Über „WAIGNEDEH“ von Ndam Se Na / Taigué Ahmed

Wann: 04.05. + 05.05.
Wo: tanzhaus nrw
Uraufführung

Foto: Katja Illner

Der Kampf für ein besseres Morgen von Julia Ehren

Das Stück „WAIGNEDEH“ des tschadischen Choreografen Taigué Ahmed und der von ihm gegründeten Organisation Ndam Se Na scheint bereits im Foyer des tanzhaus nrw zu beginnen. Es stehen maskierte Personen inmitten des Publikum-Tumults. Sie sind in einen kuttenartigen Baumwollsack eingehüllt, bloß zwei Löcher für die Augen lassen Haut durchblitzen. Statt Mund, Nase und Ohren schmücken von Stoff überzogene Hörner die Köpfe. Unabhängig davon, ob man einen Vergleich mit Science Fiction-Figuren, Außerirdischen oder gerüsteten Kämpfern aufstellt, die maskierten Figuren fallen auf, weil ihr Gesicht verfremdet ist. Man entfernt sich lieber drei Schritte von ihnen als auch nur einen auf sie zuzugehen. Dabei weiß noch niemand, wer sich darunter befindet. Zu Beginn des Stückes auf der Großen Bühne des tanzhaus nrw wird erkenntlich, dass sich fünf tschadische Tänzer mithilfe der Kostümierung unkenntlich gemacht haben. Einer von ihnen bleibt am Bühnenrand stehen. Dem Publikum möglichst nah entblößt er als erster sein Gesicht. Zwei in dem gedämmten Licht besonders hell wirkende Augen starren ins Publikum. Die Science Fiction-Figur, der Alien, der Kampfgerüstete erhält nun eine humane Individualität. Die materialistisch betrachtet reduzierte Kleidung der Tänzer – leichte Stoffe in ausgewaschenen Farben und der Verzicht auf Schuhe – können als Verweise auf die Bewohner eines Flüchtlingscamps im Tschad betrachtet werden, denn diesen Ort besuchten die Künstler*innen bei ihrer Recherchereise für das Stück. Doch ohne Vorwissen über Taigué Ahmeds Arbeit in Flüchtlingscamps wäre dieser Bezug schwer herzustellen.

Während der Performance ziehen die Tänzer immer wieder die stachelartige Maske auf und ab. Die Maske stellt eine Requisite zur Symbolisierung von Verfremdung und Individualisierung dar. Eine weitere bilden mehrere grell-orange Planen. Glatt gefaltet, über den Arm eines Tänzers gehängt dient sie als schützende Mauer, hinter der er sich verstecken und hervorlugen kann; mit Vorsicht und gestreckten Armen in die Höhe gehalten, verleiht ein anderer Tänzer dieser einen ehrwürdigen Charakter. Differente Bewegungsmuster, Körperhaltung und Umgang mit der Plane führen zu individuellen Strukturen. Manchmal ist ein Performer ganz auf sich und seinen Tanzstil fixiert, wobei ein expliziter Stil kaum erkennbar wird. Popping, Zeitgenössisch, Coupé-Decalé und afrikanischer Traditionstanz vermischen sich durch die stetige Fokussierung auf die Planen. Oft trifft ein Tänzer in seiner Bewegung auch auf einen oder mehrere andere Tänzer. Daraufhin werden Bewegungsmuster, meist in Verbindung mit einer Plane, ausgetauscht, angenommen und widergespiegelt. In verhältnismäßig wenigen Momenten des Stückes tanzen alle fünf synchron. Und auch dann dauert es nicht lange, bis einer wieder für sich alleine tanzt. Mal erinnern ihre Bewegungen an einen Zweikampf, mal werden die Köpfe aneinander gehalten, als würden sie sich gegenseitig stützen, bis sie ihren eigenen Weg wieder fortsetzen. Dieses Bewegungsschema prägt die Choreografie des gesamten Stücks. Immer wieder verleihen die Tänzer der Plane amorphen Charakter, tauchen darunter ab, zerknüllen sie, tanzen mit ihr oder um sie herum und kreuzen oder umgehen das Tanzen der anderen Performer. Der Verweis zu Camps geflüchteter Menschen liegt hier nahe: So kann die Plane für das Dach über dem Kopf, nach welchem sie sich lang gesehnt haben oder für den begrenzten Raum, den sie sich mit allen zusammen teilen müssen, stehen. Die Bilder, die die Situation von geflüchteten Menschen und ihrem Wunsch nach einem besseren „Morgen“ (so lautet der Stücktitel übersetzt) vermitteln sollen, erscheinen jedoch zum Teil eher repetitiv und dadurch eintönig. Denn leider finden sich ab dem Moment, in dem das Publikum die Bewegungsabläufe und den Fokus auf die Plane einmal erkannt hat, wenige neue Variationen des Bewegungsmaterials.
Plötzlich herrscht absolute Stille und Bewegungslosigkeit. Der kleinste der fünf Tänzer stimmt ein afrikanisches Lied ein. Er schließt seine Augen und lässt seinen Körper von seinem eigenen Gesang mitreißen. Erst jetzt, wo die Bewegungen limitiert sind und die Stimmen der Tänzer den Saal füllen, springt der Funke über. Die fünf Darsteller, die das Leben im Flüchtlingscamp erlebt und nun auf der Bühne tänzerisch vermitteln wollen, bilden durch Melodie, hoffnungsvoller Mimik und gemeinsamen Tanzen eine emotionale Verbindung zwischen den Zuschauer*innen und ihnen selbst. Auch wenn die Bedeutung der gesungenen Wörter für das Publikum unverständlich bleibt, übermitteln die veränderten, nun unbeschwerten und sachten Bewegungen Hoffnung – auf ein besseres Morgen? Auf die Erfüllung von Wünschen? Auf ein Wiedersehen geliebter Menschen? Alle fünf Tänzer steigen mit ein. Es entsteht erstmals ein emotionsgeladenes Bild auf der Bühne. Nun wird den Zuschauer*innen der Gedanke mit auf den Weg gegeben, dass Tanz die Menschen in guten und schlechten Lebenssituationen begleitet und ein besonderes und wertvolles Miteinander erzeugt.

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