Über „BIS – Ein Solo für Truus Bronkhorst“ von Jan Martens

Wann: 10. + 11.09.
Wo: tanzhaus nrw / im Rahmen der Spielzeiteröffnung

#1 Porträt einer Frau von Jan Wenglarz
#2 Hommage an Truus Bronkhorst von Pia Bendfeld

Porträt einer Frau von Jan Wenglarz

„BIS – Ein Solo für Truus Bronkhorst“ ist nach der erfolgreichen Premiere von „The Common People“ im Mai diesen Jahres nun das nächste Stück von Jan Martens, das im Tanzhaus NRW gezeigt wird. Am 10.09.2016 fand die deutsche Erstaufführung im kleinen Saal statt.

Ein Hocker. Ein Stück Kreide. Musik. Eine Tänzerin. Ein Tänzer und Choreograf. Das sind die Elemente, aus denen sich „BIS“ letztendlich zusammensetzt. Viel mehr oder viel weniger braucht es aber auch nicht bei dem reduzierten, sehr konzentrierten und auf den Körper fokussierten Tanz- und Inszenierungsstil des jungen belgischen Regisseurs Jan Martens. Dazu gehören vor allem auch Elemente wie die Begegnung von Menschen, die sich in Bezug auf grundlegende Eigenschaften unterscheiden und eine große feinfühlige Zurückhaltung, wenn es darum geht, Menschen auf der Bühne zu inszenieren.

Der Altersunterschied von 33 Jahren zwischen der niederländischen Tänzerin Truus Bronkhorst und Jan Martens ist beachtlich. Doch Zahlen dieser Art verleiten auch dazu, in Kategorien zu denken und Erwartungshaltungen zu etablieren. Gerade die Themen Alter und Körper sind durch und durch geprägt von gesellschaftlichen und kulturellen Vorurteilen und Rollenbildern.Die Performance setzt sich über all dies vom ersten Moment an hinweg. Gezeigt wird das Porträt einer Frau. Truus Bronkhorst vereint eine androgyne, jugendliche Ausstrahlung mit ernster und ruhiger Mimik. Doch über diese Kontraste funktioniert das Stück. Durch die Zurschaustellung des Körpers und die offene Demonstration von Schwäche, Schmerz und Passivität gewinnt Bronkhorst eine unglaubliche Stärke und Ausstrahlung in ihrer Präsenz. Charakteristisch ist eine Sequenz, in der sich ein kurzes schmerzendes Stöhnen langsam immer mehr steigert und durch die Repetition, die Einfachheit der Geste und das Einsetzen von Musik zu einer Demonstration des Selbst wird, sich den Platz im Raum nimmt und alle Aufmerksamkeit in dieser einen Geste bündelt.

Viele der reduzierten, alltäglichen Motiven folgenden Gesten lassen sich schlichtweg buchstäblich lesen, wenn man denn so will. Truus Bronkhorst liefert sich in den Duo-Sequenzen körperlich völlig an ihren Tanzpartner Jan Martens aus, so dass das Fallenlassen und Auffangen als körperlicher Ausdruck für zwischenmenschliches Vertrauen den Zuschauer mit einfachsten Mitteln an sehr intimen Prozessen teilhaben lassen.
Trotz der kurzen Dauer von 30 Minuten lässt sich das Stück Zeit. Der Reiz liegt weder in einer besonders ausdrucksstarken Choreografie oder in einer Ästhetisierung menschlichen Kontakts, sondern in der Rohheit und damit auch Echtheit, in der man Emotionen an den Darstellern ablesen kann. Es ist überraschend, wie subjektiv der Eindruck sein kann, der durch repetitive, alltägliche Gesten vermittelt wird. Vielleicht sind sie gerade aufgrund dieser Eigenschaften besonders geeignet dafür, ganz individuell beobachtet, gelesen und verstanden zu werden. Jan Martens‘ Arbeiten zelebrieren den Moment, die Begegnung und lassen den Zuschauer das Geschehen auf der Bühne erfahren, ohne es im ersten Moment einordnen oder verstehen zu können. Sie verlassen sich ganz auf den intuitiven Zugang, den wir haben, wenn wir einen anderen Menschen betrachten.

Hommage an Truus Bronkhorst von Pia Bendfeld

Am vergangenen Wochenende präsentierte Factory Artist Jan Martens zum Saisonauftakt im Tanzhaus NRW die Deutschlandpremiere des 30-minütigen Tanzstücks „BIS – ein Solo für Truus Bronkhorst“. Nachdem der Belgier im Mai dieses Jahres 48 Düsseldorfer Bürgerinnen und Bürger in Form von Blinddates auf der Bühne des Tanzhauses zusammenbrachte, stellt er diesmal die niederländische Choreografin Truus Bronkhorst vor, die in den 80er Jahren durch ihren expressiven Tanzstil Aufsehen erregte. Dramatisch auch der erste Eindruck ihres Auftretens. Kaum hat sich die Tür des kleinen Saals geschlossen und der letzte Zuschauer Platz genommen, dröhnt schon ohrenbetäubende Musik scheppernd aus den Lautsprechern und Bronkhorst stürmt in Kapuzenjacke in den Raum. Mit wilden Handbewegungen schmiert sie in großen Lettern die Wörter COME BACK, STAY, LEAVE, PLEASE mit Kreide an die graue Backsteinwand. Dabei springt sie energisch vom rechten Rand zum linken Ende, um dort schließlich erschöpft zu Boden zu sinken. Eine kurze Szene, welche bereits die inneren Verwirrungen und tiefe Verzweiflung dieser über 60-jährigen Frau erahnen lassen.

Auftritt von Tanzpartner und Choreograf Jan Martens. Er eilt auf die liegende Truus Bronkhorst zu, fasst ihre Beine und schleift sie in Zirkeln hinter sich her. Er keucht. Die körperliche Anstrengung ist ihm im Gesicht abzulesen. Nach einigen Runden lässt er von ihr ab. Beide liegen hintereinander auf dem Rücken, den Blick zur Decke gerichtet und atmen schwer vor Anstrengung.
Bis auf einen transparenten Einteiler aus Spitze, der den Blick auf den gesamten Körper freigibt und auch die verdeckten Stellen dem Publikum nicht vorenthält, entkleidet sich die Tänzerin auf der Bühne. So freizügig klettert sie auf einen Holzhocker in der Mitte des Raumes und positioniert sich wie eine Skulptur auf einem Sockel. Allerdings präsentiert sie sich nicht mit dem Stolz einer Heldenstatue, sondern mit einer zerbrechlichen Unsicherheit. Aus dem Schatten des Bühnenrandes beobachtet Jan Martens jede ihrer Bewegungen. Das Licht im Raum ist gedimmt. Nur ein warmer Lichtkegel richtet sich auf Truus Bronkhorst. Ihre Person steht ohne Zweifel im Fokus dieses Abends.

Zögerlich beginnt die Frau auf dem Hocker ihren Körper zu berühren. Sie streift ihre Arme, legt ihre Hand auf den Schambereich und streichelt ihre Brust. Doch bietet sie sich trotz der erhöhten Podestposition weder dar noch vollzieht sie eine sexuelle Handlung. Es ist ein zaghaftes und vorsichtiges Antasten, kein lustvoller Akt.
Mit sehnsuchtsvollem Blick ins Publikum stößt sie ein schüchternes „Oh“ aus. Es klingt wie die Reaktion auf etwas Unerwartetes, ein überraschtes „Oh“, ein kleiner Impuls, welcher sich in der fortlaufenden Wiederholung zu einem lauten und energischen Stöhnen steigert und schließlich im emotionalen Ausbruch unter schmerzerfülltem Schluchzen eskaliert. Dabei dreht sich Truus Bronkhorst kaum merklich um die eigene Achse, sodass sie schließlich mit dem Rücken zu den Zuschauerreihen steht. Sich auf der schmalen Fläche des Stuhls windend, findet sie endlich durch die fließende Bewegung eines suggerierten Flügelschlags wieder zum leiblichen und inneren Gleichgewicht. Wie ein Vogel seine Flügel zum Abflug ausbreitet scheint sie für den Augenblick von den beschwerenden Ängsten und Nöten befreit. Doch dieser Moment des Loslösens scheint nicht von Dauer, denn kurz darauf kauert sich die Tänzerin zusammen, als wolle sie sich so den Blicken des Publikums entziehen. Jan Martens tritt an dieser Stelle erneut als die helfende Hand an ihre Seite. Mit einer umarmenden Geste hebt er sie und den Hocker behutsam vom Boden, um seine Tanzpartnerin sachte hin und her schweben zu lassen. In seinem Umgang mit der 33 Jahre älteren Truus Bronkhorst zeigt sich der Choreograf äußerst respektvoll und fürsorglich. Vorsichtig lässt er sie in seine Arme gleiten, trägt sie und gibt ihr Halt bis ihre Füße wieder den Boden spüren. Diese Szene ist von einer starken Metaphorik. Jan Martens fängt seine Kollegin im Moment des Leidens auf und verleiht ihr die Kraft sich wieder aufzurichten, um voller Zuversicht fortzuschreiten.

Mit neu erlangtem Selbstvertrauen geht Truus Bronkhorst souveränen Schrittes kreisförmig durch den Raum. Es erklingt Peggy Lees „Is There All There Is“. Im Kontext des Geschehens überschreitet die musikalische Untermalung beinahe die Grenze zum Kitsch, was Jan Martens nicht nötig hat. Durch die Verringerung des Radius reduziert sich scheinbar auch ihre Sicherheit und die Bewegung verliert allmählich an Dynamik, bis auf jeden Schritt vorwärts ein Schritt zurück folgt. Der Blick ist gedankenverloren, jedoch nicht wie der eines verträumten Mädchens, sondern sorgenvoll. Es gibt keinen Fortschritt, denn sie bewegt sich auf der Stelle. Wie von dieser Erkenntnis erweckt, verlässt sie mit einem Mal den Raum.
Man möchte vor Erleichterung tief aufatmen, als Truus Bronkhorst losgelöst und lächelnd mit Tanzpartner Jan Martens im Arm die Bühne zum Applaus betritt. Es ist bemerkenswert, mit welchem unvergleichlichen Feingefühl es dem belgischen Choreografen gelingt, in nur 30 Minuten ein derart ergreifendes Porträt dieser beeindruckenden Frau zu inszenieren. Trotzdem die Darstellung in keiner Form idealisiert noch die Verwundbarkeit ihres Körpers sowie ihrer Seele verbirgt, ist „BIS“ niemals bloßstellend. Bei „The Common People“ im Mai dieses Jahres durften wir bereits Zeugen seiner erstaunlichen Gabe werden, die feinen zwischenmenschlichen Gesten des Alltags in einen magischen Moment zu verwandeln. Jan Martens Empathie und seinem Sinn für das Wesentliche verdanken wir an diesem Abend erneut die Erkenntnis, dass es keiner aufwendigen Effekte bedarf, um die Zuschauer in den Bann zu ziehen, sondern auch die rohe Menschlichkeit zu berühren vermag. Eine würdige Hommage an die niederländische Tänzerin Truus Bronkhorst.

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