene und lassen die Affekte überhand nehmen. Das Stück versucht sich dabei am Spagat zwischen ästhetischer Annäherung an ein Phänomen, das sich eigentlich eher als Angriff auf alle Wahrnehmung darstellt und der gleichzeitigen theoretischen Rahmung mit Hilfe von aus dem Off eingesprochenen Texten, unter anderem von Hito Steyerl. Dabei wird – gewollt oder ungewollt – die Diskrepanz zwischen der ganz realen Angst und ihrer sprachlichen Darstellbarkeit deutlich. Wo Sprache ist, ist auch Erklärung, Maß und das Bewusstsein in der Welt zu sein, die Angst erscheint dagegen als der Verlust aller Form und jeglichen Bezugs – als das nichtendende Nichts. Jede Beschäftigung mit der Angst ist damit schon ein Aufbegehren gegen sie. So wird auch „How do you fear?“ zu einem Aufbegehren gegen die Angst. In einem Akt des Widerstandes wird Gesa Piper zur Boxkämpferin, die die Stricke, in denen sie sich zu verheddern scheint, zu Handschuhen umfunktioniert und so in einem Akt der Ermächtigung gegen die Angst einsetzt. Das Stück thematisiert Angst somit als zutiefst menschliches Gefühl, versucht sich daran, sie ästhetisch zu denken und in der Folge als kreativen Impuls nutzbar zu machen. Die theoretische Rahmung gerät dabei etwas sperrig und überlagert stellenweise die Feinheiten der choreografierten Bewegung und der ihr innewohnenden Ambivalenz, in dem sie durch Sprache festschreibt. Nichtsdestotrotz bleibt „How do you fear?“ auf der inhaltlichen Ebene ein wichtiges Stück, das Angst weder verharmlost, noch affirmiert, trotzdem jedoch aufzeigt, das die persönliche Opposition gegen die Angst möglich ist und durch ihre Umwertung ermächtigenden Charakter haben kann. Eine solche Beschäftigung mit der Angst ist besonders in Zeiten, in denen durch das populistische Schüren von Ängsten Plätze in Parlamenten und ganze Wahlen gewonnen werden, von großer gesellschaftlicher Relevanz.

Die Furcht des Menschen. Tief verankert und doch hart an der Oberfläche von Laura Pais

Die Auswirkungen und Folgen von Angst, die ein Mensch in seinem Leben durchlebt, hinterlassen Spuren und beeinflussen uns in unserem Handeln und Denken. Dies zeigt Tänzerin Gesa Piper in ihrem Tanzsolo in Form von körperlich und sprachlich hochexpressivem Ausdruck in der Uraufführung „How do you fear?“ des Choreografen Fabien Prioville im Tanzhaus NRW.
Das Stück beginnt mit leidklingenden Schreien auf der abgedunkelten Bühne. Daraufhin erscheint Gesa Piper und beginnt mit ihrem ersten Monolog, in dem sie darüber erzählt, wie sich das Gefühl von Furcht auf den Körper und die körperlichen Organe auswirkt und wie sich dadurch das Wohlbefinden des Menschen drastisch verändert. Daraufhin macht sie dies physisch deutlich, indem sie mit schwerem Atem ängstlich und unkontrolliert durch den Raum huscht. Diese Szene wiederholt sich in dem Stück immer wieder neben weiteren Monologen, indem sie wiederholt über die Gefühle und typischen Verhaltensmuster eines Menschen spricht, wenn er sich in Angstzuständen befindet.
Deutlich zu erkennen ist die kämpferische Haltung in Pipers Tanzstil, der nah am Tanztheater ist. Sie demonstriert einen Widerstand gegenüber ihrer Außenwelt bis zur körperlichen Erschöpfung – z.B. als Boxerin. Interessant ist auch die Szene, in der sie sich schnell und hektisch lange Bänder um ihre Handgelenke wickelt. Dies erinnert an Einengung oder an das Bandagieren einer Kriegsverletzung, aber auch an Suizid.
Das Stück bringt all das mit, was man sich unter dem Titel vorstellen kann. Es enthält viele verschiedene Szenen, die sehr deutlich den Zustand von Angst wiederspiegeln. Kritisch betrachtet nimmt allerdings genau das den Zuschauer*innen die Möglichkeit der eigenen Interpretationsanalyse. Trotz der gelungenen Inszenierung und vor allem überzeugenden Darstellung von Gesa Piper, ist es schwierig, eine emotionale Bindung zum Inhalt des Stücks zu finden.

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Über „Le Syndrome Ian“ von Christian Rizzo

Wann: 02.11. + 03.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Synthesizer und Endzeitstimmung von Ina Holev

Treibende Synthie-Klänge, flackernde Lichter und unheimliche Kreaturen. Nein, hier geht es nicht um die beliebte Mystery-Serie „Stranger Things“. Dennoch ist das Stück „Le Syndrome Ian“ eine Hommage an die düstere Seite der späten 1970er und 1980er Jahre. Der französische Choreograf Christian Rizzo schafft ein einnehmendes und atmosphärisches Stück zwischen choreografisch hochpräzisen Strukturen und tänzerischer Gelöstheit. „Le Syndrome Ian“ ist ein Teil der Programmserie Ceremony Now! am Tanzhaus NRW. Diese setzt sich mit Ritualen, Gemeinschaft und mit Traditionen auseinander, denen durch die Überschreibung ein zeitgenössischer Aspekt hinzugefügt wird. Weiterlesen

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Über „Dança Doente“ von Marcelo Evelin

Wann: 27.10. + 28.10.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

(Un)kontrollierte Körper von Christina Sandmeyer

„Tanzen“ ist ein mit Assoziationen beladenes Wort, das ein Bündel bewusster oder auch ganz unbewusster Erwartungshaltungen mit sich trägt. Was ist Tanzen? Eine spezifische Form, den Körper zu bewegen, sich „schön“ zu bewegen, Kontrolle über den Körper zu haben…? Die Performance „Dança Doente“ (übersetzt „Kranker Tanz“) setzt hinter diese Kette von Erwartungshaltungen ein ausdrückliches Fragezeichen. Denn das, was Marcelo Evelin mit seiner Kompanie Demolition Incorporada auf der Tanzhaus-Bühne zeigt, ist ungewohnt anders. Die neun Performer*innen bewegen sich, als versuchten sie, aus ihrem Körper auszubrechen, als versuchten sie, alles loszuwerden, was sich in den kulturell genormten Körper eingeschrieben hat. In den Bewegungen überlagern sich Momente des Verkrampfens und der Auflösung. Die Tanzenden scheinen von etwas Äußerem besessen zu sein und gleichzeitig eine ungemeine Kontrolle über ihren Körper zu haben. Es sind diese inneren Spannungsfelder, die das Bewegungskonzept in „Dança Doente“ so radikal anders machen. Weiterlesen

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Über „RULE OF THREE“ von Jan Martens

Wann: 06.10. + 07.10. 20:00
Wo: tanzhaus nrw / Dt. Erstaufführung

Foto: Phile Deprez

Drei sind ’ne Party von Meike Lerner

Wummernde Bässe, treibende Beats, sich vom Sound treiben lassende Tänzer*innen und Phasen eher nicht so gelungener, chemisch hervorgerufener Bewusstseinserweiterung: Jan Martens Stück „RULE OF THREE“, das am 06. Oktober im Tanzhaus NRW Deutschlandpremiere feierte, war die perfekte Clubnacht inklusive spannender Dreiecks-Konstellation kondensiert in rund 70 Minuten Performance.
Vor Beginn des Stücks Ohrstöpsel zu verteilen, war keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme. Die Drums, mit denen der amerikanische Drummer NAH, der live performte Weiterlesen

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Über „Give Me A Reason To Live“ von Claire Cunningham

Wann: 02.10. + 03.10.
Wo: tanzhaus nrw

Den Blick in Frage stellen von Ina Holev

Nur ein schmaler Lichtstreifen beleuchtet die Bühne. Sphärische Musik und Glockengeräusche. Beängstigend und eindrucksvoll zugleich, wie das Gefühl in einer alten Kathedrale zu stehen. In der Ecke des Raumes befindet sich eine gebückte Gestalt, auf Krücken gestützt, die ab- und aufschwingt.
Einige Minuten später. Alle Augen sind auf die Tänzerin Claire Cunningham gerichtet. Ihr Oberkörper zittert, bis aufs Äußerste angespannt steht sie vor dem Publikum. Ein intimer Moment. Ihre Kleidung ist zur Seite gelegt und auch die Krücken liegen fast achtlos auf dem Boden. Verwunderlich für alle, die mit dem Werk der schottischen Choreografin vertraut sind. Weiterlesen

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Über „Princess“ von Eisa Jocson

Wann: 28.09. + 29.09.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Foto: Jörg Baumann

#1 Schneewittchens long way down von Meike Lerner
#2 Ewig lächelnde Roboter-Prinzessin von Kai Kopel

Schneewittchens long way down von Meike Lerner

Willkommen in Disneyworld! Der Welt der unbegrenzten Fröhlichkeit und guten Laune, der artifiziellen Stereotypen im Allgemeinen und der schönen Prinzessinnen im Speziellen. Willkommen in der Welt von Schneewittchen, dem Inbegriff des Liebreizes, der moralischen und optischen Vollkommenheit und des reinen Herzens. Hierin führte Eisa Jocson die Zuschauer*innen des Tanzhauses NRW am 28. und 29. September 2017 – allerdings in deren dunkle, schmuddelige Ecken.
Ebenholzschwarzes Haar mit Schleifchen, Puffärmel-Kleidchen mit gelber Schürze und knallroten Lippen und Pumps – der perfekte Klein-Mädchen-Traum. Für die, die ihn verkörpern, allerdings eher ein Albtraum, der für die aus Manila stammende Choreografin und Tänzerin Eisa Jocson schon damit beginnt, dass sie diese Rolle mangels schneeweißer Haut in der „echten“ Traumwelt niemals spielen würde. Zwar sind philippinische Tänzer*innen in der Vergnügungsindustrie gefragt – allerdings eher als Staffage denn als Inbegriff klassischer Schönheit.
Vielleicht aber auch ein Glück, denn der Job der makellosen Prinzessin scheint auch kein leichter zu sein: immerzu lächeln, immerzu fröhlich, bis ins kleinste Detail einstudierte Bewegungen und Mimik und – ganz wichtig – niemals aus der Rolle fallen. Mit akribisch einstudierten Bewegungsmustern und großem schauspielerischen Talent reproduzieren die beiden Tänzer*innen dieses Bild auf der Bühne des Tanzhauses NRW. Anmutig, grazil, mädchenhaft und mit einem unschuldigen Schuss Erotik verwandeln sie die Bühne in einen Disneypark, machen die Zuschauer*innen zu Besucher*innen, bezirzen und umschmeicheln sie und heißen sie mit lieblich-hoher Mädchenstimme willkommen. Immer und immer wieder. Das gleiche Lächeln, die gleichen Bewegungen, die gleichen Floskeln. Und später: in den Schlaf weinen, aufstehen, Haare richten, Lächeln aufsetzen, weitermachen.
Eine tänzerische Herausforderung war das Marionettenhafte und der Spagat, anmutige und gleichzeitig einstudierte/reproduzierbare Bewegungen zu erzeugen. In der synchronen Ausführung der beiden Tänzer*innen wurde klar: Wer sich hinter der Prinzessinnen-Maske verbirgt, ist egal. Die Persönlichkeit der Darsteller*innen spielt keine Rolle. Was zählt, ist das Bild des Glamours und die Erfüllung des Klischees. Dass eines der Schneewittchen ein Mann war, ist mehr als leise Ironie.
Etwa in der Mitte des Stücks schwingt die Fröhlichkeit in Hysterie um. Die Einbeziehung des Publikums, die zu Beginn einem harmlosen Flirt glich, wird aufdringlicher. Sichtlich unwohl fühlen sich die Zuschauer*innen, denen die beiden Schneewittchen auf Speed nun mit ihrem Gekicher, ihren Belanglosigkeiten und ihren Fragen im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe rücken. Aus der Nähe betrachtet bröckelt das Prinzessinnenbild, die Realität lässt keinen Raum mehr für Projektionen. Die Situation eskaliert.
Verkatert und reumütig schlüpfen die beiden lädierten Schönheiten wieder in ihre Rollen, wenden sich schließlich an das Publikum und schämen sich ihres Exzesses. Ein letzter Versuch, die Realität von der Schönheit fernzuhalten – allerdings ohne Erfolg. Die lieblich-unterwürfigen Erklärungsversuche münden in wütende Verzweiflung und Vorwürfe, die Stimmen schlagen um in einen tiefen, rauen Ton. Schließlich entledigen sich die beiden ihrer Maskerade, befreien sich von ihren Rollen und treten in ihrer natürlich Schönheit vor das Publikum – übrigens nicht ganz uneitel und schon noch auf Applaus und Anerkennung aus. Ein echtes Happy End? Man weiß es nicht….

Ewig lächelnde Roboter-Prinzessin von Kai Kopel

Am 28. und 29. September traf man im Tanzhaus NRW auf eine alte Bekannte aus Kindertagen; die märchenhafte Königstochter mit der Haut weiß wie Schnee, den Lippen rot wie Blut, und dem Haar schwarz wie Ebenholz –Schneewittchen betritt die Tanzbühne. Klingt das etwa nach einem naiven Märchenballett?! Keineswegs, und doch ist der Verdacht des Naiven nicht ganz verfehlt, denn hinter dem Stück mit dem Titel „Princess“ der in Manila lebenden Choreografin und Tänzerin Eisa Jocson verbirgt sich eine kritische und raffiniert gemachte Auseinandersetzung mit der Unterhaltungsindustrie und einer ihrer weiblichen Idole: der Disney-Prinzessin.
Zu Beginn der Tanzperformance erscheint Eisa Jocson gemeinsam mit dem Performancekünstler Russ Ligtas auf der neutral gehaltenen Bühne. Beide tragen ein blau-gelbes Polyesterkleid mit Puffärmeln, wie man es als Disney-Schneewittchenkostüm saisonal in der Karnevalsabteilung findet. Dazu eine fransige schwarze Perrücke auf dem Kopf mitsamt des dazugehörigen roten Schleifchens. Auf den Lippen ein liebliches Lächeln. Insgesamt eher eine schrille, als eine glamouröse Erscheinung. Man ahnt zu diesem Zeitpunkt übrigens noch kaum, dass sich unter der einen Verkleidung in Wirklichkeit ein Mann verbirgt. Ein weiteres Indiz, dass hinter der Fassade etwas anderes verborgen sein könnte.
Eisa Jocson bedient sich bewusst der disneyschen Bildästhetik, parodiert und verramscht sie aber zugleich. Dennoch sind die ersten Assoziationen klar: Sofort kommen einem die zahlreichen Prinzessinnen- und Schneewittchen-Darstellerinnen in den Sinn, die in den Disneylands auf der ganzen Welt herumspazieren, die Aufmerksamkeit der Besucher*innen auf sich ziehen, mit Kindern fotografiert werden und gelegentlich entsprechend ihrer Rolle mit den Besucher*innen plaudern.
Ganz ähnlich wie dort geht es auch bei der Performance zu. Anfänglich nehmen die beiden bloß einige gezierte mädchenhafte Posen ein, so als würden sie sie vor dem Spiegel einstudieren. Dann erheben sie sich, tänzeln und hüpfen vergnügt durch den Raum, und geben dazu dann und wann mit ihren süßlichen Prinzessinnenstimmchen ein Kichern oder einen kurzen lieblichen Satz von sich, der höchstwahrscheinlich, wie ihr gesamtes kleines Repertoire an Sprüchen, aus dem berühmten Zeichentrickfilm von Disney stammt. Sie sprechen diese Sätze auch bei der x-ten Wiederholung mit immer derselben Betonung, als käme er vom Tonband: „Hello there.“ „I´m Snow White!“. Die Schneewittchens drehen sich im Kreise, pflücken imaginäre Blumen vom Boden auf, legen sie in ihren Schoß und kommentieren das dann mit einem Ausruf des Entzückens.
Die lieben Prinzessinnen ereifern sich sogar, das Publikum mit ihrer Fröhlichkeit anzustecken. Sie tippeln auf die Zuschauer*innen in der ersten Reihe zu und fragen sie mit zierlich angewinkeltem Kopf, wie ihr Tag war, was ihre Lieblingsfarbe sei, woher sie diese schönen Schuhe hätten und fügen zum Schluss dieses Small Talks noch hinzu, dass sie Schneewittchen heißen und so erfreut seien, sie kennenzulernen. Dazwischen immer wieder ein liebreizendes Posieren und – natürlich – ununterbrochenes Lächeln. Kurzum; sie spielen ihre Prinzessinnenrolle ausgesprochen perfekt – zu perfekt. Nur der Schweiß und ihr schnelles Atmen wollen nicht ganz dazu passen. Eine echte Prinzessin würde schließlich niemals hetzten und schwitzen.
Wem die Märchenidylle schon als Kind suspekt war, der bemerkt spätestens hier das Unwirkliche und auch leicht Unheimliche, das diese überhöhte Heiterkeit birgt. Und eben jenes sich anbahnende Unbehagen greift Eisa Jocson geschickt auf, indem sie zwischendurch dumpfe, schwummerige Maschinengeräusche einspielen lässt. Anfangs scheint es noch so, als wenn diese verkrümmten Klänge das vergnügt heitere Spiel der Prinzessinnen nicht beeinflussen würden, trügen sie nicht selbst zu dieser immer wieder kippenden Stimmung bei, indem sie, durch ein kleines Mikro am Kopf noch verstärkt, hell und grell kichern, was sich besonders unangenehm im Ohr des Zuschauers bemerkbar macht. Die Prinzessinnen verstören nun; in ihrem Übereifer und der Starrheit ihrer sich wiederholenden, immer gleich ausgeführten Bewegungen erscheinen sie auf dem Höhepunkt ihrer mechanischen Unterhaltungskunst wie grimassierende Roboter. Maschinen im Dienste von Disneyland, und obendrein wie Figuren ohne jede Glaubwürdigkeit.
Authentisch werden die beiden Schneewittchens erst, sobald sie ihre Rolle verlassen, was zunächst noch recht unfreiwillig geschieht, letztlich aber Überhand gewinnt.
Zwischen ihrem Umherhopsen und Kichern stolpern die beiden immer wieder theatralisch und stürzen zu Boden, was Teil ihrer Rolle ist und in seiner ständigen Wiederholung auch etwas leicht Slapstickhaftes hat. Doch dann geschieht etwas Ungekünsteltes; Schneewittchen fällt zu Boden und verharrt dort mehrere Sekunden schwer atmend. Dies sind die ersten Augenblicke, in denen ein Mensch mit einer ehrlichen Emotion für ein paar Sekunden sichtbar wird. Der erste von mehreren, immer deutlicher sichtbaren Rissen an der Fassade der ewig lächelnden Roboter-Prinzessin.
Geht Schneewittchen ins Publikum, kommt es vor, dass sie sich einige Sekunden lang an das Knie von jemandem klammert, so als wäre es der Ausdruck eines Verlangens nach Zuwendung. Dann spielt sie die vom Publikum zurückgewiesene, die sich wiederholt bei den Zuschauer*innen für ihre Aufdringlichkeit entschuldigt und am Boden kauert. Doch ist das noch gespielt? Denn ab da ist es Schneewittchen 2 (Russ Ligtas) plötzlich leid, dieses Geschöpf der Unterhaltungsindustrie zu spielen. Er brüllt wütend und hier erstmals mit seiner Männerstimme ein letztes Mal eine bezeichnende Schneewittchen-Phrase: „You don´t know how I feel rigth now!“. Ab da ist die Illusion endgültig zerbrochen; dumpfe Musik setzt ein, die Performer*innen legen über den Boden kriechend ihre Kostümierungen und Perücken ab – leider das einzige interessantere tänzerische Element in der Performance – und blicken ganz natürlich mit sichtbarer Erschöpfung in ihren Gesichtern ins Publikum, während im Hintergrund, als letzter Nachhall der zerbrochenen naiven Märchenwelt, die Filmmusik aus Disneys Schneewittchenfilm ertönt.
Eine gelungene Performance von Eisa Jocson, die nach einer grotesken Veranschaulichung einer nur zu vertrauten kindlichen Traumwelt zeigt, dass die Aufrechterhaltung der Fassade von Disneys Prinzessinnenimage einen erheblichen körperlichen Einsatz erfordert. Hinter diesem Aufwand macht Eisa Jocson Menschen sichtbar, die an ihrer im Grunde absurden Aufgabe, nämlich etwas Unmenschliches zu personifizieren, mitunter so sehr leiden, dass mit ihrem eigenen physischen, wie psychischen Zusammenbruch auch die Fassade dessen zerstört wird, was sie verkörpern oder vorgaukeln sollen.

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