Über „Every Body Electric“ von Doris Uhlich

Wann: 16.11. + 17.11.
Wo: tanzhaus nrw
Reihe Response-ability

#1 Mittendrin von Laura Lindemann
#2 People are People, Bodies are Bodies von Estella Eckert

Mittendrin von Laura Lindemann

Eine Frau und ein Mann wälzen sich auf der Bühne des Tanzhaus NRW hin und her. Ihre Körper sind nackt. Immer mehr Zuschauer*innen betreten den Raum und setzen sich ringsherum um die Performenden. Einige von ihnen scheinen sich anfangs mit der nackten Wahrheit überfordert zu fühlen, wissen nicht, wo sie hinschauen sollen. Einfach, weil es anders ist. Selten sieht man Menschen auf der Bühne so entblößt und dadurch auch so verletzlich. Gleichzeitig herrscht eine Stimmung von Bewunderung, Faszination und Respekt. Respekt vor der Selbstverständlichkeit, mit der sich die beiden auf der Bühne bewegen. Und plötzlich ist auch für das Publikum alles selbstverständlich. Wir befinden uns in dem Stück „Every Body Electric“, choreografiert von der österreichischen Performancekünstlerin und Choreografin Doris Uhlich. Ihre acht Tänzerinnen und Tänzer haben alle eine körperliche Behinderung.
Elektronische Musik setzt ein. Eine Performerin und ein Performer in Rollstühlen lösen die beiden anderen ab. Ihre nun bekleideten Körper pulsieren zur Musik. Wie elektrisch aufgeladen vibrieren sie und ihre Rollstühle. Sie schauen mit klarem, fast schon herausforderndem Blick ins Publikum, als wollten sie es wachrütteln.
Weitere Tänzerinnen und Tänzer kommen auf unterschiedliche Weise auf die Bühne. Einige in ihren Rollstühlen, andere auf Krücken oder mit anderen Gehilfen. Jede*r drückt sich auf die eigene Art tänzerisch aus. Eine junge Frau schmeißt sich aus ihrem Rollstuhl, tanzt ohne ihn auf dem Boden weiter. Ein junger Mann hängt seinen Rollstuhl an ein Seil, sodass er abhebt und in der Luft baumelt. Er selbst tanzt wie elektrisiert. Es ist ein Befreiungsschlag. Die Performenden schieben ihre täglichen Hilfsmittel von sich, sind losgelöst und frei. Ein Ausbrechen aus dem Alltag, vielleicht sogar aus der eigenen körperlichen Einschränkung. Denn die gibt es hier nicht mehr. Auf der anderen Seite beziehen sie ihre ständigen Begleiter in ihre Performance mit ein. Eine Frau legt sich auf den Boden, die Krücken schützend über sich. Ein Mann tanzt in zärtlichen Bewegungen mit seinem Rollstuhl. Die Hilfsmittel werden zu Weggefährten. Freunden. Liebhabern.
Auch wenn alle in ihrem eigenen Tempo tanzen, treffen sich die Blicke der Performenden – sie berühren sich oder haben den gleichen Rhythmus. Es scheint, als würden ihre Herzen im selben Takt schlagen. Die lebensfrohe, bunte Energie im Raum lädt das Publikum zum Mitwippen ein. Für einen Moment verschwimmen die Grenzen zwischen Publikum, Tanzenden, Musik, Raum und Zeit. Dadurch, dass das Publikum um die Tänzer*innen herum sitzt, wirkt es, als wären sie ebenfalls Teil der Performance. Und damit Teil einer gelebten Vielfalt.

People are People, Bodies are Bodies von Estella Eckert

„Every Body Electric“, im November im Tanzhaus NRW zu Gast gewesen, ist ein Rave, eine Party, die Dekonstruktion einer vorgefertigten Idee von Körperbildern, ein politisches Statement, ja, auch eine Provokation! Menschen mit körperlicher Behinderung tanzen in der Kreation der österreichischen Choreografin Doris Uhlich zu treibenden Elektrobeats und Stroboskoplicht in einem arena-ähnlichen Setting. Dass die acht Tänzer*innen im richtigen Leben auf Rollstühle oder Gehhilfen angewiesen sind, hält sie ganz und gar nicht davon ab, mit einem Tanzstück zu touren, an dem sie maßgeblich bei der Entwicklung beteiligt waren. Ihre mechanischen Bewegungshilfen werden dabei weder versteckt noch ignoriert. Sie sind mal Teil der Choreografie, mal nicht. Eigene Rollstühle werden von anderen Performer*innen bestiegen, auseinandergebaut, an einem Karabinerhaken in die Höhe gezogen. Sie changieren zwischen Requisit und als organischer Teil der sich bewegenden Körper. Diese Fluidität, die Uneindeutigkeit machen die Qualität des Stückes aus. Parallelen zwischen „Every Body Electric“ und Jérome Bels Erfolgsstück „Disabled Theater“ werden erkennbar: Jede*r der Performer*innen hat Soloparts, während die anderen als unterstützende Kräfte am Rand der Bühne quasi mittanzen. Es gibt jedoch auch zahlreiche Ensembleleistungen, darunter ein furioser, an einen Autoscooter-Corso erinnernde Rollstuhlperformance. Die Performer*innen stehen als sie selbst auf der Bühne, sie spielen keine Rollen, was auch an ihren aus Alltagskleidung bestehenden Kostümen deutlich wird. Eine vierte Wand muss nicht „heruntergerissen“ werden, denn es war nie eine da. Die Performer*innen fordern ihr Publikum, dem sie sehr nahekommen, regelmäßig zu „Blickduellen“ heraus. Sie starren zurück, was Reflexionsmomente auf die eigene Position als Zuschauer*in hervorruft. Die Blicke, die sie im Alltag zu spüren bekommen, werden im Laufe der Performance gnadenlos gespiegelt. Damit umzugehen wurde für viele Zuschauer*innen augenscheinlich besonders schwierig, als die Tänzer*innen nackt performten. Nacktheit auf der Bühne ist ein bewährtes Schock-Stilmittel da sie einen Bruch mit unserer gesellschaftlichen Konvention der Verhüllung des Körpers darstellt. Die Nacktheit, oder sogar Sexualität von Menschen mit Behinderung stellt jedoch ein viel größeres Tabu dar. Doris Uhlich bricht hier Tabus. Sie inszeniert ihre Performer*innen als vibrierende, mündige, herausfordernde, lebendige und mutige Menschen. Als der Kultklassiker „People are People“ von Depeche Mode erklingt, mag das vielleicht plakativ anmuten, doch die Botschaft ist genauso wahrhaftig wie in der 1980ern: Menschen sind Menschen, egal mit welchen Einschränkungen sie ihr Leben meistern.

Ergänzende Gedanken zu meiner Erfahrung mit der Physical Introduction im Tanzhaus NRW: Bevor ich die Vorstellung von „Every Body Electric“ besuchte, nahm ich an einer sogenannten „Physical Introduction“ teil. Dieses Vermittlungsformat ermöglicht den Zuschauenden, bevor das eigentliche Stück beginnt, die Arbeitsmethoden des oder der Choreograf*in am eigenen Leib zu erspüren. Ich halte die Idee und Umsetzung dieses Formats für eine erfrischende Alternative zum Standard der (meist ziemlich langweiligen) mündlichen Einführung durch eine*n Dramaturg*in und spreche hiermit eine deutliche Empfehlung dafür aus. Besonders im Tanz, bei dem der Körper eine prominentere Position als das Wort einnimmt, erachte ich diese Vorgehensweise als sehr sinnvoll. Nach Aufwärmübungen fanden wir uns zu Paaren zusammen, die auf unterschiedliche Arten körperlich miteinander in Kontakt traten. Diese Verbindung brachte einige Bewegungseinschränkungen mit sich (Stolpern, Fallen, Langsamkeit), mit denen wir spielten. Die Künstlerin, die die Physical Introduction leitete, ermutigte uns immer wieder, diese Probleme als Möglichkeit, als Potenzial zu betrachten, neue Bewegungsmuster zu entdecken, auszuprobieren. Ganz nach dem Credo: „Focus on what you can do and not on what you can’t.“ Es war wirklich spannend, einige der vorgestellten Techniken beim Zuschauen wiederzuerkennen, denn die Performer*innen des nachfolgenden Stückes hatten dieses Credo offenkundig verinnerlicht. Das Tanzhaus NRW unterstützt mit der Einladung dieses Stückes auch eine gelingende Methode des Audience Development, denn die beste Strategie, um neue Besucher*innengruppen zu erreichen, ist, diversen Körpern eine Bühne zu geben. Dass diese Strategie aufgeht, wurde beim Blick ins Publikum deutlich.

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