Über „Annna³. The Worlds of Infinite Shifts“ von Alexandra Waierstall und HAUSCHKA

Wann: 27.09. + 28.09.
Wo: tanzhaus nrw

Körper und Umwelt im Zwiegespräch von Christina Sandmeyer

In ihrem aktuellen Stück „Annna³. The Worlds of Infinite Shifts“ verhandelt die in Düsseldorf ansässige Choreografin Alexandra Waierstall Fragen der existenziellen Beziehung zwischen Körper, Raum und Zeit: Bespielt der Körper den Raum oder der Raum den Körper? Verhält sich der Körper immer linear zur Zeit? Und wo endet der Körper eigentlich?
Der Titel des Stücks, „Annna³“, gibt bereits einen Hinweis auf die Art der Auseinandersetzung mit den vorangestellten Fragen. Anna Pehrsson ist eine der drei Performerinnen und war auch schon Teil von Waierstalls letzter Inszenierung „(T)here and After“ aus 2017. Beide Stücke haben konzeptionell bedingt eine ähnliche Ästhetik: „Annna³“ kann somit als Weiterentwicklung des Solos von Anna Pehrsson aus „(T)here and After“ gelesen werden und lässt die Verknüpfungen innerhalb der choreografischen Arbeiten von Waierstall sichtbar werden. Ergänzt durch die beiden anderen Tänzerinnen Sita Ostheimer und Karolina Szymura wird das Potenzial des „ursprünglich“ einen Tanzkörpers erweitert und ein neues Möglichkeitsspektrum geschaffen. Die Körper wirken nun auf der Bühne energetisch zusammen und eröffnen sich gegenseitig den Raum für Neues. Zu Beginn der Aufführung liegen die drei Performerinnen auf dem Boden, komplett eingehüllt in dunklen Overalls, das Gesicht mit einem Tuch bedeckt. Nach und nach entledigen sie sich dann dieser Hüllen und befinden sich dabei aber jeweils in unterschiedlichen Stadien ihrer Häutung. Das scheinbar fixe Konzept einer linearen Zeitlichkeit wird auf diese Weise hinterfragt und spielerisch als Phänomen entlarvt; die Grenze zwischen Vergangenem und Zukünftigem verschwimmt.
Über einen längeren Zeitraum hinweg bewegen sich die Performerinnen dabei, ohne etwas sehen zu können. So wird eine spezifische Bewegungsbedingung geschaffen, durch die der Körper der Kontrolle durch den eigenen Blick entzogen wird. Die Bewegungen sind weniger intentional und stattdessen mehr durch den Raum definiert. Gleichzeitig wohnt dem Stück jedoch weiterhin eine ungemeine Präzision inne, was die disziplinierten und trainierten Tänzerinnenkörper als solche hervortreten lässt. Ballettartige, nach oben gerichtete Bewegungsmuster lösen sich fließend auf und werden ganz unbemerkt zu animalischen Bewegungen auf dem Boden. In diesen Dissonanzen wird der Körper zum Austragungsort von Widersprüchen und Ursprung einer eigenen feinfühligen Bewegungssprache, die die Inszenierung fortwährend weiterentwickelt. Die nackten Körper bilden in diesem Prozess Potenziale, die den Raum realisieren und in besonderer Weise präsent werden lassen, indem sie ihn bespielen. Durch die komplexe und vielschichtige Lichtgestaltung wird der Raum selbst jedoch auch zu einem eigenen wirkungsmächtigen Akteur. Über indirekte Beleuchtung und den zum Teil spiegelnden Untergrund werden die Körper zum Ort von Reflexionen, werfen Schatten und befinden sich so irgendwo zwischen Präsenz und Repräsentation. Diese dichte wechselseitige Spannung zwischen Körper und Raum wird von einem starken dritten Player, dem Sound des Düsseldorfer Komponisten und Pianisten Volker Bertelmann alias HAUSCHKA begleitet. Die ganz unterschiedlichen experimentellen Soundelemente werden durch intensive Stille-Sequenzen verbunden und schaffen eine dynamische Landschaft aus variierenden Klang- und Stimmungsverhältnissen.
Das Zusammenspiel von Körper, Sound, Licht, Raum und Bewegung macht die Inszenierung schließlich zu vielschichtigen „worlds of inifinite shifts“. Struktursuchende Fragen, wie woher etwas kommt und wohin etwas geht und wann eigentlich der Moment der Veränderung, des „shifts“, war, verlieren an Bedeutung. Vielmehr werden stets neue Räume für Möglichkeiten und Szenarien aufgezeigt, die das Publikum dazu einladen, sich in einen tranceartigen Zustand fallen zu lassen bis das Licht schließlich ganz erlischt und die Aufführung vorbei ist.

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