Über „JERADA“ von Carte Blanche & Bouchra Ouizguen

Wann: 17.02. + 18.02.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Tanz der Moleküle von Laura Biewald

Am Wochenende des 17. und 18. Februar bekam das Tanzhaus NRW Besuch von einem besonderen Zusammenspiel: Die Kompanie Carte Blanche, die ihre Basis in Norwegen hat, führte unter der Leitung der marokkanischen Gastchoreografin Bouchra Ouizguen „JERADA“ auf – ein schwindelerregendes Stück über den alltäglichen Kampf des Individuums in der Gesellschaft.
Wie kann man in einer Gruppe überleben? Das war die Ausgangsfrage, die sich die Autodidaktin Bouchra Ouizguen, die sich für die Entwicklung der Tanzszene Marrakeschs engagiert, zu Beginn der Zusammenarbeit mit Carte Blanche gestellt hat. Eine Frage, die jeden betrifft und die ein jeder – mal mehr, mal weniger – täglich aufs Neue versucht zu beantworten. Eine Antwort wird in „JERADA“ allerdings nicht gegeben, sondern vielmehr die Fragestellung in die repetitive Figur eines sich drehenden Körpers eingerollt.

Zunächst wird den Zuschauer*innen der kahle, ungeschmückte Bühnenraum präsentiert. Diese Desillusion gleich zu Beginn der Performance wird von einem stetig heller werdenden Licht und von Trommelrhythmen und Gesängen der Dakka Marrachkia Baba’s Band begleitet. Die eigens für das Stück entwickelte Musik besteht aus sich immer wiederholenden chorischen Gesängen und perkussiven Klängen, wie ein Loop, der nicht enden will und es auch für die nächsten 30 Minuten nicht tut. Für den*die Zuschauer*in stellt dies eine ziemliche Herausforderung und Intensität dar, von der er*sie sich kaum ablenken kann, da auf der Bühne seit dem ersten Tänzerauftritt auch nicht viel Spannendes passiert: Nach fünfminütiger musikalischer Einleitung betritt ein Tänzer die Bühne und beginnt sich zu drehen. Erst auf der Stelle, ganz langsam und klein, dann immer schneller und ausholender, mit ausgestreckten Armen und den gesamten Bühnenraum einnehmend. Erst kurz bevor die dröhnenden Trommeln nach fast einer halben Stunde leiser werden, gesellt sich unvermittelt ein zweiter Tänzer aus der ersten Sitzreihe des Publikums dazu und steigt in die Drehbewegungen ein. Ein harmonisches Bild, das fast schon langweilig wirkt, da es sich nicht merklich zu verändern scheint.
Ein wirklicher Spannungsaufbau setzt erst dann ein, als nach und nach immer mehr Tänzer*innen die Bühne betreten und sich auf verschiedenste Art und Weise um die eigene Achse und durch den Raum – was wohl – drehen. Wie atomare Teilchen wirbeln sie im Raum umher, stoßen einander an und nehmen so Einfluss auf die Drehbahn des anderen. Das Bild erinnert an unter dem Mikroskop betrachtete, tanzende Moleküle mit einem undurchschaubaren Bewegungsplan. Wohin streben sie? Der Blick durch das Vergrößerungsglas trifft in dieser Performance allerdings nicht auf die mit dem bloßen Auge nicht zu erkennenden Atome, sondern auf wohlbekannte gesellschaftliche Verhältnisse und erinnert damit an die tanztheatrale Arbeitsweise der Pina Bausch. Unausweichlich und bis zur Erschöpfung, sowohl der Tänzer*innen als auch der Zuschauer*innen, präsentiert sich dieses Bild des rastlosen Durch- und Miteinanders und weckt Assoziationen: Ein Bahnhofsvorplatz, auf dem es von Menschen wimmelt, die sich eilig von A nach B bewegen, unachtsam aneinander vorbei- oder ineinanderlaufend. Sie alle teilen sich einen Raum, nicht aber ihren ganz persönlichen Kosmos, in dem sie sich im wahrsten Sinne des Wortes um sich selbst drehen und alleine sind mit ihren Wünschen und Sehnsüchten, Erfahrungen und Verletzungen.
Währenddessen findet ein unmerklicher Gewöhnungsprozess statt: Was anfangs noch unwirklich, physisch beinahe unmöglich und besonders anmutete, wird bald zu einer Gegebenheit, die den Zuschauer*innen schnell wie ein Normalzustand vorkommt. Wenn im späteren Verlauf der Performance ein Körper etwas Anderes tut, als sich zu drehen, und stattdessen beispielsweise über die Bühne rennt, erscheint dieses Verhalten plötzlich unnormal. Aber warum? Weil es sich von dem unterscheidet, was die Mehrheit tut? Dabei ist das Laufen den Bewegungsgewohnheiten der Zuschauer*innen viel ähnlicher als das sich in Ekstase Zirkulieren.
Eine unnatürliche Handlungssituation mutiert zur Normalität. In ihr spiegeln sich Phänomene wider, die der Gesellschaft jeden Tag begegnen und in ihrer Abstraktion des Drehens sieht man sich plötzlich mit sich selbst konfrontiert. Wie würde man sich selbst drehen – sprich, wie würde man sich als Individuum in einer kollektiven Masse behaupten? Oder, realer noch – wie tut man es? Eckt man gerne an, nimmt man Raum ein oder lässt man sich Raum nehmen? Vermeidet man lieber den Zusammenstoß mit anderen, auch, wenn das bedeutet, dass man sich klein machen muss?
Unter diesem Leitgedanken steht die zweite und weitaus dynamischere Hälfte der Performance. Hier geraten die Tänzer*innen als Gruppe in Aktion miteinander, geben sich Kommandos dazu, was einzelne oder alle von ihnen während des Drehens tun sollen oder tauschen wahllos Kleidungsstücke. Dass sie wie automatisch nach und nach alle vorhandenen Kleidungsstücke einer einzigen Person zuwerfen und überstülpen, scheint eine abgemachte Sache zu sein. Ausgelassen und fröhlich entledigen sie sich ihrer Lasten und verschwinden (von der Bühne). Der übrig- und allein zurückgebliebene, unter einem Berg von Stoff erschwerte Körper ist an Symbolkraft kaum zu überbieten: Der taumelnde Körper schleppt sich blind und müde über den Tanzboden, jede Bewegung ein Kraftakt, jede Drehung ein Kampf. Wer schwer zu schleppen hat, kann keine Pirouetten drehen.
Bouchra Ouizguen ist es mit „Jerada“ gelungen, eine sich wiederholende Geste zum Sinnbild gesellschaftlicher Verhältnisse werden zu lassen, physisch realisiert durch die virtuosen Tänzer*innen von Carte Blanche. Ein Stück, das seine Anlaufzeit braucht, doch, sobald es einmal Fahrt aufgenommen hat, nicht mehr aufzuhalten ist.

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