Über die Physical Introduction vor „Speak Up!“ von Alida Dors

Wann: 25.02.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen des Festivals „You’re invited, if that’s ok?“

Der Rhythmus in mir von Laura Lindemann

So. Jetzt lasse ich alles los. Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Beim Ausatmen schmeiße ich ihn raus. Den Frust über die klirrende Kälte draußen, die verpatze Klausur in der Uni und alles, was sonst noch so an hartnäckigem Ballast an mir klebt. Ich atme es einfach weg. Stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden, sodass ich mich sicher und verwurzelt fühle. Nichts kann mich aus der Ruhe bringen. Mein Atem fließt durch meinen Körper. Ich lege die Hand auf meine Brust und spüre mein Herz pulsieren. Tha-Bump, Tha-Bump, Tha-Bump. „Feel your heartbeat. So, I will play the music. Oh yes, that is fine. Dance with the music. Go with the rhythm. Very good.” Und ich gehe mit dem Rhythmus. Meine Füße beginnen wie von selbst, auf und ab zu wippen, meine Hüfte dreht sich im Takt zur Musik, mein Kopf neigt sich hin und her. Erst ganz zaghaft, dann immer heftiger. Ich schließe die Augen und bewege mich nur von der Musik geleitet. Mein Körper ist wie energetisch aufgeladen. Schließlich tanzen alle Teilnehmer*innen wild durch den Raum, der nun förmlich vor aufgeheizter Energie zu brennen scheint. Weiterlesen

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Über „JERADA“ von Carte Blanche & Bouchra Ouizguen

Wann: 17.02. + 18.02.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Tanz der Moleküle von Laura Biewald

Am Wochenende des 17. und 18. Februar bekam das Tanzhaus NRW Besuch von einem besonderen Zusammenspiel: Die Kompanie Carte Blanche, die ihre Basis in Norwegen hat, führte unter der Leitung der marokkanischen Gastchoreografin Bouchra Ouizguen „JERADA“ auf – ein schwindelerregendes Stück über den alltäglichen Kampf des Individuums in der Gesellschaft.
Wie kann man in einer Gruppe überleben? Das war die Ausgangsfrage, die sich die Autodidaktin Bouchra Ouizguen, die sich für die Entwicklung der Tanzszene Marrakeschs engagiert, zu Beginn der Zusammenarbeit mit Carte Blanche gestellt hat. Eine Frage, die jeden betrifft und die ein jeder – mal mehr, mal weniger – täglich aufs Neue versucht zu beantworten. Eine Antwort wird in „JERADA“ allerdings nicht gegeben, sondern vielmehr die Fragestellung in die repetitive Figur eines sich drehenden Körpers eingerollt. Weiterlesen

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Über „Hakanaï“ von Adrien M & Claire B

Wann: 12.01. + 13.01
Wo: tanzhaus nrw
Festivaleröffnung von Temps d’Images

Von der Empfindsamkeit des Schauens von Sabina Kindlieb

Die Besucher*innen des Tanzhaus NRW begeben sich anlässlich der Eröffnung des Festivals Temps d’Images, das sich aktuellen künstlerischen Positionen zwischen Digitalität und Tanz widmet, in den großen Saal. Was sie dort antreffen, wirft Fragen auf, macht neugierig. Wie ein Würfel, mitten im Raum abgelegt, befindet sich eine 360°-Projektion. Das Publikum findet seine Plätze um jeweils drei der vier aufgestellten Leinwände herum. Manch einer denkt sich womöglich: „Von welchem Platz, aus welcher Richtung habe ich wohl den besten Blick auf die Performance?“ Geht das hier überhaupt? Manch andere entscheiden sich für ein Kissen auf dem Boden, die darauf hinweisen, dass der Raum in seiner vollen Platzkapazität aufgrund der Publikumsnachfrage voll ausgenutzt werden muss. Weiterlesen

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Über „LEVIAH“ von Reut Shemesh

Wann: 23.11.
Wo: tanzhaus nrw

Nähe und Verletzung von Ina Holev

Zwei Tänzerinnen rücken immer weiter zusammen, umarmen sich. Ein Moment inniger Verbindung. Bis sie Schläge andeuten, sich stoßen und tänzerisch Waffen darstellen. Es ist ein plötzlicher Sprung, von zwischenmenschlicher Nähe zu verletzenden Momenten. Dabei wird klar: Das zeitgenössische Tanzstück „Leviah“ der in Köln ansässigen aus Israel stammenden Choreografin und Tänzerin Reut Shemesh ist keine leichte Kost. Sie übersetzt darin ihre Erfahrungen im für alle Geschlechter verpflichtenden, israelischen Militärdienst in starke, manchmal erschreckende Bilder. 2015 wurde „Leviah“ in Köln uraufgeführt und am 23. November 2017 endlich und genauso aktuell (Stichwort #metoo-Debatte) wie vor zwei Jahren auf der kleinen Bühne des Tanzhaus NRW zu sehen. Das Stück ist jedoch nicht als Positionierung zum Nahostkonflikt zu verstehen, sondern bildet an einem autobiografischen Beispiel (der Choreografin Reut Shemesh, die neben Hella Immler die andere Tänzerin gibt) die Belastungen der Wehrpflicht ab. Insbesondere von Frauen, die in diesem Kontext auch Opfer sexueller Übergriffe sind. Weiterlesen

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Über „ZAURAK“ des MichaelDouglas Kollektivs & Prue Lang

Wann: 01.12. + 02.12.
Wo: tanzhaus nrw

#1 Mystische Verbundenheit von Florine Gewehr
#2 Heimelige Begegnung der dritten Art von Bastian Schramm
#3 Illustre Reise zu den Sternen von Kai Kopel

Mystische Verbundenheit von Florine Gewehr

Es ist der aus Theatern bekannte Moment des Innehaltens, ein magischer Moment freudiger Erwartung, der dann eintritt, wenn das Licht gedämmt und das letzte Flüstern verstummt ist, auf den das Publikum der Uraufführung „Zaurak“ des MichaelDouglas Kollektivs & Prue Lang am 01.12. im Tanzhaus NRW zunächst vergeblich wartet. Dabei ist es insbesondere die ungewohnte Unruhe im Zuschauerraum, die solange für Irritation sorgt, bis man sich der Überflüssigkeit des eigenen Wartens letztlich bewusst wird. Denn ein Warten wäre nur dann angemessen, wenn die Performance nicht schon längst begonnen hätte, doch das hat sie. Und nicht nur das. Auch die Zuschauer*innen sind, anfänglich sogar ohne eigenes Zutun, ein Teil der Performance geworden, indem sie mit großen Grundschulkinderaugen und Gefühlen des Erstaunens scheinbar selbstverständlich die Handbewegungen nachahmen, die ihnen die Tänzer*innen im Stil spiritueller Personaltrainer*innen in den Reihen des Zuschauerraumes vorführen. Während man in diesem Moment noch neugierig den Galaxie-Pullover und knallig blauen Nagellack eine*r der Personaltrainer*innen betrachtet als könne ein genaues Hinsehen Aufschluss darüber geben, was sich gerade vor den eigenen Augen entfaltet, beginnt im nächsten bereits eine galaktisch-mystische Fantasiereise für die Sinne, welcher man sich schnell gewillt ist hinzugeben.
Dabei steht das einfach gehaltene Bühnenbild, bestehend aus einem rechteckigen Tisch in der linken Ecke und angestrahlt durch einen großen Deckenscheinwerfer, an dem die Tänzer*innen nacheinander wie bei einer Prüfung auswendig Namen und Fakten aufzählen, im Gegensatz zu der Freude und Lust am Mystischen, am Fremden und Unerklärbaren, die die Tanzperformance „Zaurak“ des MichaelDouglas Kollektivs nahezu zelebriert. Thematisch bildet das Verbundensein unterschiedlicher, und im Kontext der Performance unterschiedlicher darstellerischer Elemente, den Fokus des Stückes. Und so erscheint es auch nicht sehr verwunderlich, dass die Bewegungen der fünf Tänzer*innen stets auf die Stimme der aufzählenden Person am Tisch abgestimmt bleiben. Interessant zu beobachten ist in diesem Zusammenhang insbesondere der Moment, in dem sich die Tänzer*innen gegenseitig von der Sitzposition am Tisch ablösen ohne dabei Körper- oder Blickkontakt aufzunehmen. Das scheinbar automatisierte Ablösen und der Wiedereintritt in den Kreislauf der Bewegung des*derjenigen, der*die zuvor am Tisch gesessen hat, erfolgt dabei aufgrund der perfekten Abgestimmtheit reibungslos und erweckt die Assoziation zweier Zahnräder, die ineinander greifen. Zusätzlich ist es genau diese Abgestimmtheit von Stimmen, Geräuschen und Bewegungen, die in „Zaurak“ den roten Faden der Performance bildet und die Zuschauer*innen zugleich mit Fragen nach dem eigenen Verbunden- und Eingebundensein konfrontiert.
Dass ein derartiges Verbundensein unterschiedlicher (darstellerischer) Elemente auch immer mit einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis einhergeht, wird im Rahmen der Performance deutlich, als der reibungslose Ablauf plötzlich durch eine Störung unterbrochen wird und die Tänzer*innen aufgebracht versuchen, das entstandene Chaos wieder in Ordnung zu bringen. Während es sich für den Kreislauf der Bewegungen um einen Moment der Störung, um eine unerwünschte Unterbrechung handelt, ist es für den*die Zuschauer*in jedoch eher eine Situation, die zum Schmunzeln verleitet und auf diese Art und Weise für Unterhaltung sorgt.
„Zaurak“ nimmt den*die Zuschauer*in mit auf eine fantasievolle und mystische Reise durch die Galaxie und widmet sich dabei scheinbar unerklärlichen und tausend Lichtjahre entfernten Phänomenen, wie zum Beispiel schwarzen Löchern. Dabei nähert sich die Performance mit viel Humor, tanzenden Seifenblasen und bunten Luftballons dem für uns nicht Greifbaren, ohne es erklären und damit seinem geheimnisvollen Charakter berauben zu wollen. Vielmehr lädt die Performance dazu ein, sich der eigenen Fantasie und Freude am Mystischen hinzugeben und regt gleichzeitig dazu an, unser eigenes Verbundensein, sei es im Großen mit der Welt, dem Kosmos, oder im Kleinen mit alltäglichen Elementen und Situationen, zu hinterfragen und kritisch zu reflektieren. Denn eins, und das wird in „Zaurak“ deutlich, ist eine nicht abzustreitende Wahrheit: Wir sind ein wesentlicher Bestandteil des „Flows“ und es bedarf unserer Sensibilität und Feinfühligkeit, damit weder wir selbst – noch andere Elemente – aus der Bahn geraten.

Heimelige Begegnung der dritten Art von Bastian Schramm

Geschichten über Außerirdische beginnen häufig mit einer besonders spannenden Form der Kontaktaufnahme – irgendwie müssen die fremden Geister in den Alltag einer meist sehr gewöhnlichen Gemeinschaft von Menschen eindringen, Interesse wecken, Chaos stiften und Sicherheiten auflösen. So beginnt auch „Zaurak“, das von Prue Lang in Zusammenarbeit mit den Tänzer*innen des MichaelDouglas Kollektivs choreografiert wurde und nun im Tanzhaus NRW zur Uraufführung kam. Prue Lang ist durch ihre Zusammenarbeit mit William Forsythe bekannt geworden, später hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei DAMPF (Dance and Media Performance Fusion) an neuen Ausdrucksformen von Performance und Tanz geforscht und mit Nicole Preisl und Richard Siegal das Kollektiv EPISODE gegründet. Der Name des MichaelDouglas Kollektiv geht auf die Tänzer Michael Maurissens und Douglas Bateman zurück, die den Gründungskern des seit 2009 bestehenden Kollektives bilden und dabei durch Lovella May Hogan, Susanne Grau, Sabina Perry und Adam Ster ergänzt werden.
Ganz in der Tradition des first contact, den man aus zahlreichen Filmen über ‚Begnungen der dritten Art‘ kennt, versuchen sich die Tänzer*innen schon während die Zuschauenden in den großen Saal des Tanzhaus NRW strömen, an ebendiesem. Von den Performer*innen, die in ihren von unifarben geprägten Outifts ein wenig an Trekkies im Fitnessstudio erinnern, werden freundliche Grußworte ausgesprochen, Hände werden ergriffen, mögliche Skepsis mit warmen Worten weggeredet. Es wird eine Verbindung zur tänzerischen Bewegung hergestellt, zum Raum, zum Universum und zur Unendlichkeit. Jäh wird diese erste gegenseitige Fühlung durch die mikrofonverstärkte Stimme von Susanne Grau unterbrochen, die an einem provisorischem Tisch sitzend das vorzustellen scheint, was ihre Familienverhältnisse sind. Doch nicht nur sie liest eine lange Reihe von Familiennamen vor, sondern auch ihre Mittänzer*innen knüpfen nach und nach mit an diesem langen Faden von Namen, der sich langsam zu entrollen beginnt und damit die Verbindung der Tänzer*innen untereinander inszeniert. Auch die Bewegungen, die die jeweils Nicht-Sprechenden dabei erproben, inszenieren körperliche Berührung untereinander und das Ausloten des geteilten Raumes. Eine Kleinigkeit wird plötzlich zum Auslöser von Streit und bezeugt, wie fragil das Gewebe der gegenseitigen Beziehungen ist. Die gemeinsame Sache wird jedoch bald wieder zum bestimmenden Element und führt zu einer Gruppenchoreografie, die mittels eines Countdowns zu einem furiosen Raketenstart wird. Endgültig ins All entrückt, spielen die Tänzer*innen Quiz und entwickeln darüber eine körperlich vermittelte Phänomenologie der neuen Umgebung. So kommt am Ende alles zusammen, das Pikometer als Einheit für die winzigste Teilchen steht neben einer Distanz von mehreren Milliarden Lichtjahren und damit dem von der Erde aus noch beobachtbaren Ende des Universums. Das Kleine und das Große, Mensch und Universum stehen am Ende verschwistert auf der Bühne und lassen die Zuschauenden in einer wohligen Schwerelosigkeit aus dem Vorstellungsraum gleiten. Im Rahmen von „Zaurak“ ist es gelungen, die schon bei den kleinsten molekularen Teilchenbindungen beginnende Kontinuität der Verbindungen zwischen Materieteilchen zu inszenieren und den Menschen an diesen undenkbar kleinen Kosmos anzubinden, ohne dabei eine Hierarchie zu eröffnen. Dass das Stück dabei an keiner Stelle in einen mystifizierenden oder gar kitschigen Gestus abrutscht, sondern eher vergnüglich von Mikro- zur Makroebene und umgekehrt hüpft, ist auf seine konzeptuelle Zugespitzheit zurückzuführen, die sich nach dem etwas langsam anbahnenden Beginn bis zum Schluss in ständiger ästhetischer Selbstüberholung steigert und dabei Purzelbäume von hard science zu wunderbar klaren, aber kreativen Bildern schlägt. Dabei gerät die Performance zu einem fröhlich warmen Band in der eigenen Eingewobenheit in die Machenschaften der freundlichen, aber äußerst korrekten Aktanten die das Universum zusammenhalten und lässt einen als Zuschauenden nach dem Ende der Vorstellung einmal mehr zum bestirnten Nachthimmel aufblicken, vielleicht nicht in Ehrfurcht und Bewunderung, sondern eher mit einem Zwinkern.

Illustre Reise zu den Sternen von Kai Kopel

Am 1. und 2. Dezember forderten das MichaelDouglas Kollektiv und die Choreografin Prue Lang die Besucher*innen des Tanzhauses NRW dazu auf, den Planeten Erde für eine Stunde zu verlassen, um mit ihnen die unendlichen Weiten des Weltalls zu erkunden – tänzerisch versteht sich. Das in Köln ansässige Kollektiv hat es sich in Zusammenarbeit mit der ehemaligen Forsythe-Performerin Prue Lang zur Aufgabe gemacht, die oft nur schwer vorstellbaren Phänomene des Kosmos, wie etwa schwarze Löcher oder eine Supernova, mithilfe von sechs tanzenden Körpern in dem Stück „Zaurak“ (benannt nach einem tausende Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernten Stern) sichtbarer zu machen.
Die sechs Tänzer*innen tragen verschiedenfarbige Alltags- und Sportbekleidung, nur der mit Sternen und kosmischem Nebel bedruckte Pullover einer Tänzerin deutet darauf hin, dass es um den Weltraum geht. Der Bühnenraum ist, bis auf den weißen Tanzboden mit einem Stuhl und einem Tisch mit einigen Versuchsutensilien darauf, weiträumig und leer wie das All. Die Tänzer*innen schreiten dort sachte im Kreis, wie Planeten, die eine Sonne umrunden. Doch ihre Umlaufbahnen verschieben sich, die Tänzer*innen verlassen sie und schlagen andere Bahnen ein, wo sie auf andere Tänzer*innen treffen und mit gewandten, ausweichenden Bewegungen mit ihnen interagieren. In diesem Universum bewegt sich viel, es folgt einer eigenen Dynamik. Abwechselnd nehmen die Performer*innen einzeln an dem Tisch platz und beginnen in alphabetischer Reihenfolge und in verschiedenen Sprachen Vor- und Nachnamen wie in einem Telefonbuch aufzusagen. Die Auflistung lässt an die Astronomie denken, wo auch jeder Stern exakt erfasst wird und einen eigenen Namen trägt. Mit eben solchen Assoziationen gelingt es den Performer*innen das Publikum abzuholen und für ihre Reise zu den Sternen zu gewinnen.
„Zaurak“ lebt von auch von der Gleichzeitigkeit und raschen Abwechslung von geschauspielerten Passagen einzelner Protagonist*innen mit Text (wie in der oben beschriebenen Szene) und dem Tanz, wobei das Augenmerk hier unwillkürlich auf die zeitlupenhaft, geschmeidige Bewegungstechnik der Tänzer*innen gerichtet ist, in der man sich immer wieder für Momente verliert: Zwei Tänzer bilden eine Sonne, reagieren in breitbeiniger Hocke und mit sanft peitschenden Händen aufeinander, womit sie womöglich die Sonnenstürme, die Energie, die von dem Stern ausgeht, symbolisieren möchten. Andere Performer*innen beginnen ferne Galaxien oder auch Titel von Science-Fiction-Filmen aufzulisten: „Star Trek“, „Gravity“, „Andromeda“; alles Mögliche, was man als Laie irgendwann einmal in Film, Fernseh-Dokus oder Fachartikeln über das Weltall gehört und gelesen hat, wird einem zurück ins Gedächtnis gerufen. An anderen Stellen geht das MichaelDouglas Kollektiv noch tiefer in die Wissenschaften hinein: Der Saal wird heller, die Tänzer*innen bewegen sich alltäglicher und etwas hektisch, und nachdem das Lego-Modell auf dem Tisch, das offenbar irgendeine winzige molekulare Struktur darstellen sollte (denn das Stück leuchtet nicht nur in den Makro-, sondern auch in den Mikrokosmos hinein), zu Bruch geht und jemand das wütend mit „I have been working on this for ages!“ kommentiert, glaubt man sich plötzlich in ein Laboratorium oder einen Hörsaal voller aufgeregter Wissenschaftler versetzt – erst recht, wenn es zu ein paar Prüfungsfragen kommt.
Eine Tänzerin fragt ihren Prüfling am anderen Ende des Raumes, welche der folgenden Darstellungen A, B oder C die Vorgänge innerhalb eines schwarzen Lochs am besten beschreibt. Und sogleich beginnen die Übrigen mit den Händen einen Tunnel zu bilden, durch den eine Tänzerin bodennah hindurchschlüpft, ehe sich der Tunnel wieder verschließt. Das passiert also in einem schwarzen Loch! Professoren für Astrophysik könnten sich an Prue Lang und dem MichaelDouglas Kollektiv ein Beispiel nehmen; ihr Einfallsreichtum bringt die Zuschauer im Laufe des Abends immer wieder zum Staunen und zum Lächeln, und das im selben Moment. Die Truppe schöpft das Potenzial der ungewöhnlichen Verbindung von Tanz mit dem Thema Weltraum voll aus. Die Tänzer*innen versammeln sich im Kreis zu einer Séance zum Erspüren kosmischer Energie (auch die Astrologie bekommt hier ihr Fett weg), um sich Augenblicke später zu Raketendonnern und nach Ablauf des eingespielten legendären Countdowns über den Boden von der Mitte ruckartig wegzudrücken, als wären sie die Funken einer startenden Saturn V-Rakete.
So bildhaft, originell und unterhaltsam wie in „Zaurak“ von Prue Lang und dem MichaelDouglas Kollektiv haben Astrophysik und zeitgenössischer Tanz wohl noch nie zuvor zusammengefunden.

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Über „Synchron“ von Tuning People & hetpaleis

Wann: 18.11. – 21.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe Melancholie & Muskeln

Tanz-Training für’s Bewusstsein von Simona Kirilova

Heutzutage ins Fitnesstudio zu gehen, ist nichts Besonderes. Aber die Tanzbühne in ein Fitnessstudio umzuwandeln schon. Im Tanzhaus NRW stehen drei Tänzer*innen, die schicke Anzüge anhaben, auf drei Laufbändern. Die Choreografin Karolien Verlinden transformiert in „Synchron“ auf kreative und humorvolle Weise die alltägliche Aktion in etwas Inspirierendes und etwas zum Nachdenken um. Mit Hilfe einer Geräusch-Palette des „Foley Artists“ Fred Heuvinck baut sie einen Raum zwischen Abstraktion und Realität auf, in dem die Zuschauer*innen das Gesehene frei interpretieren können. Weiterlesen

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Über „How do you fear?” von der fabien prioville dance company

Wann: 08.11. + 10.11. + 11.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen von Next Level

Foto: Mischa Lorenz

#1 Ästhetische Annäherung an das Phänomen Angst von Bastian Schramm
#1 Die Furcht des Menschen. Tief verankert und doch hart an der Oberfläche von Laura Pais

Ästhetische Annäherung an das Phänomen Angst von Bastian Schramm

Ein Kreischen durchschneidet die Dunkelheit, das Publikum zuckt zusammen. Köpfe drehen sich, sind versucht in der Schwärze die Ursache der markerschütternden Schreie auszumachen, die sich inzwischen mit monströsem Gegurgel mischen. Der Autor dieser Zeilen hat Schweißtropfen auf der Stirn, unterdrückt den Reflex, den Ausgang in den Blick zu nehmen. Angst. Dieses Gefühl, das viel mehr zu sein scheint als bloß ein solches, thematisiert der Choreograf Fabien Prioville in dem für die Tänzerin Gesa Piper inszenierten Solo „How do you fear?“. Dabei wird die Angst auf kraftvolle Weise bebildert, Gesa Piper windet sich am Boden, tastet sich in scheinbarer Panik über die Bühne und flüchtet vor einem Feuer, das im Off-Raum der Bühne auszubrechen scheint. Den ästhetischen roten Faden durch die Performance bildet dabei sogenanntes „Live-Projection-Mapping“, das es erlaubt, auf jeder Fläche im Bühnenraum projizierte Bilder ‚landen‘ zu lassen. Prioville setzt diese Technik ein, um das bildhaft Überfordernde, das Irrationale und Unausweichliche der Angst zu bebildern. So wird die Tänzerin wie ein negativer Scherenschnitt angeleuchtet, vor dem Publikum bloßgestellt und die Angst als absolut und unausweichlich, wie an der eigenen Haut klebend, erlebbar. Die Effekte, die dadurch geschaffen werden, schleichen sich subtil an und stellen sich an keiner Stelle in den Vordergrund, sie durchkriechen die Performance, um plötzlich offenbar zu werden. So züngeln in einem Moment der Erleichterung plötzlich Flammen aus dem Hintergrund der Szene und lassen die Affekte überhand nehmen. Das Stück versucht sich dabei am Spagat zwischen ästhetischer Annäherung an ein Phänomen, das sich eigentlich eher als Angriff auf alle Wahrnehmung darstellt und der gleichzeitigen theoretischen Rahmung mit Hilfe von aus dem Off eingesprochenen Texten, unter anderem von Hito Steyerl. Dabei wird – gewollt oder ungewollt – die Diskrepanz zwischen der ganz realen Angst und ihrer sprachlichen Darstellbarkeit deutlich. Wo Sprache ist, ist auch Erklärung, Maß und das Bewusstsein in der Welt zu sein, die Angst erscheint dagegen als der Verlust aller Form und jeglichen Bezugs – als das nichtendende Nichts. Jede Beschäftigung mit der Angst ist damit schon ein Aufbegehren gegen sie. So wird auch „How do you fear?“ zu einem Aufbegehren gegen die Angst. In einem Akt des Widerstandes wird Gesa Piper zur Boxkämpferin, die die Stricke, in denen sie sich zu verheddern scheint, zu Handschuhen umfunktioniert und so in einem Akt der Ermächtigung gegen die Angst einsetzt. Das Stück thematisiert Angst somit als zutiefst menschliches Gefühl, versucht sich daran, sie ästhetisch zu denken und in der Folge als kreativen Impuls nutzbar zu machen. Die theoretische Rahmung gerät dabei etwas sperrig und überlagert stellenweise die Feinheiten der choreografierten Bewegung und der ihr innewohnenden Ambivalenz, in dem sie durch Sprache festschreibt. Nichtsdestotrotz bleibt „How do you fear?“ auf der inhaltlichen Ebene ein wichtiges Stück, das Angst weder verharmlost, noch affirmiert, trotzdem jedoch aufzeigt, das die persönliche Opposition gegen die Angst möglich ist und durch ihre Umwertung ermächtigenden Charakter haben kann. Eine solche Beschäftigung mit der Angst ist besonders in Zeiten, in denen durch das populistische Schüren von Ängsten Plätze in Parlamenten und ganze Wahlen gewonnen werden, von großer gesellschaftlicher Relevanz.

Die Furcht des Menschen. Tief verankert und doch hart an der Oberfläche von Laura Pais

Die Auswirkungen und Folgen von Angst, die ein Mensch in seinem Leben durchlebt, hinterlassen Spuren und beeinflussen uns in unserem Handeln und Denken. Dies zeigt Tänzerin Gesa Piper in ihrem Tanzsolo in Form von körperlich und sprachlich hochexpressivem Ausdruck in der Uraufführung „How do you fear?“ des Choreografen Fabien Prioville im Tanzhaus NRW.
Das Stück beginnt mit leidklingenden Schreien auf der abgedunkelten Bühne. Daraufhin erscheint Gesa Piper und beginnt mit ihrem ersten Monolog, in dem sie darüber erzählt, wie sich das Gefühl von Furcht auf den Körper und die körperlichen Organe auswirkt und wie sich dadurch das Wohlbefinden des Menschen drastisch verändert. Daraufhin macht sie dies physisch deutlich, indem sie mit schwerem Atem ängstlich und unkontrolliert durch den Raum huscht. Diese Szene wiederholt sich in dem Stück immer wieder neben weiteren Monologen, indem sie wiederholt über die Gefühle und typischen Verhaltensmuster eines Menschen spricht, wenn er sich in Angstzuständen befindet.
Deutlich zu erkennen ist die kämpferische Haltung in Pipers Tanzstil, der nah am Tanztheater ist. Sie demonstriert einen Widerstand gegenüber ihrer Außenwelt bis zur körperlichen Erschöpfung – z.B. als Boxerin. Interessant ist auch die Szene, in der sie sich schnell und hektisch lange Bänder um ihre Handgelenke wickelt. Dies erinnert an Einengung oder an das Bandagieren einer Kriegsverletzung, aber auch an Suizid.
Das Stück bringt all das mit, was man sich unter dem Titel vorstellen kann. Es enthält viele verschiedene Szenen, die sehr deutlich den Zustand von Angst wiederspiegeln. Kritisch betrachtet nimmt allerdings genau das den Zuschauer*innen die Möglichkeit der eigenen Interpretationsanalyse. Trotz der gelungenen Inszenierung und vor allem überzeugenden Darstellung von Gesa Piper, ist es schwierig, eine emotionale Bindung zum Inhalt des Stücks zu finden.

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