Über „Du bist nicht allein“ von HARTMANNMUELLER

Wann: 15.12. + 16.12. + 17.12.
Wo: tanzhaus nrw

„Erleuchtungsspiele via LED“ von Katharina Tiemann

Wir suchen eigentlich ständig nach Sicherheiten. Nach uns, nach Dingen, an die wir uns klammern können und die unsere Wirklichkeit als solche bestätigen. Am 15. Dezember zeigte das Düsseldorfer Duo Hartmannmueller im tanzhaus nrw die Düsseldorf-Premiere ihres neuen Stückes „Du bist nicht allein“. Die Choreografen und Tänzer Simon Hartmann und Daniel Ernesto Müller konfrontieren die Zuschauer mit der Infragestellung nur einer Wirklichkeit. Die pulsierende Musik von Orson Hentschel rahmt und treibt die Inszenierung kongenial voran.

Ein Tänzer bewegt sich in unvorhersehbaren Schritten und mit fragenden Gesten im Bühnenraum. Er beugt sich zu Boden, streckt sich in die Höhe, läuft umher. Hin und wieder entdeckt er etwas, Gegenstände etwa, und ertastet, was er da vorfindet. Dann wieder hastet er zum nächsten Ort. Die Musik entwickelt sehr schnell mittels Lautstärken- und Rhythmuswechsel eine eigene Dramatik und gerät zu einer überzeugenden Eigenständigkeit gegenüber dem Bühnengeschehen. Klänge, Bässe und Rhythmen, die zu atmen scheinen. Die Musik hat nahezu einen Körperlichkeit, ist manchmal widerständig und zugleich scheint sie sich in das Drama, was sich auf der Bühne abspielt, zu fügen. Die Industrierohre an der Bühnenseitenwand sind gefährlich, Strom läuft durch sie, elektrifizieren den Menschen, der damit in Berührung kommt. Stromschlag. Keine Chance des Entkommens. Groteske Verrenkung in diesem Horrorkabinett der Unmenschlichkeit.

Lange ist es zu Beginn dunkel. Die Zuschauer ahnen, das verheißt nichts Gutes, suchen nach einem Anhaltspunkt, nach einem Lebenszeichen im Schwarz, einem Tänzer und irgendwie auch nach sich selbst. Schemenhaft lässt sich endlich eine Gestalt ausmachen. Es ist noch unsicher, ob das Erkennen der Figur der eigenen Sehfähigkeit zu verdanken oder ob das Außen (die Lichtinstallation) der Urheber ist. Mit jedem weiteren Augenblick, der vergeht, erhellt sich der Raum mehr und es scheint klar: Die Inszenierung fragt danach, wer hier was lenkt. Wer oder was beeinflusst den Vorgang? Gute Frage. Ist neben all den physischen, teils hochunterhaltsamen Erleuchtungsspielen via LED eine Erkenntnis ahnbar? Versteht der Mensch, was wirklich passiert?

Die Frage nach der Verantwortlichkeit, einem Ursprung, der Konzeption einer Wirklichkeit ist ständig präsent und ruft den Titel „Du bist nicht allein“ unwillkürlich ins Bewusstsein. Nur: weniger tröstlich als zunehmend bedrohlich. Hartmannmüller eröffnet mit der Inszenierung die Möglichkeit einer anderen Wirklichkeit als der, der wir vordergründig erliegen, und stellen das Bedürfnis des Menschen nach Sicherheiten in Frage. Dies geschieht handwerklich auf hohem Niveau, mit einem kreativen Umgang mit Tanzboden, Requisite und Kostümbild. Der temporeiche Hang zum Absurden ist hier Programm und so viel Spieltrieb im Tanz hat man selten gesehen.

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