Über Alexandra Waierstall & HAUSCHKA „A CITY SEEKING ITS BODIES“ Uraufführung

Wann: 17. – 19.09.2015 20:00 / Wiederaufnahme am 18. + 19.02.2016 20:00
Wo: tanzhaus nrw

#1 Ferne, so nah sie sein mag von Milena Weber
#2 Körper in der Stadt von Bastian Schramm

Ferne, so nah sie sein mag von Milena Weber

Landschaften, so weit das Auge reicht. Alexandra Waierstalls Inszenierung A CITY SEEKING ITS BODIES setzt den Zuschauer im Niemandsland aus. Nach der gefeierten Uraufführung kehrt die Factory-Artistin erneut ins tanzhaus nrw ein und mit ihr landschaftliche Weite ins Zentrum der städtischen Enge.

Am Anfang war die Bühnenleere. Digital eingefangene Naturszenerien ziehen vor dem Auge des Zuschauers vorüber. Am Bühnenrand rauscht ein Mikrofon zwischen Ventilatoren wie Wind in den Ohren. Nach und nach tauchen sechs schwarze Silhouetten im Gegenlicht der Projektion auf. Wo sie herkamen, nicht mehr auszumachen, zu unbemerkt, zu schnell vergessen. Horizontal vor der ersten Zuschauerreihe legen sie sich nieder, malen eine schwarze, zweidimensionale Landschaft, die sich kantig gegen die projizierten Tiefen abhebt. Langsam, zart, liebevoll driften die Tänzerkörper in die Ferne. Finden schließlich Aufrichtung vor der Projektionswand, Halt in der Gruppe. Ein kurzes Innehalten, dann kippen sie, stürzen diagonal durch den Raum, fangen sich, fallen erneut.

Alexandra Waierstall baut mit ihren sechs Tänzern Bilder der Vergänglichkeit, des Auf- und Abbruchs, des Zusammenziehens und des Gehenlassens. Hauschka, diesmal vom Band, liefert das musikalische Äquivalent einer melancholischen und doch störrischen Verschiebung von Natur und Zivilisation. „Abandoned city“, sein zuletzt veröffentlichtes Album, das hier eine Kontaktaufnahme mit den Tänzern wagt, spricht von einer Zivilisationsfreiheit, die weniger von einem Urzustand als von einem Verlassensein erzählt.

Einst war einmal… etwas anderes kommt.

Verlassene Städte, vergessene Orte, verfallene Architekturen. Die Tänzer weiten sich in die Leere des Raumes, die sie durch ihre runden, ausladenden Bewegungen beschwören und ausfüllen. Breiten sacht brachgelegtes Land vor uns aus. Was auch immer sie sind, sie erahnen einander. In schummerigem Licht nehmen sie Einfluss ohne sich zu berühren, verwachsen momenthaft zu Einem, erblühen und – zerfallen in Bestandteile, verfallen der Einsamkeit. Für den Zuschauer wirkt die Zeit heruntergefahren, die Bewegung verlangsamt, für die Natur, von der Kontinentalverschiebung hin zum Wind, ist eine gewaltige Zeitraffung. Eine Diskrepanz, die zu einem Zeitlosigkeitsgefühl verführt, in dem sich die Seele in der Ruhe weiten und im Puls einer anderen Zeit erschauern kann.

Die Inszenierung erinnert an die sehnsuchtsgetränkten Seufzer der literarischen Romantik. Erfüllt von Fernweh, Einsamkeit, Weite, Veränderung und dem Ruf nach dem ewigen „dort“, das nicht erreicht werden kann. Alexandra Waierstall weiß dieses stille Sehnen im Zuschauer zu erwecken und wachsen zu lassen. Sie erschafft erdachtes Land und der Zuschauer erstreckt sich mit. Badet in diesen Bildern. Und doch droht er hier und da in diesem uferlosen Gefühl zu ertrinken, kaum wird ihm ästhetisch oder inszenatorisch etwas entgegengestellt. Das, was sich weitet, drängt auch. Bauten stürzen ein, krachen und donnern in Tiefen. Das Zerfressen und Verwesen, das Verschlingen, das Zermahlen, das Schieben und Pressen. All das bleibt ungehört. Das Gedeihen verdrängt das Wuchern. Das Aufkeimen und Vergehen ist nie ein Ausbreiten oder Verrecken. Dabei scheint doch die Vielfältigkeit derselben Kraft elementar zu sein. Vielleicht ist es eine perspektivische Entscheidung, doch nachdem der Applaus verhallt ist, bleibt das Echo stummer Verwunderung darüber, dass eine Inszenierung, die sich so viel Zeit für das Suchen nach Gleichgewicht und Wandel nimmt, in nur eine Richtung kippt.

Alexandra Waierstall & HAUSCHKA „A CITY SEEKING ITS BODIES“ Foto: Christian Herrmann

Alexandra Waierstall & HAUSCHKA „A CITY SEEKING ITS BODIES“ Foto: Christian Herrmann

Körper in der Stadt von Bastian

„A CITY SEEKING ITS BODIES“ – Eine Stadt sucht ihre Körper. Dies ist der Titel des neuen, gespannt erwarteten Stückes von Alexandra Waierstall, ihres Zeichens Factory Artist am Tanzhaus NRW. Gespannt erwartet wurde das Stück, weil es sich um eine Kooperation handelt, und zwar mit dem ebenfalls in Düsseldorf beheimateten Komponisten und Pianisten Volker Bertelmann, besser bekannt als Hauschka. Sowohl Waierstall als auch Hauschka sind bekannt für ihre ganz persönliche Ästhetik und einen konzeptuell ausgearbeiteten Umgang mit ihren jeweiligen Arbeitswerkzeugen bzw. -materialien. Bei Alexandra Waierstall sind es Choreographiearbeit und Bühnenbild, bei Hauschka der Umgang mit dem präparierten Klavier.

Das Stück beginnt etwas verhalten, die Tänzer winden sich auf dem Boden, dazu wird die Musik live von Hauschka gespielt, der zusammen mit einem Streichquartett, Cello, zwei Klarinetten und Schlagzeug arbeitet. Das Bühnenbild und die Ausstattung des Stückes spiegeln eine Art gebrochene Urbanität wieder. Es gelingt Waierstall auf abstrakte Weise, Assoziationen mit rauhem Waschbeton, spiegelnden Glas und Metalloberflächen moderner Großstädte zu erzeugen. Diese schafft sie durch den Einsatz von Licht und reflektierender Folie, die auf dem Boden der Bühne ausgebreitet ist und durch verschiedene andere Materialien durchbrochen wird. Es werden Lichtinseln an die Wand geworfen, verfremdete Schatten erfüllen den Bühnenraum. Waierstall scheint damit auf naive Visionen städtischer Urbanität der Moderne anzuspielen. Darin lässt das Stück auch an Filme aus der Frühzeit der Moderne denken, beispielsweise Fritz Langs Metropolis, der ein utopisches Porträt der modernen Großstadt zeichnet. Dies wird durch eine Videoprojektion ergänzt, die Bilder von verfallenen Städten in sachlicher Aufnahme zeigt. Die graue Einheitlichkeit der modernen Großstadt wird dabei auch in der Kleidung der Tänzer fortgesetzt. Diese nehmen in ihren teilweise abstrakt wirkenden Bewegungen und Gruppenchoreographien die Bewegungsräume von Städten und die Fragmentiertheit der persönlichen urbanen Wahrnehmung auf. Es handelt sich hier jedoch nicht um die Darstellung einer florierenden Großstadt, die Choreographie entspricht eher der stolzen Melancholie, die so manche Bauruine aus der Frühzeit der architektonischen Moderne umweht. Materialität im engeren Sinne ist für Waierstall enorm wichtig; die verschiedenen Materialien wie metallische Folie, weißer Tanzboden und Holz werden zu Eckpunkten der Choreographie und mit ihren spezifischen Eigenschaften einbezogen. Holz wärmt, Metall wird zum Reflektor. Dabei legt Alexandra Waierstall nach eigener Aussage Wert darauf, dass auch die Tänzer „nicht mehr ausschließlich das Menschliche repräsentieren und verkörpern, sondern Materialität an sich“ (Alexandra Waierstall in: biograph 9/2015).

Es soll hier eben nicht um das Leben in Großstadt gehen, also eine menschliche Perspektive auf Urbanität, sondern eher um eine Perspektive des Städtischen auf sich selbst. Dies geht so lange gut, wie die Choreographie im Abstrakten verbleibt. Gegen Ende des Stücks wird plötzlich der entblößte Körper einer Tänzerin zum Signifikanten eines Gegensatzes, der durch den Kontrast zur erdrückend grauen Kleidung der anderen Tänzer entsteht. Dadurch wird der konkrete Gegensatz von menschlicher Natürlichkeit und menschlicher Kultiviertheit genutzt, um einen Rückbezug auf die Materialität der Stadt herzustellen. Dieses In-Gegensatz-setzen von einer Natürlichkeit und einer (scheinbar verdorbenen) Kultur könnte auch als moralische Färbung verstanden werden. Denn genau wie in Fritz Langs Metropolis gibt es hier von Zeit zu Zeit Anspielungen auf das Vegetieren im städtischen Moloch, auf Menschen die ihre „vorkulturellen Wurzeln“ verloren haben. „Wann war das letzte Mal, dass du ein Feuer gemacht hast, wann hast du das letzte Mal ein Tier geschlachtet?“ lautet (sinngemäß) ein fragendes Sprachfragment. Dadurch wird stellenweise das Gefühl erzeugt, es würde hier ein Kulturpessimismus gepflegt, den das Stück eigentlich nicht nötig hat und den man Alexandra Waierstall auch nicht unterstellen mag. Dieser Eindruck wird zu großen Teilen auch daran liegen, dass das Stück leider sehr kurz ist. 50 Minuten sind einfach etwas wenig Zeit, um ein solches Thema differenziert in einer Choreographie zu erforschen.

Man würde gerne mehr sehen, vor allem weil das Stück auf der ästhetischen Ebene sehr interessant und spannend ist. Es veranlasst zum Staunen, ohne den Zuschauer durch Spektakularität auf Distanz zu bringen. Man kann ganz in die Welt der Choreographie eintauchen, auch wenn sie stellenweise in seinem selbst gestellten Darstellungsauftrag etwas undifferenziert wirkt. Doch darüber kann im Angesicht der großartigen intermedialen Arbeit hinwegsehen. Denn durch die live eingespielte Musik und die gleichzeitig gezeigten Videobilder verlassener Städte im Hintergrund ist das Stück als ästhetisches Konzept stimmig.

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