Über „Canzone per Ornella“ von Raimund Hoghe

Wann: 30.11. + 01.12. + 02.12.
Wo: tanzhaus nrw
Dt. Erstaufführung

Über unsere Komfortzone Ein Erfahrungsbericht von Gamze Can

Wut, Trauer, Liebe, Freude, Verzweiflung. Wie lebt es sich ohne an ein Morgen, ohne an den nächsten Moment zu denken? Ohne daran zu denken, dass es uns gut geht und anderen schlecht. Wie kann man lachen, während andere weinen? Diese Fragen habe ich mir gestellt, als ich die Deutschlandpremiere von Raimund Hoghes „Canzone per Ornella“ im Tanzhaus NRW gesehen habe.
Die Aufführung lief bereits, als ich mich in den Raum begeben hatte. Der Tänzer und Choreograf Raimund Hoghe lief scheinbar ziellos auf der Bühne mit einem Gefäß – gefüllt mit Wasser – herum. Im Hintergrund: klassische Musikeinspielungen. Manchmal legte er sich dann hin, mit der einen Hand in dem Gefäß, und er erschien dabei wie tot. Später stand er wieder auf, schritt weiter über die Bühne. Das erinnerte mich fast an einen Roboter, der einfach herumläuft. Ohne einen Sinn dahinter.
Später kam die Tänzerin Ornella Balestra und sie standen sich lange gegenüber, begleitet durch extrem dramatische Musik. Er stand mit leeren Händen vor ihr. Sie hingegen sah so aus, als ob sie etwas von ihm erwarten würde, er es aber nicht geben kann, weil er nichts hat. Die Musik änderte sich sehr oft, und mit jeder neuen Musikeinspielung änderte sich auch der Tanz und somit die Stimmung. Mit jedem Tanz wurde eine neue Geschichte erzählt. Zunächst bewegte sich also die Tänzerin sehr elegant, langsam, und im Mittelpunkt stehen die Armbewegungen, die sie immerfort wiederholte. Es entstand eine eher beruhigende Stimmung, mit flüssigen Bewegungen aus dem Ballett. Später wurde die Stimmung für einen Moment mit freudiger Musik aufgemuntert und die Tänzerin tanzte Salsa und wirkte dabei unbekümmert. Die gute Laune färbte sich alsbald auch auf die Zuschauer*innen ab. Doch bevor diese es genießen konnten, kam der Tänzer Raimund Hoghe zurück und übergibt ihr ein Tuch, das sie wie eine Nonne um den Kopf schlug. Eins ums andere Mal brachte er Gegenstände zu ihr und veränderte so die Geschichte und den Tanz. Er erschien fast wie ein Schlechte-Nachrichten-Überbringer, der ihr Leben und ihre Gefühle lenkt. Durch dieses Tuch und die Musik im Hintergrund, die eine sakrale Stimmung über alles legte, war diese Szene recht dramatisch aufgeladen. Die Bewegungen wurden dann wieder langsamer und klassischer. Auch kam zwischendurch ein Tänzer, Luca Giacomo Schulte, und hielt mal eine Lampe in das Publikum, beobachtete die Tänzerin oder tanzte zusammen mit ihr einen langsamen Walzer und verzauberte das Publikum mit Romantik. Auch tanzten sie fröhlich, wild, fast ausgelassen. Dann zieht sie ihre Schuhe aus.
Mehrfach kam Hoghe wieder und veränderte mit seiner Anwesenheit das Geschehen in eine düstere und traurige Stimmung. Er hielt später einen goldenen Gegenstand in der Hand, holte einen Zettel raus und las einen Brief auf Deutsch laut vor. Es ging darin um zwei aus Afrika stammende Kinder, die einen Brief an das Volk in Europa (geschrieben von Pier Paolo Pasolini) geschrieben haben und um unsere Unterstützung baten, wobei sich am Ende herausstellte, dass sie beide im Flieger auf dem Weg in ein europäisches Land verstorben waren. Da ich nicht damit gerechnet hatte und das ganze Stück nicht mit dieser Problematik verbunden hatte, war ich zunächst verwirrt. Trotzdem auch sehr berührt dadurch, wie ich hier überhaupt sitzen konnte und eigentlich doch hätte helfen müssen, es jedoch nicht tue. Nach diesem Brief setzten sich beide Darsteller*innen links und rechts von der Bühne auf einen Stuhl – gleich gekleidet mit einer Sonnenbrille und einem Tuch – und beobachteten die Zuschauer*innen. Regungslos, stumm und starr. So als würden sie uns einen Spiegel vorhalten, der zeigen sollte, wie wir, die doch in der Komfortzone sitzen, der Aufführung beiwohnen und auch nach diesem Brief nahezu unbeteiligt einfach weiter zuschauen.
Zum Ende hin räumte Hoghe die kleinen Requisiten, die wie Erinnerungsstücke erschienen, Stück für Stück zusammen und legte sie zu dem Gefäß mit dem Wasser, während die Tänzerin alleine und ganz für sich tanzt. Für mich wirkte all das so, als ob dieses „Aufräumen“ eine Metapher dafür sei, dass wir anfangen müssen im Leben aufzuräumen, auch wenn es eine Menge ist. Man muss irgendwo anfangen und sich Stück für Stück weiter vorarbeiten. Schließlich bedeckte Hoghe die Gegenstände mit einem goldenen Aluminiumtuch, eine Art Notfalldecke, und schüttete das Wasser aus dem Gefäß auf die Bühne.
Während der Aufführung wirkte alles ein wenig unklar, warum wer was macht. Anfangs wusste ich nicht, was genau ich aus dem Stück entnehmen sollte. Vor allem weil viel italienische Literatur von Pasolini eingespielt wurde, die die meisten Zuschauer*innen nicht verstehen konnten. Und nun weiß ich eigentlich noch weniger als zuvor. Aber ich bevorzuge es nicht, eine Aufführung zwanghaft kognitiv verstehen zu wollen, sondern die Gefühle, die ich währenddessen habe, zu verarbeiten und in einen auch persönlichen zu stellen.

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