Über „Hochwasser“ von Luísa Saraiva

Wann: 04.04. – 06.04.
Wo: tanzhaus nrw
Uraufführung

Foto: Dinis Santos

Aus der Reihe „Fallen“ von Julia Ehren

Der Bühnensaal ist dunkel und leer. Allmählich ermöglichen zwei immer heller werdende Spotlights den Zuschauer*innen den Blick auf zwei hängende Skulpturen. Befestigt an Lichttraversen, hängen Bestandteile der Bühnentechnik in der hinteren, linken und vorderen, rechten Ecke der Bühne. Kabel, Spots und Mehrfachstecker sind kreuz und quer in einander gesteckt und lassen weder Ordnung noch System erkennen. Eine Wendung des Blicks von der Decke hin zum Boden, lässt die geringe Bühnendarstellung unterhalb der Skulpturen erkennen. Zwei weiße Geraden durchlaufen den Bühnensaal und treffen sich in einem Schnittpunkt auf der rechten Hälfte des Bodens. Jan Ehlen, bekannt durch seine Zusammenarbeit mit der Künstlergemeinschaft RaumZeitPiraten, erschafft mit diesen Requisiten den schlichten und dennoch chaotischen Raum der Produktion „Hochwasser“ von Luisa Saraiva.
Drei Frauen und vier Männer bringen Leben in das Standbild. Beginnend rechts neben der Bühne, marschieren sie ein und enden in einer Reihe zwischen den beiden weißen Linien, parallel zum Bühnenrand. Ausdruckslose Gesichter, spannungslose Körper, absolute Regungslosigkeit provozieren eine einsame Stille. So lange, dass der*die Zuschauer*in einen Zwiespalt gerät. Entweder er*sie versinkt in Einklang mit den Künstler*innen und spiegelt deren Erstarrung oder er*sie kann diese nicht ertragen und wünscht sich sehnlichst, sie würden sich zu bewegen beginnen. Ein Zuschauer beginnt zu klatschen, doch bis auf wenige Blicke aus dem Zuschauerraum bewirkt seine Reaktion rein gar nichts. Es entsteht der Eindruck, das bloße Dastehen muss von den Zuschauer*innen schlicht aushalten, da es Teil des Gesamtkonzeptes ist.
Endlich, da bewegt sich was. Der Tänzer ganz rechts in der Reihe sinkt langsam in sich zusammen Richtung Boden, er fällt buchstäblich aus der Reihe. Er bringt das Bild durcheinander und setzt den Startpunkt eines bald aufkommenden Chaos. Der Tänzer rechts neben ihm stützt ihn, richtet ihn wieder auf. Es folgt unerwarteter Weise kein langes Warten. Die nächsten nebeneinanderstehenden Darsteller*innen führen einen ähnlichen Bewegungsablauf aus. Es folgen viele weitere, sanftere Ausbrüche aus dem sonst so statischen Bühnenbild. Immer häufiger, immer schneller. Die Dynamik steigt. Kontroversen zum Beginn des Stückes entstehen. Spannungslosigkeit verwandelt sich während des Fallens zu Verkrampfungen, Sanftmütigkeit wird zu Aggressivität, Langsamkeit zu Hektik und die Stille wird von Geräuschen gefüllt. Das Aufprallen der Glieder auf dem Boden und das zunehmende Schnaufen der Tänzer*innen beschallen den Raum. Der Wandel zu einer panischen Atmosphäre versursacht die Überforderung der Zuschauer*innen. Eine Verknüpfung von Ton und Bild ist nicht mehr möglich. Ein gleichzeitiges Fallen mehrerer Darsteller*innen und zudem mittlerweile in alle Richtungen, sowohl auf- als auch übereinander, zerstört immer mehr die reihenartige Struktur. Es kommt zu einer Auflösung aller zu Anfang vermittelten Eindrücke. Die Agierenden werden mit dem Risiko konfrontiert, dass jederzeit jede*r Tänzer*in fällt. Wem hilft man in solch einer Situation? Und auf wen ist Verlass? Es ist ein Risiko, welches mit dem Titel des Stückes verknüpft werden kann. „Hochwasser“ verstanden als unmittelbare Folge einer Naturkatastrophe, impliziert Risiken und Paniken. Ausbrechende Wellen, überschwemmendes Wasser, eine Dynamik, die sich selbst zu übertreffen versucht und alles mitreißt. Dies ist den einst so bewegungslosen und nun bewegungsvollen Körpern zu entnehmen. Luisa Saraiva erschafft in ihrem Stück eine funktionierende Verknüpfung zwischen dem menschlichen Körper und dem Element der Natur, dem Wasser. Es kommt zu einer Klimax der Handlung und alle Darsteller*innen fallen im selben Moment zu Boden. Es folgt Stille und die bereits eingeführte Regungslosigkeit. Sie richten sich auf und nehmen eine neue Formation an. Dieser aristotelische Szenenaufbau durchzieht das gesamte Stück. Es variieren jedoch hierbei die Figur des Fallens, die Formation und die deren Auflösung. Beginnend in einer Reihe, mehreren Reihen oder im Raum verteilt, fallen die Darsteller*innen zueinander, auseinander und miteinander. Es bleibt jedoch stets das Gefühl eines Kollektivs, welches mit zunehmender Dynamik zu einzelnen Individuen auseinanderbricht. Hat der*die Zuschauer*in die Verbindung von Mensch und Wasser im Kontext des Stücktitels „Hochwasser“ aufgestellt, erschließt sich ihm*ihr erst das Ende wieder als neuen Input. Dieses weicht von dem routinierten Dynamisieren ab. In einem Pulk führen die Tänzer*innen, erstmals synchron, eine regelmäßige Abfolge des Fallens auf. Es wirkt wie eine Choreografie bestehend aus differenten Fall-Kombinationen. Das Chaos erhält ein Ende. Das Kollektiv löst sich nicht durch die Art des Fallens auf. Sondern dadurch, dass eine*r der Darsteller*innen die Bühne verlässt, sobald eine Abfolge zu Ende ist. Immer erschöpfter, dennoch im selben Rhythmus nimmt das Bühnenbild an Dynamik ab. Ein Hochwasser scheint nicht mehr präsent zu sein. Die Körper finden nicht mehr zusammen. Die letzte Tänzerin geht ab. Es herrscht Stille, Statik und Überforderung, erneut. Die Bühne ist leer.

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