Über „Blak Whyte Gray“ von Boy Blue

Wann: 20.10. + 21.10.
Wo: tanzhaus nrw
Dt. Erstaufführung

#1 Systemfehler von Charlotte Decaille
#2 Wüstenplanet und fluoreszierende Farbe von Laura Dresch
#3 Verzweifelter Ausbruch, Missverständnis und Wiederbelebung von Gamze Can
#4 Stillstand, Erwachen, Freiheitsschlag – eine Weltgeschichte getanzt von einer ausdrucksstarken HipHop-Kompanie von Sofia Andersson
#5 Eine getanzte Revolution in Hyperspeed von Barbara Beer

Systemfehler von Charlotte Decaille

Was meinen wir, wenn wir von Freiheit sprechen und glauben diese zu besitzen? Ist es möglich, dass wir uns einem System, das uns in unserem Käfig hält und welches fern ab von Freiheit, von Individualität und Entfaltung besteht, viel unterwürfiger verhalten, als uns jemals bewusst war und bewusst sein wird? Doch wie stabil ist dieser Käfig, wenn wir uns gegen ihn stürzen, uns gegen seine Zwänge aufwenden? Er beginnt zwischen stiller Gehorsamkeit und gewaltsamer Rebellion zu schwanken, zu bröckeln, während seine Insassen nach uneingeschränkter Freiheit streben.
Der Londoner HipHop-Kompanie Boy Blue und ihrem Choreografen Kenrick „H2O“ Sandy gelingt es in ihrer Performance „Blak Whyte Gray“ ihrem Käfig zu entfliehen, das System zu überwältigen und dem Leben mit neu gewonnenem Mut und neuer Lebenskraft zu begegnen. Die Kompanie bewegt sich zu Beginn zu modernen, aber harten elektronischen Tönen, die sich großzügig an den Sounds des Londoner Komponisten Michael „Mikey J“ Asante bedienen, womit sie den ersten Part, Whyte, einleiten. Angespannte Gesichtszüge und steife, automatisierte Bewegungen innerhalb eines angedeuteten Lichtkäfigs verkörpern systematische Unterdrückung und Zwanghaftigkeit. Roboterhaft bewegen sich drei Tänzer*innen in hellen Zwangsjacken, welche das Bild unausgelebter, unerfüllter Wünsche und Träume weiter ausformen. Sie versuchen auszubrechen, der stupiden Bewegung zu entfliehen, doch sie geraten immer wieder zurück in die synchrone Einheit des Systems.
Mit dem Dazustoßen fünf Performer*innen beginnt die Rebellion, Gray, und damit ein Stilwechsel im Tanz. Immer wieder werden neben den sehr expressiven Bewegungen des Krumpings Gesten eingebaut, die einen gewaltsamen und bewaffneten Aufstand andeuten. Die donnernde Stimme eines Mannes fragt „Is everybody in the world going to die before someone finds the answer?“ Die Antwort worauf? Dass diese Performance sich in Gesellschaftskritik übt, ist außer Frage. Sie greift einen allgegenwärtigen Konflikt auf, einen Konflikt, der nie zu enden scheint und in jeder Generation dieselbe Problematik hervorruft. Streitpunkte wie die kontraststarke Klassengesellschaft, die einhergehende Perspektivlosigkeit der Jugend und der Alltagsrassismus, dem man auf der Straße mit fast gleichgültiger Normalität begegnet, sind Aspekte, die ein gnadenloses Scheitern des Systems implizieren und, dem Beispiel der jungen Gruppe aus East London folgend, offensiv konfrontiert werden müssen. „Now I want the truth.“ Erneut bringt sich der Sprecher ein. Angetrieben durch den Klang seiner Stimme, werden die Bewegungen der Tänzer freier, aufmüpfiger und unabhängiger. Sie strotzen nun vor Wut, Aggressivität und Verzweiflung.
Aufgehalten wird diese Entwicklung unglücklicherweise durch eine Pause. Zwar ist diese verhältnismäßig kurz, sie unterbricht jedoch die zusammenhängende Entwicklung, da vor allem mit dem dritten Teil, Blak, deutlich wird, dass die Kompanie nicht nur versucht eine Nachricht zu formulieren, sondern auch einem Handlungsstrang folgt, welcher neben den Veränderungen in den Bewegungen und der Musik auch farbliche Kontraste einsetzt. Triste Farben und kaltes, weißliches Licht weichen nun Wärme und ruhigen Erdtönen. Der Kampf hat die Tänzer gefordert. Sie sind erschöpft, müssen sich stützen. Der Einzelne findet Halt in der Gruppe, welche versucht ihm neuen Lebensmut zu geben. Mit Mikey Js Titel „Phoenix“ erwacht der Tänzer. Umhüllt von einem roten Tuch und umgeben von weißen Stammesmasken, welche ein zurückkehrendes Gefühl der kulturellen Gemeinschaft und Verbundenheit symbolisieren, offenbart er in einem Solo unter Einfluss der rhythmischen Präzision des HipHops und der Leichtigkeit des Balletts eine verletzliche und intime Seite. Was sich dahinter verbirgt ist der Weg zurück zum Ursprung, zu Traditionen, zu sich selbst. Als wären sie ihrem Käfig entflohen, bewegen sich nun auch die anderen Tänzer*innen sorglos, mit vogelartigen Bewegungen und bunten Kriegsbemalungen zu afrikanischen Klängen. Die zwanghafte und steife Körperhaltung gehört der Vergangenheit an. Die Gruppe zelebriert das Leben, ihre Wiedergeburt, den Freiheitsschlag und die gelungene Flucht vor dem System. Die Glückseligkeit, die sie in ihren Gesichtern und ihren Körpern tragen, ist so wahrhaftig und ausdrucksstark, dass man ohne Worte versteht, was sie versuchen zu vermitteln.
„Blak Whyte Gray“ hat eine klare take-home message: Jetzt ist die Zeit. Die Zeit um Fragen zu stellen; die Zeit des Ausbruchs und der Veränderung; die Zeit zu uns, unseren kulturellen und familiären Wurzeln und unserer Menschlichkeit zurückzukehren, dem System den Kampf anzusagen und unsere Freiheit zurückzuerlangen.

Wüstenplanet und fluoreszierende Farbe von Laura Dresch

Boy Blue ist eine achtköpfige HipHop-Kompanie aus East London, die an zwei Abenden im Tanzhaus NRW ihr Deutschlanddebüt gegeben hat. „Blak Whyte Gray“ ist ausdrucksstark, beatlastig und lässt Licht zu einem Akteur werden.
Als das Stück beginnt und die Musik einsetzt, wird schnell deutlich, dass hier kein reguläres HipHop-Programm gezeigt wird. Die Musik von Michael „Mikey J“ Asante könnte auch im Salon des Amateurs gespielt werden und die Kostüme geben einen ersten Hinweis auf einen tiefen Kampf: Die Tänzer*Innen tragen Zwangsjacken und auch ihr Tanz bewegt sich innerhalb klar abgegrenzter Lichtquadrate. Auf der Wand hinter ihnen sind Lichtstreifen projiziert, die wie die Gitterstäbe eines Gefängnisfensters wirken. Das Lichtdesign von Lee Curra ist faszinierend. Es gibt kein Bühnenbild und erst in den letzten Minuten des Stücks werden übergroße Gesichtsmasken am Bühnenrand präsentiert. Und doch wechseln Ort und Stimmung wieder und wieder. Dieser Effekt wird durch ein komplexes Lichtkonzept erzielt, das Räume, Stimmungen und Bilder auf der Bühne entstehen lässt.
Die drei Teile sind miteinander verwoben und doch unterschiedlich. Einzelne Bilder wirken lange nach. Ein Tänzer kommt auf die Bühne. Doch er geht nicht, er schiebt sich, scheint zu schweben. Auf dem Rücken liegend schiebt er sich mit seinen angewinkelten Beinen voran und wirkt wie ein sanft durch das Weltall schwebender Astronaut. Oder fällt er? Er trägt zu einer weiten Hose einen großen Kapuzenparka, was das Bild des Astronauten verstärkt. Von der Bühnendecke strahlt ein gleißend weißer Lichtkegel auf ihn herab. Auf dem Boden ist erneut ein leuchtendes Quadrat zu sehen und zwischen diesen Lichtflächen herrscht tiefe Dunkelheit. Jeden Moment scheint er von einer Art Raumschiff aufgenommen zu werden.
Im dritten und abschließenden Teil tragen die Tänzer*innen erdfarbene weite Kleidung. Das Licht ist warm und die Assoziation an einen Wüstenplaneten kommt auf. Wieder eine andere Welt, fern ab der Erde. Die Hosen scheinen nass und wirken als ob die Tänzer mit ihnen erst vor einem Moment durch Matsch und Schlamm gewatet wären.
Plötzlich erlischt die Bühnenbeleuchtung und der dunkle Raum wird in Schwarzlicht getaucht. Es ist kein Schlamm, der auf den Hosen ist, sondern fluoreszierende Farbe. Sie leuchtet in bunten Neontönen während die Tänzer*innen sich gemeinsam bewegen. Auch ihre Gesichter sind mit den Farben bemalt und treten mit den Masken am Bühnenrand in einen surrealen Dialog. Bilder wie diese sind es, die den Abend zu einem besonderen Erlebnis machen. Das Publikum bedankt sich mit einem tosenden Applaus und einige Gäste geben sogar Standing Ovations.

Verzweifelter Ausbruch, Missverständnis und Wiederbelebung von Gamze Can

Pure Inspiration: Sowohl die Tanzgruppe Boy Blue als auch ihre Performance „Blak Whyte Gray“, welche von Michael „Mickey J“ Asante und Kenrick „H2O“ Sandy produziert wurde. Im Gegensatz zum Titel fängt die Performance mit „Whyte“ an. Zunächst befinden sich drei Tänzer*innen in einem kleinen quadratischen Kasten, welcher durch Licht erzeugt wird. Sonst gibt es kein weiteres Licht oder Farbelement. Die Musik ist extrem laut und mitreißend. Für empfindliche Leute empfehlen sich Ohrstöpsel, wobei dadurch der Effekt abnimmt.
Die Tänzer*innen sind bekleidet mit weißer Uniform passend zum Titel. Zu Beginn bewegen sie sich erstmal kaum bis einige Minuten vergehen und sie durch sehr steife und roboterartige Bewegungen auf der Stelle tanzen. Sie sehen aus wie Roboter oder Wesen ohne Emotionen, die nur ihren Aufgaben steif folgen. Aus dem Kasten heraus können sie sich nicht bewegen. Alle Elemente: Licht, Musik und Tanz haben das Stück zu einem Gesamtkunstwerk verwandelt und extrem traurige Gefühle erweckt. Nach meinen Erfahrungen war „Whyte“ ein Sinnbild dafür, dass wir in unserem Alltag in unseren Käfigen leben und uns nicht raus bewegen können. Es war eher der Wille etwas anderes sein und tun zu wollen. Ein verzweifelter Versuch aus seinem Käfig zu entkommen. Es war der Anfang eines Krieges gegen dieses Leben. Am Ende verkleinert sich der Platz im Kasten aus Trotz gegen diesen Willen und es endet damit, dass die Tänzer*innen in einer Reihe aufgestellt sind und die Zuschauer*innen stumm anschreien. Dieser Schrei um Hilfe ist ein krasser Kontrast zum Anfang der Performance, da sie nun Gefühle zeigen und nicht nur existieren/funktionieren.
Zum zweiten Teil,„Gray“ wurde fließend übergeleitet. Die Tänzer*innen haben khaki und braune Kleidung an. Der Anfang vom zweiten Teil fesselt die Zuschauer*innen mit den ersten Licht- und Soundeffekten, sodass man ständig gespannt und mittendrin ist. Dieses Mal sieht man einen wesentlichen Unterschied in den Bewegungen. Der Tanz im zweiten Teil ist ein Mix aus HipHop und urban dance wobei sie die roboterartigen Bewegungen fortführen. Sie sind viel schneller und flüssiger. Mit unbeschreiblich einschüchternder Attitude treten sie auf und spielen ihre Rolle als aufständische Kriminelle. Auffällig ist auch, dass sich die Personen freier bewegen können, das heißt die Lichtkästen sich den Tänzer*innen anpassen. Es ist eine unglaubliche Aggression und Wut zu spüren, da sie auch aggressive Bewegungen machen, wie zum Beispiel um sich schlagen, harte Schritte und abrupte Bewegungen. Außerdem vermitteln die Tänzer*innen den Eindruck als hätte man sie missverstanden. Vor allem bedient sich die Choreografie an Vorurteilen gegenüber Minderheiten, weil sie in der Gesellschaft als aggressiv, gewalttätig und kriminell erachtet werden. Beispielsweise sieht man dies, indem die Tänzer*innen die Zuschauer*innen mit imaginären Handgranaten bombardieren oder sie mit Gewehren erschießen. Dadurch beziehen sie auch das Publikum aktiv in die Choreografie ein. Später kommt es auch dazu, dass die Tänzer*innen so tun als würde das Publikum sie angreifen, zurückschießen und töten. Auch wird in der Musik als einziges Zitat „How many people have to die before finding the truth“ eingesetzt. Auch hier werden die Zuschauer*innen angesprochen. Durch diese Frage kommt ein Schuldbewusstsein auf. Man sieht dem Krieg zu, aber macht oder sagt nichts. Es verdeutlicht die eigene Rolle im Leben in solchen Situationen – man ist meistens nur ein*e Zuschauer*in, obwohl man doch involviert ist. Am Ende verkleinert sich wieder der Kasten aus Licht und stellt ein Gitter dar als ob man ihnen ihre Freiheit genommen und sie eingesperrt hätte. Ich finde „Gray“ behandelt Wut und Missverständnisse. Der Aufstand, der im ersten Teil anfing, hatte in diesem Teil seinen Höhepunkt.
Der dritte und somit letzte Teil ist „Blak“. Die Männer haben nur eine schwarze Hose an, sind am Oberkörper nackt und die Frauen tragen schwarze Bandeaus. Dadurch könnte man annehmen, dass es eine Anspielung auf die Hautfarbe ist, jedoch sind nicht alle Tänzer*innen schwarz. Andererseits könnte der Kontrast der Hautfarben auch die Gleichstellung bzw. die Irrelevanz verdeutlichen. Es gibt keine Kisten mehr aus Licht. Die Beleuchtung hat seine Farbe in braun, lila bis rot verändert. Die Tänzer*innen sind zwar frei, trotzdem sehen sie zunächst verwirrt aus. Der Haupttänzer ist wie ein lebender Toter. Er kann nicht mehr tanzen und nicht mal mehr alleine stehen. Sie kümmern sich um ihn, lenken ihn und manchmal sogar sieht es fast so aus als ob sie ihn anbeten würden. Einer der Höhepunkte im dritten Teil ist ein meterlanges rotes Tuch. Dieses wickeln sie ihm um, wodurch ein Moment der Spiritualität entsteht. Dadurch kommt er wieder zu sich und wird selbstständig. Diese Szene erinnert sehr an eine biblische Figur. Hinzu kommen aus jeder Ecke der Bühne afrikanische Skulpturen. Durch das stolze Auftreten des Tänzers macht er den Eindruck, als ob er sich nun vollständig entfalten könnte. Zum Schluss schließen die Tänzer*innen die Performance mit fröhlichem und lebendigem Tanz ab. Es sieht manchmal sogar nach freestyle aus, was die Natürlichkeit des dritten Teils umso mehr betont. Außerdem stecken sie auch die Zuschauer*innen mit guter Laune an und holen sie aus der leidigen Stimmung heraus. „Blak“ war Inspiration und Freude. Es war – nachdem alles zerstört wurde – der Neuanfang, bei dem alles wieder aufgebaut wird. Dieses mal aber anders und besser.
Ob dieses Stück eine Anspielung auf Rassismus ist oder eine Kritik an die Gesellschaft ausübt, die in ihrem Alltag gefangen ist oder den Krieg, der auf den Straßen tobt, kann man so nicht sagen. In meinen Augen vereint es mehrere Themen in sich. Genau aus diesem Grund ist es ein faszinierendes Stück.

Stillstand, Erwachen, Freiheitsschlag – eine Weltgeschichte getanzt von einer ausdrucksstarken HipHop-Kompanie von Sofia Andersson

Mit der mehrfach ausgezeichneten HipHop-Kompanie „Boy Blue“ aus East London wurde bewiesen, dass nicht nur der zeitgenössische Tanz auch zeitgenössische Themen zum Ausdruck bringen kann. Mit ausgezeichneter Technik, akkurater Ausführung und scheinbar fehlerlosen Synchronisation wird eine Geschichte von heute erzählt, von einer Welt, die noch immer von Kriegen geprägt ist. Die Choreografie von Henrick „H2O“ Sandy verkörpert vermeintlich eine Utopie, die Solidarität und Freiheit kennzeichnet. Im ersten Teil sind die Tänzer*innen in Zwangsjacken gekleidet und reflektieren mit ihren präzisen, sich wiederholenden Bewegungen unseren Marionettenstatus im System. „Blak“ aus dem Titel bedeutet Stillstand. So scheinen auch die Tänzer*innen in ihren Bewegungen gefangen zu sein. Die dazu vibrierenden elektronischen Klänge und langgezogenen Töne erinnern an galaktische Räume und dass wir auch alle Teil dieser Welt und des Universums sind, uns nicht den gegenwärtigen Problemen entziehen können. Im zweiten Teil „Whyte“ ist das erste von zwei ausgerufenen Zitaten „Is someone going to find the answer without someone dying?“ eine berechtigte Frage und bestätigt nur wie viel auf der Erde nicht seinen rechten Weg geht. Anschließend folgt zu drohenden Bässen und sirenenartigen Lauten eine Choreografie aus Kampfposen und militärischen Szenen, in denen das invisible Gewehr für jeden deutlich erkennbar ist. Trotz dieser Offensichtlichkeit wäre diese Andeutung nicht nötig gewesen, um zu erkennen welche Protest- und Kampfaktion auf der Bühne stattfindet. In Kombination mit der basslastigen Musik, bei der die schlicht gehaltenen Melodien nicht von der Bühnenshow ablenken, leiteten die insgesamt acht Tänzer*innen mit kraftvollen Körper, hohen Sprüngen und pausenlose Bewegungen eine Energie ins Publikum weiter, die einen gemäß dem Titel zum „Erwachen“ (Whyte) bringen soll, ohne provokativ zu wirken. Stellvertretend für die gesamte Performance stehen auch die beeindruckenden Sprünge, bei denen die Körper auf dem Boden landen und mit Leichtigkeit wieder in den nächsten Sprung transformiert werden. Sie markieren durch das Hinfallen und dem erneuten Aufstehen den Lauf des Lebens und motivieren mittels der durch lockeren und doch kontrollierten Bewegungen auf diesen Zug aufzusteigen.
Der zweite Ausruf des Tänzers ist wohl im Sinne aller beteiligten:„Now I want the truth“ tönt aus den Lautsprechern. Eine gitterförmige Lichtprojektion erscheint auf dem Bühnenboden, die vor dem Freiheitsschlag (Gray) steht. Diese Freiheit ist auch den Gesichtern der Tänzer*innen anzusehen und man empfindet schlagartig eine Freude in sich selbst. Die anfangs noch düstere und realitätsnahe Stimmung hat sich schleichend in eine positive Atmosphäre entwickelt. Das Lachen der Tänzer*innen ist auch in den Bewegungen wiederfindbar. Das Gemeinschaftsgefühl der ganzen Gruppe wurde zwar durch das gesamte Stück mitgenommen, findet aber vor allem Ausdruck in einer Zwischensequenz gegen Ende der Performance. Diese Zwischenszene ist vor allem herausstechend, da besonders ein Tänzer aus der Reihe tanzt. Der Titelname zu der zugehörigen Musik, produziert von Michael „Mikey J“ Asante, verrät bei genauerem Hinschauen schon viel über diese Szene. Als „Ego Death“ zu hören ist, steht im Gegensatz dazu die Solidarität im Vordergrund: Ein Tänzer liegt kraftlos auf dem Boden und wird von den anderen Tänzer*innen wieder aufgefangen und zum Stehen gebracht. Ein rotes Tuch, von dem der Tänzer nun umhüllt ist sticht ins Auge. Auch die aus den Bühnenrändern rausragenden Masken, die eine tonartige Oberfläche aufweisen, betonen die Wichtigkeit von Ritualen, Kulturen und Religiosität, die wohlmöglich im positiven Sinne zur Friedensstiftung beitragen und bereichern können. Wie dieses letztlich interpretiert wird, wird dem Zuschauer vollkommen überlassen.
Zwar kann man nicht alle Bewegungen zuordnen, doch klar ist, dass diese Performance wohl zu jeder Zeit aufgeführt werden könnte. Denn die künstlerische dargestellte Entwicklung von Krieg zu gemeinschaftlichem Frieden könnte zu jeder Krise der Welt gezeigt werden und beeindruckt nicht nur tänzerisch.

Eine getanzte Revolution in Hyperspeed von Barbara Beer

Boy Blue ist eine HipHop Kompanie aus London, die sich auf Urban Dance spezialisiert hat. Ihre Choreografie Black Whyte Gray, eine Tanz-Performance in drei Akten, hatte am Samstag, den 20.10.2018 im Düsseldorfer Tanzhaus NRW seine deutsche Erstaufführung.
Die Vorstellung beginnt mit wummernden Bässen. Helles Licht erleuchtet einen kleinen Bereich der Bühne. Der Rest ist dunkel. Die drei Tänzer*innen auf der Bühne tragen weiße Zwangsjacken. Ihre Körper bewegen sich zu den Impulsen der Musik. Es wirkt, als lasse allein der heftige Bass ihre Körper erzittern. Kurze, ruckartige Bewegungen durchziehen ihre Körper, fast als stünden sie unter Strom. Die Art wie sie tanzen nennt sich Krumping und ist eine Unterform des Urban Dance. In diesem ersten Part der Choreografie wirken die Tänzer*innen beinahe wie Marionetten, gesteuert durch den Beat und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt auf den kleinen erhellten Teil der Bühne.
Im Laufe der drei Akte erzählen die Tänzer*innen weitere Geschichten. Sie erkämpfen sich tänzerisch ihre Freiheit. Mit Hilfe ihrer Körper zeichnen sie Bilder von Untergrundbewegungen und einem gewaltvollen Widerstand. Die Kostüme bestehen nun aus urbaner Streetwear in Militäroptik. Die Bewegungen der Darstellenden imitieren das Abfeuern von Gewehren, Faustkämpfe und das Erleiden von Verwundungen. Die Beleuchtung spielt auch hier eine wichtige Rolle. Durch ihr beständiges Flackern wirken die Bewegungen wie im Zeitraffer. Alles passiert unfassbar schnell. Eine getanzte Revolution im Hyperspeed.
Im letzten Akt scheint die Welt auf der Bühne in eine Art mystischen Urzustand zurückversetzt. Masken säumen jetzt den Rand der Bühne. Körperbemalungen mit fluoreszierende Farben erinnern an Riten von Naturvölkern. Die Tänzer*innen tragen immer weniger Kleidung. Durchtrainierte, muskulöse Körper kommen zum Vorschein. Es ist beeindruckend wieviel Kraft in diesen Körpern zu stecken scheint. Etwa wenn die Performer*innen aus einer Liegestützposition weit nach oben in die Luft springen. Die Faszination an der Tanzperformance wird spätestens jetzt auch zu einer Bewunderung schöner Körper. Diese Bewunderung verbindet sich mit der Geschichte, die Black Whyte Gray erzählt. Dabei geht es um eine Befreiung aus dem engen Korsett, das eine Gesellschaft uns auferlegen kann.

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