Über „Demonstrate Restraint“ von Yasmeen Godder

Wann: 24.01. + 25.01.
Wo: tanzhaus nrw
Dt. Erstaufführung

#1 Protest – mit Vorbehalten von Ina Holev
#2 Demonstration am Ort der Krise von Estella Eckert

Protest – mit Vorbehalten von Ina Holev

Laut Sein. Sich engagieren. Protestieren. Es ist nicht immer einfach, in einer aufgeladenen, politischen Situation die Stimme zu erheben. Die israelische Choreografin Yasmeen Godder schafft jedoch eine performative Annäherung an das Thema Protest. Zusammen mit der Musikerin Tomer Damsky zeigt sie am 24.01. im Tanzhaus NRW die deutsche Erstaufführung des Stücks „Demonstrate Restraint“. Es ist laut im Saal, vorab werden Ohrenstöpsel verteilt. Die Performerinnen tragen zerfetze Jeanshosen und schlagen auf Trommeln, sie brüllen und geben schrille Laute von sich. Diese nehmen sie auf, bis ihre Schreie in einer Vielzahl von Aufnahmegeräten widerhallen. Godder und Damsky setzen die oft ungehörten, als weiblich gelesenen, Stimmen in den Fokus. Tomer Damsky streut dazu am Schlagzeug Industrial Pop ein, der eine intensive Atmosphäre erzeugt.
Anschließend hüllen sie sich in weiße Tücher, nehmen diese in den Mund. Es ist eine fast sakrale Symbolik, die keine eindeutige Assoziation zulässt. Während der Performance knüpfen Godder und Damsky die Tücher immer wieder neu. Sie erinnern an jüdische Gebetsschals, den jüdischen Hochzeits-Baldachin Chuppah an muslimische Kopftücher oder auch Leichentücher. Auch Assoziationen mit einer gekreuzigten Jesus-Figur gibt es. Godder entnimmt einer surrealen, durchsichtigen Körperplastik Stäbe und kriecht damit langsam über den Boden. „Was fällt euch noch dazu ein?“, fragt sie anschließend. Inmitten einer spannungsreichen Atmosphäre wendet sich Yasmeen Godder direkt und humorvoll an das Publikum, stellt sich bei Zuschauer*innen einzeln vor und sammelt Eindrücke. „Ein verwundeter Soldat“, benennt ein*e Zuschauer*in die Assoziation. Die Performance zeigt so auch Momente der Schwäche im politischen Kampf. Momente der Erschöpfung von Aktivist*innen und Momente der Stille, der Vorbehalte.
„Demonstrate Restraint“ – um die Bedeutung des Titels wurde im Vorfeld der Performance in einer kleinen Runde während der „Acadamies on the Move“ diskutiert. Die „Academies on the Move“ sind ein interdisziplinäres Workshop-Format, veranstaltet von Vertreter*innen der Heinrich-Heine-Universität, der Kunstakademie und des Tanzhaus NRW. Hier gibt es vorab eine philosophische Auseinandersetzung mit den Hauptthesen der anstehenden Performance. In diesem Fall mit den Themen Protest und Silencing, dem bewussten Stumm-Machen von politischen Aktivist*innen. Welche Bedeutung haben Demonstrationen in so einem aufgeladenen Umfeld? Wie können Menschen – trotz persönlicher Vorbehalte – politisch aktiv werden? Gemeinsam werden in der „Academy“ Eindrücke und Assoziationen gesammelt. „Der Titel Demonstrate Restraint ist im Hebräischen grammatikalisch weiblich“, erklärt Yasmeen Godder im anschließenden Publikumsgespräch. Protest bekommt so einen eindeutig gegenderten Aspekt.
„Demonstrate Restraint“ ist vielschichtig und komplex. Hier treffen gewaltvolle und humoristische Szenen aufeinander. Militärische Symbolik, zahlreiche religiös aufgeladene Elemente, Geschlechterbilder, laute Musik, Gewalt, Zusammenhalt – diese Mischung ist sicher kein Wunder bei einer Performance, welche Protest in einem israelischen Kontext betrachtet. Manchmal ist alles zu viel, um das Ganze eindeutig zu begreifen oder zu interpretieren. Zu laut, zu emotional, zu krass die Bilder, die das Publikum vor sich sieht. Aber genau richtig, um das Thema einzufangen. Denn: politische Arbeit ist nie einfach und lässt sich nicht auf simple Erzählungen herunterbrechen. Genauso wie diese eindrucksvolle Performance.

Demonstration am Ort der Krise von Estella Eckert

„Demonstrate Restraint“, die Ende Januar im Tanzhaus NRW erstmals in Deutschland aufgeführte Performance der israelischen Künstlerinnen Yasmeen Godder und Tomer Damsky ist explizit politisch. Godder und Damsky setzen sich kraftvoll auf körperlicher und stimmlicher Ebene mit der aktuellen Lage ihrer Nation auseinander.
Folgt man ihren assoziativen Hinweisen, ist diese mehr als kritisch: religiöse Konflikte, nationale Bewegungen und Kampfsituationen werden deutlich. Die leibliche Ko-Präsenz, die gleichzeitige körperliche Anwesenheit der Zuschauer*innen und der Performer*innen in einer Aufführungssituation, wird besonders in der Diskrepanz zwischen den lauten, getriebenen, rebellierenden Körpern auf der Bühne und der stillen Gelähmtheit des Publikums erspürbar. Diese Diskrepanz ist den Performerinnen durchaus bewusst, sie streben, wenn nicht eine körperliche, so doch eine geistige Teilhabe der Zuschauenden an. Godder richtet mehrfach Fragen ans Publikum und bittet, Assoziationen zu ihren Bewegungen zu teilen. Begriffe wie „Lady Jesus“ und „fighting“ fallen, immer mehr Zuschauer*innen teilen ihre Seherfahrungen, diese interpretiert Godder daraufhin mit ihrem Körper und schließt so die Feedback-Schleife zwischen ihr und dem Publikum.
Godder und Damsky trommeln, schreien, nehmen ihre Schreie mit Aufnahmegeräten auf, lassen diese als vielstimmige Klagelaute im Loop überlappen und werden schließlich zu einem unüberhörbaren Protestchor. Sie rebellieren gegen eine äußere polymorphe Kraft und gegen sich selbst. Gewaltvolle Bilder häufen sich: mehrfach deutet Godder an, sich selbst die Kehle durchzuschneiden, als Requisiten dienen überdimensionierte abgetrennte Gliedmaße aus Pappmaché, die so wirken, als seien sie aus einem surrealen Gemälde gefallen. Eine durchsichtige Plastikbüste ohne Kopf und Beine, von schwarzen Stäben durchbohrt, mutiert mal zum Schutzschild gegen unsichtbare Feinde, mal zum Kostüm. Weiße Tücher erinnern an religiösen Kopfbedeckungen, werden dann zu Fahnen, die man voll Nationalstolz hinter sich her flattern lässt oder als despektierliche Geste mehrfach auf den Boden pfeffert.
Godder und Damsky spielen mit Mehrdeutigkeiten, mit Gleichzeitigkeiten und Ambivalenzen. Ihr Kostüm, bestehend aus aufgeschnittener, zerrissener Alltagskleidung hat DIY Punk-Charakter, wirkt jedoch artifiziell. Die Schnitte an Damskys Jeans sind so präzise ausgeführt, dass nur noch die Umrisse der einstmals dagewesenen Hose erkennbar bleiben. Darunter offenbart sich nackte Haut.
„To demonstrate restraint“ bedeutet so viel wie Beschränkungen und Zwänge aufzuzeigen. Wie herausfordernd es ist, die politische Lage einer Nation und die eigene Positionierung in dieser in einer künstlich hervorgebrachten Aufführungssituation auf einer Bühne nachvollziehbar zu machen, weit weg von den eigentlichen Orten des Geschehens, wurde im Laufe des Abends deutlich. Man verlässt das Tanzhaus NRW mit dem Kopf voller schwirrender, kraftvoller Bilder.

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