Über „Soul Chain“ von tanzmainz / Sharon Eyal

Wann: 28.09. + 29.09.
Wo: tanzhaus nrw
Reihe GROSS TANZEN

Vom Ende der Einsamkeit von Charlotte Decaille

Das Gefühl, das jeder Mensch kennt und entweder liebt, hasst oder leugnet ist die Einsamkeit. Sie ist das vielleicht menschlichste aller Gefühle, welchem wir oftmals viel zu wenig Aufmerksamkeit schenken. Wir begründen sie mit unserem Alleinsein und glauben, dass das wahllose Zusammensein in Beziehungen der heutigen Schnelllebigkeit ihr Gegengift sei. Doch viel mehr überkommt die Einsamkeit uns, wenn wir im undurchschaubaren Geflecht von Menschen nicht wir selbst sein können und uns selbst aus den Augen verlieren. Die israelische Choreografin Sharon Eyal und die 17 Performer*innen der Kompanie tanzmainz heißen die Einsamkeit auf der Bühne des Tanzhaus NRW innerhalb der Reihe GROSS TANZEN willkommen und erschaffen mit „Soul Chain“ ein nachhaltiges Momentum der Gefühle.
Die Performer*innen betreten nach und nach die spärlich beleuchtete Bühne, stolzierend wie edle Vögel, dressierte Pferde oder Fabelwesen, viel zu perfekt und präzise um vollends Mensch zu sein. Auf Zehenspitzen, mit vorgeschobenem Becken und in einem hellen Bodyanzug mit dünnen Kniestrümpfen gekleidet, geben sich die Tänzer*innen repetitiven Technoklängen hin. Ori Lichtiks elektronische Sounds lassen die Tänzer*innen mehr und mehr zu einer Einheit verschmelzen, die spielerisch die Grenzen sich wiederholender Bewegungen ausreizt und dabei jedes Mal geschickt der Monotonie entgeht.
Unerwartet bricht ein Tänzer schließlich aus und findet abseits der eng platzierten Gruppe eine andere, eigene Bewegung, wodurch er sich jedoch nicht vollständig entfremdet, geschweige denn löst. Die Performer*innen erscheinen weiterhin als eine homogene, pulsierende Masse. Eine Masse, die sich sukzessiv und bewusst von einer rigiden und vorgeschriebenen Denkweise und Bewegung distanziert. Die nächste Tänzerin entfernt sich mit erhobenem Arm von der Gruppe und versetzt ihren Körper scheinbar intuitiv in Schwingungen, verharrt jedoch weiterhin im Rhythmus der synchronen Einheit. Mit exzessivem Hüftschwung, aufrechtem Marschieren, mit Bewegungen die körperlich unerklärlich, fast unnatürlich erscheinen, breiten sich die Tänzer*innen zunehmend im kühlen Licht der Bühne aus.
Schweiß zieht sich durch den dünnen Stoff der Bodyanzüge und Strümpfe und verfärbt diesen dunkel. Es wirkt fast so, als könne man an den Verlaufsspuren des immer dunkler werdenden Stoffs nicht nur den Prozess des Tanzes und die damit verbundene körperliche Verausgabung erkennen, sondern auch eine emotionale Entwicklung, die sich durch die Performance zieht. Die Performer*innen entwickeln eine Energie, die schlichtweg hypnotisierend wirkt. Es ist nicht nur die bloße Faszination für die tänzerische Leistung, der auf Zehenspitzen tanzenden Performer*innen, die einen so unerwartet trifft und bis zum Ende mitreißt. Vielmehr ist es eine Art Verbundenheit ihnen selbst und ihren Emotionen gegenüber. Man möchte fast behaupten, dass es sich zwischenzeitlich so anfühlt, als sei man selbst auf der Bühne und Teil dieser Gruppe, die nun wieder eng formiert in die Ferne rückt, jeder in seinem Stil und nach seinen Impulsen, aber zu ein und demselben Rhythmus.
Eyals „Soul Chain“ zeigt eines ganz deutlich: Das Gefühl der Einsamkeit ist das, was uns menschlich macht. Wir spüren sie, wenn wir alleine sind, wir spüren sie sogar in Beziehungen oder in der Mitte einer großen, unüberschaubaren Gruppe. Es ist unerheblich, ob wir sie beim Namen nennen können, viel wichtiger ist es, dass wir sie wahrnehmen, zulassen und ihr Ausdruck verleihen. Wir tanzen sie, wir geben ihr eine Stimme, wir leben sie und entkommen ihr auf individuelle Art und Weise und tun dies bis zur atemlosen Erschöpfung.

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