Über die Offene Probe zu „Water Will (in Melody)“ von Ligia Lewis

Wann: 20.10.
Wo: tanzhaus nrw

#1 Innere Fluten von Laura Lindemann
#2 Schmerzhafter (Auf-)bruch von Estella Eckert
#3 Dekonstruiertes Melodrama von Ina Holev
#4 Eine unheimliche Welt von Kai Kopel

Innere Fluten von Laura Lindemann

Vogelgezwitscher erfüllt die Kleine Bühne des Tanzhaus NRW. Tropisch und ganz weit weg. Wo eben noch die Tänzerin und Choreografin Ligia Lewis fröhlich mit dem Publikum plauderte und ein paar letzte Schlucke aus ihrer Wasserflasche nahm, befinden wir uns nun im Dschungel. Eine der drei anwesenden Tänzerinnen, das finale Stück wird zu viert performt, kommt auf die Bühne und fährt ihre Krallen aus. Gefährlich blitzt sie das Publikum an. Mustert es kritisch. Die beiden anderen sitzen mit leerem Blick auf der Bühne. Die offene Probe zu Ligia Lewis neuer Performance „Water Will (in Melody)“ beginnt.
Plötzlich scheint das durch ihr forsches Auftreten erst so stark und überlegen wirkende Tigerweibchen die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren. Die Adern sind angespannt, ihre Gliedmaßen schlagen unkontrolliert aus. Das Gesicht, zu einer Fratze verzogen. Immer wieder versucht sie, die Kontrolle zurück zu gewinnen. Einmal gelingt es ihr, ein anderes Mal nicht. Aus den Bewegungen entsteht ein Rhythmus. Ein Tanz, um die scheinbar ganz tief in ihr wohnenden Dämonen zu vertreiben.
Wummernde Musik setzt ein. Die eben noch leblos auf der Bühne sitzenden Tänzerinnen scheinen sich unter großen Mühen aus ihrer Starre befreien zu wollen. Ihre Gesichter schmerzverzerrt, ihre nackten Füße leicht zuckend. Immer entschlossener kämpfen sich die Performerinnen auf die Bühne und ins Leben zurück. Eine von ihnen schreit stumm das Publikum an, als käme ihre Stimme nicht durch die Musik hindurch. Losgelöst voneinander, erzählt jede der Frauen tänzerisch ihre Geschichte. Eine windet sich auf dem Boden, die andere kriecht verängstigt an der Wand entlang, die Dritte sitzt mit gespreizten Beinen und ausdrucksloser Miene auf einem Tisch. Und dennoch finden sie immer wieder zusammen. Durch die Blicke, die sie sich gegenseitig zuwerfen und zarte Berührungen wird ihr gegenseitiges Verständnis füreinander sichtbar. Jede mit sich selbst sprechend, liegen sie in den letzten Minuten der einstündigen Performance aufeinander und halten sich gegenseitig fest.
Den Zuschauer*innen eröffnet sich eine Welt, in der eindringliche Stimmen, der Ausdruck von Angst und Wille, zarte Berührungen und harte Bewegungen wie Wellen ineinander übergehen. Mit Mimik und Gestik stellen die Tänzerinnen sexuelle Gewalt dar. Es brennen sich tiefgehende Bilder ein. Von Verletzung. Erniedrigung. Vergewaltigung. Kennzeichnende Themen, mit denen sich die in der Dominikanischen Republik geborene Ligia Lewis in ihren Arbeiten kritisch auseinandersetzt. Die Beziehung zum eigenen Körper, fallen und aufstehen, verzweifeln und hoffen. Zwischen den vielen, düsteren Momenten erhellen sich immer wieder die Augen der Performerinnen und ihre Bewegungen werden leicht und unbeschwert. Sie wollen nicht untergehen. Denn durch starke Willenskraft, findet man fast immer einen Ausweg. Egal wie hoch die Wellen schlagen.

Schmerzhafter (Auf-)bruch von Estella Eckert

Grelles Arbeitslicht, Performerinnen in schlabberiger Trainingskleidung, erwartungsvolle Zuschauer*innen und eine moderierende Dramaturgin. Die Aufführungssituation am vergangenen Samstag entspricht ganz den Konventionen einer Offenen Probe, die Neugierigen bereits vor der Tanzhaus-Premiere von „Water Will (in Melody)“ am 6. Dezember einen Einblick ins Stück ermöglicht.
Die US-amerikanische Choreografin und Regisseurin Ligia Lewis ist seit 2017 eine der drei Factory Artists des Tanzhaus NRW und zeigte dort bereits ihre Stücke „minor matter“ und „sorrow swag“. In ihrer neuesten Arbeit nimmt sie die Auseinandersetzung mit dem Melodrama zum Anlass, um toxische Verschränkungen von Rassismus und Sexismus zu untersuchen. Als intersektionale Forscherin und Woman of Color webt sie ein Netz zwischen (problematischen) gesellschaftlichen Vorstellungen von blackness, von Weiblichkeit und von schwarzer Weiblichkeit.
Lewis und ihre Performerinnen fordern Abstraktionskraft und Assoziationswille von ihrem Publikum. Die Stückfragmente lösen Unwohlsein aus. Fast mimetisch verkrampft man sich im hell erleuchteten Zuschauer*innenraum, wenn die Körper der Performerinnen sich krümmen und verzerren. Ihre Gliedmaßen scheinen sich selbstständig zu machen, mal ist es ein Arm, der sich scheinbar losgelöst vom restlichen Körper bewegt, mal ist es die Zunge, die scheinbar aus dem Mund herausspringen möchte. Ganz wie Gregor Samsa aus Kafkas Verwandlung liegen die Performerinnen einem Käfer gleich auf dem Rücken und strecken ihre Gliedmaßen in grotesker Weise von sich. Ein Beben scheint von Armen und Beinen auszugehen. Mehrfach greift sich eine der Performerinnen heftig zwischen die Beine. Lewis inszeniert die Frau als Opfer (sexueller) Gewalt, die im Entgleiten aus ihrer Opferrolle fällt. Im Bruch liegt subversives Potenzial.
Verzerrte, dröhnende Orgelklänge, pantomimische Gesten und Grimassen, die an Minstrel Shows erinnern und eine übersteigerte lip-sync Performance ohne Playback verbinden sich zu einem aufbrechenden Konglomerat. Die Lücke, der Bruch verbinden die choreografischen Elemente miteinander. Wie auch bei der Auseinandersetzung mit der weiblichen Opferrolle setzt Lewis auf das subversive Potential von Verfremdungseffekten. Die rassistische Annahme, es liege in der „Natur“ schwarzer Frauen so singen zu können wie Whitney Houston oder Beyoncé wird exemplarisch durch die lip-sync Performance dekonstruiert. Die schwarze Performerin mimt tradierte Gesten aus Musikvideos und Liveshows, während jedoch kein Laut aus ihrem Mund gelangt. Das Fehlende, das Herausfallende ermöglicht eine kritische Perspektive.
Lewis behandelt eine Thematik von virulenter Relevanz. Die Resonanz auf Donald Glovers (aka. Childish Gambinos) viral gegangenem Musikvideo „This is America“, welches sich ebenso wie Lewis’ Stück kritisch mit dem gesellschaftlichen Umgang mit People of Color auseinandersetzt, spricht für sich. Glovers Arbeit ist in ihrer Gesellschaftskritik jedoch sehr viel expliziter. „Water Will (in Melody)“ bleibt bis zu einem gewissen Grad kryptisch und entzieht sich einer gänzlichen Aufschlüsselung. Eine öffentliche Probe ermöglicht selbstverständlich nur Hinweise auf das Endprodukt. Die Zuschauer*innen können gespannt darauf sein, wie sich die einzelnen Elemente der Performance weiter verdichten.

Dekonstruiertes Melodrama von Ina Holev

Zur Offenen Probe ihres neuen Stücks „Water Will (in Melody)“ lud am 20. Oktober Ligia Lewis ins Tanzhaus NRW ein. Ligia Lewis ist eine dominikanisch-amerikanische Tänzerin und Choreografin. Ihre Arbeit ist auch als politischer Aktivismus zu verstehen: In ihren Stücken verhandelt sie Geschlechterrollen und blackness.
Legere Sportkleidung, grelles Licht auf der Bühne und im Publikum. Es ist eine andere Aufführungssituation, als man es sonst gewohnt ist. Bei einer Probe sind alle Einzelschritte noch im Fluss, nicht ganz klar festgelegt. Hier wird experimentiert und hart gearbeitet. Durch eine Offene Probe entsteht eine neue Form der Intimität. Es gibt durch das Licht keine Unterscheidung zwischen Publikum und Performerinnen. Sie werfen eindrückliche, direkte Blicke zu den Zuschauer*innen.
In „Water Will (in Melody)“ präsentiert Lewis eine Dekonstruktion des Melodramas. Das Genre entstand in der theatralen Tradition des 19. Jahrhunderts und feierte im Hollywoodkino der Vierziger bis Sechziger eine Blütezeit. Überzeichnete Gefühle, grelle Farben, Dramatik durch musikalische Untermalung. Auch in Lewis Stück kann der sehr dominante Ton als eigener Akteur gelten. Er tritt mal als lauter drone-Klang in Erscheinung, mal als engelsgleicher Chorgesang und mal durch die Stimmen der Performerinnen.
Zu Beginn erzählt eine Performerin das Märchen eines eigensinnigen Kindes nach. Ein Mädchen war so eigensinnig, dass ihre Hand selbst im Grabe von ihrer Mutter weggeschlagen werden musste. Die Brutalität dieser Erzählung trifft auf sanfte Naturgeräusche. Es ist eine mythische und unwirkliche Welt. Die Stimme der Performerin überschlägt sich, sie zieht Grimassen und schlägt sich selbst auf die Haut. Diese grotesken Bewegungen der Performerin wecken Assoziationen mit Fliegen fangenden Fröschen an einem Teich, man hört dazu Geräusche des fließenden Wassers. Ständige Bewegung.
Das Grimm-Märchen des eigensinnigen Kindes greift auch die feministische Theoretikerin Sara Ahmed auf. So beschreibt Ahmed in Living A Feminist Life eine Neukonzeption des Begriff willfulness: „the word willfulness surrounds us when we become feminists.“ Eigensinnigkeit als zentraler Aspekt feministischen Handelns. Doch wie entsteht eine mögliche (feministische) Disruption in einem starren Genre wie dem Melodrama?
In Lewis‘ Bildsprache werden kulturelle Codes neu zusammengefügt. Neben dem Melodrama und Märchenelementen bezieht sich Lewis durch Kirchenchöre auch auf christliche Ikonographie. Auch in dieser wird – wie im Melodrama – das Leiden ästhetisiert. Im Leiden werden ethische und politische Fragen sublimiert. Lewis greift auch die rassistische Praxis der Minstrel Shows auf und eignet sie sich neu an, indem sie grotesk scheinende Komik mit schmerzvollen Momenten verbindet.
Die Körper der Performerinnen bewegen sich sanft zu den Sounds, mal drücken sie sich an die Wand, mal schmiegen sie sich aneinander. Stellenweise sind sie regungslos und wirken durch ihre Starrheit wie tot. Wo den Performerinnen die Stimme fehlt, greift die Musik herein. Mit teils absurden Effekten. Sie bleiben stumm, doch die Bilder schwanken zwischen Pantomime, Souldiva und Opernsängerin. Zwei der Performerinnen ziehen sich dabei weiße Spitzenhandschuhe an. Sie wecken Erinnerungen an aufwändige, theatrale Kostüme und wirken im Kontrast zu ihrer Sportkleidung seltsam deplatziert. Fast scheinen sie wie medizinische Handschuhe. Hier wird durch Bewegung eine schmerzhafte Operation durchgeführt, die bis ins Innerste geht, auf die Ebene der Gefühle. Das Grundelement jedes Melodramas.

Eine unheimliche Welt von Kai Kopel

Am vergangenen Samstag gab Ligia Lewis, US-amerikanische Choreografin und Factory Artist am Tanzhaus NRW, in einer Offenen Probe Einblick in ihr neustes Stück „Water Will (in Melody)“, das vom 6. bis zum 8. Dezember kurz nach der Premiere in Berlin im Düsseldorfer Tanzhaus zu sehen sein wird.
Als das Publikum auf den Rängen der Kleinen Bühne Platz nimmt, befindet sich die Choreografin mit zwei Tänzerinnen bereits im Saal. Anstelle von Kostümen tragen sie einfache Trainingsklamotten und auch ein Bühnenbild gibt es noch nicht. Eine Moderatorin heißt das Publikum kurz willkommen und sogleich verkündet Lewis, mit ihrer Kostprobe beginnen zu können.
Waldgeräusche setzten ein und eine der Tänzerinnen beginnt in gebückter Haltung vor dem Publikum auf und ab zu gehen und etwas kaum Verständliches leise vor sich herzuflüstern. Vereinzelt sind Satzfetzen wie ein gezischtes „once upon a time“ herauszuhören. Der Auftritt der jungen Frau lässt an eine mysteriöse Geschichtenerzählerin denken, die gleich zu Beginn des Stücks eine unheimliche Atmosphäre erzeugt. Auch ihre tänzerischen Bewegungen deuten in diese Richtung; sie verrenkt sich, bewegt sich unnatürlich kantig, macht einen Buckel oder zieht sich zusammen, was ihren Körper kränklich und verformt erscheinen lässt. Später wird sie ihre Hand gewaltsam in den Mund stecken, während sie spricht. Eine hochinteressante Bewegungssprache für diese unheimliche Welt, die Lewis hier zu skizzieren scheint. Das macht neugierig auf mehr!
Doch dann ertönt eine andere Musik: Die feierlichen Klänge einer Orgel schallen aus den Lautsprechern, gepaart mit sakral anmutenden Gesängen in ständiger Wiederholung derselben Töne. Hierzu beginnen die beiden anderen Tänzerinnen sich langsam vom Boden aufzurichten, um dann verschiedene Haltungen einzunehmen oder Gesten auszuführen, deren Bedeutung sich für den/die Zuschauer*in auf den ersten Blick noch nicht erschließt: Eine der Tänzerinnen zieht sich Handschuhe an und beginnt wie ein Pantomime zu posieren und dabei angestrengt zu lächeln. An anderer Stelle nehmen zwei Tänzerinnen eine große raumgreifende Pose ein, in der sich die eine auf die Knie wirft und mit gefalteten Händen um etwas zu bitten scheint, während die andere mit einem großen Schritt davonschreitet, während sie ihre eine Hand vor ihrer Brust zu einer Schale zu formen scheint. Ein raumgreifendes Bild, das im Zusammenspiel mit der Musik an christliche Ikonografie denken lässt. Immer wieder tauchen solche interessanten Bilder in den Auszügen aus dem Stück auf. Aber was haben diese feierlichen Posen mit der unheimlichen Geschichtenerzählerin vom Anfang zu tun? Wo sind die Übergänge? Und wie fügt sich das alles zusammen?
In der anschließenden kurzen Fragerunde erläutert Lewis ihre Gedanken zu ihrem entstehenden Stück. Sie erzählt, dass es darin unter anderem um blackness – der sozialen und politischen Identität von People of Color – gehen wird. Auch auf die Bühnengattung des Melodramas, ein mit Musik untermaltes Schauspiel, und dessen Ausprägung im 19. Jahrhundert wird in der Choreografie zurückgegriffen. Man muss als Zuschauer*in schon eine Weile überlegen, bis man mit diesen Hintergrundinformationen Lewis‘ Gedanken in dem Stück wiederfindet: So kann etwa die Pose einer auf Knien flehenden schwarzen Tänzerin mit der Sklaverei in den Südstaaten des 19. Jahrhunderts in Verbindung gebracht werden. Und auch den großen pantomimischen Gesten haftet etwas buchstäblich Melodramatisches an, wie man es in vergangenen Zeiten sicherlich öfter auf der Theaterbühne zu sehen bekam. Aber wozu dann die sakrale Musik? Eine Zuschauerin fragt die Choreografin, ob das Werk eine religiöse Thematik hat. Dies schien Lewis eher nicht vorgeschwebt zu haben, wenngleich sie zugibt, dass in dem Stück durchaus eine spirituell aufgeladene Atmosphäre herrscht. Hat die Choreografin ihr Publikum etwa unwillentlich auf einen anderen Pfad geführt, als sie beabsichtigt hat?
Wahrscheinlich wird den Zuschauer*innen die Aussage von „Water Will (in Melody)“ – einem nach wie vor recht kryptischen Titel – klarer, sobald sie es als Ganzes zu sehen bekommen werden. Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass Lewis die Thematisierung von People of Color in ihrem Stück für das Publikum etwas greifbarer werden lässt. Denn welche Rolle genau blackness darin spielen soll, blieb bei der Offenen Probe weitgehend unklar. Ihre Bewegungssprache, die sich von unheimlichen Verkrümmungen über große Gesten bis hin zu feierlicher Ruhe erstreckt, ist hingegen verständlicher. Man darf außerdem gespannt sein, wie die Choreografin die Bruchstücke ihres neuen Stücks miteinander verbinden wird. Bleibt es bei dieser Aneinanderreihung von kürzeren Tableaus oder wird daraus ein Stück in einem Bewegungsfluss? Oder wird die Choreografin ihr Publikum mit noch etwas ganz anderem überraschen? Ab dem 6. Dezember wissen wir mehr…

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