Über „UnBearable Darkness“ von Choy Ka Fai

Wann: 28.06. – 30.06.
Wo: tanzhaus nrw
Uraufführung

#1 Finsternis im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit von Bastian Schramm
#2 Eine Genealogie des Tanzes von Katharina Tiemann

Finsternis im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit von Bastian Schramm

Dafür, dass der Titel des aktuellen Stückes „UnBearable Darkness“ des Choreografen und Medienkünstlers Choy Ka Fai eine nicht auszuhaltende Dunkelheit verspricht, beginnt es erstaunlich licht. Vor einer unmittelbar als japanisch zu identifizierenden Landschaft, die auf eine Leinwand im Extrabreitbildformat projiziert wird, lässt die Performerin Tomoko Inoue in traditioneller japanischer Kleidung eine Klangschale erklingen. In Zwischentiteln wird das Anliegen des Stückes, das am 28. Juni seine Uraufführung im Tanzhaus NRW feiert, formuliert: Das Erbe des japanischen Avantgardetanz Butoh zu reaktivieren. Darauf spielt auch der Name des Stückes an: Butoh wird oft auch – in Bezug auf dessen Interesse für eine eher abseitige Ästhetik und Thematik – als Tanz der Finsterkeit bezeichnet. Mit einer Handkamera gefilmte Videosequenzen, die wie Dokumente einer touristischen Führung anmuten, nehmen die Zuschauenden an die Hand: Dies ist zunächst ein ausgesprochen niederschwelliger Einstieg, der wie der Beginn eines essayistischen Dokumentarfilms anmutet. Man erfährt bereits einiges über den Begründer des Butoh, Tatsumi Hijikata, aber auch einige fun facts über japanische Pilgerstätten. Dieser Prolog gipfelt in einer solchen Pilgerstätte, wo Choy Ka Fai einer schamanisch vermittelten Kommunikationssitzung mit dem Geist des bereits 1986 verstorbenen Tatsumi Hijikata beiwohnt, in der dieser zustimmt Choy Ka Fai bei der Entstehung seines Stückes zu assistieren. Darauf folgt eine erste längere Tanzsequenz, die von dem Performer Pijin Neji ausgeführt wird. Dieser war selber Teil einer Butoh-Kompanie, doch von der grotesk-schockierenden Ästhetik, die meist mit Butoh assoziert wird, ist hier nicht viel zu sehen. Vor einer 3D-animierten Vektor-Gebirgslandschaft, die in ihrer Ästhetik irgendwo zwischen frühem Videospiel und Knight Rider zu verorten ist, führt Pijin Neji verhaltene Gesten und Bewegungen aus, die die historische Verwandtschaft von Tanztheater und Butoh-Formen unübersehbar werden lässt. Dieser Teil wirkt wie eine Art symbolischer Übergang in einen jenseitigen Begegnungsraum, in dem das Kernstück der Performance stattfinden kann: Die durch 3D-Technik und Motion-Capturing vermittelte Begegnung mit dem, was als Geist von Tatsumi Hijikata bezeichnet wird. Die Bewegungen von Pijin Neji, der mit allerlei technischen Apparaturen behängt ist, werden auf die Leinwand und auf eine virtuelle Repräsentation Tatsumi Hijikatas in unterschiedlichen Lebens- und künstlerischen Schaffensphasen übertragen. Zur gleichen Zeit werden dabei unterschiedliche Inspirationsquellen als Information auf der Leinwand eingeblendet. So wird Tatsumi Hijikatas Werk vom Beginn der Begründung des Butoh und dessen Wurzeln im deutschen Ausdruckstanz bis hin zu späteren Formen in kurzen Sequenzen zur Aufführung gebracht. Während dies phasenweise – zum einen durch die medientechnische Ästhetik, die zum Teil unbeholfen daherkommt, aber auch durch Performances, die zum Vorbild genommen wurden – erstaunlich witzig sein kann, wird das, was auf der Leinwand zu sehen ist, durch die offensiv gepflegte technische Glitch-Ästhetik stellenweise grotesk und befremdlich. Doch trotz des großen technischen Aufwands, der hier betrieben wurde, will sich eine immersive oder die gar paranormale Erfahrung, die im Untertitel des Stückes angekündigt wurde, nicht einstellen. Dies hat mehrere Gründe – so ist die technisch verfremdete Tanzperformance zwar durch den hohen Aufwand beeindruckend, wirkt jedoch auch erstaunlich einengend auf die für sich hervorragende Performance von Pijin Neji. Ihr spektakulärer Effekt verblasst schnell und ermüdet spätestens nach der dritten Sequenz zunehmend, auch die Steigerung der Spektakularität und Befremdung vermag dies nicht mehr aufzufangen, sondern verunmöglicht ein mentales Interface und versperrt den Zugang. Diese ästhetischen Fragen sind in größerem Maße auch Fragen des Geschmacks oder Zeitgeistes, die thematische Hermetik der Inszenierung nicht. Während das Stück zunächst sowohl an der ästhetischen, als auch an der inhaltlichen Immersion der Zuschauenden interessiert zu sein scheint, wird im Laufe des Abends immer mehr Wissen sowohl über die Ursprünge von Butoh, als auch über Traditionen, auf die sich dies bezieht, vorausgesetzt. Dadurch hermetisiert sich das Stück zunehmend und so muss sich „UnBearable Darkness“ eine Kritik gefallen lassen, die in Bezug auf den zeitgenössischen Tanz häufiger geäußert wird: Dass dieser im Wesentlichen ein Tanz für Expert*innen und Eingeweihte sei. „UnBearable Darkness“ bleibt dabei ein visuell anregendes und unterhaltsames Lehrstück über die technischen Möglichkeiten, die der zeitgenössische Tanz heute hat, wirkt aber stellenweise wahrscheinlich gerade aufgrund dieser Konzentration auf neue und besondere technische Mittel etwas unausgegoren, sodass ihm die Reaktivierung des Erbes von Butoh eher nicht zu gelingen vermag. Nichtsdestotrotz könnte dies der Anstoß sein, sich einmal mehr mit Butoh und seinem Begründer Tatsumi Hijikata zu befassen.

Eine Genealogie des Tanzes von Katharina Tiemann

Gibt es eine Erzählung des Tanzes? „UnBearable Darkness“, eine Inszenierung des Medienkünstlers Choy Ka Fai, die am 28. Juni im Tanzhaus NRW ihre Uraufführung feiert, ist der Versuch, sich mit dem Erbe der japanischen Tanzrichtung Butoh auseinanderzusetzen.
Butoh (auch „dance of darkness“ – zu Deutsch „Tanz der Finsternis“ genannt) wurde Ende der 1950er Jahre unter anderem von dem japanischen Künstler Tatsumi Hijikata ins Leben gerufen und ist eine Art Technik oder Bewegungsabfolge. Ihr wird zugeschrieben, nachweisbare Auswirkungen auf zeitgenössische Tanzrichtungen internationaler Künstler*innen zu haben. Choy Ka Fai unternimmt das Experiment, über eine japanische Schamanin mit dem Geist des bereits verstorbenen Tatsumi Hijikata Kontakt aufzunehmen, um gemeinsam mit ihm „UnBearable Darkness“ zu choreografieren.
Auf der Bühne steht ein dreigeteilter Bildschirm, der fast so breit ist wie die ganze Bühne. Im Vordergrund, auf dem schimmernden schwarzen Tanzboden, bewegt sich ein Tänzer, an dessen Körper technische Sensoren befestigt sind. Auf dem Bildschirm im Hintergrund steht oben in der Ecke die Bezeichnung eines sogenannten Avatars, dazu der Titel eines Tanzstils, der mit den Techniken des Butoh in unterschiedlicher Form in Verbindung steht und kurz ausformuliert dessen besonderes Merkmal. Der Avatar erscheint und beginnt, sich im Zusammenspiel mit dem Tänzer Neji Pijin zu bewegen.
Choys Choreografie ist eine Erzählung, die Butoh als Ausgangspunkt nimmt und mit dem leiblichen Körper des Tänzers, dem Geist von Tatsumi Hijikata und der Darstellung zeitgenössischer Choreografien verknüpft. Diese Elemente werden erneut ineinander verwoben, durch die Ebene der Technologie, die die virtuellen Figuren erzeugt. Die Avatare, die auf dem Bildschirm jeweils die einzelnen Tanzrichtungen vertanzen, sind zwar in ihrem äußerlichen Anschein programmiert oder virtualisiert, jedoch ihre Bewegungen werden teils von den Sensoren am Körper des Tänzers beeinflusst. Das bedeutet, die leibliche Präsenz des Performers auf der Bühne ist verwoben mit der virtuellen Präsenz der Avatare auf dem Bildschirm. Damit ergänzt die Technologie die Erzählung um eine weitere Art von Zeitlichkeit: Die Choreografie ist einerseits durch die leibliche Präsenz des Tänzers ein momentanes Ereignis, andererseits zeitlich gelöst durch die Virtualisierung der Avatare und Butoh, das zeitlos wirkt, weil es immer wieder neue Tänze durchwirkt. Ebenso verhält es sich mit der Schauspielerin Tomoko Inoue, die sich – ohne viele große oder auffallende Bewegungen durchzuführen – das Stück über teils in nahezu meditierenden Zuständen auf der Bühne befindet. Sie macht für die Zuschauer*innen fast den Anschein, den Geist Tatsumi Hijikatas oder zumindest die Schamanin zu verkörpern.
„UnBearable Darkness“ ist einerseits ein geschichtliches Stück, das durch die Nachforschungen des Butoh einen Beitrag zur Wissenschaft markiert, andererseits ein Experiment, eine freie und zeitweise ungreifbare Erzählung. Aus diesen Merkmalen lässt sich besonderes Verständnis der Choreografie ableiten: Eine Choreografie mag strukturiert sein, Erzählungen und historische Verortungen oder Tanzbewegungen beinhalten, aber niemals ist sie zeitlich gebunden, vollendet und gänzlich vorprogrammiert.
Versucht man zu ergründen, was Butoh als „dance of darkness“ ausmacht, so liegt eine Annäherung durch die Definition von Dunkelheit nahe: meist sind keine klaren Züge erkennbar im Dunkeln, aber Butoh, in seiner Geschichtlichkeit, als Tanz oder Technik, beweist, dass auch in der Dunkelheit Strukturen, Bewegungen oder wenigstens Umrisse auszumachen sind. Die Choreografie ist eine Praxis, ein Werden, ein Tanzen in der Dunkelheit.

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