Über „Phoenix“ von Eric Minh Cuong Castaing

Wann: 26.10. + 27.10.
Wo: tanzhaus nrw
Dt. Erstaufführung, Reihe Response-ability

Spielzeug oder Kriegsmaschine? von Ina Holev
Es ist eine Performance, welche die Grenzen von Mensch, Maschine, Raum und Sprache überschreitet: Im Tanzhaus NRW feiert das Stück „Phoenix“ des französischen Choreografen Eric Minh Cuong Castaing Deutschlandpremiere. Neben Perfomer*innen aus Frankreich, den USA und Palästina treten hier auch Drohnen als Akteur*innen auf. Welche Auswirkung hat ihre (ständige) Präsenz auf den menschlichen Körper? Vor dem Hintergrund des Gaza-Kriegs bildet „Phoenix“ hier eine performative Auseinandersetzung mit dieser Thematik.

Die Tänzer*innen bewegen sich vorsichtig auf der Bühne, dabei werden sie ständig von Drohnen umkreist. Deren Bewegungen sind vom Drohnen-Piloten Thomas Peyruse gesteuert doch nicht komplett voraussehbar. Bedrohlich surren sie durch den Raum, über die Köpfe der Tänzer*innen hinweg. Diese passen ihre Bewegungen an, um den Maschinen auszuweichen. Über eine Anpassung des Menschen an Drohnen berichtet auch der palästinensische Dabke-Tänzer Mumen Khalifa. Er ist per Skype-Gespräch zugeschaltet – eine Dolmetscherin übersetzt simultan – und erzählt von Überwachungs- und Militärdrohnen in Gaza. „Diese unterscheiden zu können, kann Leben retten“, so Khalifa. Das Publikum wird über eine Kamera gefilmt, sodass auch er es sehen kann. Den Zuschauer*innen führt Khalifa den palästinensischen Volkstanz Dabke vor, welcher aus vielen kunstvollen Sprüngen und Stampfbewegungen besteht. Dabei stockt das Bild immer wieder. Während Khalifas tanzender Körper auf dem Bildschirm erstarrt, läuft die Musik weiter. Der Ton hängt geisterhaft über dem Geschehen, wie eine unsichtbare Drohne im Himmel. Auch hier schafft technische Unvorhersehbarkeit eine einzigartige Bühnensituation. Die Tänzer*innen in Düsseldorf fangen an mit der Kamera zu interagieren. Sie machen sich bewusst innerhalb der technischen Apparaturen sichtbar und fordern die unsichtbare black box einer Drohne heraus. Ihre Bewegungen sind entschiedener, sie weichen der Drohne immer noch aus, doch interagieren stärker mit den Maschinen und bauen sie in ihre Bewegungsabläufe ein. Die Drohne wird vom bedrohlichen Werkzeug immer mehr zum Gegenstand der Gestaltung.
Eine zweite Live-Schaltung nach Palästina. Neben Khalifa steht jetzt eine Crew von jungen Tänzern, welche Elemente aus HipHop, Parkour und Akrobatik verbindet. Sie präsentieren eines ihrer selbst aufgenommenen Videos: Die Tänzer bewegen sich durch Ruinen in Gaza, springen über Betonblöcke und inszenieren sich in Form eines spannungsreichen Actionfilms. Sie zeigen Aufnahmen aus der Vogelperspektive, zum Einsatz kommt dabei eine Drohne. Sie wird hier mehr als nur ein Werkzeug des Überwachens sondern ist – wie bei der Performance der Tänzer*innen in Düsseldorf – ein kreatives Werkzeug. Sie erweitert die Möglichkeiten des Körpers, welcher sonst in seiner Bewegung eingeschränkt ist – ein Verweis auf die starken Grenzkontrollen in Gaza.
Die Drohne ist ambivalent. Sie tritt in „Phoenix“ als Kriegsinstrument, Spielgerät, Tänzer*in und Co-Performer*in auf. Dabei fallen sie immer wieder zu Boden. „Nach einigen Vorstellungen müssen die Drohnen ausgetauscht werden“, erzählt der Drohnen-Pilot im anschließenden Publikumsgespräch. Eine nahe Bindung an das Gerät sei also nicht möglich. Bleiben die Drohnen also nur Mittel zum Zweck – oder haben sie eine eigene agency? Eine selbständige Handlungsmacht, die unabhängig vom Menschen gilt. Diese Frage hängt am Ende im Raum.

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