Über „more than naked“ von Doris Uhlich

Wann: 08. + 09.09.
Wo: tanzhaus nrw / im Rahmen der Spielzeiteröffnung

„Nacktsein ist mehr als nur Nacktsein“ von Bastian Schramm

Der Abend beginnt unheimlich heiß, dichtes Gedränge, laute Musik, Schweiß – das Tanzhaus NRW ist ausverkauft. Ganz Düsseldorf, wenn nicht sogar halb Deutschland scheint die Performance an diesem Abend sehen zu wollen. Die Gastgeberin beobachtet das zunächst aus der Distanz. Doris Uhlich steht in einer silbernen Bomberjacke hinter dem DJ-Pult, während sich die Massen in den Zuschauerraum wälzen. Die Luft steht, die Wärme wird langsam unangenehm. Es kommen erste Assoziationen zu einer prähistorischen Tropfsteinhöhle auf, die durch den bald niederschlagenden Nebel und die nackten Körper, der auf die Bühne kommenden Tänzer, verstärkt wird. Das Stück beginnt mit einer Szene, die an den Beginn einer gewöhnlichen Party in einem beliebigen großstädtischen Club erinnert. Man kommt langsam in Bewegung, versucht den eigenen Körper zur Musik zu fühlen. Steigert sich langsam. Aus den anfangs verhaltenen Bewegungen wird bald ein lustvolles bis ekstatisches Herumspringen, Tanzen, Feiern. Die Tatsache, dass alle Tänzer dabei völlig nackt sind, eröffnet eine eigenartige Perspektive: Nacktheit wird hier in keiner Weise als ein Fetisch vorgeführt, Körper werden nicht zu Objekten eines Voyeurismus, sondern werden in ihrem reduzierten Sein präsentiert – als Fleisch. Auch Nacktheit ist – wie Kleidung – mit kulturellen Setzungen verbunden, die auf bestimmte Aussagen einengt. Doris Uhlich verhilft den Körpern der Tänzer als Choreografin, sich als Material zu entblößen und sich in der Folge von Idealen und Erwartungen zu befreien, die auf öffentlich präsentierte Körper in der Regel projiziert werden. Was im ersten Augenblick vielleicht Befremden auslöst, wird zu einem Experimentierfeld. Körperfett – in unserer sportbesessenen Leistungsgesellschaft der eindeutigste Signifikant für Faulheit und in der Folge für ein vergeudetes Leben – wird in Schwingung gebracht, es darf aneinanderklatschen, gibt glückliche Schmatzlaute von sich, fängt beinahe selbst an zu tanzen. Gesellschaftlich aufoktroyierte Scham- und Ekelgefühle werden hier einfach weggeschwabbelt – was sichtlich Spaß macht.

Mit Nacktheit kann man heute nicht mehr schocken – das liest und hört man immer wieder im Zusammenhang mit Besprechungen von zeitgenössischen Theater- und Tanzproduktionen. Was damit eigentlich gemeint wird, ist, dass durch die ständige Verfügbarkeit von Pornografie, durch die Werbeindustrie und auch durch die aktuelle Individualisierung und Bildzentriertheit der Kommunikationsmedien und der damit verbundenen unbekümmerten Lust an Voyeurismus und Exhibitionismus Bilder von Nacktheit ständig und in ungekannter Menge auf den Einzelnen einprasseln. Dass dies allerdings bedeuten würde, dass Nacktheit in unserer Gesellschaft normal und ihre signifikatorische Kraft in Bezug auf künstlerische Einlassungen inzwischen verbraucht wäre, ist ein Fehlschluss, den Doris Uhlich mit ihrem Stück gekonnt in Szene setzt. Denn was oft vergessen wird, ist, dass die Bilder von Nacktheit die gewissermaßen den Körperdiskurs unserer Gesellschaft bestimmen, in der Regel in Hinblick auf Schönheitsideale und ihre Funktion inszeniert werden. In einer Bikiniwerbung gibt es kein Körperfett, keine Pickelchen, keine Behaarung; nur vermeintlich ideale Körper, die für die Käufer zum Fetisch werden sollen und in der Folge in der Unbeweglichkeit ihres gesetzten Rahmens verharren. Mit tatsächlicher Nacktheit hat das genau so wenig zu tun wie die zeitgenössische Porno-Ästhetik, in der Körper bloß zu einer abstrakten Projektionsfläche von medialer Machtausübung und Besitzlust werden.

In „more than naked“ werden Körper durch ihre Befreiung von einem voyeuristischen Blickregime befreit und gleichzeitig aus ihrer phänomenologischen Isoliertheit als Fetischobjekte gelöst. Die Performance ist gewissermaßen kein Sprechen über Körper und Körperlichkeit, sondern die Körper kommen selber ‚zu Wort‘. Dass Doris Uhlich dabei nie in einen belehrenden Gestus verfällt, bezeugt eine Szene, die zu „Paranoid“ von Black Sabbath Gesten der Ekstase zwischen Woodstock und der Monte Veritá aufführt und durchaus selbstironisch inzwischen historisch gewordene Nacktheit karikiert.
In Bezug auf unsere Körper darf alles – und nichts muss. Hauptsache der Spaß und die Lust, kurz Body Positivity stehen im Vordergrund. Ganz ohne pädagogischen Gestus schafft es Doris Uhlich, etwas in den Zuschauenden zum Schwingen zu bringen. Denn Nacktsein ist mehr als nur Nacktsein, es steht hier auf rührende Weise ganz im Sinne altväterlicher Tradition als ein Signifikant für die Würde des Menschen, für die Bedeutung der Einzelnen für die Gesellschaft und für ein Bedürfnis nach Freiheit von jeglicher Machtausübung, sei es durch persönliche Be- oder Abwertung, durch körperliche Züchtigung oder durch kulturelle Normierung.

Doris Uhlich zeigt: Nacksein ist mehr als nur Nacktsein.

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