Über Double Bill mit Elsa Artmann & Samuel Duvoisin und Marie-Lena Kaiser

Wann: 12.12.
Wo: tanzhaus nrw
„Hätten Sie von sich aus die Familie erfunden?“ & „ARIODANTE“

Junger Tanz mal zwei von Laura Rinke
Das rhythmische Geräusch des blauen Trampolins begleitet die Zuschauer*innen während sie am 12. Dezember den kleinen Saal des Tanzhauses NRW betreten um den ersten Teil des Double Bill, einem zweiteiligen Abendprogramm, welches jungen Choreograf*innen gewidmet ist, zu besuchen. Das Choreograf*innen-Duo Elsa Artmann und Samuel Duvoisin hinterfragen innerhalb ihrer Performance „Hätten Sie von sich aus die Familie erfunden?“ das Konzept der Familie. Die fünf Performer*innen springen nacheinander auf das Trampolin und rollen darüber, ganz so, als würden sie einander jagen oder sich erst für die anschließenden Tänze aufwärmen. Es das erste Puzzleteil, dass die fünf Tänzer*innen Elsa Artmann, Samuel Duvoisin, Kelvin Kilonzo, Anne-Lene Nöldner, Diana Treder präsentieren.
Albert Einstein sagte einmal: „Ordnung braucht nur der Dumme, das Genie beherrscht das Chaos“. Getreu diesem Motto, scheinen die Choreograf*innen ihr Bühnenstück, inspiriert von Max Frischs ,,Hätten Sie von sich aus die Ehe erfunden?”, kreiert zu haben.
Das idealisierte, gesellschaftlich etablierte Bild der Familie wird wie in ein Puzzle in seine Einzelteile zerlegt und dabei in Frage gestellt. Es entstehen Erzählungen über Mütter und Väter, die in einem wilden Tanz präsentiert werden. Außerdem wird die Rolle der Frau und/oder Mutter verhandelt. Dies wird durch ein Bewegungsmuster unterstützt, das an Gebärdensprache erinnert. Wie anfangs auf dem Trampolin, so auch in allen Bewegungsabfolgen im Raum, scheint die Energie wie in Wellen auf das Publikum einzuwirken und dabei zwischen einer stürmischen und ruhigen See zu wechseln.
Während das Publikum noch über die Rolle der Frau innerhalb der Familie nachdenkt, folgt schon der nächste thematische Schwerpunkt, so dass bald schon ein Chaos an Puzzleteilen entsteht, dessen Auflösung noch zu finden ist. Denn gibt es eine Alternative zu dem Gesellschaftsmodell Familie? Eine klare Antwort bietet das Stück nicht, aber vielleicht inspirieren die Puzzleteile verschiedene individuelle Lösungen zu finden.
Nach einer kurzen Pause zeigen allein die Füße der vier Tänzer*innen Ying Yun Chen, Enis Turan, Clemence Dieny und Jordan Gigout schon alles, was das Bühnenstück „Ariodante“ der Choreografin Marie-Lena Kaiser im Kern ausmacht. Schmutz und blaue Flecken zeugen von Intimität, Arbeit und Leidenschaft. Die Tatsache, dies so genau beobachten zu können, ist dem Vorstellungsort des Studio 6 zu verdanken, in dem das Publikum dem zweiten Teil des Double Bills beiwohnen konnte. Die Zuschauer*innen sitzen, wie in einer Arena, im Kreis um die Bühnenfläche herum. Das Gefühl entsteht, einer Probe beizuwohnen.
Zu Cembalo-Musik von Friedemann Brennecke beginnen die Tänzer*innen die Bewegungs- und Ausdrucksmöglichkeiten ihres Körpers zu erkunden. Dies geschieht durchgehend unter den kritischen Blicken ihrer Kolleg*innen, wodurch der Eindruck einer Probe zunehmend verstärkt wird. Unterschiedliche Bewegungsabfolgen werden mit ironisierenden Bemerkungen der Tänzer*innen gegenseitig kommentiert. „Verbinde dich mit dem Universum!”. Die Choreografin Marie-Lena Kaiser zeigt, dass sie die Gepflogenheiten des zeitgenössischen Tanzes nicht zu ernst nimmt. Auf der anderen Seite lebt die Performance nicht nur als fertiges Konstrukt, sondern zeugt von der Arbeit, die hinter einem fertigen Stück steht. Dies zeigen auch die immer wieder aufkommenden Unsicherheiten und Diskussionen zwischen den Tänzer*innen, die verdeutlichen, wie viel
Aufmerksamkeit und Leidenschaft der kleinsten Bewegung gewidmet wird. Dadurch wird der Mut deutlich, den eigenen Körper und die damit verbundene individuelle Sprache des Tanzes, fremden Blicken preiszugeben. Mit „Ariodante“ schafft Marie-Lena Kaiser eine starke Intimität zu den Tänzer*innen, aber auch zu der Arbeit und der Kreation einer zeitgenössischen Tanz-Performance.

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