Über „Give Me A Reason To Live“ von Claire Cunningham

Wann: 02.10. + 03.10.
Wo: tanzhaus nrw

Den Blick in Frage stellen von Ina Holev

Nur ein schmaler Lichtstreifen beleuchtet die Bühne. Sphärische Musik und Glockengeräusche. Beängstigend und eindrucksvoll zugleich, wie das Gefühl in einer alten Kathedrale zu stehen. In der Ecke des Raumes befindet sich eine gebückte Gestalt, auf Krücken gestützt, die ab- und aufschwingt.
Einige Minuten später. Alle Augen sind auf die Tänzerin Claire Cunningham gerichtet. Ihr Oberkörper zittert, bis aufs Äußerste angespannt steht sie vor dem Publikum. Ein intimer Moment. Ihre Kleidung ist zur Seite gelegt und auch die Krücken liegen fast achtlos auf dem Boden. Verwunderlich für alle, die mit dem Werk der schottischen Choreografin vertraut sind.
Claire Cunningham ist eigentlich bekannt für ihre virtuose Tanztechnik auf Krücken. Sie nutzt sie auf und abseits der Bühne und baut diese Form der Bewegung in ihren Stücken ein. Claire Cunninghams Arbeit lebt dabei von ihrer Stärke. Als Factory Artist am Tanzhaus NRW präsentiert sie am 03. Oktober ihr Solo „Give Me A Reason To Live“, in dem sie sich jedoch anders zeigt: auch verletzlich, ernst und verwundbar. Claire Cunningham ist nicht nur Tänzerin und Choreografin, sondern auch Aktivistin. Mit ihrer Arbeit möchte sie auf die Repräsentation und Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen aufmerksam machen – in einer Kontinuität, die sich vom Mittelalter, über die Verbrechen und menschlichen Experimente während der Nazi-Diktatur bis heute zieht.
Cunninghams aktuelle Performance setzt sich kritisch mit dem Werk des Malers Hieronymus Bosch auseinander und stellt so den Blick von ableisierten Menschen auf Menschen mit Behinderung in Frage. „Im Werk Hieronymus Boschs werden sie nur als Bettler*innen dargestellt, gleichzeitig haben in seinen Gemälden alle Bettler*innen eine Behinderung“, stellt die Choreografin in einem Publikumsgespräch, das im Anschluss an die Aufführung stattfand, fest. Bosch, ein Renaissance-Maler aus den Niederlanden, ist bekannt für seine detailreichen Gemälde, die Menschen und schaurige Mischwesen in absurden Situationen zeigen. Diese Gestalten sind auf dem Weg zum Himmel und in der Hölle. Eine Form volkstümlicher Lachkultur.
Diese Lachkultur beschreibt auch der russische Kulturwissenschaftler Michael Bachtin in seinem Buch „Rabelais und seine Welt“. Er definiert das Konzept des Karnevalesken als eine Gegenkultur, bei dem die üblichen Verhältnisse in Ritualen umgekehrt werden. Während des Karnevals konnten sich so Bäuer*innen als König*innen fühlen. Und Bettler*innen anmutig und reich. Oben wurde zu unten.
Cunningham stützt sich auf dem Boden ab und hebt ihre Füße hoch zur Decke, in den Krücken verhakt. Auch hier wird das Verhältnis von oben und unten aufgehoben. Cunninghams Krücken erscheinen wie verlängerte Arme. Eine nicht-normative Körperlichkeit, die Bachtin als das „Groteske“ benennt. Eine Körperlichkeit, die über die als Standard definierten Grenzen hinausgeht und diese erweitert und in Frage stellt. Die Krücken nehmen hier diese Rolle ein.
Es ist faszinierend zu sehen, wie Cunningham allein durch ihren Körper großförmige und detaillierte Gemälde nachstellt. Dabei schafft sie es, die Bosch-typische groteske Form einzufangen. Gleichzeitig erzeugt sie durch vollen körperlichen Einsatz Nähe und Einfühlung, welche ihre aktivistische Arbeit betont. Claire Cunningham schafft so ein berührendes Stück, das durch seine besondere und ergreifende Ästhetik beeindruckt.

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