Über „Face In“ & „Let’s Talk About Dis“ der Candoco Dance Company / Yasmeen Godder & Hetain Patel

Wann: 25.05. + 26.05.
Wo: tanzhaus nrw
Dt. Erstaufführung


Queere Körperutopien von Ina Holev

Die Candoco Dance Company ist ein professionelles Tanzensemble, in dem Menschen mit und ohne Behinderung tanzen. Seit 27 Jahre besteht die Candoco Dance Company mit wechselnden Mitgliedern. Sie arbeiten für jedes ihrer Stücke mit verschiedenen Choreograf*innen zusammen. Jedes ihrer Stücke erhält so eine andere künstlerische Einfärbung. Das Doppelprogramm „Face In / Let’s Talk About Dis“ zeigt zwei kurze, sehr unterschiedliche und sich doch ergänzende Stücke. Die deutsche Erstaufführung findet im Tanzhaus NRW statt.

„Face In“, welches in Zusammenarbeit mit der israelischen Choreografin Yasmeen Godder entstand, ist ein groteskes Tanzstück, welches die Diversität von Körpern zeigt. Die Tänzer*innen treten auf die Bühne und bewegen sich rhythmisch zur Musik. Ein Tänzer nutzt den Rollstuhl, er hat einen muskulösen Oberkörper, während seine Beine durch eine Querschnittslähmung nicht bewegbar sind. Umgedeutete Körperproportionen. Eine Tänzerin bindet etwa auch ihre Krücken in den Tanz ein. Sie werden hier zu einer Körperextension – wie etwa auch im Werk der schottischen Choreografin und Factory Artist Claire Cunningham. Andere Tänzer*innen haben amputierte Beine oder Arme. Tänzerinnen mit und ohne Behinderung führen Bewegungen teils gleichzeitig aus, ein chaotisches Bild, in welchem jeder Körper seine Spezifität zeigt.

Eine Sequenz in „Face In“ erinnert an einen bunten Voguing Ball. Dabei handelt es sich ursprünglich um einen Ort, an dem sich eine afroamerikanische und lateinamerikanische, queere Szene traf und mit Tanzstücken über Geschlecht und Klasse hinaus verschiedene Rollen performte. Die Performer*innen tragen knappe Sportkleidung und Netzhemden, ein Techno-Beat dröhnt aus den Lautsprechern. Reminiszenzen an Berliner Clubkultur. An die Wände sind bunte Lichter projiziert und nach und nach treten die Tänzer*innen nach vorne und performen ein kurzes Tanzstück. „Come away from my body“, lauten die Textzeilen, durch Ekstase im Tanz wird eine Grenzerfahrung eingeläutet, bei der letztendlich doch der Körper im Vordergrund steht. Im Bühnenraum ist jeder Körper gleichwertig, hier zeigt sich die Schönheit und Besonderheit von jedem Körper, egal ob mit oder ohne Behinderung.
Die Tänzer*innen berühren sich und stoßen sich ab, in teils sehr grotesken Momenten der Sexualisierung. Rollende Augen und heraushängende Zungen, ganz animalisch. Männliche Tänzer liegen mit Perücken seitlich auf dem Boden, durch ihre grünen Kleidungsstücke erinnern sie teilweise an Meerjungfrauen und durchbrechen dabei nicht nur eine Geschlechtsgrenze, sondern auch eine Grenzziehung von Mensch und Tier. Als abschließende Szene balanciert eine Performerin ihre Krücken auf der Nase und stellt im Schattenbild ein Einhorn dar. Mythologische, einzigartige, nicht fassbare Wesen. Die Bühne als utopischer Ort.

Während „Face In“ ganz der körperlichen Bewegung verschrieben ist, reflektiert „Let’s Talk About Dis“ auch Probleme der sprachlichen Kommunikation. Hier entstand zusammen mit dem britischen, visuellen Künstler Hetain Patel ein humorvolles und vor allem selbstironisches Stück. Wie übersetzt man Tanz in Sprache? Laute in Gebärdensprache? Französisch in Englisch in Portugiesisch? „Let’s Talk About Dis“ wirkt fast wie eine Sketch-Revue oder Stand-Up Comedy. Dabei drückt sich das multinationale Team in ihren jeweiligen Sprachen, in britischer Gebärdensprache und mithilfe von Tanz aus und erzählt kleine Episoden aus dem Schaffen ihrer Gruppe oder der persönlichen Biografie.

In ihrem Schaffen definiert die Candoco Dance Company vorherrschende Körperbilder im zeitgenössischen Tanz neu. Sie reflektieren zudem die Bewegungs- und Lautsprache, in der über, aber nicht mit Menschen mit Behinderung gesprochen wird. Die Candoco Dance Company bewegt sich in ihren Arbeiten außerhalb von binären Einschreibungen: behindert/nicht-behindert, schön/hässlich und beweglich/unbeweglich. Gesellschaftliche Normvorstellungen werden hinterfragt und umgedeutet.

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