Über „Rendez-Vous“ der fabien prioville dance company

Wann: 08.11.
Wo: NOOIJ DUTCH DELI im tanzhaus nrw
Im Rahmen des Kongresses „Theater und Technik”

fabien prioville dance company_Rendez-Vouz_Foto Mischa Lorenz 1
Das Doppelleben einer Performance von Sofia Andersson
Mit der Virtual-Reality-Performance der fabien prioville dance company erfahren sicherlich viele Besucher*innen eine neue Art der künstlerischen Darstellung. Geht es denn hierbei noch um (Tanz-)Kunst als solche oder um technologische Kunst? Der Zusammenhang bzw. der Unterschied dieser beiden Komponenten waren das Thema des diesjährigen 15. Theater-Kongresses, welcher unter anderem im Tanzhaus NRW stattfand. „Rendez-Vous“ war ein Bestandteil innerhalb dieser Tagung, die sich dem Thema Theater und Technik widmete.
Wohl keine andere Form der Kunsterfahrung in den Performing Arts kann den*die Zuschauer*in oder besser: eine*n unwissende*n Darsteller*in intensiv derart in das performative Geschehen einbinden. Die Einzigartigkeit einer Performance wird hier verstärkt, da jede*r Träger*in mit Virtual-Reality-Brille auf der Nase ein anderes Erlebnis beim Zuschauen hat und das Visuelle anders wahrnimmt und erfahren kann als der nächste.
Die Performance beginnt mit dem Öffnen der Tür zum Restaurant NOOIJ DUTCH DELI im Tanzhaus NRW und dem ersten Schritt in diesen Raum. Dessen ist sich zu diesem Zeitpunkt der*die Besucher*in allerdings noch nicht bewusst. Dieser stark frequentierte Ort lässt noch nicht erahnen, was kommt. Also auf in Richtung Tisch, an dem der Choreograf Fabien Prioville und eine assistierende Person sitzen, um den*die Zuschauer*in einzuweisen. Automatisch setzt man sich auf den leeren Stuhl am linken Ende der Tischreihe und nimmt die dekorierten Rosenblätter um die Visitenkarten und Broschüren der Kompanie nur beiläufig wahr. Schließlich geht es hier um die VR-Installation, auch in der eigenen mentalen Vorbereitung auf etwas bislang Unbekanntes! Bevor man überhaupt überlegen kann, was die Rosenblätter oder gar die ganze Situation zu bedeuten haben, stecken die Augen schon hinter der VR-Brille, die noch zurechtgerüttelt werden muss. Mit verdeckten Augen und in Erwartung das etwas anfangen sollte, sind Gespräche, Kinderlaute, die Kaffeemaschine und klirrendes Geschirr zu hören. Noch. Mit ein paar technischen Schwierigkeiten wird erst noch gekämpft, alsbald dann aber beginnt in der eigenen Umgebung hinter der Brille eine neue Welt zu entstehen.
Diese Welt ist neuartig, auch wenn man sich doch immer noch im Café befindet. Allerdings wie allein gelassen, abgekapselt von der Realität und dem irren alltäglichen sinnlichen Input. Beinah hilflos schaut man sich um und erkundet alle Perspektiven und Eigenschaften des Raumes. Nachfolgend sitzen zwei Tänzer*innen rechts und links am Tisch und fangen an, mit einem Kaffeebecher zu spielen, ihn tänzerisch einzubinden. Die Arme verschränken sich und der Becher wird gelegentlich zum Mund geführt. Die Elemente – die das Café da draußen zum Café machen – bleiben, Tische und Stühle werden ihrem Zweck entfremdet und Tänzer*innen gleiten und springen über diese. Der*die Zuschauer*in selbst kann sich dabei nicht von seiner Position wegbewegen. Die schlicht gekleideten Tänzer*innen lenken nicht vom technologischen Schauspiel ab, auch die von Violinenklängen geprägte und in ihrer Lautstärke schwankende Musik scheint zweitrangig zu sein. Das neue VR-Erlebnis verführt die* Zuschauer*in letztlich, die Technik fasziniert.
Nach einiger Zeit springt ein Tänzer hinter dem Rücken des*der VR-Proband*in hervor, den man aus Neugier, was sich hinter dem eigenen Stuhl abspielen könne, vielleicht schon entdeckt hat. Insgesamt sind vier Tänzer*innen aktiv. Nicht nur das Spiel mit einem 360°-Winkel, sondern auch das Spiel mit virtuellen Distanzen kennzeichnen das Stück.
Im Laufe dieses Schauspiels wird einem bewusst, dass man es wohlmöglich mit vier Verehrern zu tun hat. Der intensive Blick der Dating-Partner gibt einem das angenehme Gefühl, in einer echten Interaktion mit ihnen zu sein. Man möchte antworten, möchte etwas tun. Überraschend kommen zwei Hände aus dem nichts an den Seiten des eigenen Körpers hervor. Bevor der Rosenstrauß dem*der* Zuschauer*in überhaupt angeboten werden kann, wird das Bild leider schwarz.
Die technologische Verschiebung der Grenzen und die Erweiterung des eigenen Horizonts auf eine virtuelle Ebene vermitteln das Gefühl, man sei zwei Mal am selben Ort. Gleichzeitig findet eine Symbiose der Musik aus den Kopfhörern und der realen Geräuschen aus dem Café statt. Oder ist das virtuelle Erlebnis auch real? Die eigene Unerfahrenheit mit derartigen Performances, die aus der gegenwärtigen technologischen Entwicklungen entspringen, werfen Fragen auf. Die ungewohnte Erfahrung überrascht und fasziniert nachhaltig.
„Rendez-Vous“ ist eine Verabredung des*der Zuschauer*in mit der Technik, die das subjektive Empfinden auf den Kopf stellt.

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