Über „PELLE“ von Alfredo Zinola

Wann: 21.02. – 24.02.
Wo: tanzhaus nrw
Reihe Kleine Monster


Hautkontakt von Estella Eckert

Ein Stück zum Mittanzen. Eine Kontaktimprovisation mit unbekannten, noch fremden Menschen. Für viele Zuschauer*innen wären diese Aussicht wohl Grund genug, eine Vorstellung zu meiden. Mitmachen und Fremde berühren? Lieber nicht! Dem italienischen Choreografen Alfred Zinola gelingt mit seinem neuen Stück, Ende Februar zu Gast im Tanzhaus NRW, jedoch eine Meisterleistung. „PELLE“ (ital. „Haut“) ist ein Werk für ein junges Publikum und dessen Begleiter*innen, das durch den klugen Einsatz von Partizipation Machtdynamiken auslotet, Berührungsängste abbaut und Kreativität und Gemeinschaft fördert.
Der Nachmittag beginnt mit gleißender Sonne im Foyer. Diese wird für die Erwachsenen mithilfe von Augenbinden ausgeblendet, während die Kinder ihre Begleitpersonen an der Hand in den Saal führen. Der Saal ist dunkel, das Licht gedämpft, die Atmosphäre erwartungsvoll. In der Mitte des Bühnenraumes erkennt man eine große zeltartige, runde Konstruktion aus Stoff, deren Eingang verborgen bleibt. Das Publikum, auf gemütlichen Kissen sitzend, wird darum gebeten die Schuhe auszuziehen. Dann rollen drei Körper über den Tanzboden. Die Gesichter der Performer*innen bleiben weitgehend unkenntlich, der Fokus liegt auf den meditativ-rollenden Bewegungen der Körper. Abermals werden die Kinder gebeten, „ihren“ Erwachsenen die Augenbinde anzulegen. Durch diese Handlungsanweisung werden die Machtgefälle, die außerhalb des Bühnenraums herrschen, in ihr Gegenteil verkehrt: die Kinder tragen die Verantwortung für das Wohlergehen und die Erfahrungen der Erwachsenen, während sie diese in das Zelt in der Bühnenmitte geleiten.
Dort entsteht eine rege Konversation über das gemeinsam Erlebte: die Erwachsenen, ihres Sehsinns beraubt, tasten sich langsam über den Boden vor, erfühlen unterschiedliche Stoffe und Materialien, von klebrig bis haarig und weich, stellen Vermutungen an. Das junge Publikum, über Expert*innenwissen verfügend, stellt richtig, korrigiert, amüsiert sich über das spielerische Entdecken der Körper, die unter den Patchwork Decken liegen. Wo hört der Stoff auf, wo beginnt die menschliche Haut? Wo liegen die Körpergrenzen der anderen? Wo meine eigenen? Was sind die Konsequenzen meines Handelns? Was traue ich mich? Welcher Tanz kann entstehen, wenn ich Impulse gebe und selbst durchlässig für Impulse bleibe?
Im gedämpften Licht der schutzgebenden Atmosphäre des runden Zeltes entsteht eine Kontaktimprovisation zwischen den drei Performer*innen, die nun selbst Augenbinden tragen und dem sehenden Publikum. Abermals helfen die verbundenen Augen dabei, Berührungsängste abzubauen. Jede*r, der sich traut, in die Berührung zu gehen, wird selbst zum Performernden. Anfangs noch zurückhaltend, packt viele Kinder (und auch viele Erwachsene!) nach kurzer Zeit der Übermut, sie spielen mit den Körpern wie mit einer (vermeintlichen) Marionette. Spannend wird es, als die Augenbinde abgenommen werden. Von Übermut bleibt keine Spur, nun, da man selbst angeblickt wird, muss nochmal neu Vertrauen geschöpft werden.
Die Zeit vergeht wie im Flug in dieser partizipativen Performance. Als wir uns zum Schluss sitzend auf den Patchwork Decken in der Zeltmitte wiederfinden, schwebt die Gewissheit im Raum, etwas Besonderes erlebt zu haben.

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