Über „Mon Élue Noire“ von Olivier Dubois für Germaine Acogny

Wann: 02.02. + 03.02.
Wo: tanzhaus nrw
Im Rahmen des Festivals „Shifting Realities“

„Bewegender Widerstand“ von Meike Lerner

Um in rund 40 Minuten und auf einem Raum von etwa zwei Metern Durchmesser getanzte Kritik am Kolonialismus auf dem afrikanischen Kontinent zu üben, braucht es große Bilder und Gesten. Beides lieferten der französische Choreograf Olivier Dubois und die Grand Dame des afrikanischen Tanzes, Germaine Acogny. In „Mon Élue Noire“, zu Deutsch „Meine auserwählte Schwarze“, gewährte die mittlerweile über 70-jährige im Senegal lebende Künstlerin den Zuschauern mit Wucht, Vibes und Verve Einblicke in eine verstörende Welt und ihre Sicht darauf.
Ein Clou von „Mon Élue Noir“, das am 2. und 3. Februar im Rahmen des Festivals „Shifting Realities“ im Tanzhaus NRW gespielt wurde, lag in der absoluten Verdichtung von allem: Dem Bühnenraum, der auf eine schwarze Box oben genannter Ausmaße reduziert war. Der Geschichte der mehrere Jahrhunderte andauernden Kolonialisierung, die in weniger als einer Stunde und mittels ausdrucksstarker Bewegungen einer einzelnen Tänzerin erzählt wurde. Und der Emotionen, die Germaine Acogny körperlich und mimisch so drastisch darstellte, dass es dem Zuschauer teils angst und bange wurde.
Mit ihrer eindrucksvollen Gestalt samt kahlgeschorenem Kopf und Pfeife im Mundwinkel schuf sie zu Beginn im grell aufflammenden Scheinwerferlicht ikonografisch anmutende Figuren, die von Unterdrückung, Resignation und Widerstand zu erzählen schienen. Dann wieder kanalisierte sie Wut und Aufbegehren in fluchtartig stampfend-rennende Bewegungen und karikierte mit bittersüßen Gesten menschenverachtende Afrika-Klischees. Die Bilder, die Germaine Acogny entstehen ließ, basierten zum großen Teil auf ihrer außerordentlichen Körperlichkeit auf kleinem Raum und auf dem, was ihren Stil ausmacht, nämlich das Schaffen eigener Tanzfiguren, die dieser Körperlichkeit entspringen. Jede Bewegung transportiert eine Aussage, keine geschieht aus bloßer Gefälligkeit – ebenso, wie der afrikanische Tanz nicht um des Tanzes selbst willen choreografiert wird.
Entsprechend passt Germaine Acogny ihr atemloses Szenario auch nicht der dominanten und wuchtigen Musik „Le Sacre du Printtemps“ von Strawinskys an, sondern umgekehrt. Dort, wo die Tänzerin ein Innehalten für angebracht hält, stoppt sie die Musik per Fingerzeig. Das scheint konsequent, gestand die im Benin Geborene doch nach dem Stück, dass „das Zählen des Taktes, um Bewegung und Musik zu koordinieren, nicht Sache des afrikanischen Tanzes ist.“ Dass trotzdem eine perfekte Harmonie zwischen Tanz und Musik entstand, lag dann daran, dass die explosiven Klänge ihren natürlichen Bewegungsmustern entsprachen.
Mit dem Ende des Stücks emanzipiert sich Germaine Acogny von der Geschichtsschreibung und übernimmt die Deutungshoheit, indem sie mit weißer Farbe erst zaghaft die Wände der Box bemalt, um dann immer unkontrollierter die gesamte Bühne mit derselben Farbe beschmieren, bevor sie mit Grandezza im Nebel im verschwindet.

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