Über „The Way You Look (at me) Tonight“ von Claire Cunningham & Jess Curtis

Wann: 29.04. + 30.04.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen der Reihe Real Bodies

„Körperlichkeit umgedacht“ von Ina Holev

Ein Song aus einer längst vergangenen Hollywood-Ära strömt durch die Lautsprecher. Das Licht ist gedämpft. Die Performer halten sich fest und rollen über den Boden, direkt vor die Füßen der Zuschauer. Ein Bild voller Nähe, Intimität, aber auch Verletzlichkeit entsteht. „The Way You Look (at me) Tonight“ von und mit Claire Cunningham und Jess Curtis, an zwei Tagen im Tanzhaus NRW, ist eine autobiografische Auseinandersetzung mit der eigenen Körperlichkeit – irgendwo zwischen Gespräch, Lecture Performance, Tanz und multimedialer Installation. „The Way You Look (at me) Tonight“ hinterfragt auch die Wahrnehmung von Menschen mit gealterten und vor allem behinderten Körpern in der Gesellschaft und macht sie auf der Bühne sichtbar.

Die aus Schottland stammende Claire Cunningham ist nicht nur Choreografin, sondern versteht sich auch als Aktivistin. Im Alltag und auf der Bühne nutzt Cunningham Krücken und schafft daraus eine neue Bewegungssprache. Sie verschiebt mit Hilfe der Muskelkraft in ihrem Oberkörper eine große Leiter, auf die sie im Anschluss klettert und in berückend schöner und virtuoser Weise ein altes Volkslied singt. Außerdem dreht sie sich um ihre Krücken, wechselt ihre geschmeidigen Schrittabläufe beeindruckend temporeich und zeigt ihrem Bühnenpartner Jess Curtis, wie sie in ihrer spezifischen Körperlichkeit zur Tänzerin wird. „Diese Krücken sind ein Teil von mir“, erklärt Cunningham. Die erklärenden Kommentare sind im ganzen Stück zu finden – oft in der Form von sehr persönlichen Dialogen. Jess Curtis und Claire Cunningham erzählen, was sie im nächsten Schritt tanzen werden und woher ihre Inspiration stammt. Diese multiperspektivische Zugänglichkeit erweitert die Zugangsmöglichkeiten der verschiedenen Besucher.

Dabei beziehen sich Curtis und Cunningham oft auf Impulse aus den aktuellen „Disability- und Queer-Studies“. Cunningham bezeichnet die Krücken etwa als „queerendes“ Objekt, die die Normativität von Körpern sprengt und berichtet, welche Rolle ihre Behinderung in der eigenen Geschlechtsidentität spielt, sie fühle sich etwa in der Queer Community am wohlsten. Auch Jess Curtis berichtet auf humorvolle Weise von einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung, als er nach einem Unfall Krücken benutzt hat. Curtis ist Tanzwissenschaftler und Choreograf, der die Technik der Contact Improvisation maßgeblich mit geprägt hat. Nach einer Hüftverletzung ist Curtis‘ Bewegungsfähigkeit eingeschränkt – dies zeigt er performativ, indem er sich nur bis zur Schmerzgrenze bewegt. Eine Gegenbewegung zu dem oft geforderten Perfektionismus von jungen perfekten Körpern im Tanz. Neben den beiden Protagonisten des Stückes steht auch eine Gebärdensprachdolmetscherin auf der Bühne, die simultan vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Dadurch entsteht eine erneute Perspektive, in der Sprache unmittelbar in Bewegung übersetzt wird. Dazu kommt die Videoinstallation des Philosophen Alva Noë. Jess Curtis und Claire Cunningham schaffen fast eine Reizüberflutung, die aber zeigt: Man kann sich einem Gegenstand, einem Thema, einer Bühnenperformance auf viele verschiedene Weisen und aus verschiedenen Perspektiven nähern.

„The Way You Look (at me) Tonight“ ist eine Performance die nahe geht – nicht nur durch die wortwörtliche Nähe der Performer zum Publikum. Sie zeigt nicht nur zwei sympathische Darsteller, sondern gibt viele Denkanstöße: Welche Bedeutungen haben unsere Bewegungen? Wie beeinflussen nicht nur Geschlecht, Bildung, Herkunft und ethnische Zugehörigkeit, sondern auch Alter und (Nicht)Behinderung gesellschaftlichen Zugang, Wertschätzung und Stellung? Wie stehen all diese Dinge zueinander? Am Ende der Performance laden Claire Cunningham und Jess Curtis die Besucher noch zu einem Gespräch ein. Trotz der Intensität der Diskussion: Alle Fragen können nicht beantwortet, alle Gedanken nicht besprochen werden. Denn: Dazu wühlt „The Way You Look (at me) Tonight“ zu sehr auf, ist zu wichtig, wenn es um die Sichtbarkeit und Zugänglichkeit von und für Körper jenseits von fit, jung und wohlgeformt in der Kunst geht!

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Düsseldorf, Real Bodies, Tanz, zeitgenössischer Tanz abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s