Über „FÚRIA“ der Lia Rodrigues Companhia de Danças

Wann: 08.02. + 09.02.
Wo: tanzhaus nrw
Reihe GROSS TANZEN

Stumme Wut von Charlotte Decaille

Die Vergangenheit und Gegenwart betrachtend, scheinen wir uns mit unerschütterlicher Entschlossenheit zunehmend von unseren sukzessiv erkämpften Werten zu entfernen und somit einer rückschrittlichen Bewegung zu folgen. Faschismus, Sexismus, Militärgewalt und Unterdrückung – das ist Brasiliens Gegenwart. Doch wie begegnen wir solch radikalen Veränderungen? „FÚRIA“, die Wut, lässt uns die brasilianische Choreografin Lia Rodrigues und ihre Companhia de Danças in ihrer gleichnamigen Performance im Tanzhaus NRW unmissverständlich spüren. Die Wut, welche zu Zeiten der brasilianischen Präsidentschaftswahlen aufkochte und seitdem nur langsam abebbt.

Ein Haufen Lumpen, repetitive Trommelschläge und eine aufgeregte Männerstimme fügen sich zu einer Szene zusammen, die Unheilvolles verspricht. Wie in Zeitlupe und sichtlich geschwächt erhebt sich ein Tänzer aus den Stoffen. Nach und nach befreien sich acht weitere Tänzer*innen – mühsam, als würde eine unsichtbare Kraft ihr Gewicht auf der Bühne verlagern. Nur wenige schaffen es sich aufzurichten, andere müssen über den Boden gezerrt werden, während sich die Gruppe, einer Horde gleich, durch das postapokalyptische Bild bewegt.
Diese Masse, abgestumpft und entmenschlicht, befindet sich im ständigen Wechsel zwischen homogenen Bewegungen und einer überschwänglichen, fast aggressiven Konfrontation mit der eigenen Person und dem eigenen Körper. Bemalte Körper, nackte Körper, bunte Fetzen, die der Nacktheit immer wieder weichen müssen, um jede einzelne Bewegung und jeden Körperkontakt zu verstärken. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen Mann und Frau, welches durch harsche Berührungen und dem ungefragten Entfernen von Kleidung nicht nur die klischeebesetzte Verletzlichkeit der Frau thematisiert, sondern auch die physische Überlegenheit des Mannes impliziert. Der klägliche Versuch in dieser neuen Welt Anklang zu finden, wird durch eine blau bemalte Tänzerin, die sich verzweifelt auf dem Boden windet, zum Ausdruck gebracht.
Eine sonderbare Welle des Triumphes und der Macht trifft auf die Performer*innen ein. Göttinnengleich platziert sich eine der Tänzerinnen auf dem Rücken eines nackten, auf allen Vieren kriechenden Performers. Um sie herum die anderen Tänzer*innen, welche sich mit verzerrten Gesichtern und unter erschütternden und ruckartigen Bewegungen gegen etwas Nicht-Sichtbares wenden, etwas, das unkontrollierbare Wut in ihnen auslöst. Die Wut verbindet die Performer*innen. Sie ist der Ursprung von Stärke und Verbundenheit im Streben nach Gleichberechtigung und Selbstbestimmung. Doch der Hoffnungsschimmer täuscht und hält nur kurzzeitig an. Energisch vibrierende Körper, sexualisierte Bewegungen, körperliche Gewalt. Eine Tänzerin wird an ihren Haaren gepackt und über die Bühne geschliffen. Ein Tänzer greift nach seinem Genital, wälzt sich zwanghaft auf dem Boden – der erniedrigende Versuch sich und seinen Trieb zu kontrollieren. Die Performer*innen wenden sich nun ausnahmslos gegeneinander, woraufhin sich die Szene verläuft und nackte, bewegungslose Körper zurückbleiben. Ein letzter Tänzer hat dem Wüten standgehalten und überblickt das Feld. Er führt einen Monolog, schäumend, blutig und verstörend.
Wenn Worte keine Wirkung mehr haben, bleibt uns nur noch unser Körper. Lia Rodrigues und ihrer Companhia de Danças gelingt es mit „FÚRIA“ eine extreme, schwer zu beschreibende aber unglaublich starke Ebene der Kommunikation zu öffnen. Der Körper wird zum politischen Sprachrohr, welches laut und unverblümt Veränderungen verurteilt, die uns unserer Autonomie entledigen. „FÚRIA“ führt uns vor Augen, dass wir unserer Wut Raum geben müssen, ihr eine Stimme verleihen müssen, welche wahrnehmbar ist, wenn auch nur über die Sprache des Tanzes.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Performance, Reihe GROSS TANZEN, Tanz, zeitgenössischer Tanz abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s