Über „Forecasting“ von Giuseppe Chico und Barbara Matijević

Wann: 19.01. + 20.01.
Wo: tanzhaus nrw
Festival TEMPS D’IMAGES

It’s a match! von Estella Eckert

„Wir können alles schaffen genau wie die tollen dressierten Affen wir müssen nur wollen“ sangen Wir Sind Helden bereits 2003. Die Leistungsgesellschaft zwingt uns zur Selbstoptimierung und es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Plattform YouTube mit ihren unzählbaren Tutorials für alle Lebensbereiche seit Jahren Millionen Klicks verbucht. Die Künstler*innen Giuseppe Chico und Barbara Matijević untersuchen die Körpertechniken, die mit diesem Phänomen einhergehen im Rahmen ihrer Performance „Forecasting“, die am vergangenen Samstag im Tanzhaus NRW gastierte. Das Konzept des Stücks erscheint auf den ersten Blick simpel: Auf einem MacBook wird ein 45-minütiger Zusammenschnitt verschiedenster YouTube-Videos gezeigt. Tutorials bilden das vorherrschende Format und reichen vom Klassiker des Schmink-Tutorials bis hin zum Schieß-Tutorial. Mitunter tauchen ergänzend andere Formate auf, die sich ohne konkrete Handlungsanweisungen mit dem eigenen Körper beschäftigen. Dazu gehören Röntgenbilder, stark vergrößerte Aufnahmen der Stimmlippen oder des Kindes im Mutterleib. Der Körper der Performerin Matijević passt sich an jeden einzelnen Clip an, wird Teil dessen. Mal wirkt es, als seien es ihre Hände, die im Clip den Akku des Computers austauschen, mal scheint es so, als sei es ihr Kopf, der von einem Hund abgeleckt wird. Das Voice-Over übernimmt sie entweder selbst oder es ertönt vom Band.

Matijević, die mit ihrem Holzfällerhemd, der Jeans und den Sneakers aussieht, als hätte sie selbst einen DIY-Kanal, wird zum Cyborg, zur Mensch-Maschine, zum Add-On. Ihr real existierender Bühnenkörper geht in die zahlreichen virtuellen Körper über, verknüpft sich mit diesen. Das Bedürfnis zu verknüpfen offenbart sich ebenfalls in der durchgängig verwendeten Schnitttechnik des Match Cuts. Die einzelnen Clips sind keineswegs arbiträr aneinandergereiht, sondern korrespondieren entweder auf der Bild- oder der Soundebene. Bildmotive oder Satzteile am Ende eines Clips werden im nächsten Clip wieder aufgegriffen, wodurch eine Kontinuität entsteht. Der Match Cut wird meist benutzt, um Zusammenhänge künstlich herzustellen, die real nicht existieren. „Forecasting“ setzt sich produktiv mit diesen Inkongruenzen auseinander, nutzt deren komisches Potential. Auf ein Vibrator-Tutorial mit austretendem künstlichem Sperma folgt beispielsweise ein Back-Tutorial mit Sahne aus der Spritztüte. Doch nicht nur Inkongruenz, sondern auch Repetition führt zu komischen Momenten: So werden zahlreiche Clips von Männern aneinandergereiht, die eine Pistole aus verschiedenen Positionen abfeuern und durchweg dasselbe Vokabular, ja sogar die exakt selben Sätze äußern. Mittlerweile haben Giuseppe Chico und Barbara Matijević zwei weitere Stücke zu YouTube-Phänomenen entwickelt: „I’ve never done this before“ (2015) und „Our daily performance“ (2017) untersuchen die Amateur- und Tutorialkultur eingehend.

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