Über „Rosas danst Rosas“ von Rosas / Anne Teresa De Keersmaeker

Wann: 26.04. + 27.04. + 28.04.
Wo: tanzhaus nrw

Rosas danst Rosas von Kai Kopel

Auch der zeitgenössische Tanz hat seine Klassiker. Werke, die Tanzgeschichte schrieben und bis heute einen gewissen Kultstatus genießen. Anna Teresa De Keersmaekers „Rosas danst Rosas“ zählt sicherlich dazu. Das Werk, das 1983 seine Uraufführung erlebte, war vom 26. bis zum 28. April im Tanzhaus NRW zu sehen, getanzt von jüngeren Mitgliedern der Kompanie Rosas. Vier Tänzerinnen in grauen Kleidern liegen zu Beginn des Stücks am hinteren Ende der Bühne auf dem Boden. Eine Tänzerin macht den Anfang und beginnt sich mühselig aufzuraffen, mit der Zeit folgen ihr die anderen. Dann setzt die rhythmisch wummernde Musik von Thierry De Mey und Peter Vermeersch ein und das Stück nimmt Fahrt auf und entwickelt allmählich seine charakteristische mechanische Dynamik. Die Tänzerinnen setzten sich auf Stühle, wo sie ruckartig die Arme ausstrecken, den Kopf zur Seite werfen oder die Beine übereinanderschlagen. Die Bewegungen sind scheinbar dem Alltag entnommen, doch die Tänzerinnen führen sie ruckartig, schnell und auch präzise aus und können gar nicht mehr damit aufhören. Trotz aller Kraftanstrengung sind die Tänzerinnen scheinbar in diesen Bewegungen gefangen. Sie entkommen der Mechanik dieser unruhigen Griffe und Schritte nicht sowie sie auch ihre Stühle nicht verlassen können. Die Mechanik hat den menschlichen Körper voll im Griff. Der vom unerbittlichen Rhythmus zur alltäglichen Arbeit angetriebene Mensch findet in De Keersmaekers Choreografie seinen Ausdruck. Ein starkes Bild.
Doch wie geht es weiter? Ein anderer Rhythmus löst den vorigen ab und die Tänzerinnen erheben sich von ihren Stühlen und fügen sich nun im freien Raum in das neue Bewegungsschema ein. Ausstrecken der Arme, Einknicken des Körpers, Drehungen und dann alles noch einmal in einer anderen Reihenfolge. Die Schritte variieren sowie sich auch die Musik in ihrer Abfolge von Klängen minimal verändert, was strukturell etwas an eine Fuge aus der klassischen Musik erinnert. Die Tänzerinnen können dem immer wieder wechselnden Bewegungsmuster bis zum Ende nicht entrinnen. Das Prinzip ist ungefähr klar, doch was passiert darüber hinaus?
Trotz wechselnder Musik schien sich das Stück leicht in Wiederholungen zu verlieren. Gab es zum Ende hin eine Steigerung, die sich in Musik und Choreografie wiederfindet? Gewiss änderten sich die Bewegungsmuster immer wieder, aber einen Sog, der mich als Zuschauer bei Tanzstücken immer wieder mitreißt, entstand bei diesem Stück nicht. Die immer gleichen Bewegungen der Tänzerinnen entsprachen sicherlich der Absicht der Choreografin, ein Sinnbild für den durchgetakteten, mechanisierten, monotonen und auch erschöpfenden Arbeitsalltag zu schaffen, aber eine packende Eigendynamik entwickelte De Keersmaekers Choreografie trotz der wunderbaren Musik in meinen Augen leider nicht. Die von den vier Tänzerinnen hervorragend getanzte, anspruchsvolle Choreografie überzeugt für sich genommen unbestritten durch ihre Komplexität aus Wiederholungen in unzähligen Variationen. Aber reicht diese Bewegungssprache aus dem Jahr 1983 auch aus, um die ungeheuere Dynamik des unter Termindruck und Zwängen arbeitenden Menschen von 2018 zu beschreiben? Sicherlich kommen wir auch heute noch mit unseren Körpern nicht so leicht von unseren Bürostühlen runter und müssen funktionieren wie perfekt geölte Maschinen, doch läuft dies alles heute noch viel schneller ab. Hinzu kommen Nervosität, rigorose Selbstoptimierung und Überarbeitung, die in Burn-Out und Erschöpfung endet. Ein Gefühl für diese Dinge vermittelt De Keersmaekers Stück durchaus, mitreißen tat es mich als Zuschauer hingegen nicht. Mir scheint, als hätte der Klassiker „Rosas danst Rosas“ über die Jahre etwas Staub gefangen. Doch auch das gehört offenbar zum Dasein eines Klassikers dazu.

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