Über „Princess“ von Eisa Jocson

Wann: 28.09. + 29.09.
Wo: tanzhaus nrw / Im Rahmen der Reihe CEREMONY NOW!

Foto: Jörg Baumann

#1 Schneewittchens long way down von Meike Lerner
#2 Ewig lächelnde Roboter-Prinzessin von Kai Kopel

Schneewittchens long way down von Meike Lerner

Willkommen in Disneyworld! Der Welt der unbegrenzten Fröhlichkeit und guten Laune, der artifiziellen Stereotypen im Allgemeinen und der schönen Prinzessinnen im Speziellen. Willkommen in der Welt von Schneewittchen, dem Inbegriff des Liebreizes, der moralischen und optischen Vollkommenheit und des reinen Herzens. Hierin führte Eisa Jocson die Zuschauer*innen des Tanzhauses NRW am 28. und 29. September 2017 – allerdings in deren dunkle, schmuddelige Ecken.
Ebenholzschwarzes Haar mit Schleifchen, Puffärmel-Kleidchen mit gelber Schürze und knallroten Lippen und Pumps – der perfekte Klein-Mädchen-Traum. Für die, die ihn verkörpern, allerdings eher ein Albtraum, der für die aus Manila stammende Choreografin und Tänzerin Eisa Jocson schon damit beginnt, dass sie diese Rolle mangels schneeweißer Haut in der „echten“ Traumwelt niemals spielen würde. Zwar sind philippinische Tänzer*innen in der Vergnügungsindustrie gefragt – allerdings eher als Staffage denn als Inbegriff klassischer Schönheit.
Vielleicht aber auch ein Glück, denn der Job der makellosen Prinzessin scheint auch kein leichter zu sein: immerzu lächeln, immerzu fröhlich, bis ins kleinste Detail einstudierte Bewegungen und Mimik und – ganz wichtig – niemals aus der Rolle fallen. Mit akribisch einstudierten Bewegungsmustern und großem schauspielerischen Talent reproduzieren die beiden Tänzer*innen dieses Bild auf der Bühne des Tanzhauses NRW. Anmutig, grazil, mädchenhaft und mit einem unschuldigen Schuss Erotik verwandeln sie die Bühne in einen Disneypark, machen die Zuschauer*innen zu Besucher*innen, bezirzen und umschmeicheln sie und heißen sie mit lieblich-hoher Mädchenstimme willkommen. Immer und immer wieder. Das gleiche Lächeln, die gleichen Bewegungen, die gleichen Floskeln. Und später: in den Schlaf weinen, aufstehen, Haare richten, Lächeln aufsetzen, weitermachen.
Eine tänzerische Herausforderung war das Marionettenhafte und der Spagat, anmutige und gleichzeitig einstudierte/reproduzierbare Bewegungen zu erzeugen. In der synchronen Ausführung der beiden Tänzer*innen wurde klar: Wer sich hinter der Prinzessinnen-Maske verbirgt, ist egal. Die Persönlichkeit der Darsteller*innen spielt keine Rolle. Was zählt, ist das Bild des Glamours und die Erfüllung des Klischees. Dass eines der Schneewittchen ein Mann war, ist mehr als leise Ironie.
Etwa in der Mitte des Stücks schwingt die Fröhlichkeit in Hysterie um. Die Einbeziehung des Publikums, die zu Beginn einem harmlosen Flirt glich, wird aufdringlicher. Sichtlich unwohl fühlen sich die Zuschauer*innen, denen die beiden Schneewittchen auf Speed nun mit ihrem Gekicher, ihren Belanglosigkeiten und ihren Fragen im wahrsten Sinne des Wortes zu Leibe rücken. Aus der Nähe betrachtet bröckelt das Prinzessinnenbild, die Realität lässt keinen Raum mehr für Projektionen. Die Situation eskaliert.
Verkatert und reumütig schlüpfen die beiden lädierten Schönheiten wieder in ihre Rollen, wenden sich schließlich an das Publikum und schämen sich ihres Exzesses. Ein letzter Versuch, die Realität von der Schönheit fernzuhalten – allerdings ohne Erfolg. Die lieblich-unterwürfigen Erklärungsversuche münden in wütende Verzweiflung und Vorwürfe, die Stimmen schlagen um in einen tiefen, rauen Ton. Schließlich entledigen sich die beiden ihrer Maskerade, befreien sich von ihren Rollen und treten in ihrer natürlich Schönheit vor das Publikum – übrigens nicht ganz uneitel und schon noch auf Applaus und Anerkennung aus. Ein echtes Happy End? Man weiß es nicht….

Ewig lächelnde Roboter-Prinzessin von Kai Kopel

Am 28. und 29. September traf man im Tanzhaus NRW auf eine alte Bekannte aus Kindertagen; die märchenhafte Königstochter mit der Haut weiß wie Schnee, den Lippen rot wie Blut, und dem Haar schwarz wie Ebenholz –Schneewittchen betritt die Tanzbühne. Klingt das etwa nach einem naiven Märchenballett?! Keineswegs, und doch ist der Verdacht des Naiven nicht ganz verfehlt, denn hinter dem Stück mit dem Titel „Princess“ der in Manila lebenden Choreografin und Tänzerin Eisa Jocson verbirgt sich eine kritische und raffiniert gemachte Auseinandersetzung mit der Unterhaltungsindustrie und einer ihrer weiblichen Idole: der Disney-Prinzessin.
Zu Beginn der Tanzperformance erscheint Eisa Jocson gemeinsam mit dem Performancekünstler Russ Ligtas auf der neutral gehaltenen Bühne. Beide tragen ein blau-gelbes Polyesterkleid mit Puffärmeln, wie man es als Disney-Schneewittchenkostüm saisonal in der Karnevalsabteilung findet. Dazu eine fransige schwarze Perrücke auf dem Kopf mitsamt des dazugehörigen roten Schleifchens. Auf den Lippen ein liebliches Lächeln. Insgesamt eher eine schrille, als eine glamouröse Erscheinung. Man ahnt zu diesem Zeitpunkt übrigens noch kaum, dass sich unter der einen Verkleidung in Wirklichkeit ein Mann verbirgt. Ein weiteres Indiz, dass hinter der Fassade etwas anderes verborgen sein könnte.
Eisa Jocson bedient sich bewusst der disneyschen Bildästhetik, parodiert und verramscht sie aber zugleich. Dennoch sind die ersten Assoziationen klar: Sofort kommen einem die zahlreichen Prinzessinnen- und Schneewittchen-Darstellerinnen in den Sinn, die in den Disneylands auf der ganzen Welt herumspazieren, die Aufmerksamkeit der Besucher*innen auf sich ziehen, mit Kindern fotografiert werden und gelegentlich entsprechend ihrer Rolle mit den Besucher*innen plaudern.
Ganz ähnlich wie dort geht es auch bei der Performance zu. Anfänglich nehmen die beiden bloß einige gezierte mädchenhafte Posen ein, so als würden sie sie vor dem Spiegel einstudieren. Dann erheben sie sich, tänzeln und hüpfen vergnügt durch den Raum, und geben dazu dann und wann mit ihren süßlichen Prinzessinnenstimmchen ein Kichern oder einen kurzen lieblichen Satz von sich, der höchstwahrscheinlich, wie ihr gesamtes kleines Repertoire an Sprüchen, aus dem berühmten Zeichentrickfilm von Disney stammt. Sie sprechen diese Sätze auch bei der x-ten Wiederholung mit immer derselben Betonung, als käme er vom Tonband: „Hello there.“ „I´m Snow White!“. Die Schneewittchens drehen sich im Kreise, pflücken imaginäre Blumen vom Boden auf, legen sie in ihren Schoß und kommentieren das dann mit einem Ausruf des Entzückens.
Die lieben Prinzessinnen ereifern sich sogar, das Publikum mit ihrer Fröhlichkeit anzustecken. Sie tippeln auf die Zuschauer*innen in der ersten Reihe zu und fragen sie mit zierlich angewinkeltem Kopf, wie ihr Tag war, was ihre Lieblingsfarbe sei, woher sie diese schönen Schuhe hätten und fügen zum Schluss dieses Small Talks noch hinzu, dass sie Schneewittchen heißen und so erfreut seien, sie kennenzulernen. Dazwischen immer wieder ein liebreizendes Posieren und – natürlich – ununterbrochenes Lächeln. Kurzum; sie spielen ihre Prinzessinnenrolle ausgesprochen perfekt – zu perfekt. Nur der Schweiß und ihr schnelles Atmen wollen nicht ganz dazu passen. Eine echte Prinzessin würde schließlich niemals hetzten und schwitzen.
Wem die Märchenidylle schon als Kind suspekt war, der bemerkt spätestens hier das Unwirkliche und auch leicht Unheimliche, das diese überhöhte Heiterkeit birgt. Und eben jenes sich anbahnende Unbehagen greift Eisa Jocson geschickt auf, indem sie zwischendurch dumpfe, schwummerige Maschinengeräusche einspielen lässt. Anfangs scheint es noch so, als wenn diese verkrümmten Klänge das vergnügt heitere Spiel der Prinzessinnen nicht beeinflussen würden, trügen sie nicht selbst zu dieser immer wieder kippenden Stimmung bei, indem sie, durch ein kleines Mikro am Kopf noch verstärkt, hell und grell kichern, was sich besonders unangenehm im Ohr des Zuschauers bemerkbar macht. Die Prinzessinnen verstören nun; in ihrem Übereifer und der Starrheit ihrer sich wiederholenden, immer gleich ausgeführten Bewegungen erscheinen sie auf dem Höhepunkt ihrer mechanischen Unterhaltungskunst wie grimassierende Roboter. Maschinen im Dienste von Disneyland, und obendrein wie Figuren ohne jede Glaubwürdigkeit.
Authentisch werden die beiden Schneewittchens erst, sobald sie ihre Rolle verlassen, was zunächst noch recht unfreiwillig geschieht, letztlich aber Überhand gewinnt.
Zwischen ihrem Umherhopsen und Kichern stolpern die beiden immer wieder theatralisch und stürzen zu Boden, was Teil ihrer Rolle ist und in seiner ständigen Wiederholung auch etwas leicht Slapstickhaftes hat. Doch dann geschieht etwas Ungekünsteltes; Schneewittchen fällt zu Boden und verharrt dort mehrere Sekunden schwer atmend. Dies sind die ersten Augenblicke, in denen ein Mensch mit einer ehrlichen Emotion für ein paar Sekunden sichtbar wird. Der erste von mehreren, immer deutlicher sichtbaren Rissen an der Fassade der ewig lächelnden Roboter-Prinzessin.
Geht Schneewittchen ins Publikum, kommt es vor, dass sie sich einige Sekunden lang an das Knie von jemandem klammert, so als wäre es der Ausdruck eines Verlangens nach Zuwendung. Dann spielt sie die vom Publikum zurückgewiesene, die sich wiederholt bei den Zuschauer*innen für ihre Aufdringlichkeit entschuldigt und am Boden kauert. Doch ist das noch gespielt? Denn ab da ist es Schneewittchen 2 (Russ Ligtas) plötzlich leid, dieses Geschöpf der Unterhaltungsindustrie zu spielen. Er brüllt wütend und hier erstmals mit seiner Männerstimme ein letztes Mal eine bezeichnende Schneewittchen-Phrase: „You don´t know how I feel rigth now!“. Ab da ist die Illusion endgültig zerbrochen; dumpfe Musik setzt ein, die Performer*innen legen über den Boden kriechend ihre Kostümierungen und Perücken ab – leider das einzige interessantere tänzerische Element in der Performance – und blicken ganz natürlich mit sichtbarer Erschöpfung in ihren Gesichtern ins Publikum, während im Hintergrund, als letzter Nachhall der zerbrochenen naiven Märchenwelt, die Filmmusik aus Disneys Schneewittchenfilm ertönt.
Eine gelungene Performance von Eisa Jocson, die nach einer grotesken Veranschaulichung einer nur zu vertrauten kindlichen Traumwelt zeigt, dass die Aufrechterhaltung der Fassade von Disneys Prinzessinnenimage einen erheblichen körperlichen Einsatz erfordert. Hinter diesem Aufwand macht Eisa Jocson Menschen sichtbar, die an ihrer im Grunde absurden Aufgabe, nämlich etwas Unmenschliches zu personifizieren, mitunter so sehr leiden, dass mit ihrem eigenen physischen, wie psychischen Zusammenbruch auch die Fassade dessen zerstört wird, was sie verkörpern oder vorgaukeln sollen.

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