Über „True Colors“ von Alida Dors

Wann: 02.04. + 03.04. + 04.4.
Wo: tanzhaus nrw // Dt. Erstaufführung
Im Rahmen der Reihe Melancholie und Muskeln

„Was vom Ich übrig bleibt“ von Meike Lerner

Die alte Binsenweisheit, dass sich niemand selbst malen kann, gilt in Zeiten von Instagram & Co. längst nicht mehr. Scham- und schonungslos werden perfektionierte Alter Egos mittels retuschierter und inszenierter Fotos in der digitalen Welt geschaffen. Aber was passiert eigentlich mit dem analogen Ich, wenn es vom digitalen Klon überflügelt wird? In Alida Dors Stück „True Colors“ wird es ungemütlich und traurig für die fünf jungen Tänzer ihrer niederländischen Kompanie BackBone, die im Laufe der Inszenierung – eher unfreiwillig – ihre „echten Farben“ hinter den auf die Bühne projizierten Hochglanzporträts offenbaren.
Eine der anstrengendsten Eigenschaften der digitalen Welt überträgt die Choreografin, gewollt oder ungewollt, auf das Konzept des Stücks: das Buhlen um Aufmerksamkeit unterschiedlicher Protagonisten, in diesem Fall unterschiedlicher Kunstformen. Mit Tanz, Theater, Spoken Word Performance, Operngesang und Videoinstallation gibt es in 60 Minuten Input im Überfluss. Was der Aufmerksamkeitsspanne eifriger Smartphone-Nutzer kognitiv entgegenkommen mag, ist für die Wahrnehmung der einzelnen Künstler und Performances durch den Zuschauer stellenweise hinderlich – obwohl sich die einzelnen Parts ergänzen und aufeinander aufbauen.
„Wer sieht noch, was sich hinter den beschlagenen Fenstern der Seele verbirg?“ fragt Spoken Word Künstler Guus van der Steen melancholisch in seinem Prolog. „Wen interessiert´s?“ scheinen die fünf Tänzer zu Beginn zu fragen, wenn sie zu satten Sounds (DJ Lovesupreme & Silbersee) ihre beeindruckenden Hip-Hop-Fähigkeiten unter Beweis stellen. Und wie es sich gehört, wird auch gebattled – in dieser Konstellation allerdings eher um Pole Positions vor der Handykamera, die die Künstler das Stück über begleitet. Und um die besten Moves, das schönste Duckface, die beste Pose und im Ergebnis die meisten „Likes“, die diese wunderbaren Bilder produzieren sollen.
Gemeinsam auf der Bühne feiert jeder für sich den Spaß, die Jugend und die eigene Großartigkeit. Die Ermüdungserscheinungen lassen bei dem (Tanz-) Tempo und dem Kampf um die meiste Aufmerksamkeit erwartungsgemäß nicht lange warten. Schnell sind Gesichter und Körper verschwitzt, gerät die Mimik außer Kontrolle und werden die Bewegungen langsamer, was dem Zuschauer dank der Kameras nicht verborgen bleibt.
Aber pausieren gilt nicht, oder wie Guus van der Steen es formuliert: „Bleib auf dem Beat, das Leben hat einen Herzschlag von 360 BPM (…) Bis alle Sicherungen durchknallen, mach weiter, gib dein Bestes, optima forma.“ Annäherungen zwischen den Tänzern gibt es nur sporadisch („Wir sein“ gilt als altmodisch), mal treibt die Gruppe auseinander, mal sondern sich Einzelne ab. Unterlegt werden die Bewegungen der Tänzer mittlerweile von sakral anmutenden Sologesängen des Opernsängers Maciej Straburzynksi, der denen, die sich erschöpft vom großen Spiel abzuwenden drohen, ins Gewissen zu predigen scheint, doch noch ein bisschen zu bleiben. Und der Rhythmus der Tänzer ist längst nicht mehr freudig, ekstatisch und individuell, sondern maschinell konform und eintönig. Nach welchem Rhythmus überhaupt getanzt wird, verschwimmt zu dem Zeitpunkt bereits: manchmal im eigenen, manchmal in dem des Lebens und manchmal auch im Rhythmus der wispernden on- und offline Masse, die einzelne Tänzer vor sich her dirigiert.
Und je mehr die Fassade der Tänzer auf der Bühne bröckelt, sie unter dem „Alles ist möglich, mach das Beste aus dir und deinem Leben“-Zwang buchstäblich zusammenbrechen, desto größer und prominenter werden ihre perfekt geschönten Porträtbilder auf die Stoffleinwände der Bühne projiziert. Um diesem vermeintlichen Ideal treu und der Welt sichtbar zu bleiben, geliebt und akzeptiert zu werden, verlieren sich einzelne Tänzer(innen) scheinbar unrettbar in immer krasseren, selbstverachtenderen und sexualisierteren Posen.
„Ja, ja, dein warmes Licht scheint auf jeden, und doch wird es gedimmt für diejenigen, die das Ersteigen der Leiter satt sind.“ Das ist wohl so, das war aber schon immer so – auch im internetlosen Zeitalter.

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