Über Chris Haring /Liquid Loft „Shiny shiny…Imploding Portraits Inevitable“

Wann: 15. + 16. Januar, jeweils 20:00
Wo: tanzhaus nrw

Shiny, shiny: Chris Haring und Liquid Loft zu Besuch im tanzhaus nrw im Rahmen von TEMPS D'IMAGES (Foto: Michael Loizenbauer)

Shiny, shiny: Chris Haring und Liquid Loft zu Besuch im tanzhaus nrw im Rahmen von TEMPS D’IMAGES (Foto: Michael Loizenbauer)

Schattenspiele à la Warhol von Jan Wenglarz

„Shiny, shiny…“ ist der erste Teil der neuen Performanceserie „Imploding Portraits Inevitable“ des österreichischen Choreographen Chris Haring und seiner Kompanie Liquid Loft. Im Rahmen des Festivals TEMPS D’IMAGES wurde die Arbeit jetzt erstmals in Deutschland aufgeführt.

Andy Warhols Vorhersage vom 15-minütigen Ruhm für jedermann ist in Zeiten von YouTube und Reality-Shows heute längst Wirklichkeit! Und genau wie bei den beiden genannten Formaten, spielen auch in Chris Harings Stück Kameras eine zentrale Rolle. Der durch zwei große Projektionsflächen und etliche Scheinwerfer präzis abgezirkelte Bühnenraum trennt die fünf Tänzerinnen und Tänzer vom Zuschauer und schafft zusammen mit der diffusen Beleuchtung Distanz, macht das Geschehen zu einem Bild. Nur schemenhaft lässt sich zunächst erahnen, wer dort auf der Bühne steht, bis das Gesicht eines jungen Mannes plötzlich in Großaufnahme auf einer der Projektionsflächen erscheint.

Immer wieder positionieren sich die Darsteller im Laufe der Performance vor den zwei am Bühnenrand aufgebauten Kameras. Während sie sich schminken und ihre blonden 60-Jahre-Perücken zurechtrücken, dominieren die Close-Ups ihrer eigenen Gesichter auf Leinwänden im Hintergrund die Szenerie. Der Zuschauer schaut der überlebensgroßen Projektion direkt in die Augen und das Gesicht scheint wortwörtlich zum Greifen nah. Ein ebenso simpler, wie erstaunlicher Effekt. Beinah fällt es schwer zu glauben, dass das jeweilige Gesicht tatsächlich der entsprechenden Person gehört, welche leibhaftig wenige Meter vor einem steht und doch so viel weniger deutlich und ausdrucksklar wirkt. Die Projektionen sind Momentaufnahmen, kurzlebige Portraits. Üblicherweise wird durch Videokameras etwas festgehalten, etwas dokumentiert. Nicht so in dieser vom Geist der Factory-Superstars geprägten Scheinwelt: hier wird die Kamera eine lebensnotwendige Verlängerung des Selbst, ein unverzichtbarer Baustein der eigenen Identität. Nur was überdeutlich projiziert wird, hat auch Geltung.
Was bedeutet Realität? Abseits der Videoportraits bewegen sich die Darsteller apathisch, bisweilen in grotesk verrenkten Voguing-Posen durch den Raum, wechseln ihre Haarpracht und die Kleidung. Kontakt untereinander? Das gibt’s nur mit dem Gesicht in die Kamera, also gar nicht. Gekünstelt und stilisiert. Über die Lautsprecher schallt die Tonspur verschiedener Videoportraits, die Warhol von seiner Entourage anfertigte, zu der die Tänzer in nahezu vollkommener Synchronität ihre Lippen bewegen und sich auf diese Weise den vorgegeben Text zu eigen machen. Eine fast perfekte Illusion. Doch weder die Lippenbewegungen, noch die Worte wollen so ganz zu dem gezeigten Gesicht passen. Während die düstere Musik immer verzerrter wird, entfernen sich die Stimmen, werden dumpf und undeutlich, als lauschte man einem Gespräch durch eine verschlossene Türe hindurch. So zerbricht auch der fiktive Charakter, der für den kurzen Moment der Selbsterhöhung auf der Videowand Bestand hatte. Verzweifelt versuchen die aus dem Takt gekommenen Protagonisten ihr Selbstbild wieder einzuholen, während Velvet Undergrounds Sadomaso-Song „Venus in Furs“ als düsterer Soundtrack der Selbstfolter ertönt.

Der Selbstdarstellungswahn und die zwanghafte Identitätssuche finden keinen Abnehmer, kein Publikum. Alles führt ins Nichts, fällt zusammen, implodiert. Die Performance endet konsequent mit dem Abschalten der Videokamera und: mit Dunkelheit. Das Sinnbild von totaler Abhängigkeit, denn: ohne Projektionsfläche, ohne Close-Up können diese Figuren nicht existieren.
Doch wie ähnlich sind sie damit der heutigen Gesellschaft? Haben Selfies die Videoportraits längst abgelöst, weil wir selbst dafür keine Geduld mehr haben? Zweifellos sind Selbstdarstellung und Selbstoptimierung heutzutage sogar in alltäglichsten Handlungen vertreten. Leider schafft Harings Stück durch die karikierte Überhöhung nicht, der heutigen Gesellschaften einen Spiegel vorzuhalten, da er auf ein typisches Stilmittel Warhols verzichtet: Ironie. Der ständige Perückenwechsel, das nervöse Zucken und die hohlen Gesprächsfetzen sind zwar stimmig im Bezug aufeinander, wirken jedoch lächerlich, wenn man versucht, sie ernst zu nehmen. Harings Stück zitiert die Factory-Atmosphäre, bemüht sich aber nicht, davon etwas aktuellen Kontext einzuordnen. So bleibt der Zuschauer ratlos zurück, hätte er sich doch gewünscht, dass die Inszenierung über die bloße Konfrontation mit der Versinnbildlichung von Oberflächlichkeit hinausgeht.

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