Über „Le Syndrome Ian“ von Christian Rizzo

Wann: 02.11. + 03.11.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Synthesizer und Endzeitstimmung von Ina Holev

Treibende Synthie-Klänge, flackernde Lichter und unheimliche Kreaturen. Nein, hier geht es nicht um die beliebte Mystery-Serie „Stranger Things“. Dennoch ist das Stück „Le Syndrome Ian“ eine Hommage an die düstere Seite der späten 1970er und 1980er Jahre. Der französische Choreograf Christian Rizzo schafft ein einnehmendes und atmosphärisches Stück zwischen choreografisch hochpräzisen Strukturen und tänzerischer Gelöstheit. „Le Syndrome Ian“ ist ein Teil der Programmserie Ceremony Now! am Tanzhaus NRW. Diese setzt sich mit Ritualen, Gemeinschaft und mit Traditionen auseinander, denen durch die Überschreibung ein zeitgenössischer Aspekt hinzugefügt wird.
„Ceremony“ heißt auch einer der letzten Stücke der Band Joy Division. „I’ll break them down, no mercy shown/ Heaven knows, it’s got to be this time.” In „Ceremony“ klingt der Kampf mit den negativen Kräften im Inneren nach. 1980 nahm sich Ian Curtis, Sänger der Band, das Leben. Als Hommage veröffentlichte die Nachfolgeband New Order nach seinem Tod eine Coverversion, in der irgendwo die Stimme von Curtis nachhallte. Ein Echo von Ian Curtis ist auch in „Le Syndrome Ian“ zu finden, dessen Titel ein Verweis auf den Joy Division-Sänger ist. Die Bewegungen von neun Tänzer*innen sind zaghaft an Ian Curtis zackigen, fast militärisch anmutenden Tanzstil angelehnt. Sie sind viel fließender und anmutiger, verströmen jedoch eine ähnliche Intensität und einschneidende Wirkung. Die Zuschauer*innen haben fast das Gefühl, einem kurzen, historischen Abriss von populären Tänzen beizuwohnen: Zu leisen Klängen und in der Dunkelheit beginnt die Performance mit einem recht geordneten Reigen an Partner*innentänzen, bei dem sich die Performer*innen immer wieder zu neuen Zweiergruppen formieren. Sie tragen einheitlich weiße Kleidung. Eine fast archaisch friedliche und liebevolle Konstellation wären da nicht die schaurigen Gestalten am Bühnenrand. Sie erinnern fast an die komplett aus Fell bestehende, südosteuropäische Kukeri-Tracht, welche auch im Film „Toni Erdmann“ zu sehen ist. In dieser Tradition sind die Kostüme Teil von rituellen Tänzen, welche böse Geister vertreiben sollen. In „Le Syndrome Ian“ repräsentieren sie womöglich die bösen Geister selbst.
Als die Intensität der Musik zunimmt, verstärkt sich auch das Geschehen auf der Bühne. Lichtprojektionen und Nebel untermalen diese aufgeregte Atmosphäre, die sehr hektisch wirkt, leider fast schon überladen. Der harmonische Tanz löst sich, wird zu einer kollektiven Ekstase. Sie erinnert an lange, durchtanzte Nächte im Underground-Club. Der Synthesizer basierte Sound der Electro-Gruppe Cercueil dröhnt durch die Lautsprecher und ist unglaublich mitreißend. Dabei scheint die Musik jedoch ungewöhnlich dumpf, als würde man vor dem Club stehen und hätte keine Möglichkeit auf die Tanzfläche zu kommen, als stünde man vor einem Hindernis.
Auch die Tänzer*innen werden langsam eingeengt. Irgendwann übersteigt die Zahl der mysteriösen, haarigen Wesen die Anzahl der Performer*innen und nur zwei Performer*innen befinden sich auf der Bühne. Ihr Tanz inmitten der unheilvollen Kreaturen ist von großer Schönheit, auch durch die stete Wiederholung der Schrittsequenzen und fast intim. Jeder Tanzschritt könnte der letzte sein, denn mit jeder Bewegung rücken die Monster näher. Endzeitstimmung. Letztendlich nehmen die mysteriösen Wesen die Bühne komplett ein. Es ist wieder dunkel im Saal. Die Besucher*innen werden frontal mit den unheimlichen Gestalten konfrontiert. Immer wieder kippen diese Monster um, stehen aber jedes Mal wieder auf. Bis aus einem Kostüm eine Tänzerin steigt – leider ein fast vorausschaubares Ende. Letztendlich war jedes Ungeheuer wohl doch menschlicher Natur. Die monströsen Wesen entfernen sich, der Fokus liegt nun auf der Tänzerin. In bunter Kleidung tanzt sie ein kraftvolles und beeindruckendes Solo vor einer Lichtinstallation, welches den etwas enttäuschenden Schluss des Stücks in Vergessenheit geraten lässt. Zumindest in „Le Syndrome Ian“ gelingt das Besiegen der inneren, negativen Kräfte. Losgelöster Tanz und allerschönste Achtziger-Nostalgie sind die Zukunftsprognose.

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