Über MOUVOIR/Stephanie Thiersch „Bronze by Gold“

Wann: Fr 13.11. + Sa 14.11. jeweils 20:00
Wo: tanzhaus nrw

#1 God is a DJ von Sebastian Schramm
#2 Ekstase und Zwang von Jan Wenglarz

God is a DJ von Bastian Schramm

God is a DJ – so lautet das vielbeschworene Paradigma, das sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch popkulturell oft beschworen wird. Zumindest zeitweise scheint diese Aussage in Stephanie Thierschs Stück „Bronze by Gold“ seine Diskussion zu finden. Das Stück wurde am 13. und 14. November im tanzhaus NRW aufgeführt.

In Zusammenarbeit mit dem Asasello-Quartett, einem Streichquartett für klassische Musik, und dem DJ Elephant Power und nicht zuletzt Stephanie Thierschs Kompanie MOUVOIR entstand eine Collage aus Tanz und Musik, die sich mit den Wechselwirkungen dieser beiden Kunstformen, die beinahe selbstverständlich zusammengehören zu scheinen, beschäftigt.Dabei werden Bilder aus dem kollektiven Erfahrungsschatz der Zuschauenden mit abstrakt wirkenden Szenen verwoben, die diese Wechselwirkung und die Bedeutung von Musik für die Bewegung abtasten. Jeder kennt die gespannte Stimmung die kurz nach dem Beginn einer Clubnacht entsteht, das Dazwischen, das irgendwo zwischen Alltag und der erhofften Flucht vor ihm entsteht, wenn sich die ersten Tanzwilligen auf die Tanzfläche begeben, um die Muskeln zu lockern und sich vertraut zu machen, mit dem eigenen Bewegungsvermögen und mit den anderen Gästen. Eine solche Szene steht zu Beginn des Stücks und wird untermalt durch ein zurückhaltendes DJ-Set von DJ Elephant Power. Zu den Gästen zählen in diesem Moment auch die Zuschauenden, die noch immer hell erleuchtet sind.

Damit ist das Blickregime aufgehoben und die Zuschauenden mitgemeint. Während der Tanz sich in seiner Intensität beharrlich steigert, um in einer ekstatischen Slow-Motion-Szene zu gipfeln, die wie eine dichte Beschreibung des Bewegungsvokabulars musikinduzierter Ekstase anmutet, wird die spezielle Position des DJs klar: er hat die Tanzenden, das Publikum und die Situation in der Hand. Doch ist dies kein Privileg des DJs sondern eine allgemeine Eigenschaft musikalischer Darbietung, wie die Beteiligung des Asasello-Quartetts verdeutlicht. Es wird auf den dionysischen und zerstreuenden Charakter von Musik angespielt und durch sich immer weiter steigernde Intensität des Tanzes verdeutlicht. Es wird nicht mehr aufgehört, sich nach immer mehr ausgestreckt und die Umgebung vergessen. Zwischenzeitlich kommt das Gefühl eines gemeinsamen Rausches auf, der durch die Präsenz der Musik ausgelöst wird. Doch das Bild von der Musik als einer unidirektional wirkenden Herrschaftsinstanz kippt schnell und weicht einem sehr viel demokratischeren Zustand. Die Tanzenden beginnen Einfluss auf die Musik zu nehmen, sei es durch das Verschieben der Plattform, auf der das Streicherquartett sitzt oder durch das gewaltsame Umwerfen von Notenständern, dass sich auch akustisch manifestiert. Insgesamt scheint die Grenze zwischen Konsum- und Produktionshaltung in diesem Stück aufgehoben, die Tänzer nehmen Einfluss auf die Musik und die Musiker stehen gleichberechtigt auf der Bühne und nehmen teilweise sogar selbst am Tanz teil.

Das Stück beweist, dass tanzimmanente Selbstreflektion über die Mittel und Bedingungen des zeitgenössischen Tanzes keinesfalls belehrend und exegetisch sein muss, sondern auch ästhetisch und handwerklich auf hohem Niveau sein kann. Denn sowohl im Tanz, als auch in der Musik wirkt das Stück ausgesprochen ausgereift.

Ekstase in Musik und Tanz: MOUVOIR/Stephanie Thierschmit „Bronze by Gold“ im tanzhaus nrw © Martin Rottenkolber

Ekstase in Musik und Tanz: MOUVOIR/Stephanie Thierschmit „Bronze by Gold“ im tanzhaus nrw © Martin Rottenkolber

Ekstase und Zwang von Jan Wenglarz

„Bronze by Gold“, das neue Stück der durch das Land NRW spitzengeförderten Choreografin Stephanie Thiersch, ist eine Zusammenarbeit ihrer Kompanie MOUVOIR mit den Musikern des Asasello-Quartetts und DJ Elephant Power. Jetzt fand die Düsseldorf-Premiere im Tanzhaus NRW statt.

Für das, was im Programmtext angekündigt war, fängt „Bronze by Gold“ trügerisch ruhig an. Während die Zuschauer in den Saal strömen, läuft dezent elektronische Musik und die Tänzer bewegen sich sanft, jeder für sich, mit einem leichten Lächeln im Takt der Musik. Die Stimmung ist wie auf einer Party, 20 Minuten nach dem Einlass: verhalten fröhlich. Während das Licht die für diesen Abend typische Bronzefärbung annimmt, rücken Tänzer und Musiker immer näher an das DJ-Pult und formen ein monumentales Standbild, das die Assoziation von einem Altar beim Zuschauer weckt. Dann zerbricht die Gemeinschaft zum Sound von rückwärts abgespielter Musik und die für das Stück prägende Unruhe und das Gefühl des ziellosen Irrens, sind zum ersten Mal spürbar.
Die Integration der Musik – und vor allem der Musiker – ist in diesem Stück auf beeindruckende Weise gelungen. Bei gleichbleibend virtuosem Spiel, lassen sich die Mitglieder des Asasello-Quartetts auf jedes performative Element ein und geben so eine sinnbildliche Verkörperung von Rage ab. Die Kombination aus sieben Tänzerinnen und Tänzern, den vier Musikern des Streichquartetts und einem DJ, die über große Teile des Stücks zeitgleich auf der Bühne sind, ist überzeugend gleichberechtigt inszeniert: Zum einen gibt es keinen Bruch zwischen klassischer und elektronischer Musik. Beides geht immer mehr ineinander über. Die Musik des Streichquartetts wird gesamplet und ist schließlich in ihrer energetischen Direktheit ebenso rauschhaft wie es elektronische Musik nur sein könnte. Zum anderen hebt sich der Unterschied zwischen Musikern und Tänzern im Laufe des Stücks auf und die Inszenierung sielt immer wieder mit dem Übergriff auf das andere Genre. Mal wird das Quartett auf einem beweglichen Podest über die Bühne gezogen, mal beziehen Tänzer und Musiker die Musikinstrumente in ihre Bewegungen ein. In den Momenten der Stille bleibt das laute, schnelle Atmen der Tänzer zurück, das den Takt hält und erst gar nicht den Eindruck von Erholung oder Ruhe aufkommen lässt. Durch ebendiese Pausen kann die Intensität allerdings dramaturgisch nicht gehalten werden. Es entstehen Lehrstellen im Stück, in denen die Atmosphäre verloren geht.

Gegen Ende wird das Tempo stetig erhöht und der Tanz gleicht mehr und mehr einem Zucken, einem epileptischem Anfall oder erinnert an Spastiken. Der Zustand der Ekstase. Das Ausstoßen von begeisterten Rufen klingt verzweifelt und gequält und die Musik steigert sich zu einem vertonten Nervenzusammenbruch. Die Berührungen zwischen den Akteuren wirken wie eine Suche nach Orientierung, nach Halt. Doch im Sog des Rausches bleibt es lediglich bei unbeholfenen Versuchen der Annäherung, die Überforderung und Machtlosigkeit des Einzelnen ausstellt.
Diese fragile Konstellation der Kölner Choreografin Stephanie Thiersch bewegt sich permanent auf einen Höhepunkt zu, der nie erreicht wird, und zeigt, wie leer, wie zwanghaft bloße Ekstase sein kann. Es scheint, als wäre der Zusammenbruch die einzig mögliche Konsequenz, der einzige Weg, doch noch zum Stillstand zu kommen. Stolpernd, manisch im Kreis um das Streichquartett rennend, setzt der Stillstand abrupt ein. Ein Ende, das überrascht und zugleich unzufrieden macht. Ist dieses Stück ein gesellschaftliches Portrait oder geht es um Ziellosigkeit und blinden Egoismus im eigenen Leben? Nach all der visuellen und akustischen Steigerung, entlässt die Inszenierung den Zuschauer mit dem Gefühl Überflutung, ohne wirklich zu berühren. Das ist zu wenig für ein Stück, das so viel personellen und künstlerischen Aufwand betreibt.

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