Über „Kalakuta Republik“ von Serge Aimé Coulibaly

Wann: 16.06. + 17.06.
Wo: tanzhaus nrw

„Nachtleben mit politischen Implikationen“ von Christina Sandmeyer

Der nigerianische Musiker und Aktivist Fela Kuti rief rund um seinen „Shrine Club“ in den 60ern und 70ern die von ihm so benannte „Kalakuta Republik“, eine Künstlerkommune, aus. Fela Kuti deklarierte das Gelände kurzerhand als außerhalb des rechtlichen und politischen Systems von Nigeria stehend und war so ein Dorn im politisch korrupten System des von Korruption und hierarchischen Strukturen geprägten Landes. Die Aufführung des gleichnamigen Stücks des Choreografen Serge Aimé Coulibaly aus Burkina Faso am 16.06. und 17.06. im Tanzhaus NRW kann als Reenactment jenes Lebensgefühls verstanden werden.
In der ersten Hälfte des Stücks tanzen sechs Tänzerinnen und Tänzer vor zwei Leinwänden mit mosaikartiger Struktur. Auf der Bühne steht ein braunes Ledersofa – das damalige Zentrum von Kutis Kommune. Die Tänzer*innen sind in schwarz und weiß gekleidet, bei einigen befindet sich auf der Haut ein bunter Farbfleck. Dieses von Kontrasten durchsetzte Erscheinungsbild wird durch einen rhythmischen Soundteppich getragen, den der Musiker Yvan Talbot unter Verwendung von Originalkompositionen von Fela Kuti musikalisch überzeugend arrangiert hat. Jeder Beat scheint impulshaft die Körper der Tänzer*innen zu steuern. Die Bewegungen, in denen diese Impulse umgesetzt werden, sind abrupt und kraftvoll. Durchweg spürbar ist die große Spannung und Energie der Tanzenden. Schritte in Richtung des Publikums und die in den Zuschauerraum gerichteten Blicke fühlen sich wie eine Aufforderung an, an der Energie der Musik teilzuhaben und mit den Tänzer*innen zum Afro-Beat zu pulsieren. Die Bewegungsabfolgen der Tänzer und Tänzerinnen sind unterschiedlich, zwischendurch ergeben sich jedoch scheinbar unabsichtlich synchrone Moves, die im individuellen Fluss der einzelnen TänzerInnen integriert sind. Dadurch wirkt das Bühnengeschehen ungemein dynamisch und energetisch. Ein weiterer Tänzer, der dem Reenactment-Gedanken folgend die Stellung des Fela Kuti einnimmt, kommt etwas später auf die Bühne, er bewegt sich zwischen den anderen und scheint diese „anzuleiten“, sodass die Bewegungsform auf der Bühne nun einer bestimmten Machtstruktur unterliegt. Diese politische Note der Inszenierung spiegelt sich ebenfalls in verschiedenen Gesten, die im Laufe der Aufführung stets wiederholt werden: Das Kreuzzeichen, ein ausgestreckter Finger Richtung Himmel sowie das einseitige Hochziehen des Oberteils… Das alles sind kleine Gesten, die eine politische Rezeption des Stückes erlauben, sich dem Zuschauer jedoch keinesfalls als solche aufdrängen.
Im Hintergrund auf den Leinwänden werden zeitweise kurze Bildabfolgen von menschlichen Silhouetten und einer Explosion sichtbar. Insgesamt ergibt sich so im ersten Teil des Stückes eine kraftvolle multimediale Performance, die auf assoziativer Ebene eine politische Entwicklung suggeriert, welche auf einen Bruch hinzuarbeiten scheint.
Nach der zwanzigminütigen Pause ist aus dem Saal bereits laute Musik zu hören, aus der Tür ziehen Nebelschwaden. Im Saal dreht sich die beleuchtete Discokugel, auf der Bühne liegen zahlreiche Stühle, eine Tänzerin – im jetzt bunten Kleid – tanzt im Scheinwerferlicht zu langsamer Musik. Wir Zuschauer betreten nun tatsächlich einen Club, die Stimmung im Publikum ist spürbar anders als im ersten Teil: Es wird viel gemurmelt und gelacht, alle wollen wissen, wie die „durchzechte Nacht“ im tanzhaus-Saal weitergeht. Nachdem die erste Hälfte der Inszenierung eine gewisse Form hatte, ist die zweite Hälfte geprägt von der Überschreitung bzw. Brüchigkeit dieser formalen Grenzen – eine Revolution. Eine Tänzerin im engen Kleid steht am Mikrofon, die Erwartung von Soulgesang negiert sie mit lautem Kreischen. Neben ihr raucht ein anderer Tänzer und pustest der Sängerin den Qualm ins Gesicht. Wieder ein anderer Tänzer läuft mit einer Bierflasche über die Bühne und spuckt sein Bier aber stets wieder aus. Spätestens jetzt erlaubt es der Geruchssinn dem Zuschauer nicht mehr, sich der Club-Atmosphäre zu entziehen. Das Geschehen auf der Bühne treibt das Moment des Überschreitens immer weiter voran, auf der Leinwand im Hintergrund ist das Wort „decadence“ zu lesen: Es wird weiter geschrien, gespuckt, Stühle werden herumgewirbelt und auch die Farbe auf den Körpern der Tänzer verschmiert zunehmend. Am Ende des Stücks tragen die männlichen Tänzer ihre weiblichen Kolleginnen schließlich auf den Schultern aus dem Saal.
Serge Aimé Coulibaly greift mit „Kalakuta Republik“ die Musik Fela Kutis auf und schafft es, die Ambivalenz in dessen Schaffen, bestehend aus Kunst und politischem Aktivismus, zu neuem Leben zu erwecken. In einer Mischung aus zeitgenössischen Tanzelementen und Szenen des globalisierten Nachtlebens wird die Essenz des „Shrine Club“ kraftvoll mit der erlebten Gegenwart verwoben.
Es entsteht ein intensives Reenactment, das es dem Zuschauer leichtmacht, sich in der Club-Ästhetik zu verlieren und dessen Sogkraft auch nach der Aufführung noch anhält.

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